(de) anarcho syndikalismus: Argentinien: Arbeiter*macht statt Bürokratie-Herrschaft -- IAA und soziale Kämpfe -- Was wir von Argentinien lernen können

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Di Okt 23 07:00:34 CEST 2018


Auf der ganzen Welt versucht die herrschende Klasse aus Kapitalist*innen, Politiker*innen 
und staatliche Manager*innen ihre Gewinne zu sichern, indem sie die Arbeiter*klasse für 
die Wirtschaftskrise zahlen lassen. Einerseits betreiben sie Stellenabbau und zwingen 
damit die verbleibenden Arbeiter*innen zu noch größeren Leistungen, um die 
Produktionsziele zu erreichen. Andererseits führen sie einen breit angelegten Angriff auf 
Löhne, Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen. ---- Die Staaten helfen den 
Kapitalist*innen dabei, indem sie u.a. die Zinssätze erhöhen und den Unternehmen 
gleichzeitig Steuererleichterungen ermöglichen. Auch werden die staatlichen Unternehmen 
dem Markt angepasst oder privatisiert und die grundlegenden Dienstleistungsangebote 
ausgelagert (Outsourcing). Die Staaten helfen den Kapitalist*innen darüber hinaus das 
Arbeitsrecht auszuhöhlen, um es - wie im Falls des Streikrechts - den Arbeiter*innen so 
schwer wie möglich zu machen, gegen solche Angriffe Widerstand zu leisten.

Die Gewerkschaften versagen jedoch dabei, die Arbeiter*innen gegen die unmittelbar 
drohenden Angriffe zu verteidigen (z.B. indem sie Entlassungen verhindern und 
Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen verteidigen könnten). Außerdem haben die 
Gewerkschaften es verpasst, einen wirksamen Widerstand aufzubauen, der weitere Attacken 
verhindern und die brutalen Auswirkungen des Neoliberalismus zurückdrängen könnte. Darüber 
hinaus ist die Gewerkschaftsbürokratie meist selbst an diesen Angriffen mitbeteiligt, 
indem sie Abkommen mit den Regierungen und Bossen schließen.[...]

Angesichts solcher Bedrohungen durch die herrschende Klasse und einer 
Gewerkschaftsbürokratie, die entweder als Komplizin mitschuldig oder auch kampfunwillig 
ist, haben die Arbeiter*innen z.B. in Argentinien damit begonnen, sich im Kampf zu 
vereinen und eine demokratische Alternative unter eigener Kontrolle aufzubauen.

Im Juni 2017 wurde den Arbeiter*innen des US-amerikanischen Getränke- und Snackherstellers 
"PepsiCo" in Buenos Aires bei ihrer Ankunft am Fabriktor mitgeteilt, dass das Werk ab 
sofort geschlossen ist und über 600 Arbeiter*innen gekündigt wurden. Die Fertigung sollte 
in eine andere Fabrik[im 400 km entfernten Mar de Plata]verlegt werden, wo von der 
dortigen Belegschaft noch härtere und längere Arbeit erwartet wurde, um die 
Produktionsausfälle nach der Schließung der Niederlassung in der Landeshauptstadt 
auszugleichen.

Da die[z.T. marxistisch organisierten]Arbeiter*innen dabei von ihrer Gewerkschaftsführung 
im Stich gelassen worden war, die noch nicht mal versucht hatte etwas Hilfe zu leisten, 
blieb ihnen nichts anderes übrig als ihre Jobs mittels Direkter Aktionen zu verteidigen. 
Gemeinsam beschlossen sie die Fabrik zu besetzen, um deren Schließung zu verhindern und 
ihre Arbeitsplätze zu retten.

Die Besetzung wurde zwar nach ein paar Wochen mit massiver Polizeigewalt geräumt, aber die 
entlassenen Arbeiter*innen haben weiter um ihre Anstellung gekämpft. Sie organisierten 
arbeiter*kulturelle "Widerstandsfestivals", um breite Solidarität aufzubauen, führten 
Massenkundgebungen und Demonstrationen durch, blockierten Straßen und übernachteten sogar 
in Zelten vor dem argentinischen Parlament, um ihren Kampf weithin sichtbar zu machen.

Von diesem Zeltlager aus hatten die PepsiCo-Arbeiter*innen schließlich dazu aufgerufen, 
gemeinsam mit ihnen einen unabhängige, widerständische Arbeiter*organisation aufzubauen. 
Im Gegensatz zu der Gewerkschaftsbürokratie solle diese Initiative in demokratischen 
Prozessen auf offenen Versammlungen die Arbeiter*innen selbst entscheiden lassen.

Ihr aktivistischer Klassenkampf steht in Opposition zu der jahrelangen 
Beschwichtigungspolitik der Gewerkschaftsfunktionär*innen, welche die Arbeiter*innen 
Glauben machen wollen, dass sie gemeinsame Interessen mit den Bossen und der Regierung 
hätten. Anstatt sich kaufen zu lassen, waren die Arbeiter*innen entschlossen sich auf ihre 
eigene Kraft zu verlassen. Und sie gingen auch nach ihrem siegreichen Kampf[gerichtliche 
Rücknahme der Kündigung, sowie Entschädigungen]darüber hinaus und setzen sich für 
weitergehende Forderungen ein. Dadurch haben sie ihren Konflikt zu einem Vorbild für die 
gesamte Arbeiter*klasse Argentiniens werden lassen.

Eine der Gruppen, die diesem Aufruf bei einem Treffen im Februar 2018 gefolgt war, waren 
122 Entlassenen des staatlichen Posadas-Krankenhauses, die zum Jahresbeginn gekündigt 
worden waren. Eine gefeuerte Krankenschwester sagte dazu:

"Wir sind entlassene Arbeiter*innen aus verschiedenen Unternehmen und Einrichtungen. Die 
Vorsitzenden der großen Gewerkschaften und Verbände haben uns im Kampf alleingelassen. Wir 
haben Streiks, Blockaden und Mobilisierungen organisiert. Nun sind wir vereint im Kampf, 
egal aus welcher Provinz oder Gewerkschaft wir kommen. Wir alle kämpfen gemeinsam und 
fordern einen landesweiten Aktionsplan, damit wir unsere Jobs wiederbekommen können."

Der nächste Schritt war, dass am 11. April die Minenarbeiter*innen aus Río Turbio 
gemeinsam mit den gekündigten Arbeiter*innen von PepsiCo und dem Posadas-Krankenhaus eine 
Hauptstraße im Zentrum von Buenos Aires zum Stillstand brachten. An der Blockade 
beteiligten sich auch Mitglieder der "zurückgewonnenen" (ent-bürokratisierten) Sektionen 
der Bildungsgewerkschaft, sowie outgesourcte Arbeiter*innen aus Flug- und Bahnverkehr, 
Fernfahrer*innen, Callcenter-Angestellte, Hafenarbeiter*innen und viele andere. Zusammen 
machten sie deutlich, dass es möglich ist, Arbeitskämpfe zu koordinieren und eine Einheit 
von unten aufzubauen. Sie forderten die Gewerkschaftsführungen auf ihr Stillhalten zu 
beenden und betonten die Notwendigkeit eines landesweiten Generalstreiks mit Aktionsplan.

Im Anschluss an diesen Protest fand zwei Tage später eine Vollversammlung statt, in der 
die Arbeiter*innen sich darauf einigten, dass ihr zentrales Problem die Rolle der 
bürokratischen Gewerkschatfsführer*innen ist, die entweder bei den Angriffen auf die 
Arbeiter*innen mitmachen, einfach wegschauen oder alles dafür tun, dass der Konflikt 
geschlichtet und ein Kompromiss gefunden wird. Im Gegensatz dazu beschloss die Versammlung 
weiterzumachen und zu einem landesweiten Generalstreik aufzurufen. Dazu sollte jeweils 
eine spezielle Aktionsplanung für die am Arbeitskampf beteiligten Branchen erstellt 
werden, und zwar von unten, also von den Vollversammlungen der betroffenen Arbeiter*innen 
selbst.

Der Aufruf der PepsiCo-Arbeiter*innen traf also auf ein dringendes Bedürfnis, das[nicht 
nur inArgentinien]besteht: Eine Möglichkeit für Arbeiter*innen, um Erfahrungen 
auszutauschen, aber auch um Strategien, Taktiken und Ideen zu diskutieren. Um gemeinsam 
eine tatsächliche Einheit aufzubauen und die Basiskämpfe zu koordinieren. Dazu muss es 
möglich werden, einen gemeinsamen Aktionsplan zu erstellten und die Führung der 
Gewerkschaftsverbände zu drängen, diesen anzunehmen und zu einem landesweiten 
Generalstreik aufzurufen.

Jonathan Payn (Südafrika, 14.08.2018),
in: "Ideas & Action" (Workers Solidarity Alliance),
http://ideasandaction.info

Übersetzung: Anarchosyndikalistisches Netzwerk - ASN Köln (CC:BY-NC)

Aktuelles:

Ende September 2018 fanden unter der Führung der Gewerkschaftsverbände CGT und CTA der 
vierte landesweite Generalsteik dieses Jahres statt, die sich gegen das vom 
Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgezwungene Sparpaket des konservativ-liberalen 
Präsident Mauricio Macri richteten.

Angesichts sinkender Reallöhne bei einer galoppierenden Inflation von aktuell 34% droht 
dem südamerikanischen Land nun eine ähnlich dramatische Rezession mit Arbeits- und 
Obdachlosigkeit und Hungersnot, wie bereits in der Wirtschaftskrise von 1998-2002 
(https://de.wikipedia.org/wiki/Argentinien-Krise).

Siehe auch http://www.labournet.de:

http://anarchosyndikalismus.blogsport.de/


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