(de) fau berlin: Eine Frage der Klasse

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Mo Feb 5 07:55:28 CET 2018


Hier dokumentieren wir den offenen Brief der (ehemals) Beschäftigten des Bildungs- und 
Sozialwerks des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (BLSB) an den Vorstand des 
BLSB e.V. und den Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V. (LSVD) ---- Über das 
Betriebsklima und den Arbeitskampf beim LSVD ---- 2017 war ein bewegtes Jahr für den 
Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Berlin-Brandenburg. Die sogenannte Ehe für Alle, für 
die man zusammen mit anderen lange gekämpft hatte, wurde im Bundestag beschlossen. Zudem 
konnte das lang geplante Denkmal für die erste Homosexuellenbewegung endlich 
fertiggestellt werden. Trotzdem wird 2017 als jenes Jahr in die Geschichte des Berliner 
LSVD mit dem größten Imageschaden eingehen, in dem sich die überwältigende Mehrheit der 
Mitarbeiter*innen gegen Geschäftsführung und Vorstand wegen miserabler Arbeitsbedingungen 
und prekärer Beschäftigung auflehnten. Als Ergebnis dieses Konflikts wurden mehr als 2/3 
der Belegschaft gegangen oder haben ihn selbstständig verlassen. Zeit für ein paar 
Abschiedsworte.

Wie kam es dazu?

Am Anfang stand die Sorge um die Qualität der Projekte. Schwierige Arbeitsbedingungen 
(keine Einarbeitung, fehlende Arbeitsstrukturen, dazu häufige Wochenendarbeit und 
Überstunden in jährlich befristeten Anstellungsverhältnissen) sorgten für massive 
Überlastungen der Mitarbeiter*innen. Ständige Personalwechsel und hohe Krankenstände 
gehörten zum Arbeitsalltag beim LSVD. Zudem deckten wir untereinander Vorfälle auf, an 
denen Geschäftsführung und Vorstand beteiligt waren, die ein vertrauensvolles Arbeitsklima 
zusätzlich belasteten.

Diese Probleme versuchten wir intern mit der Führung des LSVD zu klären. Allerdings gab 
(und gibt es bis heute) keine (gesetzlich vorgeschriebene) Beschwerdestelle beim LSVD 
Berlin-Brandenburg und kein Verfahren dazu, wie mit Missständen umgegangen wird. 
Stattdessen wurden, in einem intransparenten Vorgehen, Berichte eingeholt und am Ende in 
unangekündigten Personalgesprächen angeordnet, dass über die Probleme nicht mehr zu reden 
sei. Beschwerden sollten wir in Zukunft an den Geschäftsführer oder den Vorstand im 
Einzelgespräch richten. Doch wenn der Geschäftsführer Jörg Steinert Trauzeuge des 
einflussreichsten Vorstandsmitglieds Bodo Mende ist - wie ernstzunehmend ist die 
Unabhängigkeit einer solchen Beschwerdestelle?

Wir sahen keine Verbesserung der Zustände und begannen uns gewerkschaftlich zu 
organisieren. Von da an wurde alles versucht, uns zu vereinzeln: Supervisionen, 
Teamsitzungen, Teamfrühstück und Betriebsausflug wurden gestrichen. Dazu kamen drohende 
E-Mails, die uns untersagten unsere gewerkschaftlichen Rechte wahrzunehmen. Unseren 
Organisationsgrad konnten sie damit jedoch nicht zerstören. Was litt, war die 
Projektarbeit. Diese wurde ohnehin schon durch den schlechten Ruf des Vorstands in der 
Community erschwert. So kam manche Kooperation nicht zustande, weil die Führung des LSVD 
als lesbenfeindlich (Stichwort Gedenken in Ravensbrück oder die lesbische Leerstelle unter 
den Vorstandsmitgliedern), erzkonservativ und antiintellektuell gilt.

Konsequenzen

Der Feldzug des LSVD gegen die eigenen Mitarbeiter*innen und damit gegen jahrelange 
Erfahrung, Expertise und Netzwerkzugehörigkeiten endet in einem Trümmerfeld. Um unsere 
gute Arbeit für sinnvolle und wichtige Projekte zu sichern, forderten wir einen 
Tarifvertrag mit minimalen Standards, die in der restlichen Arbeitswelt selbstverständlich 
sind. Als Antwort darauf, erfolgte ein breit angelegter Kahlschlag bei der Belegschaft, an 
dessen Ende manche Projekte (Regenbogenfamilienzentrum, Respect Gaymes, Community Games) 
gänzlich ohne Mitarbeiter*innen da standen. Der Preis, der damit für eine weitgehend neue 
und damit gefügigere Belegschaft bezahlt wird, lässt ahnen, dass es der Führung des LSVD 
mehr um sich selbst, als um die Projektarbeit geht.

Die Bilanz

Der Konflikt ist als Klassenkonflikt zu begreifen, in dem die Arbeitgeber bewusst die 
Belegschaft in prekärer Beschäftigung ohne jegliche Chance zur Mitbestimmung halten, um so 
eine größtmögliche Machtposition zu behalten. Aber auch beim Umgang miteinander geht es um 
Klasse. Bei der Trennung von uns Mitarbeiter*innen fehlte diese völlig, als sie uns, erst 
kurz vor Weihnachten mitteilten, dass es keine Vertragsverlängerung im neuen Jahr gäbe.

Nicht eine*r der 10 Mitarbeiter*innen, darunter langjährige Angestellte, die zum 
Jahresende den LSVD verließen, bekam ein Dankeschön oder irgendeine Form der Anerkennung 
für die geleistete Arbeit.

Wir wünschen der Klientel der BLSB-Sozialprojekte, dass unser ehemaliger Arbeitgeber in 
naher Zukunft zur Vernunft kommt und damit beginnt, selbstkritisch im eigenen Interesse 
die Rolle und Anliegen seiner Belegschaft zu verstehen. Kein Verband, der Emanzipation und 
Veränderung predigt, kann überleben und gute Arbeit leisten, solange er nach innen 
Repression und Konservatismus praktiziert - solange er nach oben buckelt und nach unten tritt.

Mit kämpferischen Grüßen

Die FAU-Betriebsgruppe des BLSB

https://berlin.fau.org/news/eine-frage-der-klasse


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