(de) fda-ifa, Gai Dao #95: Lynchmord an LGBT­Aktivist in Athen Von: RalfDreis (Vólos)

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Di Nov 13 05:18:04 CET 2018


Am 21. September 2018 starb der LGBT-Aktivist Zak Kostópoulos auf den Steinplatten der 
Gládstonosstraße in Athen, nachdem er von Geschäftsinhabern und Polizeibeamten misshandelt 
wurde. Während die Täter von versuchtem Raub sprachen, beweisen Zeug*innenaussagen und 
mehrere ins Netz gestellte Videos, dass es sich um einen brutalen Lynchmord handelte. ---- 
Triggerwarnung (Anmerkung der Redaktion): Der Artikel behandelt die Ermordung eines 
Menschen und geht zur Verdeutlichung der geschehenen Brutalität stellenweise recht 
detailliert aufdie Vorgänge ein. Bitte macht euch das vor dem Lesen bewusst, falls euch 
derartige Beschreibun gen triggern oder psychisch stark belasten können. ---- Zuerst war 
es nur eine kurze Pressemeldung: Bei dem Versuch, ein Schmuckgeschäft in der 
Gládstonosstraße im Stadtteil Omónia im Zentrum von Athen zu überfallen, sei der Dieb 
gegen 15 Uhr zu Tode gekommen. Herbeigeeilte
Pressevertreter*innen interviewten den Geschäftsinhaber,
der behauptete in seinem Laden von dem Dieb mit einem
Messer bedroht worden zu sein und sich gewehrt zu ha-
ben. Umstehende Passant*innen bestätigten diese Darstel-
lung, worauf in den großen privaten Fernsehkanälen
schnell über die Drogenabhängigen im Viertel, die hohe
Kriminalitätsrate und die Untätigkeit der Regierung la-
mentiert wurde. Ein Junkie, der klaut und dabei zu Tode
kommt, ist selbst schuld, so der Tenor der Berichterstat-
tung, deren geschmackloser Höhepunkt die "Wie hätten
Sie reagiert?"-Meinungsumfrage einer Fernsehmoderatorin
per Twitter war.

Brave Bürger und Bullen ermorden Zak Kostópoulos

Am folgenden Tag erfuhr der Fall eine überraschende
Wendung. Auf indymedia athens wurde unter dem Titel:
"Brave Bürger und Bullen ermorden Zak Kostópoulos" ein
grausames und schockierendes Video verlinkt, das auf
youtube aufgetaucht war. Der aus einem dem Schmuckge-
schäft gegenüber liegenden Haus aufgenommene Film
zeigt, dass der angebliche
Dieb in dem Geschäft
eingeschlossen ist und
verzweifelt versucht her-
aus zu kommen. Stark
taumelnd probiert er zu-
erst vergeblich mit einem
Feuerlöscher die Sicher-
heitsscheibe der Ein-
gangstür einzuschlagen
und will dann in Panik
durch eine Vitrine neben
der Tür ins Freie gelan-
gen. In diesem Moment
laufen zwei Männer vor
den Laden, die Scheibe
der Vitrine geht durch ih-
re Tritte zu Bruch. Der im Laden befindliche Mann ver-
sucht nun auf allen vieren durch die Scherben nach
draußen zu kriechen. Dort treten die beiden, unter Mithilfe
anderer Umstehender, so lange brutal auf ihn ein und im-
mer wieder gegen seinen Kopf, bis er regungslos und blut-
überströmt liegen bleibt. Erst jetzt schreitet ein
Passant einund drängt die Menge zurück.

Etwa eine Stunde danach taucht ein neues Video auf, spä-
ter noch einige weitere. In ihm ist zu sehen, wie ein Sani-
täter den Bewusstlosen verarztet, dem zu diesem Zeitpunkt
bereits der Kopf verbunden ist. Polizeibeamte stehen her-
um und schauen zu. Der Verletzte kommt zu sich, versucht
sich aufzurichten und scheint den Sanitäter mit einer Glas-
scherbe zu bedrohen. Dann versucht er sich zu entfernen,
wird von einem Polizisten in den Rücken getreten, tau-
melt, fällt auf den Tisch eines Cafés, ein Beamter schlägt
ihm heftig mit dem Schlagstock auf den Kopf, er geht zu
Boden, andere Polizisten schlagen und treten auf ihn ein,
einer steht auf seinem Hals, ein weiterer kniet auf ihm und
fixiert ihm die Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken.
An den Misshandlungen sind sechs bis acht Beamte der
berüchtigten DIAS-Sondereinheit beteiligt. Der am Boden
Liegende zeigt kein Lebenszeichen mehr. Laut Polizeianga-
ben verstarb er auf dem Weg ins Krankenhaus.

Saubermann und Nazifunktionär

Nach dem Auftauchen der Videos wurde der 73-jährige
Geschäftsinhaber am 22. September wegen des Verdachts
der schweren Körperverletzung mit Todesfolge festgenom-
men. Unter der Auflage, sich einmal monatlich auf der Po-
lizeiwache zu melden und das Land nicht zu verlassen, ist
er seit 26. September wieder frei. Der zweite, angeblich
unbekannte Beteiligte, der direkt nach der Tat verschwun-
den war, konnte am 25. September als 55-jähriger benach-
barter Makler und guter Freund des Schmuckhändlers
identifiziert werden. Er fungiert seit Jahren als Pressekoor-
dinator der kleinen rechtsradikalen Partei Patriotikó Méto-
po (Patriotische Front) in Athen, die über gute Kontakte zu
Chrysí Avgí (Goldene Morgenröte) verfügt. Direkt nach
der Tat hatte er per Twitter behauptet, niemand habe
Kostópoulos ermordet, sondern der habe sich, "als ihn die
Polizei verhaften wollte, mit einer Glasscherbe selbst um-
gebracht". Schwulenfeindlich die Lynchjustiz verteidigend,
fügte er an, ob der Geschäftsbesitzer "sich von Kostópou-
los erst hätte ficken lassen sollen, damit der sich beru-
higt?" Auch er wurde kurzzeitig festgenommen und unter
gleichen Auflagen am 28. September freigelassen.

Obwohl durch das Auftauchen der Videos und nach Be-
kanntwerden der Identität des Todesopfers immer mehr
Zweifel an der offiziellen Version laut wurden, hielten
weite Teile der Presse daran fest, es habe sich um einen
vereitelten Raub mit tragischem Ausgang für den Täter
gehandelt. In den sozialen Medien brach in den Tagen dar-
auf eine Welle homophober und rechtsradikaler Hetze ge-
gen Schwule und Drogenabhängige los. Einige Nazis
tauchten am Dienstag, den 25. September, für wenige Mi-
nuten am Tatort auf, riefen rassistische und homophobe
Parolen und verschwanden wieder. Auch drei Wochen
nach dem Mord reden die meisten Geschäftsinhaber der
Straße von "legaler Selbstverteidigung". Ein anonym blei-

bender Anwohner spricht hingegen von "fast alltäglicher
Selbstjustiz gegen Randgruppen". Der einzige Unterschied
sei, "dass es diesmal einen Toten gab". Darüber hinaus hät-
ten "viele Geschäftsinhaber bis 2015 eine uniformierte Na-
zi-Security-Truppe bezahlt", die erst verschwunden sei,
"als der Prozess gegen Chrysí Avgí begann".

Zak Kostópoulos - Zackie Oh, niemals vergessen

Der 33-jährige Zak Kostópoulos war ein in den außerpar-
lamentarischen Bewegungen Athens agierender, schwuler
LGBT-Aktivist. Der darüber hinaus in seiner weiblichen
Rolle als Zackie Oh bekannte Schauspieler trat des öfteren
als Drag Queen auf. Schon 2009, als in Griechenland noch
kaum jemand offen über eine HIV-Infizierung sprach, ging
Kostópoulos offensiv als Drogenkonsument und HIV-Infi-
zierter an die Öffentlichkeit und setzte sich als Sprecher
der LGBT-Community vehement gegen Homophobie und
für die Rechte marginalisierter Minderheiten ein. Seine
Freund*innen betonen, dass "Zak der friedliebendste
Mensch der Welt" gewesen sei und "niemals mit einem
Messer auf andere losgegangen" wäre. Unter dem Motto
"In Omónia geschah kein Raub, sondern ein Mord durch
Bullen und Bosse" demonstrierten schon am Abend des 22.
September knapp 600 Linke, Anarchist*innen und Men-
schen aus der LGBT-Community und zogen vom benach-
barten Stadtteil Exárchia aus zum Tatort. Am 26.
September nahmen ca. 1500 Demonstrant*innen an einer
Demonstration gegen Homophobie teil und forderten die
sofortige Aufklärung des Lynchmordes.

"Zum Glück gibt es auch die Videos" hatte der Aufmacher
der linken Tageszeitung Efimerída ton Syntaktón (Efsyn)
am Tag zuvor gelautet. Auf der Titelseite weist die Zeitung
auf skandalöse Lücken in der den Anwälten der Familie
von Kostópoulos zugestellten Ermittlungsakte hin. Diese
beinhalte keinerlei Erwähnung der brutalen Misshandlun-
gen und kein Videomaterial. Darüber hinaus wurde weder
der Tatort gesichert noch Passant*innen als Zeug*innen
vernommen und nicht einmal der Versuch unternommen,
diejenigen zu finden, die die Videos gedreht haben. Die in
der Folge selbst recherchierenden und Zeug*innen befra-
genden Redakteur*innen der Zeitung weisen darauf hin,
dass Kostópoulos kurz vor seiner Ermordung in einem ge-
genüberliegenden Café saß. Danach habe er vor einer Bä-
ckerei mit zwei Männern gesprochen und sei in den
Schmuckladen geflüchtet, um Schutz vor einem Streit oder
Übergriff zu suchen.

Ein Filmausschnitt, den Efsyn ins Netz stellte, zeigt einen
Polizeibeamten, der, während seine Kollegen den angebli-
chen Dieb malträtieren, direkt daneben steht und ein Mes-
ser in der bloßen Hand hält. Es ist das einzige Messer, dass
jemals am Tatort auftaucht. Außer dem Geschäftsinhaber
und seinem rechtsradikalen Freund hat keine*r der
Zeug*innen ein Messer in der Hand von Kostópoulos gese-
hen. Auch auf keinem der Videos hat er ein Messer, und an
dem, das von der Polizei sichergestellt wurde, wurden kei-
ne Fingerabdrücke von ihm gefunden. Noch immer nicht
geklärt ist, warum Kostópoulos alleine in dem Laden war.
Die Aussage des Besitzers, er sei "eine Zeitung kaufen ge-
gangen", ist unglaubwürdig, da "der nächste Zeitungskiosk
zehn Minuten entfernt ist und kein Ladeninhaber in dieser
Gegend sein Geschäft so lange verlässt", wie ein Nachbar
betont.

Nach allen Recherchen bringt es
Thomás Tsalapátis am 6. Okto-
ber in einem Kommentar für
Efimerída ton Syntaktón auf den
Punkt: "Das Opfer versuchte
nicht zu stehlen, es hielt kein
Messer in der Hand, stellte keine
Gefahr für irgendwen dar. Er
brauchte kein Geld, seine Fin-
gerabdrücke wurden weder in
den Innenräumen des Geschäfts
noch an der Kasse gefunden. Ein
kürzlich aufgetauchtes Video be-
weist jedoch, dass Zak Kostó-
poulos, bevor er von der
lynchgeilen Masse hingerichtet
wurde, um Hilfe bat. Im Gegen-
satz zu dem, was viele Massen-
medien, die Polizei und andere Anhänger von Recht und
Ordnung verbreiten, wollte Zak Kostópoulos niemanden
schädigen. Seine Sorge war, dass ihm jemand Schaden zu-
fügen wollte. Doch die Masse hat ihm nicht nur nicht ge-
holfen, sondern die Seite derjenigen ergriffen, die ihm
schaden wollten. Da es also, wie inzwischen bewiesen ist,
das Verbrechen des Raubes nicht gab, für welches Verbre-
chen bitte schön wurde Zak Kostópoulos von seinen selbs-
ternannten Richtern angeklagt und hingerichtet? Es ist
eindeutig. Sein Verbrechen war seine Identität. Du bist
schwul, bist HIV-positiv und versteckst dich nicht."

Bullen, Schweine, Mörder!

In der Wochenendausgabe vom 13./14. Oktober veröffent-
licht die Efsyn dann ein Interview mit den vier Rettungs-
sanitätern, die Kostópoulos versorgten und den Toten mit
noch immer auf den Rücken gefesselten Händen ins Kran-
kenhaus brachten, wofür sie von Teilen der Öffentlichkeit
kritisiert wurden. Sie verteidigen ihr Verhalten mit dem
Druck, ein Leben retten zu wollen und keine Zeit für Dis-
kussionen mit der Polizei gehabt zu haben. Der Versuch,
die Fesseln mit einem Messer im Notarztwagen zu zer-
schneiden, sei gescheitert, "da diese zu fest zugezogen wa-
ren". Kiriákos, einer der Sanitäter, sagt zu den
Polizeimisshandlungen: "Die Prügel... da habe ich schon
viel Schlimmeres gesehen. Das ist ihre normale Vorgehens-
weise. Je mehr du dich wehrst, desto mehr steigert sich das
Niveau der Polizeigewalt." Die Sanitäter beschwören,
Kostópoulos sei nach der Misshandlung und Fesselung
durch die Polizei "tief blau im Gesicht" gewesen, habe "ge-
blutet, nicht mehr geatmet und kein Lebenszeichen" von
sich gegeben.

Gerichtsmediziner und ein von der Familie beauftragter
unabhängiger Gutachter hatten bei der ersten Obduktion
keine eindeutige Todesursache feststellen können. Die vie-
len äußeren Verletzungen seien "nicht todesursächlich", so
der Bericht. Festgestellt wurde in weiteren Untersuchun-
gen ein Ödem im Gehirn, was im Zusammenhang mit den
Aussagen der Rettungssanitäter auf einen Tod durch Ersti-
cken hindeuten kann, wie ein "bekannter Neurochirurg" in
Efsyn am 13./14. Oktober ausführt. Danach könnte der Po-
lizeitritt auf den Hals von Kostópoulos im Zusammenhang
mit der Fesselung bei gleichzeitigem Knien auf seinem
Rücken zum Erstickungstod geführt haben. In der gleichen
Ausgabe meldet sich Afrodíti Rétziou, die Vorsitzende des
Bundes der Vereinigung der Krankenhausärzt*innen, zu
Wort: "Je mehr Indizien zu den Umständen des Todes von
Zak Kostópoulos ans Licht der Öffentlichkeit kommen, de-
sto mehr wächst die Wut, die Empörung und die Abscheu.
Die Benutzung von Kabelbindern zur Fesselung ist ein
Beispiel für das barbarische Verhalten der Polizei. Es be-
stätigt ein weiteres Mal, was die wahre Rolle und der tat-
sächliche Auftrag der Polizei ist."

Unter dem Motto "Der Mord an Zackie Oh wird nicht ver-
gessen und nicht unbeantwortet bleiben" wurde am 13.
Oktober erneut in Athen demonstriert.


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