(de) af rhein-ruhr: Bericht einer Anarchistin vom Wochenende im Hambacher Forst - AGDo

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Fr Okt 12 08:09:00 CEST 2018


Passend zum Rodungsstopp bei der Hambacher Forst Besetzung veröffentlichen wir nun den 
ersten Teil eines Berichtes einer unserer Aktiven, welcher zuerst in der aktuellen Gaidao 
(https://fda-ifa.org/) erschienen ist. Lest mal rein der Bericht gibt einen guten Eindruck 
aus erster Hand über die Kämpfe die vor Ort stattfinden, auch wenn der Text zeitlich 
mittlerweile ein bisschen veraltet ist und einige erwähnte Orte in dem Text bereits 
geräumt sind. ---- Bericht einer Anarchistin vom Wochenende im Hambacher Forst ---- 
Aktivist*innen aus der anarchistischen Gruppe Dortmund (agdo) machten sich zusammen mit 
Freund*innen der antifaschistischen Tierbefreier*innen auf in den Hambacher Wald. ---- Tag 
1 ---- Nach langerer Zugfahrt und einer etwas abenteuerlichen Taxifahrt vom Bahnhof Buir 
Richtung Manheim kamen wir Freitagabend im Dunkeln im Hambi-Camp an. Wir sind direkt sehr 
offen empfangen worden! Kaum waren wir durch den Hintereingang (den Haupteingang hatten 
wir nicht gefunden) des Camps auf die Streuobstwiese getreten, sind wir von Menschen 
angesprochen worden, ob wir gerade ankommen und ob wir Pennplatze brauchen.

Da wir Zelte und alles weitere notige bei hatten, wurden uns Tipps gegeben wo wir unsere 
Zelte aufbauen konnen. Daruber hinaus wurde uns mitgeteilt: "Plenum ist gerade vorbei aber 
es gibt jetzt warmes Essen. Wenn ihr selber Teller oder sowas mit habt, ware es cool wenn 
ihr die mitbringt.

Wir haben gerade Tellermangel!" - Alles klar, also schnell die Zelte aufgebaut, Brocken 
reingeschmissen, Teller geschnappt und ab zum Mampf. Auf dem Weg zu Verpflegungszelt sind 
wir an weiteren Zelten, Wohnwagen und Autos vorbei gelaufen. Am "Stromzelt", ausgestattet 
mit Solarzellen, Lagerzelte, Aktionszelte, das Kuchenzelt... Ich war ehrlich erstaunt 
daruber, welch gute Infrastruktur hier auf die Beine gestellt wurde!

Nach dem Essen haben wir uns erstmal orientiert, Kontakt zu anderen Menschen gesucht und 
sind schließlich im Musikzelt gelandet.

Und nun wird es Emotional:

Die Atmosphare im Camp, im Musikzelt hat mich absolut überwältigt. Was sicherlich auch an 
dem gemeinsam gesungenen Mantra lag: "Ich bin ein Kind des Universums, ich bin geboren um 
frei zu sein, ich bin ein Kind des Universums, ich bin geboren um frei zu sein, ich bin 
ein Kind des Universums ich bin geboren um frei zu sein, der Kosmos kann mich begrenzen, 
der Kosmos kann mich befreien."

Schon am ersten Abend sind mir sehr viele Menschen begegnet die an eine bessere Welt 
glauben, eine bessere Welt fur alle, sich dafur einsetzen damit es allen Wesen dieser Erde 
besser geht, die versuchen ihre Utopie zu leben, die moglichst ohne Hierarchien leben, 
denen Kapital nichts bedeutet, fur die Außerlichkeiten vollig nebensachlich sind. 
Menschen, die es geschafft haben sich ein Stuck innerer Freiheit zu bewahren oder sich 
zuruck erobert haben.

An diesem Abend fuhlte ich mich eins mit meiner Mitwelt und mir, wie sonst nur selten. Es 
uberkam mich ein Gefuhl der Dankbarkeit mit diesen tollen Menschen genau zur richtigen 
Zeit am richtigen Ort zu sein. Es roch einfach uberall nach gelebter Anarchie...

Und mit diesen Eindrucken und Gefuhlen bin ich dann schlafen gegangen, motiviert den 
nachsten Tag fur Aktion zu nutzen!

Tag 2
Ich musste Nachts leider feststellen: Mein Schlafsack ist mir zu dunn, Frostbeulenalarm! 
Den Gedanken, dass ich offensichtlich ein total verweichlichtes Wohlstandswesen bin 
schuttelte ich schnell ab um mich auf das Wesentliche konzentrieren zu konnen. Der erste 
heiße Kaffe an dem Tag half da etwas, auch um in die Gange zu kommen. Mit dem Kaffe ging 
es dann zu Camp-Plenum. Es war ein großes Plenum. In erster Linie ging es um Orgakram rund 
ums Camp. Wahrend des Plenums wurde mir sehr deutlich, das es in und um den Hambi nicht 
nur nach gelebter Anarchie riecht sondern tatsachlich gelebt wird! Es gibt keine Chefs, 
keine Hierarchien. Alle konnen sich einbringen.

Es gibt niemanden, der dir sagt, was du zu tun oder lassen hast. Die Regeln im Camp werden 
im Plenum moglichst im Konsens entschieden! Sicherlich wurden sich nicht alle Menschen im 
Camp als Anarchist*innen bezeichnen, was aber auch vollig egal ist. Wichtig ist das WIE 
miteinander umgegangen wird und dass kein Platz fur Diskriminierung egal welcher Art ist!

Nach dem Hauptplenum nahmen wir am Aktionsplenum teil. Hier schlossen wir uns mit anderen 
Menschen zusammen, um Material und Lebensmittel in den Wald nach Lorien zu bringen.

Lorien ist eine der Baumhaussiedlungen in der Nahe der besetzten Wiese am Hambacher Wald, 
die noch in Privatbesitz.

Der Besitzer unterstutzt die Aktivisti und stellt sich klar gegen RWE. Allerdings droht 
ihm die Enteignung, mehr dazu ist unter anderem auf hambacherforst.org zu erfahren.

Wir packten Lebensmittel, Planen, Mullsacke und Kordeln ein. Also einige Dinge die uns im 
Falle einer Kontrolle abgenommen werden wurden. Ich hatte nie gedacht, dass ich mich mal 
innerhalb Deutschlands in einer Situation befinde in der es notig wäre, Mullsacke zu 
schmuggeln, diese recht harmlosen Dinge fuhlten sich an, als wurde ich ein Kilo Koks 
transportieren... zumindest stellte ich mir das so vor...

In mir regte sich mein Gerechtigkeitsempfinden: Wenn das geltendes Recht ist, wenn 
Menschen fur passiven Widerstand, fur das Errichten von Baumhausern kriminalisiert werden, 
dafur, sich Freiraume zu schaffen, dafur, sich einem ubermachtigen Konzern in den Weg zu 
stellen, damit dieser nicht noch mehr Schaden anrichten kann als er schon hat, wenn sich 
dieses Konstrukt Staat gegen Menschen richtet die fur unsere Zukunft kämpfen, dann ist es 
allerhochste Zeit sich gegen diesen Staat zu stellen, dieses Unrecht nicht zu dulden. Ich 
spurte sehr heftig meine Abneigung gegenuber Machtverhaltnissen, mich widerte das 
Gewaltmonopol der Polizei einmal mehr sehr prasent an!

Als wir mit unserer temporaren Bezugsgruppe das Camp verließen um in den Wald zu kommen, 
standen wir direkt unter Beobachtung einiger Befehlsempfänger*innen, das beruhmte 
"Katz&Mausspiel" begann. Noch im Dorf auf dem Weg zum Wald trennten wir uns mit dem Ziel, 
unsere uniformierten Verfolger abzuhangen. Kurz bevor wir den Wald erreichten, fanden wir 
wieder zusammen. Also schlugen wir uns gemeinsam durch den Wald. Der nachste kritische 
Punkt war eine Straße die mitten durch den Wald fuhrt, die hoch frequentiert von Polizei war.

Wir mussten uns mehrfach ins Laub schmeißen um vor vorbeifahrenden Wannen in Deckung zu 
gehen. Wir bildeten an eine Boschung eine Kette, warteten darauf keine Motorengerausche zu 
horen um dann gleichzeitig loszulaufen und die Straße zu uberqueren.

Ich war scheißfroh auf der anderen Seite angekommen zu sein ohne entdeckt worden zu sein . 
Plotzlich wieder mehrere Wannen, wir schmissen uns wieder lang auf den Boden und warteten 
ab. Die Gefahr der Repression war spurbar und das fur verschissene Mullsacke, zwei Planen 
und anderes, meiner Meinung nach, harmloses Zeug. Gedanken an meine Tochter kamen mir 
hoch: Knast ware sehr kacke, ich will fur sie da sein, ich will aber auch fur sie, fur uns 
Kampfen, ich will den Scheiß, der hier lauft, nicht einfach hinnehmen. Und gleichzeitig 
spurte ich wie sehr mich die Angst vor Repressionen in Schach halt, wie sie mich davon 
abhalt bestimmte Aktionsformen zu wahlen. Ich hasse es wenn mir diese Gedanken kommen und 
ich habe großten Respekt vor dem Mut und der Konsequenz aller Aktivistis die ein deutlich 
großeres Risiko eingehen als ich!

Diese Gedanken sind nicht sehr hilfreich während mensch irgendwo im Wald im Laub rumliegt, 
die Angst wird zu ubermachtig... ich versuchte, mich wieder zu fokussieren, mich von 
negativen Gedanken zu befreien. Wir konnten weiter.

Leider mussten wir feststellen, das Polizei nicht nur auf den ublichen Wegen und 
Knotenpunkten präsent war, sondern auch im Wald.

Dies erschwerte unser Vorankommen massiv. Wir berieten uns und versteckten die beiden 
Planen, damit sie uns nicht abgenommen werden, spater sammelten wir sie wieder ein. 
Irgendwie schafften wir es ohne Kontrolle, hinter die eigentlichen Kontrollpunkte. Wir 
liefen weiter Richtung Lorien, unbehelligt an Befehlsempfänger*innen vorbei, immer mit der 
Gefahr doch noch kontrolliert zu werden. Dann betraten wir Lorien. Hinter den Barrikaden 
fuhlte ich mich etwas sicherer! Die Stimmung vor Ort war positiv und aktiv. Viele Menschen 
waren mit dem Bau von Barrikaden, Baumhausern und Unterschlupfmoglichkeiten beschaftigt. 
Wir wandten uns als erstes an eine Aktivistin die unter dem Baumhaus "Wohnzimmer" stand 
und ubergaben das Material und die Lebensmittel. Nach einer kurzen Pause und 
Orientierungsphase machten wir uns an die Arbeit. Barrikadenbau, Teekochen fur Menschen 
die im Baum arbeiteten, Prasenz an der Polizeikette zeigen! Auch in Lorien gibt es keine 
Chefs, keine Hierarchien, niemand der Arbeit "verteilt". Es ist nicht ohne weiteres 
ersichtlich wer schon wie lange vor Ort ist, alle konnen (fast) alle Arbeiten ubernehmen, 
sofern mensch sich diese Arbeit zutraut.

Es ist also Eigeninitiative gefragt, Kreativitat (Teekochen kann im Hambi schon zur 
Herausforderung werden), Autonomie, selber denken, aber auch Menschen, die sich damit 
schwer tun, werden mit einbezogen. Diese konnen Menschen finden, die sie beim Einstieg in 
diese Art der Organisierung unterstutzen, das Baumhausdorf lebt unter anderem von seiner 
starken Bereitschaft zur Solidaritat!

Ich mochte noch einen Menschen zitieren, mit dem ich ein etwas langeres Gesprach gefuhrt 
habe: "Ich bin total begeistert von den Menschen hier, es zahlt nicht, wo man her kommt, 
ob Frau oder Mann, wie alt man ist!

Ihr seid soviel weiter und moderner als wir in Österreich. Man merkt es daran wie ihr 
sprecht. Ihr sprecht immer von Menschen oder Lebewesen. Das ist total ungewohnt aber total 
toll! Aber eins ist sehr auffällig, ihr seid offen, freundlich, aber extrem misstrauisch!"

Ja, das sind wir wahrscheinlich und das nicht ohne Grund, faszinierend fand ich es von 
einem eher außenstehenden Menschen zu horen, dass beides geht: Offen und freundlich sein 
und trotzdem misstrauisch. Er fand meine Vermummung etwas befremdlich, hatte aber 
Verständnis fur derartige Vorsichtsmaßnahmen. Ich hingegen fand seine Perspektive sehr 
interessant, die Perspektive eines eher Außenstehenden. Was zu spuren war: Seine 
Begeisterung fur diese Lebensform!

Wir bedauerten es etwas, unsere Zelte und Schlafsacke im Camp gelassen zu haben, da wir 
gerne die Nacht in Lorien verbracht hatten, wir stellten schon Überlegungen an wann wir 
das nachste Mal in den Hambi reisen konnen und uns dreien war klar, wir werden definitiv 
wiederkommen und alles uns mogliche tun um die Bewegung zu unterstutzen. Bevor es dunkel 
wurde machten wir uns uber die Wiesenbesetzung und die Mahnwache auf den Ruckweg, diesmal 
an der Straße lang. Zu Fuß ging es, ziemlich K.O. vom Tag (ich habe in meinem Leben noch 
nie soviel Holz geschleppt), Richtung Manheim.

Auf ca. halber Strecke zuruck zum Camp, mittlerweile war es dunkel geworden, schloss sich 
uns noch ein Mensch an und dann hielt noch ein Mensch mit Auto um uns mit zu nehmen. 
Innerlich feierte ich die gegenseitige Bereitschaft zur Unterstützung innerhalb der 
Bewegung! Wir quetschten uns also zusammen ins Auto, was etwas von "Sardine in Dose" 
hatte. - Wir waren extrem dankbar - Gerade als wir losfahren wollten hielt eine Wanne, 
zwei Befehlsempfänger stiegen aus um uns an der Weiterfahrt zu hindern.

"Scheiße, doch noch ne Kontrolle!" dachte ich. Wir standen im Dunkeln, auf einer 
Landstraße, das Auto auf der linken Fahrbahnseite, noch halb auf der Straße, in verkehrter 
Fahrtrichtung... Ja, ich muss zugeben, das wirkt auf Befehlsempfänger wahrscheinlich 
hochgradig verdachtig. Es konnte ja die Moglichkeit bestehen, ne Autobarrikade zu "bauen" 
oder vielleicht sprengen wir gleich das ganze Auto in die Luft. Ich bitte um Verzeihung, 
ich werde zynisch!

Was wahrscheinlich meine Art ist, damit umzugehen, den kompletten Tag das Gewaltmonopol 
unseres Staates präsentiert bekommen zu haben. Jedenfalls fanden sie unsere Antwort, auf 
die Frage, was wir den hier tun: "Wir wurden uns nur aufwarmen" nicht ganz so witzig. 
Darauf ruderten wir etwas zuruck und gaben brav Auskunft, dass wir zuruck ins Camp nach 
Manheim wollten. Damit gaben die Wesen in Uniform sich zufrieden und ließen uns ziehen!

"Puh, Gluck gehabt!" Ohne weiteren Zwischenfall erreichten wir das Camp, wieder punktlich 
zum Essen. Also Essen, am Feuer chillen, das Konzert von "Roim & Stroifahrzeuge" aus 
Berlin wirken lassen und, wahrend die Stimme der Sangerin "Von der Platte fur den Hambi, 
Oi, Oi, Oi" grolt, die Atmosphare genießen, mit dem Tag zufrieden sein und noch ein paar 
Plane fur den nachsten Tag schmieden. Wir verabredeten uns fur den nachsten Tag mit zwei 
Menschen mit Auto um wieder Material nach Lorien zu bringen. Vollig platt und zufrieden 
ging es danach ins Bett...

Während ich diese Zeilen schreibe, wird Lorien geraumt, mich erreichen Bilder aus dem Wald 
die mich schmerzen. Polizei geht brutal gegen friedliche Aktivisti vor, zerstort den Wald, 
fallt massenhaft Baume, planiert eine Straße, verwustet die Baumhaussiedlung, raumt und 
verwustet die anderen noch bestehenden Baumhaussiedlungen, hinterlasst ein absolutes 
Chaos, gefahrdet die Leben von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren.

Ich bin fassungslos. Diese Zerstorungswut macht mich fast sprachlos, ich muss innehalten, 
bin in Gedanken bei den Aktivistis im Hambi, ich spure eine Verbindung zu diesem 
großartigen Ort, diesen großartigen Menschen. Es schmerzt mich, die Geschehnisse nur von 
der Ferne aus verfolgen zu konnen. Aussagen von Politiker*innen machen mich wutend, 
Aussagen die schlicht falsch sind, die die Polizeigewalt verharmlosen, die Menschen, die 
zivilen Ungehorsam ausuben, kriminalisieren.

Ihr konnt nicht gewinnen, ihr habt schon verloren und in ein paar Jahrzehnten werden wir 
alle dafur die Quittung erhalten! Ich kann meiner Tochter dann wenigstens sagen, das ich 
mich fur die Zukunft dieses Planeten eingesetzt habe, versucht habe mit ganz vielen 
anderen tollen Menschen dem Treiben eines ubermachtigen Konzerns ein Ende zu setzen, dass 
wir uns profitgeilen Politiker*innen in den Weg gestellt haben.

Was erzahlt ihr euren Kindern?

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