(de) ag dortmund: Diskussionsbeitrag zur Situation im Nahen Osten

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Sa Jun 9 09:50:00 CEST 2018


Bei der erneuten Eskalation des Nahostkonflikts in den vergangenen Wochen zeigt sich 
einmal mehr ein gängiges Muster: Die Mehrheit der Israelis und Palästinenser*innen 
prangern voll Wut die Untaten der jeweils anderen Seite an - und identifizieren sich dabei 
umso mehr mit der eigenen Führung, deren Zwangsmaßnahmen und Lügen sie bereitwillig 
akzeptieren. Leider übernehmen die auswärtigen "Solidaritätsbewegungen" für Palästina bzw. 
Israel meist deren jeweilige Sichtweise; grundsätzliche Kritik an jeder Herrschaft suchen 
wir auch hier vergeblich. ---- In diesem Zusammenhang wollen wir auf einen bemerkenswerten 
Text aufmerksam machen, der bereits 2011 veröffentlicht wurde: Das Manifest der Gruppe 
Gaza Youth Breaks Out. In diesem von einem Freundeskreis junger Palästinenser*innen 
verfassten Aufruf kommt in sehr emotionalen Worten die Verzweiflung über den Alltag in 
Gaza, sowie der ungebrochene Lebens- und Freiheitswillen der Autor*innen zum Ausdruck. Vor 
allem aber schreien die Verfasser*innen ihre Wut über alle an dem Konflikt beteiligten 
Mächte heraus. Sie nehmen insbesondere bei ihrer Kritik an der radikalislamischen Hamas 
kein Blatt vor den Mund.

Diese für palästinensische Verhältnisse sehr außergewöhnliche Perspektive hätte ein 
Ausgangspunkt für eine Überwindung der dortigen Misere sein können, die nur durch einen 
gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten in der Region und darüber hinaus erreicht werden 
kann. Als Anarchist*innen schlagen wir die Keinstaatenlösung (nicht nur) das 
Nahostkonflikts vor: Nur durch die Abschaffung aller Herrschaftsapparate und der von ihnen 
gestützten Eigentumsverhältnisse kann eine Gesellschaft entstehen, in der Rassismus und 
Antisemitismus keinen Platz haben und Menschen jeder Herkunft ohne Angst zusammen leben 
können. Es ist dabei klar, dass eine solche gesellschaftliche Veränderung nicht im Nahen 
Osten allein, sondern nur als weltweite Bewegung erfolgreich sein könnte. Ihr findet das 
utopisch? Ihr findet, dass es zur Zeit keine zufriedenstellende Lösung für den Konflikt 
gibt? Vielleicht. Aber haben nicht die letzten 50 Jahre zur Genüge gezeigt, dass ein 
dauerhafter Frieden im Nahen Osten unter den bestehenden Bedingungen noch viel utopischer ist?

Leider hat Gaza Youth Breaks Out ihre sympathische fuck-everything-Attitüde nicht 
durchhalten können. Nach der Veröffentlichung ihres Manifests war die Gruppe einiger 
Repression ausgesetzt. Mehrere ihrer Mitglieder verbrachten viele Tage in den 
Gefängniszellen der Hamas. Zugleich blieben die jungen Aktivist*innen trotz Tausender 
Facebook-likes isoliert: Eine Massenbewegung gegen die palästinensischen Autoritäten kam 
nicht zustande. Angesichts dessen schwächte die Gruppe ihre Kritik an der eigenen Führung 
immer mehr ab und beeilte sich zu erklären, dass der Hauptfeind selbstverständlich Israel 
sei. Heute wird auf der Facebook-Seite von GYBO von "Israelnazis" gefaselt, kritische 
Worte gegenüber der Hamas kommen dagegen nicht mehr vor. Die Gruppe ist einfach Teil der 
palästinensischen Nationalpropaganda geworden.

Dennoch gehört ihr Gründungsmanifest mit zum Subversivsten, was wir seit Langem aus dieser 
Region gehört haben. Die dort beschriebenen Verhältnisse bestehen weiterhin fort; wenn 
überhaupt, so haben sie sich noch verschlimmert. Im Folgenden dokumentieren wir den Text 
im Wortlaut.

Einige Leute aus der Anarchistischen Gruppe Dortmund, im Juni 2018

(Anmerkung: Wir haben in der Gruppe sowohl über das Manifest als auch über unsere 
einleitenden Worte kontrovers diskutiert und sind zu keiner Einigung gekommen. Die 
Veröffentlichung von beidem stellt daher keine Gruppenposition dar.)

Die Jugend von Gaza bricht aus - Manifest

Fuck Israel, fuck Hamas, fuck Fatah. Fuck UN. Fuck UNWRA. Fuck USA! Wir, die Jugendlichen 
in Gaza, haben die Schnauze voll von Israel, der Hamas, der Besatzung, den 
Menschenrechtsverletzungen und der Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft! Wir 
wollen schreien und diese Mauer des Schweigens, der Ungerechtigkeit und des Desinteresses 
brechen, wie eine israelische F16 die Schallmauer durchbricht. Wir wollen mit aller Kraft 
unserer Seelen schreien, um den enormen Frust über diese verfickte Situation 
herauszulassen, der uns auffrisst. Wir sind wie Läuse zwischen zwei Nägeln, die einen 
Alptraum in einem Alptraum erleben, ohne Raum für Hoffnung, ohne Raum für Freiheit. Wir 
haben genug von der politischen Auseinandersetzung, in der wir gefangen sind, genug von 
stockfinsteren Nächten mit Flugzeugen, die über unseren Häusern kreisen; genug von 
unschuldigen Bauern, die in der Pufferzone erschossen werden, weil sie sich um ihre Felder 
kümmern. Wir haben genug von bärtigen Typen, die mit ihren Pistolen herumlaufen und ihre 
Macht missbrauchen, die junge Leute zusammenschlagen und einsperren, weil sie für das 
demonstrieren, woran sie glauben. Wir haben genug von der Mauer der Schande, die uns vom 
Rest unseres Landes trennt und uns in einem Stück Land in Briefmarkengröße festhält. Wir 
haben genug davon, als Terroristen dargestellt zu werden, als hausgemachte Fanatiker mit 
Sprengstoff in den Taschen und Hass in den Augen; genug von der Abgestumpftheit, mit der 
uns die internationale Gemeinschaft begegnet, die so genannten Experten im Besorgnis 
Äußern und im Verfassen von Resolutionen, die aber Feiglinge sind, wenn es darum geht, 
irgend etwas durchzusetzen, dem sie zugestimmt haben. Wir haben genug und sind es leid, 
ein beschissenes Leben zu führen, von Israel gefangen gehalten, von der Hamas geschlagen 
und vom Rest der Welt ignoriert zu werden.

Eine Revolution wächst in uns heran, eine immense Unzufriedenheit und Frustration, die uns 
zerstören wird, wenn wir keinen Weg finden, diese Energie in etwas umzulenken, das den 
bestehenden Zustand in Frage stellt und uns irgend eine Art von Hoffnung gibt. Der letzte 
Tropfen, der unsere Herzen vor Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit erzittern ließ, fiel am 
30. November, als Hamas-Polizisten mit ihren Pistolen, Lügen und ihrer Aggressivität ins 
Sharek Youth Forum (www.sharek.ps) kamen, einer führenden Jugendorganisation, und alle 
herauswarfen, einige verhafteten und Sharek verboten, weiter zu arbeiten. Einige Tage 
später wurden Demonstranten vor dem Sharek-Gebäude zusammengeschlagen und einige 
festgenommen. Wir leben wirklich in einem Alptraum in einem Alptraum. Es ist schwierig, 
Worte für den Druck zu finden, unter dem wir stehen. Wir haben kaum die Operation 
"Gegossenes Blei" überlebt, bei der Israel sehr effektiv die Scheiße aus uns herausgebombt 
hat und Tausende von Häusern und noch mehr Leben und Träume zerstörte. Sie wurden die 
Hamas nicht los, wie sie es sich erhofft hatten, aber sie haben uns mit Sicherheit für 
immer Angst eingejagt und alle mit posttraumatischen Stresssymptomen versorgt, da wir 
nirgendwohin abhauen konnten.

Wir sind Jugendliche mit schweren Herzen. Wir tragen in uns eine so große Schwere, dass es 
uns schwer fällt, den Sonnenuntergang zu genießen. Wie sollten wir auch, wenn Dunkelheit 
den Horizont verhüllt und düstere Erinnerungen an unseren Augen vorbeiziehen, wann immer 
wir sie schließen? Wir lächeln, um den Schmerz zu verbergen. Wir hoffen, um nicht hier und 
jetzt Selbstmord zu begehen. Während des Krieges bekamen wir das untrügliche Gefühl, dass 
Israel uns vom Erdboden tilgen wollte. Während der letzten Jahre tat die Hamas alles, um 
unsere Gedanken, unser Verhalten und unsere Sehnsüchte zu kontrollieren. Wir sind eine 
Generation von Jugendlichen, die daran gewöhnt sind, mit Raketenangriffen konfrontiert zu 
sein und die die scheinbar unmögliche Aufgabe mit sich trägt, ein normales und gesundes 
Leben zu führen. Wir werden kaum toleriert von einer riesigen Organisation, die sich in 
unserer Gesellschaft ausgebreitet hat wie eine bösartige Krebserkrankung, die 
Verstümmelungen bewirkt und erfolgreich alle lebendigen Zellen, alle Gedanken und Träume 
tötet, die ihr im Weg stehen und die die Leute durch ihre Schreckensherrschaft lähmt. Ganz 
zu schweigen von dem Gefängnis, in dem wir leben, ein Gefängnis, das von einem so 
genannten demokratischen Staat aufrecht erhalten wird.

Die Geschichte wiederholt sich auf grausamste Weise und niemand scheint es zu 
interessieren. Wir haben Angst. Hier in Gaza haben wir Angst, verhaftet, verhört, 
geschlagen, gefoltert, bombardiert und getötet zu werden. Wir haben Angst zu leben, weil 
jeder einzelne Schritt, den wir gehen, abgewogen und wohl überlegt sein muss. Es gibt 
überall Beschränkungen, wir können uns nicht bewegen, wie wir wollen, sagen, was wir 
wollen, tun, was wir wollen und manchmal nicht einmal denken, was wir wollen, weil die 
Besatzung unsere Hirne und Herzen so schrecklich besetzt hat, das es weh tut und wir 
endlose Tränen der Verzweiflung und Wut vergießen wollen!

Wir wollen nicht hassen, wir wollen all diese Gefühle nicht fühlen, wir wollen keine Opfer 
mehr sein. GENUG! Genug Schmerz, genug Tränen, genug Leiden, genug Kontrolle, 
Beschränkungen, ungerechte Rechtfertigungen, Terror, Folter, Entschuldigungen, 
Bombardierungen, schlaflose Nächte, tote Zivilisten, schwarze Erinnerungen, düstere 
Zukunft, herzzerreißende Gegenwart, verwirrte Politik, fanatische Politiker, religiöser 
Bullshit, genug Einkerkerung! WIR SAGEN STOPP! Das ist nicht die Zukunft, die wir wollen!

Wir wollen drei Dinge. Wir wollen frei sein. Wir wollen in der Lage sein, ein normales 
Leben zu führen. Wir wollen Frieden. Ist das zu viel verlangt? Wir sind eine 
Friedensbewegung, bestehend aus jungen Leuten in Gaza und Unterstützern von anderswo und 
wir werden nicht ruhen, ehe die Wahrheit über Gaza jedem auf dieser Welt in einem Maße 
bekannt ist, dass stillschweigende Zustimmung oder laute Gleichgültigkeit nicht mehr 
akzeptiert werden.

Dies ist das Manifest der Jugend von Gaza für Veränderung!

Wir werden damit beginnen, die Besatzung zu zerstören, die uns selbst umgibt, wir werden 
aus dieser geistigen Gefangenschaft ausbrechen und unsere Würde und unsere Selbstachtung 
wiedergewinnen. Wir werden erhobenen Hauptes vorangehen, auch wenn wir auf Widerstand 
stoßen. Wir werden Tag und Nacht daran arbeiten, diese miserablen Bedingungen zu 
verändern, unter denen wir leben. Wir werden Träume errichten, wo wir auf Mauern stoßen.

Wir hoffen nur, dass Du - ja Du, der diese Erklärung jetzt liest! - uns unterstützen 
kannst. Um herauszufinden wie, schreib bitte an unsere Wand oder kontaktiere uns direkt: 
freegazayouth at hotmail.com

Wir wollen frei sein, wir wollen leben, wir wollen Frieden.

Befreit die Jugend von Gaza!

(Quelle des englischen Originals: gazaybo.wordpress.com/manifesto-0-1/)

http://agdo.blogsport.eu/2018/06/05/diskussionsbeitrag-zur-situation-im-nahen-osten/#more-1340


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