(de) direkteaktion: SABOTAGE: GESTERN WIE HEUTE EIN KAMPFMITTEL

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Mo Okt 15 06:18:23 CEST 2018


Arbeitskämpfe haben immer verschiedene Gesichter und die Mittel können recht 
unterschiedlich sein. Alles eine Frage der Taktik, um das gewünschte Ziel zu erreichen. 
Ein mögliches Mittel, worüber heute scheinbar kaum diskutiert wird, ist die Sabotage. ---- 
Kultur Von: Jochen Knoblauch - 10. Oktober 2018 ---- In den USA erschien 1916 beim IWW 
Publishing Bureau in Cleveland eine kleine Broschüre über Sabotage. An einem 
Textilarbeiterstreik 1913 beteiligten sich rund 25.000 Arbeiter*innen 20 Wochen lang in 
fünf US-Staaten und begleiteten einen Prozess im Staate New Jersey gegen Frederic Sumner 
Boyd, der wegen Aufruf zur Sabotage mit einer langjährigen Haftstrafe zu rechnen hatte. 
Das Thema Sabotage geriet dabei in den Fokus der Diskussionen.

Elizabeth Gurley Flynn, 07.08.1890 - 05.09.1964
Die Autorin dieser Broschüre, die 23jährige Elizabeth Gurley Flynn, eine Aktivistin der 
IWW (Industrial Workers of the World), betont hier die legitime Notwenigkeit von Sabotage, 
die noch relativ neu war als taktisches Mittel des Arbeitskampfes. Mit Beispielen aus 
Frankreich, Schottland etc., die heute sicherlich etwas arg romantisch klingen, versucht 
sie propagandistisch, die neuen Möglichkeiten zu schildern.

Flynn (1890-1964) gilt als eine emanzipierte Frau, die - selten genug zu jener Zeit - 
direkt aus dem Arbeitermilieu stammt und schon früh Redetalent beweist. Sie engagiert sich 
bei Arbeiter*innenstreiks, für Frauenrechte und Immigrant*innen, der bekannte Folksänger 
Joe Hill verfasste ihr zu Ehren den Song "Rebel Girl". Aus Sicht der US-amerikanischen, 
anarchistischen Bewegung ist es sicherlich bedauerlich, dass sie 1936 in die amerikanische 
kommunistische Partei (ACP) eintritt, deren erste nationale Vorsitzende sie 1961 wird. Sie 
stirbt 1964 in Moskau. Nach einem Staatsbegräbnis auf dem Roten Platz wird Flynn auf 
eigenen Wunsch in Chicago auf dem Waldheim Friedhof beigesetzt, wo einige ihrer 
Genoss*innen begraben sind - aber auch die Märtyrer vom Haymarket.

Emma Goldmann schreibt in ihren Erinnerungen über Flynn: "Sie war ein faszinierendes 
Geschöpf..." und sie hatte "eine Stimme, die vor Ernsthaftigkeit bebte." Goldman hatte 
Flynn bereits als 14-jährige reden gehört und versorgte sie auch mit Geld, als Flynn nach 
der Geburt ihres Kindes krank wurde, sie verkehrten auch privat miteinander. Goldman 
schätze Flynn, trotz deren Nähe zur kommunistischen Partei: "...sie war[...]weder 
fanatisch, noch hatte sie eine feindselige Haltung..."[gegenüber den Anarchist*innen. Anm. 
J.K.]. Sie war "...eine der ersten Revolutionärinnen aus dem amerikanischen Proletariat." 
(E. Goldman, Gelebtes Leben, Berlin 1979, S. 570).

Einige Beispiele der Sabotage in diesem Büchlein würden wir heute als "Arbeit nach 
Vorschrift" bezeichnen, aber interessant ist sicherlich auch, dass sie die Sabotage von 
Seiten der Fabrikbesitzer erwähnt, die eine billigere Seide verwenden, die nicht nur die 
Verarbeitung erschwert, sondern auch die Qualität verringert. Demnach ist heute 
anscheinend die Sabotage bei Kapitalisten fast weiter verbreitet wie als Mittel des 
Arbeitskampfes. Sabotage ist also keine Einbahnstraße.

Das Büchlein lässt sich als ein Stück Historie lesen, geschrieben von einer Frau, die 
leider hierzulande kaum bekannt ist und wenn, dann von den Kommunist*innen vereinnahmt 
(1958 erschien ihre Biographie in der DDR unter dem Titel "Das Rebellenmädchen") wurde. 
Unter Umständen sollten sich anarchistische Historiker*innen mit Flynn beschäftigen, um 
dieses emanzipierte, kämpferische, aber auch tragische Leben in unserer Geschichte 
einzuordnen.

Auf der anderen Seite ist dieses Büchlein eine Anregung, sich mit dem Kampfmittel Sabotage 
neu auseinander zu setzen, neue Möglichkeiten zu überlegen, zu entwickeln, und - 
einzusetzen. Wir brauchen auf alle Fälle mehr Fantasie.

Elizabeth Gurley Flynn, Sabotage. Die bewusste Verringerung industrieller Effizienz. Aus 
dem amerikanischen, übersetzt und mit einer Biografie versehen, von Ruth Schäfer. Verlag 
Dialog Edition & Trikont Duisburg/Istanbul 2016, 56 S., 8,00 Euro

https://direkteaktion.org/sabotage-gestern-wie-heute-ein-kampfmittel/


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de