(de) FAU, direkte aktion - STREIK BEI DELIVEROO: HONGKONGER BANKER IN ANGST UM VERLUSTE

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Sa Mai 5 09:38:01 CEST 2018


Bei Deliveroo herrschen miserabele Arbeitsbedingungen für Fahrer*innen. Kritik daran 
entzündet sich international. Nun streiken auch in Hongkong die Beschäftigten. ---- 
Globales Betrieb & Gesellschaft Von: Gustav Feder - 2. Mai 2018 ---- "Dann müssen wir ja 
selbst runterlaufen und uns Essen holen! In der Zeit verlieren wir doch viel Geld!" Das 
entfuhr dem Mund etlicher Banker in Hong Kong Island, einem der wichtigsten globalen 
Finanzstandorte, als bis zu 300 Deliveroo-Fahrer*innen Ende März für zwei Tage in den 
Streik traten. Am 22. und 23. Januar trafen sich die Fahrer, einschließlich der wenigen 
Fahrerinnen von Deliveroo vor dem Büro Cleverly Street und verweigerten das Ausfahren von 
Essen. ---- Streikende vor der Deliveroo-Zentrale in Hongkong ---- Sie forderten u.a. 
ordentliche Beschäftigungsverhältnisse anstelle von Scheinselbstständigkeit, die 
Beibehaltung des 11-Stunden Tages und die Kostenübernahme von Strafzetteln. Über den 
Streik wurde bereits berichtet. (siehe dazu z.B.: Hong Kong Workers' News)

Wir wollen hier versuchen, einige Hintergründe des Streiks und die Arbeitsbedingungen der 
Fahrer*innen in Hongkong zu beleuchten. Auf der Hauptinsel Hongkong, wo die Wolkenkratzer 
von Banken, Geschäftszentralen und Handelshäusern dicht gedrängt in den Himmel ragen, 
arbeiten etwa 500 Fahrer*innen für Deliveroo. In anderen Stadtteilen wie Kowloon arbeiten 
weniger, denn hier gibt es viel weniger Bürogebäude und vor allem weniger gut- und 
hochbezahlte Stadtbewohner*innen. Neben Deliveroo bieten auch Foodpanda, das dem Berliner 
Konzern Delivery Hero (Foodora) gehört, UberEats und Honest-B Essenslieferdienste an. 
Foodpanda beherrschte vor ein bis zwei Jahren den Liefermarkt in Hongkong, verlor aber 
sehr viele Marktanteile an Deliveroo, das jetzt wahrscheinlich zwei Drittel oder mehr der 
Essenslieferungen besorgt. Während bei Foodpanda alle Fahrer*innen als Angestellte, 
einschließlich Sozial- und Krankenversicherung, angestellt sind, arbeiten die Fahrer*innen 
anderer Dienste als Freelancer.

Die größte Gruppe der überwiegend männlichen Fahrer haben einen migrantischen Hintergrund 
aus Südasien, insbesondere Pakistan und Indien. Viele von ihnen leben entweder schon zehn 
oder zwanzig Jahre in Hongkong oder sind hier geboren und aufgewachsen; alle oder fast 
alle von ihnen besitzen eine Hongkonger Staatsbürgerschaft. Sie sprechen oft untereinander 
Urdu oder Hindu und Englisch und nicht wenige sprechen Kantonesisch. Aber nicht viele 
dieser Gruppen können Kantonesisch lesen, dies und die fehlende gute Ausbildung erschwert 
ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt. Oft sind sie Mitte Dreißig bis Mitte oder Ende Vierzig 
oder älter. Lokale Hongkonger mit ostasiatischem Hintergrund bilden eine Minderheit. Sie 
sind oft jung, unter Dreißig und sprechen Kantonesisch als Muttersprache und - wenn 
überhaupt - nur sehr bruchstückhaft Englisch. Auch einige junge Einwanderer aus 
Festlandchina arbeiten hier. Die Fahrer*innen mit ostasiatischem Hintergrund haben es zwar 
sprachlich leichter als ihre Kollegen, aber aufgrund fehlender Ausbildung bzw. Studium 
bieten sich für sie auf dem sehr verschlossenen Hongkonger Arbeitsmarkt nur einfache, 
angelernte Beschäftigungsmöglichkeiten. Die beiden Gruppen verbringen die Pausen oft 
relativ getrennt voneinander, z.B. die einen in einem kleinen Park, die anderen eine 
Straßenecke weiter auf ihren Motorrollern. Es schien uns aber nicht so, als gäbe es 
besondere Spannungen oder tiefe Kommunikationsbarrieren zwischen diesen beiden Gruppen.

Der Auslöser für den Streik war die Abschaffung der garantierten elf entlohnten 
Arbeitsstunden am Tag. Bis dahin garantierte Deliveroo seinen Fahrer*innen 11-Stunden-Tage 
und zahlte pro Stunde 75 HKD (etwa 8 Euro) pro Stunde, wenn innerhalb der 11 Stunden 
mindestens 11 Lieferungen besorgt wurden. Ab der zwölften Lieferung gab es 20 HKD (ca. 
2,30 Euro) pro Lieferung. Nun sollte die Garantie für 11 Stunden wegfallen und die 
Fahrer*innen nach Bedarf später bestellt oder früher in den Feierabend geschickt werden. 
Die bis dahin durchschnittlich über 1000 HKD am Tag sollten also zusammenschmelzen. Für 
die Fahrer*innen ist der Tagessatz wichtig, das, was sie absolut verdienen können, dafür 
nehmen sie auch die sehr langen Arbeitstage und Pedelwege in Kauf. Der Wegfall dieser 
Garantie brachte die Fahrer*innen auf die Straße und ließ beide Gruppen zusammen kommen. 
Die Initiative ging von Fahrer*innen mit südasiatischem Hintergrund aus, die sich sehr 
schnell untereinander einigten, im Park nahe des Deliveroo-Büros versammelten und sehr 
bald andere Fahrer*innen von der Notwenigkeit zu streiken überzeugten.

Ein Streik für die Beibehaltung des 11-Stundentages! Diese Forderung wird verständlicher, 
wenn die Lebensbedingungen vieler Fahrer*innen betrachtet werden. Insbesondere diejenigen 
mit südasiatischem Hintergrund, mit denen wir gesprochen haben, haben Familien zu 
versorgen. Die Mieten in Hongkong sind extrem hoch, auf dem privaten Mietmarkt sind 
verfügbare Wohnungen sehr eng und oft fensterlos und auch die Schulgelder sind sehr teuer. 
Ein Fahrer, mit dem wir sprachen, hat vier Kinder und muss für ihre Schulgebühren 
aufkommen. Er und auch viele seiner Kolleg*innen arbeiten jeden Tag, auch am Wochenende, 
in 11-Stundenschichten; im Monat macht er nur an ein oder zwei Tagen frei. So kann er ca. 
28.000 HKD verdienen, wobei er bis zu 10.000 HKD an Ausgaben für das Fahrzeug, Benzin etc. 
hat. Bleiben also 18.000 HKD, ca. 2.000 Euro. Das sind sehr viele Arbeitsstunden, aber 
auch vergleichsweise gutes Geld. Denn viele der Deliveroo-Fahrer waren vorher entweder bei 
anderen Lieferdiensten beschäftigt oder haben auf dem Bau als Gerüstbauer gearbeitet. Hier 
sind die Löhne, bzw. die in absoluten Zahlen höchsten Verdienstmöglichkeiten, oft 
niedriger. Der Gerüstbau ist nicht nur gefährlich, sondern körperlich anstrengender als 
das Essenausfahren. Vor diesem Hintergrund sind die Lieferdienste keine schlechte 
Alternative für viele - vorausgesetzt, die Arbeiter*innen können auf garantierte 
Stundenzahlen setzen. Fällt diese Garantie weg, schwindet auch die Möglichkeit, den 
Familienunterhalt zu erwirtschaften.

Daher stand für Fahrer*innen die Forderung nach garantierten 11-Stundentagen im 
Mittelpunkt des Streiks, dies war der gemeinsame Nenner aller Streikenden. Viele Fahrer 
erzählten uns aber auch von weiteren Forderungen, u.a. dass sie eine formelle Anstellung 
statt Scheinselbstständigkeit wollen, beschwerten sich "wir sind Freelancer, aber wir 
haben keine Freiheit". Auch soll Deliveroo die Versicherungen, Rentenbeiträge und 
Strafzettel bezahlen. Was auch einige Fahrer*innen geärgert hat, war die Streichung des 
monatlichen Firmenabendessen, dass Deliveroo vormals organisiert hatte. Alles in allem hat 
dies das Fass der Unzufriedenheit zum Überlaufen gebracht.

Für die Streikmobilisierung der Gewerkschaft war dies nicht relevant, sie erfuhr davon 
erst aus den Nachrichten, schickte Vertretende, um vor Ort Mitglieder zu werben und um 
einen Rechtsbeistand anzubieten. Die Streikverhandlungen wurden hauptsächlich von 
Sprechern der südasiatischen Gruppe geführt, welche recht früh aktiv wurde. Wer die 
Verhandlungen genau geführt hat und wie sie mit den übrigen Streikenden abgestimmt wurde, 
konnten wir nachträglich nicht mehr genau herausfinden. Vorerst hatten die Streikenden 
gewonnen. Deliveroo musste die Garantie für die 11-Stundentage erneuern. Vorerst, denn im 
Laufe des April erfuhren wir wiederholt davon, dass diese Garantie aufgeweicht wurde.

Wir werden weiter beobachten, was geschieht. Sicherlich haben die Fahrer*innen durch den 
Streik ein Mittel gefunden, sich zu wehren - und werden dies so schnell auch nicht 
vergessen: Fahrer*innen, die uns vom Streik erzählten, hatten stets ein kaum zu 
übersehendes Leuchten in den Augen und sichtlich Spaß daran, es Deliveroo einmal gezeigt 
zu haben.

https://direkteaktion.org/streik-bei-deliveroo-hong-konger-banker-in-angst-um-verluste/


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