(de) FAU, direkte aktion: VIER JAHRE HAMBURGER A-PERSPEKTIVEN

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Di Nov 20 07:16:19 CET 2018


Auch in diesem Jahr findet vom 16. bis 18. November 2018 wieder der A-Kongress 
"Anarchistische Perspektiven auf Wissenschaft" an der Universität Hamburg statt. Ein 
persönlicher Rückblick und Bericht eines Beteiligten. ---- Kultur Von: Lars Ohnewitz - 14. 
November 2018 ---- Die "Anarchistischen Perspektiven (auf Wissenschaft)" entstanden 
zunächst aus einer Initiative der Hochschulgruppe AL ("Alternative Linke"). Nachdem diese 
für eine angemessene Anschubsfinanzierung durch eine Förderung des Bundesministeriums für 
Bildung und Forschung gesorgt hatte, wurden einschlägige Gruppen und potentiell 
Interessierte aus Hamburg und Umland zu einer Teilnahme an der Orga eingeladen. So bin 
auch ich im Mai 2015 hinein geraten.
PROGRAMM UND ZIELE
Wie in unserem Begrüßungstext auf a-perspektiven.org beschrieben, besteht das wesentliche 
Ziel des Kongresses "in anarchistischer Diskurspflege, also in Schaffung von 
Öffentlichkeit und Selbstverständlichkeit für anarchistische Thematiken, um auf diesem 
Wege das Interesse an anarchistischer Vielfalt und ein Bedürfnis nach Anarchie zu fördern".

Weiter verengende Schwerpunkte, außer den des Anarchismus, setzen wir nicht. Im Gegenteil, 
es wird versucht, möglichst viele Ansätze abzubilden, um Pluralität als Stärke des 
Anarchismus anzubieten. Dabei behalten wir uns selbstverständlich ausdrücklich vor, unter 
dem anarchistischen Label gänzlich inakzeptabel firmierende Ideen wie 
"Anarchokapitalismus" oder "Nationalanarchismus", die mit Herrschaftslosigkeit kaum bis 
gar nichts zu tun haben, keine Plattform zu bieten. Doch sei dabei erwähnt, dass es aus 
diesen Richtungen bisher keinerlei Bestrebungen gab, einen Programmplatz zu ergattern. 
Gleichwohl bekamen wir dieses Jahr tatsächlich eine nicht mal anonyme Zuschrift, die uns 
erst für das ehrenwerte Projekt gratuliert, um umgehend zu monieren, dass wir uns nicht 
mit der "nahezu ungebremsten Zuwanderung in unsere Sozialsysteme" beschäftigen, also der 
Frage, die angeblich derzeit alle beschäftigen würde.

Über die Einladungspraxis gab es anfangs noch sehr ausführliche Debatten. Im ersten Jahr 
wurden alle Gäste gezielt eingeladen. Es kannte uns ja auch niemand. Im zweiten Jahr wurde 
dann ein sogenannter Call, also ein Aufruf, veröffentlicht. Der wurde leider etwas 
kompliziert geschrieben und nicht genügend verbreitet, so dass es daraufhin nicht 
ausreichend Angebote gab. Deswegen wurde im Sommer 2016 zunächst wieder auf die klassische 
Einladungspraxis zurückgegriffen.

Seit dem dritten Jahr wird auf einen klassischen Call verzichtet, aber im Begrüßungstext 
ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir uns über Unterstützung und inhaltliche Angebote 
freuen. Deswegen, und wohl aufgrund gestiegener Bekanntheit, bekamen wir 2017 genügend 
Zuschriften, so dass wir nun die angenehme Möglichkeit besaßen, das Programm mit einer 
Mischung aus Wunschgästen und "Freiwilligen" gestalten zu können. So in etwa funktionierte 
das auch dieses Jahr. Wer aus der Orga jemand bestimmtes einladen wollte, meldet das kurz 
an und sofern es kein Veto gibt, führt diese Person die Einladung am besten auch selber durch.

Dabei wird stets versucht, ausgewogene Verhältnisse zu befördern. Das ist teilweise gut 
gelungen, was die anarchistische Ideenwelt betrifft, oder das Verhältnis von bekannten 
Namen zu "Neulingen". Doch Lücken entstehen trotzdem immer. Wo etwas besetzt wird, fehlt 
automatisch der Platz für etliche andere wichtige Anliegen. Nach durchaus nicht 
unberechtigter Kritik am fehlenden Frauenanteil im zweiten Jahr, woran leider eine Reihe 
unglücklicher und kurzfristiger Absagen entscheidenden Anteil hatten, haben wir 2017 
penibel darauf geachtet, dass alle Veranstaltungen (Vorträge, Workshops, Podium) 
mindestens zur Hälfte mit Frauen und Nicht-Cis-Männer zu besetzen waren. Diese Politik 
haben wir in diesem Jahr wieder leicht gelockert. Jedoch soll und darf es keinen Kongress 
mehr ohne feministischen Anteil geben.

ORGA UND ENTWICKLUNG
Am Anfang war vieles noch sehr turbulent. Eine große, heterogene Gruppe von bis zu 25 
Leuten führte fast zwangsläufig zu langen und unproduktiven Sitzungen. Nach und nach wurde 
die Gruppe zwar übersichtlicher, doch wurden plötzlich veraltete Hamburger Konflikte in 
die Orga getragen. So bestand ein älterer Mitstreiter darauf, dass keine Personen der FAU 
Hamburg oder Roten Flora teilnehmen dürften. Das wurde selbstverständlich abgelehnt, 
blockierte jedoch wochenlang eine vernünftige Planung. Dieser holprige Start führte dazu, 
dass im zweiten Jahr die Orga mehr oder weniger neu zusammengesetzt wurde. Ein paar Leute 
gingen, andere kamen neu dazu. Man musste sich also wieder neu finden und so lief auch 
jenes Jahr nicht immer alles gänzlich konfliktfrei. (... wenngleich lange nicht so 
dramatisch als noch das Jahr zuvor.)

Auch die Finanzierung musste neu gedacht werden. Erstens war kein Nachschub aus der 
Ursprungsquelle zu erwarten. Zweitens führte der Umstand, dass im ersten Jahr der 
Bundestruthahn mit auf das Plakat genommen werden mussten, verständlicher Weise zu 
spöttischer Kritik. Seither wird der größte Anteil der Finanzierung durch Hamburger Asten 
(Allgemeiner Studierendenausschuss) getragen. (Ein großes Dankeschön an den HAW-AStA, ohne 
den unsere Kassen wahrscheinlich längst ratzekahl leer wären!). Zusätzlich wurde sich 
bemüht, weitere Geldgeber zu gewinnen, welche schließlich bei der FAU und Cafe Libertad 
gefunden wurden.

Doch auch nach der zweiten Runde sprangen wieder mehr Leute ab, als neue dazu kamen. 
Einige von ihnen kündigten an, nur temporär aussteigen zu wollen, um ihre Kräfte für die 
G20-Vorbereitungen bündeln zu können. So sind wir 2017 auf etwa sechs bis sieben Leute 
zusammengeschrumpft. Das hieß im Schnitt mehr Arbeit für jeden, doch hatten wir dabei eine 
sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit und entsprechend viel Freude bei der Planung und 
Durchführung des Kongresses.

Eine Konsequenz, die aus den Vorjahren gezogen wurde, war eine strenge zeitliche 
Begrenzung der Plena. Das zwang uns die gegebene Zeit gut zu nutzen und verhinderte 
endlose und erschöpfende Sitzungen, in denen bis in die Nacht über Farbtöne, Satzzeichen 
und ähnliche Nebensächlichkeiten debattiert wurde, Sitzungen, bei denen am Ende sich 
regelmäßig diejenigen durchsetzen konnten, die am nächsten Tag nicht unbedingt früh 
aufstehen mussten.

Inzwischen sind wir ein eingespieltes Team. Dennoch bleiben wir weiterhin explizit offen 
für neue Leute. Ein solches Projekt braucht immer wieder frische Einflüsse und die 
Verbliebenen sollten nicht Gefahr laufen müssen, sich irgendwann als reine Dienstleister 
wahrzunehmen.

AUSSICHTEN UND KRITIK
Realistisch betrachtet wird der Anarchismus auf absehbare Zeit wohl keine entscheidende 
Rolle spielen. Um so wichtiger ist es, die eigenen Verbreitungskreise zu erweitern. In 
Zeiten, in denen der diskursive Rechtsrutsch unübersehbar wirkt, ist es um so bedeutsamer, 
emanzipative Gegengewichte zu bilden.

Anarchismus über die Universität zu verbreiten, erweist sich dabei als sehr 
widersprüchliche Angelegenheit. Einerseits können Menschen erreicht werden, die sich nur 
schwerlich in einen dunklen Szeneladen ziehen lassen würden. Zugegeben, der überwiegende 
Teil des bisherigen Publikums bestand aus den üblichen Verdächtigen, doch verirrten sich 
auch immer wieder ein paar Neugierige zu uns, die dann zudem sehr kontaktfreudig waren. 
Und wenn diese Leute erst mal soweit sind, dass sie gerne zugeben, dass es sich um 
erstrebenswerte Ideen handelt und dem Anarchismus lediglich mangelnde Realisierbarkeit zu 
unterstellen ist, kann sehr einfach darauf hingewiesen werden, dass auch die herrschenden 
Ideen, allen voran Demokratie, immer nur aus Idealen und Zielvorstellungen bestehen.

Somit trägt dieses Format bescheiden dazu bei, Miss- und Fehlverständnisse im Bürgerlichen 
abzubauen. Wie könnten diese Kinder der europäischen Aufklärung, den auf die Spitze 
getriebenen Humanismus, die höchste Vereinigung von Gerechtigkeit und Freiheit, denn bloß 
nicht gut finden? Andererseits darf keinesfalls ignoriert werden, dass Universitäten zu 
den autoritätserzeugenden Institutionen überhaupt gehören und dass gerade sie wesentlich 
zur herrschaftlichen Segmentierung der Gesellschaft über Bildung und Titel beitragen. 
Entsprechend darf auch die Janusköpfigkeit von Bildung nicht verkannt werden. Sie eignet 
sich zwar durchaus zur geistigen Selbstermächtigung und damit zu einer Ausweitung 
persönlicher Handlungsmöglichkeiten. Doch schafft Bildung alleine noch keine bessere 
Menschen und das Wissen um Anarchismus noch nicht automatisch Anarchist*innen.

Wir wollen dennoch alle Menschen ermutigen, sich Bildung kritisch anzueignen, sie dabei 
aber nicht zu glorifizieren; sich zu ermächtigen, um sogleich reflektierten Machtverzicht 
zu üben; keine Scheu zu haben, Anarchismus in die Seminare, Kolloquien und 
Abschlussarbeiten zu tragen, sofern es eben das ist, mit dem man sich wirklich gerne 
beschäftigt.

Für das Wissen um Anarchismus - für die Anarchisierung des Wissens!

PROGRAMM 2018
Freitag, 16. November

17:00 Begrüßung

18:00 Louise Michel - Die Anarchistin und die Menschenfresser - Eva Geber

20:00 Video zu den Libertären Tagen 1993 - dem wohl bis heute größten anarchistischen 
Kongress in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg - Thomas Schupp

Samstag, 17. November

10:00 Premium - Kollektivbetrieb 2.0 - Premium Cola

12:00 Workshops I

Anarchismus und gewaltfreie Bewegungen weltweit - Lou Marin
Class Matters! Anti-Klassismus Training - Francis Seeck

15:00 Workshops II

Anarchistische Frauen/Feminist*innen gegen Staat und Gewalt - Renate Brucker/ Lou Marin
Was Marxist*innen vom Anarchist*innen lernen können - Libertäre und kommunistische Kritik 
im Vergleich - Gerhard Hanloser
"Jätefaust auf schwarzem Grund" - Bio-veganer Anbau und die Organisationsfrage. Eine 
vegan-anarchistische Betrachtung - Sabotage-Waschbär
"Wir haben doch Spinoza nicht für die Schule, sondern fürs Leben gelernt." Grundzüge von 
Gustav Landauers Spinoza-Rezeption - Jan Rolletschek
17:30 Die Antinomie des Denkens des Pierre Joseph Proudhon - Werner Portmann

19:30 Feministische Potentiale revolutionär-syndikalistischer Wirtschaftsbegriffe am 
Beispiel der Internationalen Arbeiter-Assoziation (seit 1922) - Theresa Adamski

Sonntag, 18. November

10:30 - Capulcu Kollektiv

13:00 Abschlussplenum

https://direkteaktion.org/vier-jahre-hamburger-a-perspektiven/


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