(de) FAU direkte aktion: DIE MÜHLEN DER LEIHARBEIT

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Sa Mai 19 09:37:46 CEST 2018


Bericht aus der alltäglichen Chronik der Human Resources ---- Betrieb & Gesellschaft Von: 
Kai - 16. Mai 2018 ---- Wieder mal klingelt das Telefon. Heute ausnahmsweise als richtiger 
Anruf - ein wenig persönlicher Kontakt zwischen meinem Arbeitgeber und mir - dem 
Leiharbeiter. Die letzten beiden Nachrichten wurden bereits von mir ignoriert und meine 
Kolleg*innen machen wohl das Gleiche. Ich hebe also ab, sonst hört es nie auf. Heute 
Nacht, 2 Uhr, irgendein für mich unbekannter Veranstaltungsort, in einem komplett anderen 
Stadtteil. Was zu tun ist, frage ich noch nicht einmal. Oft will ich gar nicht wissen, 
dass ich 6-10 Stunden Sachen schleppen werde, oder nur eine halbe Stunde Kabel rollen 
darf. Ganz abgesehen davon, dass Informationen meines Arbeitgebers, beispielsweise über 
die Arbeitszeit, aus einer anderen Realität zu kommen scheinen. Wahrscheinlich war damals, 
als er noch Arbeiter war, alles anders.

Das Geld ist sowieso wieder knapp und die Muskeln schmerzen nicht mehr so stark. Ich sage 
also zu. Ein paar Stunden später kommt dann die Nachricht. Natürlich hat sich, ohne 
erneuten Anruf, die zugesagte Anfangszeit verändert: 2.30 Uhr, Adresse des 
Veranstaltungsortes, Name und Telefonnummer des dort zuständigen richtigen Arbeiters, 
einer komplett anderen, mir unbekannten Firma, ist Inhalt dieser immer wiederkehrenden 
Erinnerungsnachrichten. Ich komme also zur neuen Zeit an, nachdem ich eine halbe Stunde 
den Ort mit meinem halb zerbrochenen Smartphone suchen musste. Manchmal hat man Glück und 
die Adresse der Nachricht stimmt, oftmals muss man zum versteckten Hintereingang und 
niemand weiß etwas über dich. Zu spät da sein, darf man natürlich nicht. Die 
Veranstaltungsbranche lebt von punktgenauer Zeitplanung.

Mindestens 3 Stunden Arbeit müssen mir gezahlt werden, so sagt es das Gesetz zur 
Leiharbeit. Das ist gut und ich bekomme sogar immer 4 bezahlt. Wenn man darauf hofft, an 
einem Tag mindestens 8 Stunden zu arbeiten, hört man jedoch auf, für die Arbeitstage etwas 
anderes zu planen.

"Workers" von Jaimebisbal, 2009, CC BY-NC-ND 2.0.
Der halbe freie Tag ist also oft mehr verloren als gewonnen. Planungssicherheit ist wohl 
das größte Problem als Leiharbeiter in dieser Branche. Ich kann nicht davon ausgehen, dass 
ich mein Soll für diesen Monat mit einer spezifischen Anzahl an Jobs erledigen kann. Ich 
bekomme auch gar nicht so viele Jobangebote am Anfang des Monats. Immer nur für maximal 
1-2 Wochen in der Zukunft. Dieses Privileg haben nur die alteingesessenen Leiharbeiter*innen.

Die Arbeit beginnt also. Wie so oft ohne ordentliche Einführung in die Aufgaben. Ich bin 
ein unqualifizierter Arbeiter und habe die meisten Dinge noch nie gemacht. Deswegen 
bekomme ich auch nur den Mindestlohn. Die Kunden meines Bosses erwarten jedoch mehr. Diese 
Diskrepanz ist entscheidend für das Funktionieren der Leiharbeit. Der Plan meines 
Arbeitgebers ist es, bei großer Auswahl an potentiell Arbeitenden die paar qualifizierten 
oder autodidaktisch begabten Arbeiter*innen, welche dann trotzdem noch für einen 
Mindestlohn arbeiten, zu identifizieren und möglichst lange in der Firma zu halten. Der 
Rest wird entlassen oder bekommt nur noch unbeliebte Jobangebote, welche neben 
körperlicher Kraft keine Fähigkeiten benötigen. Ich bin also schon in der besseren 
Position, insbesondere, weil ich Deutsch spreche.

Während der Arbeit ist die Stimmung für mich und meine Kolleg*innen sehr schlecht. Dies 
hat seinen Ursprung in einem weiteren entscheidenden Effekt der Leiharbeit. Ich werde nach 
Stunden bezahlt, die angestellt Arbeitenden pauschal für das geforderte Arbeitsvolumen. 
Wenn wir also ein paar Stunden weniger brauchen, können sie früher nach Hause. Ich hab 
weniger Geld. Und diese Art von Arbeitszeitspannung zwischen richtig angestellten 
Arbeitenden und Leiharbeiter*innen überträgt den Druck auf die Kolleg*innen. Der Boss ist 
also fein raus, muss nicht selbst Druck ausüben und alle arbeiten trotzdem so schnell es 
geht. Darüber hinaus muss er nur für seine Arbeitenden und nicht für mich und meine 
Leiharbeits-Kollegen*innen für gute Arbeitsbedingungen sorgen. Wir haben nie eine 
Kaffeemaschine oder ein Schließfach. Wir sind immer abhängig vom gutem Willen der 
richtigen Arbeiter*innen.

Dieses gegeneinander ausspielen der unterschiedlichen Arbeitsformen ist eine widerwärtige, 
moderne Errungenschaft des Abbaus der Arbeitsrechte. Die Leiharbeit, wie auch die 
Zeitarbeit, sind Formen der Arbeit, welche bereits vor mehr als hundert Jahren bekämpft 
und damals besiegt wurden. Diese Jobs sind keine guten Jobs und werden es auch in Zukunft 
nicht sein. Wir als Arbeiter*innen müssen dies erkennen und dürfen uns nicht spalten lassen.

Titelbild: "Workers" von Jaimebisbal, 2009, CC BY-NC-ND 2.0.

https://direkteaktion.org/die-muehlen-der-leiharbeit/


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