(de) FAU, direkte aktion: DIES IST (NOCH) KEINE ERFOLGSGESCHICHTE
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Di Okt 30 06:03:03 CET 2018
Nach langen Kämpfen der Angestellten und gerichtlichen Auseinandersetzungen mit einem
Fahrradkurier in Halle Anfang des Jahres gilt immer noch: Riders Unite! - nur gemeinsam
sind wir stark! ---- Betrieb & Gesellschaft Von: Nepomuk Diener - 24. Oktober 2018 ---- Es
war kalt am 19. März in Halle kurz nach dem plötzlichen Wintereinbruch in
Mitteldeutschland. Einige Straßen, in die die niedrig stehende Sonne nicht scheinen
konnte, waren immer noch vereist und glatt. Wer hier Fahrrad fährt, setzt seine Gesundheit
aufs Spiel. Wer beruflich Fahrrad fährt, als Fahrradkurier, tut dies auch für den Profit
des Chefs. Umso schlimmer, wenn der nicht bereit ist, Krankengeld zu zahlen. Das ist einer
von vielen Gründen, warum an diesem kalten Tag ein ehemaliger Kurierfahrer und zwei
Dutzend Gewerkschafts-aktivist*Innen der FAU vor dem Laden des Chefs standen und den Boss
aufforderten, endlich den ausstehenden Lohn des Kollegen rauszurücken. Kurz darauf sahen
sich die Beteiligten vor dem Arbeitsgericht in Halle wieder.
Der Kurierfahrer forderte unter anderem die Rückzahlung von Miete für Arbeitsmittel,
Lohnfortzahlung für einige Krankheitstage, die Bezahlung des kompletten Urlaubs von zwei
Jahren und Annahmeverzugslohn für mehrere Monate, in denen er überhaupt keine Schichten
erhielt. Alles arbeitsrechtliche Mindeststandards, über die man eigentlich nicht zu
diskutieren braucht.
Doch solche Rechtsbrüche sind im Minijobbereich trauriger Alltag. Ein Drittel der
Minijobber*Innen bekommt keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und über die Hälfte kann
keinen bezahlten Urlaub nehmen. Verstöße gegen das Mindestlohngesetz sind hier besonders
häufig, wie die Hans Böckler Stiftung herausfand. Die Bosse schaffen sich durch die
Beschäftigung vieler Minijobber*Innen ein Arbeitsumfeld, in dem es ihnen besonders leicht
fällt, den dauerhaften Rechtsbruch aufrechtzuerhalten und das Betriebsrisiko auf die
Beschäftigten abzuwälzen. Da die Arbeit auf viele Schultern verteilt wird, sind Einzelne
leicht zu ersetzen. Der ständige Wechsel der Kolleg*innen verstärkt die Vereinzelung und
erschwert die Organisierung und den Widerstand gegen diese Ausbeutung. Die Folgen für die
Betroffenen sind Prekarisierung und drohende Altersarmut. Für die Bosse ist das ein
Paradies. Der Minijobsektor wächst stetig.
Am Ende der zähen Güteverhandlung stand ein Vergleich im Raum, der angesichts der Schulden
des Betroffenen, der infolge der ausbleibenden Lohnzahlungen seine Miete nicht alleine
zahlen konnte, viel zu niedrig war. Doch die Aussicht, den vollen Betrag frühestens in 18
Monaten durch ein Urteil zugesprochen zu bekommen, denn der Richter setzte den
Kammertermin auf Ende 2019 fest, bewog den Kurier letztlich doch zur Zustimmung.
Das Arbeitsgericht hat sich für die Interessen der Arbeiter*innen an dieser Stelle einmal
mehr als stumpfes Schwert erwiesen. Das bestätigt rückblickend die Strategie der FAU
Halle, nicht allein auf den Gerichtsweg zu vertrauen, sondern den Boss gleichzeitig
öffentlich zu konfrontieren. Dass die anderen Kuriere mit ihren Arbeitsbedingungen
zufrieden sind, davon kann keine Rede sein. Dass Widerstand möglich ist und dass es eine
solidarische Gewerkschaft gibt, die sie unterstützt, haben sie mit interessiertem Blick
beobachtet. Nachhaltige Verbesserungen können nur gemeinsam und im Betrieb erkämpft werden.
Die Saat des Widerstandes ist gesät.
https://direkteaktion.org/dies-ist-noch-keine-erfolgsgeschichte/
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