(de) direkte aktion: WEM GEHÖRT DAS JOBCENTER? -- Ein kleines Gedankenspiel zu militanter Erwerbslosigkeit Von: Simon ´Ekke´ Trimpin

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Mi Jun 27 06:44:11 CEST 2018


Die glücklichen Arbeitslosen scheinen alles und jede*n gegen sich zu haben. Allein die 
nackten Zahlen (wir erinnern uns, dreieinhalb Millionen Erwerbslose bei weniger als einer 
Millionen freier Stellen[1]scheinen auf der Seite ihrer Fürsprecher*innen zu stehen - und 
wer mag sich schon auf nackte Zahlen berufen und so tun, als lebten wir in einer 
vernunftbasierten Gesellschaft? Gerade (glücklichen, aber auch glücklosen) Arbeitslosen 
erschiene dieser Gedanke lächerlich, wenn er nur nicht so traurig wäre. ---- Und ansonsten 
hat sich alles gegen das Anliegen der Glücklichen Arbeitslosen verschworen: das 
öffentliche Meinungsbild, die vermeintliche Leistungskultur (weiß der Arbeitsteufel, wieso 
in dieser unseren Leistungsgesellschaft reiche Erben wie die Quants auch ohne jede Arbeit 
eine gute Milliarde Euro im Jahr Bruttoeinkommen haben können, eine examinierte 
Pflegekraft kaum mehr als 30.000 €...), allen voran aber die Jobcenter als Orte des 
permanenten Gängelns, der Entmündigung und der allgegenwärtigen Drohung. Aber eben auch 
das fehlende Bewusstsein und der eigene, dürftige bis vollends abwesende Grad an 
Organisierung der Erwerbslosen selbst, erweist sich als problematisch.

Gewerkschaften aller Branchen und Couleur, ob nun überwiegend 
sozialdemokratisch-korporativ, oder (anarcho-)syndikalistisch und klassenkämpferisch, ob 
nun sogenannte Einheitsgewerkschaften oder einzelne Berufsgruppenvertretungen, vermutlich 
selbst die neuerdings wie Schimmelpilze aus den dunkelsten Pissecken der Gesellschaft 
sprießenden, nationalistischen bis semi-faschistoiden Gesell*innen, sie alle wissen um die 
Schwierigkeit, die arbeitende Bevölkerung zu ihrem eigenen (vermeintlichen) Wohl zu 
organisieren.

Das Regime des Neoliberalismus hat eine Herrschaftstechnik der Vereinzelung vollzogen. 
Mittels der Philosophie des (erschreckend konformen und sich allen anderen zur Gänze 
ähnelnden) Individuums, einer verhackstückten Arbeiter*innenschaft im Zuge der 
Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse (Leiharbeit, Werksverträge, Minijobs, 
Befristung,) als auch den Schrecken von ökonomischem wie gesellschaftlichem Abstieg 
("Hartz IV"), haben die meisten (arbeitenden) Menschen allen Glauben daran verloren, 
gemeinsame Interessen mit den Kolleg*innen zu teilen, oder diese gar irgendwie irgendwo 
irgendwann realisieren zu können.

Doch was die Arbeiter*innen zumindest noch haben (wenngleich dank der Digitalisierung 
immer weniger), ist ein gemeinsamer Ort. Ein Arbeitsplatz hat, neben dem elenden Umstand, 
sich immer wieder von neuem dort hinschleppen zu müssen, den offensichtlichen Vorzug, sich 
gemeinsam im Arbeiten, im Gelingen wie Überfordert-sein erfahren zu können. Das 
sinnstiftende wie das zermürbende, die guten oder eben schlechten Arbeitsbedingungen, 
werden als geteilte Erfahrung erlebt. Die nicht zu umgehende Kooperation und die damit 
einhergehende zwischenmenschliche Begegnung, können kleine Risse in das Mauerwerk der 
Vereinzelung schlagen. Das zusammenkommen ermöglicht ein zusammenstehen, auch wenn es 
dieses nicht automatisch erzeugen mag. Solidarität ist eine der möglichen Folge davon.

Den Erwerbslosen fehlt ein solcher Ort in Gänze. Der einzige gemeinsame institutionelle 
Ort, die Agenturen für Arbeit bzw. die Jobcenter, erlauben keine Erfahrung des 
gemeinsamen, so wenig wie vollgestopfte Fußgängerzonen, ein Stau auf der Autobahn, oder 
eine überfüllte Tram das kann. Alle befinden sich zwar in der identischen Ausgangslage, 
sehen sich in die gleiche Rolle gezwungen, aber in ihrem Elend und ihren Kämpfen dagegen 
bleiben sie weitestgehend allein, höchstens noch bedrängt von der Zeugenschaft und der 
projizierten Selbstabwertung der Mitbetroffenen und der Konkurrenz um die unerschwingliche 
Zeit (jede Minute in einer Jobcenterschlange kann zu einer gefühlten Ewigkeit heranwachsen).

Und um kurz noch bei den Gewerkschaften zu bleiben, deren (öffentlichkeitswirksames) 
Engagement zu diesem Thema lässt meist gehörig zu wünschen übrig. Zum einen bezüglich 
einer wirkmächtigen Repräsentation der ökonomischen, sozialen und kulturellen Interessen 
von Erwerbslosen, zum anderen, was die oftmals zutage tretende Einseitigkeit der 
konzeptionellen Vision zu diesem Thema betrifft. Selbst wenn das Märchen gut bezahlter 
Vollbeschäftigung ein erstrebenswertes wäre - was gut und gerne bezweifelt werden darf - 
so bleibt es nicht weniger ein Märchen.

Halbherzig Richtung Politik und Wirtschaft um die Schaffung neuer Jobs betteln, um dann 
schnell wieder auf die Lohnkämpfe zurückzukommen, sprich, die richtigen, die eigentlichen 
Gewerkschaftsthemen, das kann es nicht gewesen sein. Aber gut, alles nachvollziehbar, 
angesichts des potentiellen Organisationsgrades der Betroffenen. Wenn einen schon die 
Arbeitenden in die Verzweiflung treiben, dann erscheinen diese utopischen Erwerbslosen 
wenig attraktiv. Und ja, ich weiß auch, dass die großen wie die kleinen Gewerkschaften 
meist Erwerbslosenausschüsse, AKs, AGs, oder was auch immer sonst noch firmiert wird, 
betreiben. Aber wo ruft eine Gewerkschaft "ihre" Erwerbslosen schon mal zur Aktion auf? 
Oder erwähnt auch nur deren Lage und Interessen in einem exponierten Redebeitrag? Wollen 
die Gewerkschaften wirklich den Fehler der Parteien wiederholen - und so lange das 
ökonomisch untere Fünftel außer acht lassen, bis windige Nadelstreifen-Nazis einen Weg 
finden, diese zu aktivieren? Selbstverständlich darf auch an die eigenen Nasen gefasst 
werden (die liegt nämlich viel näher, ist aber nicht immer auf Anhieb sichtbar, ein 
grundsätzliches Dilemma, das viele Themen und Aspekte des Lebens betrifft)!

Wer immer und vor allem ausschließlich auf die anderen hofft, die das mal für einen regeln 
sollen, Regierungen, Parteien, Einheitsgewerkschaften, um Gottes Willen, vielleicht sogar 
noch die Kirchen, oder seien es alternativ der große Lottogewinn oder die nächste 
MeinGrundeinkommen-Verlosung - der hat schon verloren. Und ja, politisches Bewusstsein, 
Mobilisierung und Organisation, gar politische Aktionen, vor allem in Selbstverwaltung, 
sind anstrengend.

Glückliche Arbeitslose werden jetzt sagen: Dafür bin ich doch nicht arbeitslos geworden! 
Aber es wäre ja auch eine gewinnbringende, quasi symbiotische Verknüpfung des entspannten, 
müßiggängerisch den Tag verbummeln einerseits, politischer Aktionen andererseits, denkbar. 
Mit 10, 20, 50 mit-erwerbslosen Genoss*innen, direkt vor den Türen des ortsansässigen 
Jobcenters zu hocken, Mensch-Ärger-Dich-Nicht mit den arbeitswilligen Sachbearbeiter*innen 
spielen, das wär doch mal was. Wer sagt, Erwerbslose könnten nicht streiken? Oder, wem 
dieser Grad an ziviler Untätigkeit mitten im Wege, weit weniger zivilen Tätigkeit, zu viel 
abverlangt, der kann sich auch auf weniger offensive Aktionsformen verlegen: Gemeinsame 
Frühstücktreffs in Wartebereich des ortsansässigen Jobcenters zum Beispiel, Lesekreise, 
Spielevormittage, öffentliche Selbsthilfegruppen-Meetings etc. etc. Der Fantasie sind 
keine Grenzen gesetzt, und die Hallen und Gänge nicht weniger Jobcenter und Arbeitsämter 
bieten auch einigen Platz für solche Geschichten und dergleichen mehr.

Warum diesen öffentlichen, ja, steuerfinanzierten Raum nicht nutzen? Warum ihn nicht 
solidarisch in Anspruch nehmen und ihn auf diese Weise mit neuem Leben füllen, ihn so 
einem zusätzlichen gesellschaftlichen Nutzen zuführen? Warum die Jobcenter dieses Landes 
nicht zu gemeinsamen Orten aller Erwerbslosen machen, ob nun arbeitssuchend, 
arbeitsunfähig, oder glücklich arbeitslos? Die Frage kann gestellt werden: Wem gehört 
eigentlich das Jobcenter? Eine Antwort steht noch aus.

https://direkteaktion.org/wem-gehoert-das-jobcenter/


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