(de) fau berlin: Make Syndicalism Great Again! Zehn Jahre Neustart der FAU Berlin - eine Bilanz,Veröffentlicht am 20.03.2018

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Do Mär 22 08:11:04 CET 2018


Heute vor zehn Jahren, am 20. März 2008, löste sich das Kultursyndikat der FAU Berlin auf. 
Es folgte damit dem Bildungssyndikat, das zuvor schon diesen Schritt vollzogen hatte, um 
im Allgemeinen Syndikat aufzugehen. Die FAU Berlin war damit als Lokalföderation - ein 
föderaler Zusammenschluss autonomer Syndikate - erst einmal Geschichte. Notwendig war die 
Bündelung in einem einzelnen Syndikat, weil sich die FAU Berlin regelrecht zerlegt hatte. 
Damit war aber auch eine Neuausrichtung eingeleitet, die zu einem bemerkenswerten Aufstieg 
des Berliner Syndikalismus führen sollte. An eine FAU Berlin, wie man sie heute kennt, als 
florierende Basisgewerkschaft, war damals jedenfalls nicht zu denken. Den Weg, den sie im 
vergangenen Jahrzehnt gegangen ist, lässt dieser Artikel eines langjährigen Mitglieds noch 
einmal Revue passieren.

Heute ist die FAU Berlin eine stattliche Kraft. Mit ihren knapp 500 regulären Mitgliedern 
knüpft sie nicht nur an den Stand der Berliner FAUD von 1933 an, sondern stellt auch in 
der Hauptstadt die größte Aktivenorganisation der außerparlamentarischen Linken. Vielen 
gilt sie heute als innovative Basisgewerkschaft, die vor allem in prekären und 
migrantischen Betroffenheitslagen Akzente setzt. Syndikalismus ist durch sie wieder zu 
einem geläufigen Begriff im Blätterwald geworden. Selbstverständlich war diese Entwicklung 
freilich nicht. Einst verschrien als kleine Truppe von "Kneipenanarchisten", war sie lange 
Zeit eher dafür belächelt worden, dass sie sich Gewerkschaft nannte. Auch Staat und 
Kapital lachten sich wohl - sofern sie überhaupt Notiz nahmen - eher schlapp. Denn wie 
auch andere Gruppen der radikalen Linken war sie vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Zum Wendepunkt in dieser Geschichte kam es erst vor zehn Jahren, nachdem die FAU Berlin 
fast zusammengebrochen war. Denn das Jahr 2007 hindurch hatten interne Konflikte die 
Organisation lahmgelegt und zu Zerwürfnissen geführt. Auch bedingt durch die schwachen 
Strukturen, war ein Kollaps nicht mehr abzuwenden. Übrig blieben etwa zwei dutzend 
Mitglieder, welche die damals zahlungsunfähige Organisation neu ausrichteten. Im März 2008 
wurden dann alle Kräfte in einem neuen Syndikat gebündelt, das sich handlungsfähigere 
Strukturen und eine formalisierte Funktionsweise gab. Vor allem aber setzte sich damit 
endgültig die Vorstellung durch, dass die FAU Berlin ein Projekt sein soll, das sein 
syndikalistisches Erbe auch wirklich ernst nimmt. Die erfolgreiche Entwicklung, die der 
Berliner Syndikalismus von da an nahm, soll im Folgenden bilanziert werden.

Zusammenbruch und Neuanfang: Das Ende einer dauernden Klemme
Es ist hier nicht der Ort, auf die verschiedenen Konflikte im Detail einzugehen, die vor 
zehn Jahren zum Crash der FAU Berlin zusammenliefen. Daher nur so viel: Im Grunde waren 
sie Ausdruck des prinzipiellen Dissens, ob man eine Affinitätsgruppe sein will, in der 
Gleichgesinnte zusammenfinden, die auch persönlich miteinander harmonieren, oder eine 
Interessenorganisation (wenn auch mit politischem Profil), in der Lohnabhängige mit 
unterschiedlichem Hintergrund sich in ihren Kämpfen unterstützen, unabhängig von ihren 
persönlichen Differenzen. Erstere Tendenz ist zweifellos typisch für die radikale Linke, 
die seit 1968 ein besonderes Gewicht auf die persönliche Ebene legte und diese regelrecht 
politisierte, oftmals einhergehend mit einer Abneigung, organisatorische Abläufe zu 
formalisieren. Auch in der FAU Berlin hatte sich diese Tradition eingekerbt.

2004: Erste größere Mobilisierung der FAU während der Proteste gegen die Agenda 2010
Die Folge davon war das, was die Feministin Jo Freeman einst als "Tyrannei der 
unstrukturierten Gruppen" bezeichnete: eine schwache "Organisation", in der persönliche 
Dynamiken ungefiltert aufeinandertreffen, in der die Probleme zwischen Mitgliedern viel 
Raum einnehmen, ja politisch aufgeladen werden, in der Klärungsprozesse besonders 
zeitintensiv sind, kurz: ein Ort, an dem man viel damit beschäftigt war, sich gegenseitig 
zu maßregeln. Entsprechend laborierte die FAU Berlin an demselben Problem wie viele linke 
Gruppen. Sie war unfähig, mehr als zwei Dutzend Menschen zusammenzubringen, ohne den Laden 
zum Bersten zu bringen. Zugleich wurden damit gute gewerkschaftliche Ansätze - in dieser 
Zeit durchaus schon vorhanden - konterkariert. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis 
die szenige Richtung mit den gewerkschaftlichen Bemühungen in Konflikt geriet.

Wichtige Gewerkschaftsimpulse kamen aus dem Kultursyndikat, das auch diesen beliebten 
Musiksampler herausgab

Tatsächlich führte dieser Konflikt letztlich dazu, dass man ab Ende 2007 getrennte Wege 
ging und sich die gewerkschaftlichen Ansätze entfalten konnten. Die Verbliebenen teilten 
die Ansicht, dass es formalisierter Strukturen bedarf, auf denen ein komplexer sozialer 
Organismus - und das wäre eine mitgliederstarke Basisorganisation ja - aufbauen kann. 
Diese sollten zum einen Handlungsfähigkeit ermöglichen und zum anderen interne Dynamiken 
in einen produktiven kollektiven Prozess lenken. Auf diese Weise sollte die Struktur auch 
inklusiver für Menschen werden, die nicht die szenetypischen Verhaltensmuster 
verinnerlicht haben, die in Affinitätsgruppen häufig zur Voraussetzung gemacht werden. 
Kurzum: In der FAU Berlin sollte man entlang der gemeinsamen Interessen kämpfen und nicht 
mehr gegeneinander; sollte die kollektive Entscheidung über den persönlichen Differenzen 
stehen.

Der Versuch ab 1998/99, eine Föderation von Bildungssyndikaten aufzubauen, blieb in den 
Ansätzen stecken

Dafür musste zunächst einmal aufgeräumt werden. So lösten sich das Kultursyndikat und das 
Bildungssyndikat (zuvor autonome Strukturen) auf und gingen im März 2008 in einem neuen 
Allgemeinen Syndikat (ASy) zusammen. Dieses übernahm den Schuldenberg, den das alte ASy 
gegenüber der Bundes-FAU zurückgelassen hatte, und gab sich endlich - es klingt fast schon 
peinlich - eine Satzung, in der grundsätzliche Regeln festgelegt wurden. Anstelle der 
autonomen Syndikate trat ein Modell von Sektionen und Arbeitsgruppen, in denen 
bereichsspezifische Arbeit stattfindet und gleichzeitig gewährleistet wird, dass sich die 
Organisation nicht auseinanderdividiert. Syndikatsausgründungen sollten nur noch auf einer 
vitalen Basis möglich sein. Außerdem wurde Stück für Stück das Sekretariat ausgebaut, mit 
einem klaren Handlungsprofil und differenzierter Funktionsweise.
Vor allem aber wurde eine Kultur des Vertrauens geschaffen, in der man sich trotz 
persönlicher Differenzen als GenossInnen respektieren kann. Differenzen wurden darin nicht 
mehr als etwas Problematisches betrachtet, sondern als Grundlage für Weiterentwicklung, 
steckt im leidenschaftlichen Austausch der Argumente und im Versuch, sie überzeugend 
auszuführen, doch das eigentlich innovative Potential. Es galt, kontrovers miteinander zu 
streiten und nach dem kollektiven Entschluss umso solidarischer zusammenzustehen. Betont 
wurde das, was verbindet, und nicht das, was trennt, stets voraussetzend, dass alle das 
Gleiche wollen und nur unterschiedliche Auffassungen über die Realisierung haben. Die 
Arbeit in der Organisation sollte motivierend sein, statt Energien aufzusaugen; 
Persönlichkeiten sollten sich entfalten können statt sich veräußern zu müssen.

Gegen Arbeit ohne Lohn und Babylohn: Neuaufbau im Schatten der Krise
Während die radikale Linke zu jener Zeit damit beschäftigt war, das revolutionäre 
Morgenrot in Gestalt der kapitalistischen Krise zu verkünden, versuchte die FAU Berlin 
zunächst einmal, ihre Hausaufgaben zu machen. Denn um Gesellschaft verändern zu können, 
musste erst ein Ansatz entwickelt werden, mit dem man Zugriff auf die Verhältnisse 
bekommt. Eine Organisation, die nur mit sich selbst beschäftigt ist, bewirkt letztlich 
weniger als jede Reformistin. In diesem Sinne verständigte man sich auf eine Vision des 
strategischen Organisationsaufbaus. Und das hieß zunächst einmal, kleine Brötchen zu 
backen statt revolutionäre Phrasen zu spucken. Das gewerkschaftliche Profil musste in 
einer Weise gestärkt werden, die auch der Bescheidenheit der Organisationsrealität 
entspricht. Den großen Wurf konnte man nicht anbieten, aber die volle Solidarität im 
Rahmen der Kräfte.

Der leider mittlerweile verstorbene Genosse Markus Klawitter beim MCS-Arbeitskampf
Zwar hatte es in der FAU Berlin früher schon Kämpfe gegeben (wie den Konflikt im 
Callcenter MCS oder die federführende Beteiligung an den Hartz-IV-Protesten), doch waren 
diese nicht eingebettet in eine strategische Perspektive, die Kontinuität versprach. 
Erfahrungen und Organisationserfolge wurden schnell egalisiert durch die toxischen 
internen Prozesse. Außerdem verzettelte man sich öfters in Szenekampagnen, wo als 
Gewerkschaft nichts zu gewinnen war. Mit der Kampagne "Keine Arbeit ohne Lohn!" setzte die 
FAU Berlin im Sommer 2008 nun auf Grundlagenarbeit. Mit dem Problem unbezahlter Arbeit 
(z.B. in Praktika und Probeschichten) belegte sie ein gewerkschaftlich vernachlässigtes 
Feld und wurde so zu einer Ansprechpartnerin für Betroffene und interessierte Medien. 
Zugleich zwang man sich damit, die eigene Expertise in spezifischen Problemfeldern zu 
entwickeln.

Banner der KAoL-Kampagne

Mit dem Fall eines Mitglieds, das beim ABM-Träger ZIM willkürlich rausgeschmissen und 
somit von Sanktionen durch das Jobcenter betroffen war, trat die neue FAU Berlin dann im 
November erstmals in einen Arbeitskampf. Er sollte prototypisch für die Organisation 
werden. Denn obwohl aufgrund mangelnder Ansatzpunkte ziemlich aussichtslos (weder gab es 
eine kollektive Basis im Betrieb, noch eine Kundenabhängigkeit des Trägers), mobilisierte 
das Syndikat über Monate all seine Kräfte, setzte den Träger mit einer neuartigen 
Kommunikationsblockade unter Druck und machte die Situation in der Beschäftigungsindustrie 
("Träger-Mafia") zum Politikum. Auf diese Weise wurde die FAU Berlin zu einem Versprechen: 
Wenn sie auch nicht gewinnt, spaßig wird es für die Bosse, die sich mit auch nur einem 
ihrer Mitglieder anlegen, gewiss nicht.

Präsenz von FAU-Mitgliedern vor dem Kino Babylon Mitte

Den Durchbruch erzielte die FAU Berlin dann mit dem Kampf im Kino Babylon Mitte, wo sie 
zum ersten Mal offensiv eine Belegschaft organisierte und mit dieser ab Sommer 2009 für 
einen Haustarifvertrag kämpfte. Die spektakuläre Arbeitskampfmethode des Boykotts, den sie 
aufgrund der speziellen Situation wählte (das Kino wurde vor allem vom Senat finanziert 
und war weniger von Einnahmen abhängig), erregte über Monate bundesweite Aufmerksamkeit in 
der Medienlandschaft. Die täglichen picket lines vor dem Kino und wiederkehrende Aktionen, 
etwa zur "Linken Kinonacht", zeigten, zu welchem Kraftaufwand die kleine Gewerkschaft in 
der Lage ist, während ihre bundesweiten und internationalen Bündnispartner das Kino und 
seine Kooperationspartner mit Protestschreiben überfluteten. Es schien nur eine Frage der 
Zeit, bis der Betreiber nachgeben muss.

Broschüre von Hansi Oostinga zum Arbeitskampf im Babylon Mitte

Dazu kam es jedoch nicht. Unter Vermittlung der mitregierenden Linkspartei schaltete sich 
ver.di in den Konflikt ein, die eigentlich über keine Basis im Betrieb verfügte. Zugleich 
zweifelte der Betreiber gerichtlich die Tariffähigkeit der FAU Berlin an, ein Konstrukt, 
das eigentlich geschaffen wurde, um genuine Gewerkschaften vor Scheingewerkschaft zu 
schützen. In einem Verfahren um eine Einstweilige Verfügung folgte der Richter der 
Argumentation des Betreibers, womit erstmals in der bundesdeutschen Geschichte einer im 
Arbeitskampf befindlichen Gewerkschaft die Fortführung jenes Kampfes untersagt wurde, der 
bisher ja dazu diente, die Tariffähigkeit durch soziale Mächtigkeit unter Beweis zu 
stellen. Aus verschiedenen Gründen verzichtete die FAU Berlin auf ein Hauptverfahren, 
während ver.di im Dezember 2009 einen Dumping-Tariffvertrag im Kino abschloss.
Keinen Konflikt verloren geben: Ein Nimbus entsteht

Solidaritätsgruß einer TextilarbeiterInnen-Gewerkschaft aus Bangladesch

Der Ausgang der Babylon-Geschichte war ein Nackenschlag für die kleine Gewerkschaft mit 
dem neuen Selbstbewusstsein. Andererseits hatte sie enorm an Prestige gewonnen, weil sie 
zeigte, zu was sie imstande ist. Aufmerksamen BeobachterInnen war nicht entgangen, dass 
sie im Babylon Mitte nur durch eine fragwürdige Dehnung des Rechts und durch politische 
Manöver gestoppt werden konnte. Zugleich ließ sie sich von rechtlichen Rückschlägen - 
darunter auch das zwischenzeitliche Verbot des Gewerkschaftsbegriffs - nicht entmutigen 
und wendete sie in kämpferische Kampagnen, etwa zur Verteidigung der 
Gewerkschaftsfreiheit. Sie politisierte das Thema in der Öffentlichkeit, organisierte 
erste eigenständige Demonstrationen und mobilisierte (internationale) 
Unterstützernetzwerke. Am Ernst des Projekts gab es nun kaum mehr Zweifel.

Eine der ersten eigenständigen Demos der FAU Berlin: Gegen die Angriffe auf ihren 
Gewerkschaftsstatus

Das Jahr 2010 diente dann vor allem der Konsolidierung der Organisation, die auf knapp 100 
Mitglieder angewachsen war. Aus den gemachten Erfahrungen wurden Konsequenzen für die 
Organisationsstruktur gezogen, deren Funktionen weiter differenziert werden mussten. Das 
Sekretariat wurde erweitert, die rechtliche Expertise ausgebaut, die Zusammenarbeit mit 
Anwältinnen und Anwälten verbessert. Auch eine neue Homepage wurde auf den Weg gebracht, 
um die Perspektiven der FAU Berlin besser vermitteln zu können. Ende des Jahres stand dann 
der Umzug von der Straßburger Straße (Prenlz-Berg) in die Lottumstraße (auch Prenzl-Berg) 
an. Damit erweiterte sich die FAU Berlin auch räumlich, da ihre wachsenden Strukturen mehr 
Platz erforderten. Gleichzeitig führte sie ein regelmäßiges Veranstaltungsprogramm ein, um 
das neue Lokal mit mehr Leben zu füllen.

FAU-Mitglieder bei den Protesten gegen die Heinrich-Böll-Stiftung

Von der Lottumstraße aus wurden zahlreiche kleine Arbeitskämpfe geführt, in denen sich die 
FAU Berlin den Nimbus erarbeitete, keinen Fall verloren zu geben, so unbedeutend er auch 
erscheinen mag - und in der Regel auch zu gewinnen. Dazu zählen Auseinandersetzungen mit 
der Merkur-Spielothek, einem Spätkauf in Friedrichshain, dem Spieleautomatenhersteller 
Bally Wulff, dem Landwirtschaftsbetrieb Teltower Rübchen, einem Messeshop oder der 
Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, die von illegaler Leiharbeit Gebrauch machte. Hinzu 
kommen viele Konflikte, die aus taktischen Gründen gar nicht erst den Weg an die 
Öffentlichkeit fanden und durch einfache Druckmittel der Gewerkschaft gelöst werden 
konnten, wie auch einige Fälle, in denen die FAU Berlin den rechtlichen Weg wählte, um den 
Mitgliedern ressourcensparend zu ihrem Recht zu verhelfen.

Erfolgreiche Lohneintreibung bei einem Gastronomiebetrieb

Ab 2012 trug die FAU Berlin dem zunehmenden internationalen Charakter der Hauptstadt - 
also dem starken Zuzug junger Lohnabhängiger aus dem Ausland - Rechnung, indem sie ihre 
"Foreigners Section" ins Leben rief. Diese sollte die bestehenden Branchensektionen (etwa 
Bau & Technik, Medien, Kultur, Bildung, Soziales) insofern erweitern, als das 
fremdsprachige KollegInnen mit spezifischen Problemen zu kämpfen haben und auch innerhalb 
der Gewerkschaft andere Hilfestellungen benötigen. Die Sektion wurde schnell von vielen 
ausländischen KollegInnen wahrgenommen und unterstützte viele von ihnen in kleineren 
Konflikten, so etwa in Fällen, wo sie um ihren Lohn geprellt wurden, insbesondere im 
gastronomischen Bereich. Mehrfach konnte die Sektion ihnen schnell und unkompliziert zu 
ihrem Recht verhelfen und den Lohn eintreiben.

Proteste während des Arbeitskampfs an der Schwedischen Schule

Komplizierter stellte sich wiederum der Fall in der kirchlich verfassten Schwedischen 
Schule dar, der bereits 2014 seinen Anfang nahm. Hier wurde die gesamte Belegschaft zuerst 
entlassen und anschließend je nach Treueverhältnis zur Geschäftsführung zu 
unterschiedlichen Konditionen wiederangestellt bzw. - im Fall zweier FAU-Gewerkschafter - 
gar nicht wiedereingestellt. Letztlich konnten die lang anhaltenden Proteste der FAU 
Berlin ebenso wenig bewirken wie die Solidarität unserer schwedischen 
Schwestergewerkschaft SAC. 2015 scheiterte die FAU Berlin schließlich vor Gericht mit 
einer Kündigungsschutzklage, da dieser in Kleinbetrieben nicht greift. Die Betroffenen 
stellten dennoch heraus, dass auch eine punktuelle Niederlage den gewerkschaftlichen 
Kampfgeist in einer solidarischen Gewerkschaftsbewegung nicht brechen kann.
Die dickeren Bretter bohren: Von der "Mall of Shame" zur DeliverUnion

Einführung ins deutsche Arbeitsrecht (in 16 Sprachen!)

Inzwischen hatten die FAU Berlin ihren eigenen Gewerkschaftskosmos geschaffen. Sie 
verfügte über Betriebsgruppen in diversen Unternehmen und Einrichtungen und hatte ihre 
ganz eigenen Arbeitskampftaktiken entwickelt, die auf unterschiedlichen Wegen - mal 
öffentlich, mal jenseits der Öffentlichkeit - zum Erfolg führten. Außerdem gab sie 
zunehmend Infomaterialien heraus, etwa eine Einführung in das deutsche Arbeitsrecht für 
fremdsprachige KollegInnen, Tipps für geprellte LohnarbeiterInnen, Informationen zu 
Sexismus am Arbeitsplatz, Hilfestellungen in Honorarfragen für Übersetzer und 
Dolmetscherinnen usw. usf. Zugleich erweiterte sie ihr Beratungsangebot, etwa zu 
Mietrechtsfragen, Genderthemen oder Kollektivbetrieben, ebenso wie sie die interne Bildung 
ausbaute, insbesondere in Form von Arbeitsrechts- und Organizer-Trainings.

Mall of Shame: Demo zur Unterstützung der rumänischen Genossen

Eine neue Liga sollte sie dann mit einem Arbeitskampf erreichen, der unter dem Slogan 
"Mall of Shame" bekannt wurde. In diesem Fall organisierten sich Ende 2014 mehrere 
rumänische Bauarbeiter in der FAU Berlin, die beim Bau der "Mall of Berlin" um ihren Lohn 
geprellt wurden. Hier hatte es die Gewerkschaft mit einem undurchsichtigen Netzwerk von 
Sub- und Sub-Sub-Unternehmen zu tun, vor dem anderen Gewerkschaften normalerweise sofort 
kapitulieren. Die FAU Berlin nahm den Kampf dennoch auf, organisierte Proteste und 
Demonstrationen, brachte den Fall in die bundesweiten Medien. Und sie klagte sich 
erfolgreich durch das Firmengeflecht, ganz hoch bis zur Inverstorfirma, die sie in der 
Verantwortung sieht - ein Marathon, der bis heute anhält -, damit beweisend, dass sie auch 
für verfahrene und aufwendige Prozesse den Atem hat.

Union Coop - Föderation gewerkschaftlicher Kollektivbetriebe

Zugleich schloss die FAU Berlin ihren ersten Tarifvertrag in einem Versandhandel ab, wo 
sie die komplette Belegschaft organisierte. Und daneben immer wieder Konflikte: 
Nachbesserungen in einem Assistenzbetrieb, geschasste Promovierende an der TU Berlin, 
gegen Prekarisierung in der DGB-Bildungsarbeit, Honorarauseinandersetzung bei der 
Rosa-Luxemburg-Stiftung oder die Unterstützung einer Betriebsgruppe im Szeneclub SO36. 
Diese Liste macht deutlich, dass die FAU Berlin auch vor linken Strukturen nicht Halt 
macht. Das hat mit dem Anspruch zu tun, den sie an linkes Wirtschaften stellt. Da ist es 
nur konsequent, dass sie mittlerweile auch eine eigene Wirtschaftsföderation für 
Kollektivbetriebe ins Leben gerufen hat, die sich auf entsprechende Standards 
verpflichtet. Mit der "Union-Coop" bietet die FAU Berlin als erste Gewerkschaft einen 
Ansatz für diesen Teil der Arbeitswelt.

Organisierter Haufen: Protesaktion mit verschlissenen Fahrradteilen bei Foodora und Deliveroo

Indessen war ein weiterer Umzug fällig. Angewachsen auf 250 Mitglieder, erweiterte sich 
die FAU Berlin Anfang 2016 erneut räumlich und bezog in der Grüntaler Straße (Wedding) 
Quartier. Von hier aus nahm die DeliverUnion-Kampagne ihren Anfang, über die sich 
FahrerInnen von Foodora und Deliveroo organisierten und seitdem für mediale Furore sorgen, 
galt dieser Bereich doch als unorganisierbar. Dass Organisation und druckvoller Protest 
nicht alles sind, zeigt wiederum der Konflikt beim BLSB. Dort war die Belegschaft bestens 
organisiert. Doch statt auf ihre Forderungen nach Tarif und Entfristung einzugehen, 
entschied sich der Vorstand, den Großteil dieser kalt zu kündigen und auf jahrelange 
Expertise zu verzichten. Die ideologische Überzeugung, bloß nicht der Gewerkschaft 
nachzugeben, überwog hier das Interesse an funktionierenden sozialen Projekten.

Warnstreik beim Bildungs- und Sozialwerk des Lesben- und Schwulenverbandes 
Berlin-Brandenburg (BLSB)

Trotz mancher Misserfolge: Die FAU Berlin versteht sich als "kämpferische Gewerkschaft" - 
und macht diesem Selbstverständnis weiter Ehre. Allein jetzt befindet sie sich mit sieben 
Betrieben im Konflikt und ist in zahlreichen weiteren Betrieben organisiert. Und sie 
versteht sich als solidarische Gewerkschaft, was sie immer wieder mit Aktionen für 
kämpfende KollegInnen ihrer ausländischen Schwestergewerkschaften unter Beweis stellt. 
Eine Liste solcher Aktionen würde hier den Rahmen sprengen. Auch Organisationsgrenzen 
bedeuten ihr nichts, wenn es ihr um die Sache geht. So schloss sie sich etwa gerade erst 
den Warnstreiks von GEW und ver.di für einen studentischen Tarifvertrag in Berlin an - ein 
Anschlussstreik sozusagen. Mit dem "Streikgeldersatz" für streikende FAU-Mitglieder hat 
sie dabei gleich mal die nächste gewerkschaftliche Neuerung ins Spiel gebracht.
Potentiale und Probleme: Ein kritischer Ausblick

Einfach ausfüllen und abschicken: Hier geht's zum Mitgliedsantrag

Nach wie vor hält das Wachstum der FAU Berlin an. Mit ihren mittlerweile knapp 500 
regulären Mitgliedern hat sie gar den ungefähren Stand der Berliner FAUD von 1933, vor 
ihrem Gang in den Untergrund, erreicht. Zwar befand sich diese damals auf dem absteigenden 
Ast, dennoch hat diese Marke symbolische Bedeutung. Denn lange galt der Syndikalismus 
hierzulande als etwas, das im früheren Kapitalismus vielleicht gezogen haben mag, sich 
aber nicht wiederholen lasse. Die FAU Berlin zeigt aber, dass ein Syndikalismus auf Höhe 
der Zeit möglich ist - und dass dieser durchaus an die Potentiale früherer Bewegungen 
anknüpfen könnte. Betrachtet man ferner, dass der gewerkschaftliche Organisierungsgrad 
heute generell geringer ist und viele Bereiche in Zeiten von Solo-Selbstständigkeit und 
Hybridisierung viel schwerer zu organisieren sind, ist diese Marke kaum zu unterschätzen.
Zumal die FAU Berlin damit auch über die Realität der heutigen Linken hinausprescht. Wenn 
wir von der eher als Rechtsschutz fungierenden "Rote Hilfe" absehen, dann stellt die FAU 
Berlin in der Hauptstadt mittlerweile die mit Abstand mitgliederstärkste Organisation 
dessen dar, was gemeinhin als "radikale" oder "revolutionäre" Linke bezeichnet wird. Und 
auch innerhalb des Gewerkschaftsspektrums muss sich die FAU Berlin, die einen sehr hohen 
Anteil an Aktiven hat, schon lange nicht mehr verstecken. Auch die 
DGB-Einzelgewerkschaften haben in der Region jeweils nur wenige hundert aktive Mitglieder. 
Ihre relative Stärke ziehen sie vor allem aus der tradierten institutionellen Macht, die 
ganz schnell zusammenbröckelt, sobald sie die "Arbeitgeber" nicht mehr anerkennen. Schon 
heute ist die FAU Berlin in manchen Bereichen handlungsfähiger als die DGB-Gewerkschaften.

Schicke Streikwesten

Freilich kennt die Erfolgsgeschichte der FAU Berlin auch Sorgen. Als basisdemokratische 
Organisation sind Reformprozesse häufig zäh, was insbesondere dann zum Problem werden 
kann, wenn strukturelle Schwachstellen Kapazitäten rauben, die in Konflikten dringend 
benötigt werden. Probleme in der Organisation lassen sich nicht so schnell abstellen, und 
oftmals brauch es eine lange Zeit, bis neue Mitglieder in einer Organisation angekommen 
sind, die von allen Beteiligten viel Durchblick abverlangt. Mitunter können solchen 
Wissensasymmetrien denn auch Konfliktpotentiale bieten. Zugleich werden Funktionen in der 
Organisation insofern immer wichtiger, als dass es bei den zunehmenden Kämpfen um immer 
mehr, manchmal sogar die Existenz, geht, Fehler also irreparabel sind. Das stellt die 
FunktionsträgerInnen vor einen großen Verantwortungsdruck, und das obwohl sie rein 
ehrenamtlich arbeiten.
Zugleich ist es der FAU Berlin immer noch nicht vollständig gelungen, sich von 
szenepolitischen Gewohnheiten zu trennen. Das macht sie an vielen Stellen immer noch 
unzugänglich für breitere Kreise. Gerade die an manchen Stellen immer noch informelle 
Arbeitsweise und die Skepsis davor, Arbeiten stärker zu delegieren oder Arbeitsteilungen 
vorzunehmen, führt dazu, dass viele Prozesse zeitintensiv sind oder sich gar oftmals im 
Kreis drehen. Gerade für prekäre Lohnabhängige, insbesondere Frauen mit familiärer 
Doppelbelastung, ist Zeit aber ein Luxus - und damit auch die Möglichkeit, in einer 
Basisorganisation aktiv zu sein. Problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang auch, 
dass nach wie vor viele Diskussionen in der Organisation Raum greifen, die für die 
wenigsten relevant sind, aber dennoch ihre Zeit in Anspruch nehmen.

In Gedenken: Unser 2017 verstorbener Anwalt Sebastian Kunz

Es wird eine Herausforderung sein, den Widerspruch zwischen Basisdemokratie und 
Effektivität aufzulösen. Denn bei einer Zielgruppe, in der Zeit eine kostbare Ressource 
ist, werden zeitintensive Organisationsformen eben zum Ausschlussmechanismus. Wenn die FAU 
Berlin inklusiver sein und weiterwachsen möchte, muss sie daher Strukturen schaffen, in 
der Arbeiten effektiver delegiert werden können, ohne dass die Basis die Kontrolle 
verliert. Zugleich muss sie das Problem lösen, dass einige Aufgaben immer 
verantwortungsvoller für die Organisation werden, die "Professionalisierung" dieser aber 
kritisch gesehen wird. Welche effektiven Modelle jenseits von bezahlten Funktionen 
bestehen oder ob sich diese doch verträglich nutzen lassen, ist gewiss eine unangenehme 
Frage. Die Antwort darauf ist aber entscheidend dafür, ob die FAU Berlin eine kleine, 
feine Gewerkschaft bleibt - oder ob sie sich als transformatorische Größe etabliert.
Ferdi Konun (unter Zuarbeit weiterer Mitglieder)

Anlässlich des zehnjährigen Relaunchs der FAU Berlin findet am 13. April ein Tresen-Talk 
im Berliner FAU-Lokal statt: "Was hat sie bloß so ruiniert? Warum die Linke (vielen) zu 
ungeil ist". Mit: Emily Laquer (IL), Hannah Wettig (Autorin, u.a. für Jungle World, 
analyse & kritik) und Peter Ullrich (Institut für Protest- und Bewegungsforschung). Bier, 
Schaum und Cocktails gibt es ebenso wie begleitende Hausmusik (Geigerzähler). Weitere 
Infos gibt es hier. https://www.facebook.com/events/226969521184020/

https://berlin.fau.org/news/make-syndicalism-great-again-zehn-jahre-neustart-der-fau-berlin-eine-bilanz


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