(de) FAU, direkte aktion: Die Zeit bringt Veränderungen, auch innerhalb der schwedischen SAC

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Mo Mär 5 08:16:46 CET 2018


(Sveriges Arbetares Centralorganisation; Zentralorganisation schwedischer Arbeiter*innen). 
Was gerade passiert, wie sie arbeitet und welche internationalen Bestrebungen es gibt, 
davon berichtet Gabriel Kuhn. ---- Globales Von: PennyParker - 28. Februar 2018 ---- Vor 
einigen Jahren (2012) hast Du ein Interview mit einem Mitglied der SAC über die Zukunft 
der Organisation für die DA geführt. Damals ging es vor allem um Veränderungen nach einem 
Kongress 2002, der eine "Rückkehr zu den Wurzeln der SAC" gebracht hat. Es stand vorrangig 
die stärkere Ausrichtung an syndikalistischer Gewerkschaftsarbeit zur Diskussion. Wie 
sieht es heute damit aus? Wie viele Mitglieder hat die SAC heute und wie hat sich die 
Arbeit innerhalb der Betriebsgruppen entwickelt?

Die SAC hat heute knapp 3000 Mitglieder. Die Mitgliedszahl ist seit einigen Jahren 
rückläufig, was aber auch mit einer Erneuerung des Mitgliedsregisters zu tun hat. Es gab 
viele reine Karteimitglieder, die schon lange keine Beiträge mehr zahlten und nicht mehr 
aktiv waren. Die jetzigen Zahlen vermitteln wenigstens einen realistischen Eindruck der 
Stärke der Organisation.

Beim Kongress 2012 wurde ein ambitioniertes Ziel verabschiedet, dem zufolge die 
Organisation innerhalb von fünfzehn Jahren (also bis zum Jahr 2027) 40.000 Mitglieder 
haben sollte. Offensichtlich ist man davon noch weit entfernt, aber die Kampagne wurde 
noch nicht aufgegeben. Mitglieder des sogenannten Zentralkomitees werden beim Kongress im 
Herbst neue Vorschläge präsentieren, um die Mitgliedschaften wesentlich zu steigern.

Das Zentralkomitee ist das Verwaltungsorgan der SAC. Die Mitglieder, die für dreijährige 
Kongressperioden gewählt werden, sind für die Öffentlichkeitsarbeit, die interne 
Kommunikation, die Finanzen und die Umsetzung der Kongressbeschlüsse zuständig. In der 
täglichen Arbeit sind die Ortsgruppen, genannt LS, sehr unabhängig.

Die viel beschworene Rückkehr zu den syndikalistischen Wurzeln hat zumindest zum Teil 
stattgefunden. Aber die starke Unabhängigkeit der LS führt zu großen Unterschieden von Ort 
zu Ort. Das Zentralkomitee kann letztlich nur Empfehlungen aussprechen, aber die 
inhaltliche Arbeit der LS nicht direkt beeinflussen. Es gibt weiterhin LS, die sich stark 
mit Themen beschäftigen, die nicht in erster Linie auf Arbeitskämpfe fokussieren: 
Geschlechtsidentität, Antifa, Migration.

In meiner persönlichen Einschätzung setzt sich die Mitgliedschaft der SAC aus drei 
Hauptgruppen zusammen: Zunächst gibt es Arbeiter*innen, die in ihren Kämpfen am 
Arbeitsplatz die Unterstützung einer Gewerkschaft haben wollen, die das direkte Engagement 
der Arbeiter*innen ins Zentrum stellt. Dann gibt es Aktivist*innen, die die Infrastruktur 
der SAC für ihre breitgefächerten linken Projekte nutzen wollen. Und schließlich gibt es 
jene, die ideologisch mit dem Syndikalismus sympathisieren, aber wenig mehr tun, als ihre 
Mitgliedsbeiträge zu zahlen.

Was Betriebsgruppen betrifft, besteht eine starke Fluktuation. Viele bilden sich, nur um 
bald wieder zu verschwinden. Selbst Mitglieder, die in erster Linie Gewerkschaftsarbeit 
machen, sind oft mit anderen Problemen beschäftigt: Organisationsfragen innerhalb der SAC 
oder allgemeinen Arbeitsfragen wie der Bedrohung von Streikrecht und Tarifverträgen, wozu 
es auch in Schweden kommt. Eine der in den letzten Jahren aktivsten Betriebsgruppen war 
jene der Stockholmer Angestellten von Systembolaget, dem staatlichen Unternehmen, das das 
Alkoholmonopol verwaltet. Auch die im öffentlichen Verkehr angestellten Genoss*innen in 
Stockholm sowie Pflegepersonal in Göteborg und Malmö sind seit langem schlagkräftig.

Es soll, durch die Reduzierung von Ombudsleuten in den Distrikten, eine starke 
Entbürokratisierung gegeben haben. Diese führte gerade in den ländlichen Gebieten zu 
einigen Problemen. Wie wurde damit umgegangen und wie sieht es heute aus?

Die Änderung bestand darin, bezahlte Angestellte zu streichen. Bis vor zehn Jahren hatten 
viele Regionen SAC-Angestellte, die die dortigen LS betreuten, das heißt, bei 
bürokratischem Kram halfen, Ausbildung betrieben und Arbeitskämpfe unterstützten. Diese 
Stellen wurden zum Teil aus Kostengründen abgebaut, vor allem aber deshalb, weil immer 
mehr Aktivität in der SAC von diesen Funktionären ausging, anstatt von den Arbeiter*innen 
selbst.

In den Großstädten gab es genug Ressourcen, um diesen Verlust zu kompensieren. Außerdem 
haben manche LS genug Mitglieder, um eigene Angestellte zu finanzieren. Auf dem Land und 
in kleineren Städten führten die Änderungen jedoch zu Schwierigkeiten und einige LS lösten 
sich sogar auf. Allzu viel wurde dagegen, ehrlich gesagt, nicht unternommen. Es gibt hier 
innerhalb der Organisation auch geteilte Meinungen. Einerseits wird der Verlust von LS 
natürlich bedauert. Andererseits gibt es Stimmen, die meinen, dass viele nur noch 
künstlich von den Funktionären am Leben gehalten wurden. In jenem Fall fehlen sowohl die 
Ressourcen als auch das Engagement, um diesem Trend entgegenzuwirken. Vor hundert Jahren 
war die SAC stark in den Bergbauregionen und der Holzindustrie des Landes verankert. Heute 
liegt das Zentrum der Organisation in den größeren Städten des Landes, die ein relativ 
starkes aktivistisches Milieu haben. Da hat sich viel verändert.

Es gab auch Probleme innerhalb der Kommunikationsstruktur in der SAC. Hat sich die 
Kommunikation zwischen den lokalen Gruppen seither gewandelt?

Das ist besser geworden, nicht zuletzt als Resultat des neuen Mitgliedsregisters. Heute 
sind die Mitglieder zumindest alle an Kommunikation interessiert. Gerade im Großraum 
Stockholm funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen LS recht gut.

Etwas anders stellt sich die Situation hinsichtlich der Kommunikation zwischen LS und 
Zentralorganisation dar. Nicht alle Mitglieder des Zentralkomitees, die eigentlich dafür 
verantwortlich sind, nehmen sich die entsprechende Zeit. Umgekehrt geben viele LS auch 
nicht die Informationen weiter, die für das Zentralkomitee von Relevanz sind. Hier müssen 
sich wohl alle an der Nase nehmen.

Auch die Zukunft der Zeitschrift Arbetaren wurde erwähnt. Dabei ging es vordergründig 
darum, welche Inhalte publiziert werden und wer diese bestimmt. Zu welchen Entscheidungen 
kam es in dieser Richtung? Wie ist die Ausrichtung der Arbetaren heute?

Arbetaren erscheint mittlerweile zweimal wöchentlich online und es gibt eine monatliche 
Printausgabe mit ausgewählten Artikeln für Abonnent*innen. Als ich vor zehn Jahren nach 
Schweden kam, erschien die Zeitung noch wöchentlich in Papierform. Ich weiß nicht, ob sie 
langfristig überleben wird. Wie ihr selber wisst, beinhaltet die heutige Medienlandschaft 
enorme Herausforderungen für linke, nicht kommerziell orientierte Publikationsprojekte. 
Zudem kostet der Betrieb der Zeitung auch in seiner jetzigen Form viel Geld. Der größte 
Teil kommt von Mitgliedsbeiträgen. Das begeistert nicht alle.

Die inhaltliche Ausrichtung ist heute ein bisschen breiter als sie es vor einigen Jahren 
war, als man sich aufgrund eines Kongressbeschlusses sehr stark auf Arbeitskämpfe 
konzentrierte. Die jetzigen Redakteure versuchen, eine attraktive Zeitung zu gestalten. 
Sie leisten sehr gute Arbeit, aber, wie gesagt, die Umstände machen es ihnen nicht leicht.

Welche Arbeitskämpfe führt ihr momentan, bzw. wo liegt der Schwerpunkt eurer Arbeit?

Arbeitskämpfe werden primär von den Betriebsgruppen geführt. Nur manchmal werden Aktionen 
zentral koordiniert, zum Beispiel der Streik von Arbeiterinnen am 8. März. Der letzte 
Arbeitskampf, der wirklich große Aufmerksamkeit erregte, liegt schon mehrere Jahre zurück. 
Das war 2007/2008, als vor dem Stockholmer Szenelokal Berns ein Jahr lang an jedem 
Wochenende demonstriert wurde, um bessere Arbeitsbedingungen für migrantische 
Arbeitskräfte durchzusetzen. Seither ist die SAC medial nur beschränkt präsent. Etwas an 
Aufmerksamkeit erregte 2016 die Weigerung von in der SAC organisierten Buschauffeur*innen, 
während des Wahlkampfs mit Bussen zu fahren, deren Werbeflächen von den rechtsextremen 
Sverigedemokraterna eingenommen wurden.

In Deutschland kündigen sich momentan die Betriebsratswahlen an. Auch die 
nationalistischen Kräfte mobilisieren verstärkt zur Aufstellung rechter Betriebsräte in 
den Unternehmen. Zudem machen vor allem Identitäre Bewegungen ihren Meinungen Platz. Wie 
ist die Situation in Schweden?

Natürlich versuchen auch hier, rechte Kräfte in der Gewerkschaftsbewegung Fuß zu fassen. 
Das wird ihnen allerdings nicht so leicht gemacht. Viele schwedische 
Gewerkschaftsorganisationen erlauben Mitgliedern der Sverigedemokraterna oder anderer 
rechtsextremer Gruppierungen nicht, gewerkschaftliche Aufgaben zu übernehmen oder sich der 
Gewerkschaft überhaupt anzuschließen. Allerdings ist es schwierig, das in jedem Einzelfall 
zu kontrollieren.
Im Jahr 1999 machte das SAC-Mitglied Björn Söderberg öffentlich, dass an seinem 
Arbeitsplatz ein organisierter Neonazi im Betriebsrat saß. Söderberg wurde daraufhin im 
Treppenaufgang seines Wohnhauses ermordet. Drei Neonazis wurden für die Tat verurteilt. 
Die SAC verleiht seither jährlich einen "Preis für Zivilcourage" in Söderbergs Namen.
Im Allgemeinen ist die gewerkschaftliche Front gegen die Rechte in Schweden noch stark. 
2013 gründeten die Sverigedemokraterna eine eigene Gewerkschaft, das Projekt missglückte 
jedoch völlig und wurde nach einem Jahr wieder aufgegeben. Aber die Versuche, auf die 
Gewerkschaftsbewegung Einfluss zu nehmen, werden nicht enden. Es gilt, wachsam zu sein.

In der FAU beschäftigen sich einige intensiv mit der Vorbereitung einer neuen 
Internationale, unter anderem mit den Schwestergewerkschaften IP, USI, FOB und der 
spanischen CNT. Die Intensivierung internationaler Kontakte war auch eine der Kernaussagen 
des Interviews von damals. Was ist in dieser Richtung passiert? Welche Kontakte hegt die 
SAC? Und ist die neue Internationale ein Thema bei euch?

Hier ist sehr wenig passiert. Es gibt momentan kein internationales Sekretariat oder 
Komitee. Die Kontakte, die bestehen, sind großteils informell und beruhen auf persönlicher 
Bekanntschaft. Einige reichen zurück in die Zeit, als es noch stärkere Verbindungen zu 
anderen syndikalistischen Organisationen gab. So reisen auch heute wieder Genoss*innen zum 
Kongress der CGT nach Spanien. Sie werden dort aber wenig mehr tun, als eine Grußbotschaft 
zu übermitteln und Wein zu trinken.

In den 1950er Jahren kam es zu einem Konflikt zwischen der SAC und der IAA, was dazu 
führte, dass die SAC die Internationale verließ. Danach intensivierten sich die Kontakte 
zu anderen syndikalistischen Organisationen, die nicht Teil der IAA waren. Die Beziehungen 
zur CGT sind ein Beispiel, jene zur IWW ein anderes. Aber auch mit der FAU gab es immer 
wieder Kontakte, was nicht alle in der IAA gerne sahen.

Als die sogenannte Rot-Schwarze Koordination, die jetzt versucht, eine neue Internationale 
aufzubauen, mit ihren Treffen begann, war die SAC regelmäßig dabei. Mittlerweile ist das 
aber nicht mehr der Fall. Das hat keine ideologischen Gründe, sondern liegt einzig daran, 
dass es keine Priorität hat. Die meisten Mitglieder interessieren sich kaum für Fragen 
internationaler Organisierung. Nur wenige kennen die Geschichte der IAA. Die Geschehnisse 
der 1950er Jahren werden zwar von einigen der ältesten Mitgliedern diskutiert - wie man 
das heute so macht, in einer Facebook-Gruppe -, aber von den jüngeren hat kaum wer je 
davon gehört.

Es gibt jedoch ein sehr positives Beispiel, was internationale Solidarität betrifft. Die 
Betriebsgruppe der Systembolaget-Angestellten initiierte 2010 eine Kampagne mit dem Namen 
Rättvis vinhandel, auf Deutsch "Gerechter Weinhandel". Es ging darum, Systembolaget - und 
damit, als Eigentümer, den schwedischen Staat - zu zwingen, sich für die Rechte der 
Arbeiter*innen in den Weingärten Chiles, Argentiniens und Südafrikas einzusetzen, aus 
denen Systembolaget Produkte importiert. Es wurden enge Kontakte zu Basisgewerkschaften in 
den betroffenen Ländern aufgebaut und einige Erfolge erzielt. Diese waren schließlich so 
groß, dass sich auch Unionen, der größte Gewerkschaftsverband schwedischer Angestellter, 
gezwungen sah, aktiv zu werden. Ähnliches geschah Anfang der 2000er Jahre, als das 
Engagement der SAC für undokumentierte Arbeitskräfte dazu führte, dass sich auch der 
schwedische Gewerkschaftsbund LO der Frage annahm. Das mag bescheiden erscheinen, aber für 
die betroffenen Arbeiter*innen macht es enorme Unterschiede. Die 
Systembolaget-Angestellten erhielten im vorigen Jahr den Solidaritätspreis der 
Afrikagrupperna, die sich seit langem für die Kooperation mit afrikanischen 
Basisbewegungen einsetzen. Das Beispiel zeigt, wozu Betriebsgruppen der SAC bei 
entsprechendem Einsatz imstande sind.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg.

*Gabriel Kuhn wuchs in Österreich auf und lebt seit 2007 in Schweden. Er ist Mitglied von 
Stockholms LS und Autor. Sein neuestes Buch Anarchismus und Revolution erschien im Unrast 
Verlag.*

Weiteres zu: Geschichte und Gegenwart der SAC in der DA von G. Kuhn

Weitere Informationen über die SAC gibt es auf der Hompage hier.

Titelbild von syndikalismus.wordpress.com

https://direkteaktion.org/syndikalismus-im-wandel/


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