(de) libertäre gruppe karlsruhe: INTEGRATION - Reden wir über Integration - aber überlegen wir zuerst worüber wir eigentlich reden
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So Feb 25 08:07:59 CET 2018
Spätestens seit den Fluchtbewegungen 2015/16 und den darauf folgenden politischen
Auseinandersetzungen dürfte der Begriff Integration den meisten Menschen bekannt sein.
Viel wurde und wird in der Öffentlichkeit und in Hinterzimmern darüber diskutiert. Doch
die undifferenzierte allgemeine Verwendung des Wortes Integration birgt die Gefahr, dass
er in seiner Bedeutung eingeschränkt und verfälscht wird, oder gar schon ist. ----
Begriffsherkunft und wissenschaftliche Einordnung ---- Das Wort Integration ist dem
lateinischen Begriff integrare entlehnt. Der Begriff integrare wird mit erneuern, ergänzen
oder auch geistig auffrischen übersetzt. ---- Allein die Übersetzung der
Herkunftsbegriffes zeigt im Bezug auf die allgemeine Verwendung einige Ungereimtheiten
auf. Um diese genauer zu beleuchten sehen wir uns den Begriff Integration in einem
sozialwissenschaftlichen Kontext an und ordnen ihn ein.
Wie die Begriffsübersetzungen ob zeigen, geht es bei der Integration stets um die
Erneuerung oder Ergänzung von etwas Bestehendem. Da wir uns dem Thema über die Diskussion
über Geflüchtete genähert haben, ist das bestehende in diesem Fall die vorhandene
Gesellschaftsstruktur. Diese Gesellschaftsstruktur setzt sich aus unterschiedlichsten
Aspekten zusammen: in unserem Fall unter anderem aus politischen, kulturellen, sozialen
und religiösen. Manche dieser Aspekte sind relativ klar geregelt, über andere finden seit
hunderten Jahren Auseinandersetzungen, inhaltliche Verschiebungen und Veränderungen statt.
All diese Aspekte sind in einer Gesellschaft nicht statisch.
Der Begriff Integration beschreibt, wie in einer sozialen Struktur verschiedene Positionen
und Einstellungen zusammengeführt werden. Dabei spiegelt die Ausgangslage lediglich eine
Position von vielen wieder. Die Integration fordert eine Gegenüberstellung und einen
Austausch der unterschiedlichen Positionen, um über die Berücksichtigung dieser zu einer
neuen, für alle Beteiligten tragbaren Position zu gelangen.
Weitere gesellschaftspolitische Möglichkeiten
Der oben beschriebene Vorgang zeigt, dass Integration kein festes Ziel haben kann und
lediglich im Zusammenhang im stetigen Veränderungen und Erneuerungen zu sehen ist.
Sollten nicht alle drei Aspekte (Konflikt, Auseinandersetzung, gemeinsame Übereinkunft)
erfolgen, handelt es sich nicht um Integration. Denkbar wäre, dass es sich in diesen
Fällen um eine der drei begleitenden Einordnungen der Integration handelt:
Assimilation: Der Begriff Assimilation bedeutet, dass sich eine Minderheitenposition
auflösen und in die Position der Mehrheit übergehen muss. Das bedeutet, dass es eine
festgesetzte Position gibt, die alle zur Gruppe hinzukommenden ausnahmslos übernehmen
müssen. Ihre eigenen Einstellungen und Positionen finden dabei keine Berücksichtigung.
Segregation: Die Segregation stellt eine klare Spaltung durch verschiedene Positionen dar.
Diese kommt beispielsweise zu Stande, wenn sich zwei verfestigte Positionen absolut
unvereinbar gegenüber stehen. In diesem Falle werden sich zwei Gruppierungen entwickeln,
die nebeneinander existieren.
Marginalität: Die Marginalität tritt dann auf, wenn es verschiedene Positionen gibt, diese
in ihrer Wichtigkeit jedoch für den gesellschaftlichen Zusammenhang derart irrelevant
sind, dass kein Grund zur Auseinandersetzung gegeben ist. Beide Positionen können somit
innerhalb des selben gesellschaftlichen Kontext existieren.
Integration beruht stets auf Gegenseitigkeit, konstruktiver Auseinandersetzung und hat das
Ziel, eine für alle beteiligten tragbare Lösung zu finden. Sie steht grundsätzlich für
Erneuerung, Veränderung und hat kein statisches Element an sich. Der Ausgangspunkt ist
stets die gegenwärtige Situation, der eine Kritik oder gar der Zwang einer notwendigen
Veränderung gegenüber steht. Die Voraussetzung, dass Dritte ihrer eigenen Einstellungen
aufgeben müssen und die der zweiten Gruppierung kritiklos anzunehmen wird als Assimilation
bezeichnet. Die Assimilation ist eng mit der Segregation verknüpft, bei der sich zwei
Positionen absolut unvereinbar gegenüber stehen und damit zwei parallele Strukturen entstehen.
Gesellschaftliche Einordnung von Integration
Innerhalb eines lebendigen Gesellschaftsgefüges ist die Integration allgegenwärtig. Jede
Gesellschaft ist durch unterschiedliche Einflüsse (ökonomisch, ökologisch, sozial,
kulturell, etc.) grundsätzlich im Wandel. Dies bedeutet, dass sie stets vor neue Probleme
und Auseinandersetzungen gestellt wird und ihre Mitglieder Wege finden müssen, um diese zu
lösen. Dieser Vorgang ist eine endloser Prozess.
Für die Gesellschaft sind diese Auseinandersetzungen absolut notwendig. Um ein
Zusammenleben vieler Menschen ermöglichen zu können bedarf es einer Gesellschaftsstruktur,
die zunächst die Grundbedürfnisse ihrer Mitglieder befriedigen kann und weitergehend
persönliche Bedürfnisse innerhalb der Gemeinschaft zu diskutieren und auf diese eingehen
zu können.
Damit findet Integration vor allem dort statt, wo Probleme auftauchen, an denen Personen
mit unterschiedlichen Sichtweisen beteiligt sind. Um Beispiele zu nennen: Wie können alle
Gesellschaftsteile am wirtschaftlichen Wachstum beteiligt werden, Tarifkonflikte, die über
Arbeitgeber- und nehmervertretungen ausgetragen werden, Migration, kulturelle
Vorstellungen, Strukturwandel (z.B. Ende des Kohleabbaus in NRW und die sozialen und
strukturellen Folgen). Dies sind wenige Beispiele aus verschiedenen gesellschaftlichen
Kontexten, die Aufzeigen, wie wichtig und allgegenwärtig Integration für die Gesellschaft ist.
Politische Einordnung
Der Begriff Integration taucht in der Öffentlichkeit seit geraumer Zeit lediglich in Bezug
auf Geflüchtete und Migration auf. Dabei wird der Begriff Integration in vielen Fällen mit
Assimilation gleich gesetzt. Diese Gleichsetzung führt zu einer Umdeutung des eigentlichen
Inhalts und seiner Aussage.
Diese Umdeutung ist jedoch nicht ungewollt.
Steigende soziale Konflikte innerhalb einer Gesellschaft tragen stets dazu bei, die Gründe
nach außen zu verlagern. Dieses ist Prinzip hängt mit dem Prinzip des Nationalismus
zusammen. Wenn soziale Konflikte drohen, eine Gesellschaft zu spalten, wird der Grund nach
außen verlagert, um somit die inneren Konflikte zu überlagern und die Einheit zu stärken.
Das Problem ist, dass dadurch wichtige grundlegende Veränderungen und Auseinandersetzungen
verhindert werden.
Die Neue Rechte
Die Neue Rechte, deren Ziel seit den 90er Jahren es ist, den rechtsextreme Positionen
innerhalb der deutschen Gesellschaft wieder hoffähig zu machen, treibt diese Vorgänge
stark voran. Ihre Idee ist es, durch eine oberflächliche Distanzierung vom
Nationalsozialismus und Nazismus deren Inhalte positiv in der Gesellschaft zu positionieren.
Was mit dem Projekt der Republikaner nach kurzem Hoch in den 90ern kläglich gescheitert
ist, hat in der Identitären Bewegung und der AfD zumindest momentan ein großes Ventil
gefunden. Ihre Ursprünge hat sie in den 60er Jahren. Ihr Ziel ist es eine intellektuelle
Elite zu schaffen, die selbst nicht direkt politisch agiert, sondern versucht den
öffentlichen Diskurs zu beeinflussen und einen rechten Gegendiskurs zu den Ideen der
68er-Bewegung voran treibt. Ihr Ziel ist es eine Verbindung zwischen demokratischem
Konservatismus und antidemokratischem Rechtsextremismus zu schaffen
Flüchtlingswelle, Flüchtlingsströme sind Begriffe, die durch die Neue Rechte gesetzt
wurden. Sie prägen den gesellschaftlichen Diskurs und verschleiern zusätzlich die zu
Grunde liegenden Fluchtursachen. Der Mensch wird als Raubtier dargestellt.
Genau so wird der Begriff Integration mit der Bedeutung der Assimilation besetzt, um die
eigentliche Ideologie eines völkisch rassistischen Nationalismus in die Gesellschaft zu
tragen.
Um die eigentlichen Absichten zu verdecken, zeigt sich die Neue Rechte in bürgerlichem
Antlitz. Ein Beispiel dafür ist eben die Integration. Eine fortschrittliche und positiv
konnotierte Idee. Sowohl die Identitäre Bewegung, als auch die AfD benutzen diesen
Begriff. Damit stellen sie sich in einen fortschrittlichen Kontext. Ihre Zuschreibung
jedoch ist in höchstem Maße reaktionär und rückschrittlich. Götz Kubitschek, einer der
wichtigsten Vordenker der Neuen Rechten in unserer Zeit, erklärt ganz offen, wie wichtig
dieses taktische Mittel ist, um die bürgerliche Gesellschaft nicht abzuschrecken. Und
gleichzeitig, dass er selbst den Begriff der Integration nicht braucht, da er mit
Assimilation viel klarer ausdrücken kann, um was es tatsächlich geht.
Fazit
Es liegt an uns allen die positive Idee der Integration zu leben und zu transportieren. Es
liegt an uns allen, eine solidarische Gesellschaft, in der jeder Mensch seinen Platz
findet und geachtet wird, zu gestalten.
Wer die Umdeutung der Neuen Rechten in der Diskussion übernimmt geht nicht nur diesen auf
den Leim. Er oder sie stellt sich dadurch, ob bewusst oder unbewusst dem
gesellschaftlichen Fortschritt entgegen und unterstützt reaktionäre und rückwärtsgewandte
Kräfte ihre menschenverachtende Ideologie zu verbreiten und durchzusetzen.
Libertäre Gruppe Karlsruhe - Februar 2018
http://lka.tumblr.com/post/171099309771/integration
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