(de) FAU, direkte aktion: SEX WORKS?
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Sa Feb 3 16:43:13 CET 2018
Wenn Sex zu Arbeit wird, werden Körper zur Ware und fallen so unter eine kapitalistische
Verwertungslogik. Katharina Sass greift in ihrem neuen Buch die Debatte mit Argumenten
gegen Prostitution und Sexkauf wieder auf. Eine Rezension von Gabriel Kuhn. ---- Kultur
Von: Gabriel Kuhn - 31. Januar 2018 ---- Im Jahr 2011 war die Januar/Februar-Ausgabe der
DA, damals noch im Druckformat, dem Thema "Sex Works" gewidmet. Ich trug mit der Rezension
eines schwedischen Dokumentarfilms über eines der größten Bordelle Europas, das Pascha in
Köln, bei. ---- Auch in dem von Katharina Sass herausgegebenen Band Mythos "Sexarbeit".
Argumente gegen Prostitution und Sexkauf taucht das Pascha auf. In ihrer persönlich
gehaltenen Einleitung berichtet Sass über einen Bekannten, dessen Verhalten sie
veranlasste, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen:
"Der Tropfen, der für mich das Fass zum Überlaufen brachte, war der Moment, an dem er
ankündigte, seinen Geburtstag im Kölner Bordell Pascha feiern zu wollen, mit meinem
damaligen Freund und der ganzen Männerclique, aber ohne Frauen, außer den Prostituierten
des Paschas." (S. 8)
Sass liefert in ihrer Einleitung einen guten Überblick zum Thema. Ohne in, für diese
Debatte oft charakteristische, Polemiken zu verfallen, skizziert sie eine Bruchlinie
innerhalb der Linken, die sich bereits an unterschiedlicher Begrifflichkeit festmachen
lässt: hier diejenigen, die Prostitution als extremen Ausdruck patriarchaler und
kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse betrachten, der keine realpolitischen Kompromisse
(Legalisierung) zulässt; dort diejenigen, die in ihrer Verteidigung der Sexarbeit auf
Selbstbestimmung, Arbeitsrechte und Entstigmatisierung pochen.
Eine wichtige Rolle in der Debatte spielt das sogenannte schwedische (manchmal auch:
nordische) Modell, das, kurz gesagt, davon ausgeht, den Kauf und die Vermittlung von Sex
zu bestrafen, nicht aber das Angebot. Noch kürzer: Freier und Zuhälter sind strafbar,
Prostituierte/Sexarbeiter*innen sind es nicht. Während die einen auf Studien verweisen,
denen zufolge das schwedische Modell zu weniger Sexkauf, höheren Aussteigerquoten und
geringerer gesellschaftlicher Akzeptanz der Prostitution führt, insistieren andere, dass
es Sexarbeiter*innen nicht ausreichend schütze, sie aus dem Sozialstaat ausschließe und -
zumindest indirekt - weiter kriminalisiere.
Persönlich wage ich mir hier kein Urteil zu erlauben. Was ich aber, der ich seit zehn
Jahren in Schweden lebe, bestätigen kann, ist, dass die hiesige Linke das schwedische
Modell weitestgehend begrüßt und unterstützt. Widerstand kommt nur aus liberaler Ecke.
Bezeichnend ist vielleicht, dass das 2011 erschienene Buch Varat och varan (Sein und Ware)
der Marxistin Kajsa Ekis Ekman hier als Standardwerk gilt, während die deutsche
Übersetzung im Orlanda Verlag (unter dem etwas unglücklichen Titel Ware Frau) ein
Mauerblümchendasein fristet und in der Linken kaum wahrgenommen wird. (Nach Erscheinen der
schwedischen Originalausgabe von Ekmans Buch führte ich mit ihr ein in der Jungle World
veröffentlichtes Interview.)
Auf Sass‘ Einleitung folgt ein ebenfalls von ihr verfasster Artikel zu Freiern, der zu dem
Schluss gelangt:
"Sexkäufer sind keine gewöhnlichen ‚Kunden‘, sondern Männer, die ein Problem mit ihrer
Sexualität haben und diese aggressiv ausleben." (S. 59)
Der darauffolgende Beitrag der Traumatherapeutin Ingeborg Kraus berührt ein schwieriges
Thema: es provoziert Anklagen der Stigmatisierung (Kraus begreift Trauma explizit als
"Voraussetzung für und Folge von Prostituierung"), greift jedoch Realitäten auf, um die
wir in dieser Debatte nicht herum kommen. Manuela Schon liefert daraufhin eine globale
Kurzgeschichte "abolitionistischer" (gegen Prostitution gerichteter) Basisbewegungen, und
die ehemalige Prostituierte Marie Merklinger schreibt einen eindrucksvollen Erfahrungsbericht.
Schließlich illustriert ein ebenso interessierter wie aufschlussreicher Anhang mit
Dokumenten, wie diese Debatte in der Partei DIE LINKE geführt wird. Wem in dem Buch bis
dahin die Polemik zu kurz kam, wird in dem offenen Brief der ehemaligen Prostituierten
Huschke Mau an die Linksjugend Solid, die bei ihrem Kongress 2016 eine weitere
Liberalisierung der Gesetzgebung forderte, auf seine Kosten kommen. In diesem Fall
bedeutet Polemik jedoch nicht fehlende Konstruktivität. Mau hat unter anderem zu der
Frage, die für DA-Leser*innen vielleicht von besonderer Relevanz ist, nämlich ob es sich
bei "Sexarbeit" nun um "normale" Arbeit handle oder nicht, Gewichtiges zu sagen:
"Ich kann mich nur darüber wundern, dass ihr den prostitutiven Akt als ‚Beruf‘ und als
‚Dienstleistung‘ bezeichnet. Sexualität ist der intimste Bereich eines Menschen, dürfen
wir wenigstens den bitte behalten, oder müssen wir ALLES an uns verwerten und
verkapitalisieren lassen, restlos? Seit wann tritt die Linke eigentlich als Verteidigerin
des Verkaufs sämtlicher menschlicher Bereiche auf?" (S. 151). Oder: "Ihr wollt also quasi,
um das mal klarzustellen, dass der Missbrauch, dem prostituierte Frauen ausgesetzt sind,
etabliert wird, ihr wollt, dass er ein Job wird, ihr wollt, dass der Missbrauch OKAY wird.
Kurz und gut, ihr tretet hier für das Recht von Frauen ein, die Duldung von sexuellem
Missbrauch als Job zu benennen. Oder besser: Ihr tretet für das Recht von Männern ein,
Frauen zu missbrauchen und diesen Missbrauch zu verharmlosen, indem er ‚Arbeit‘ genannt
wird." (S. 152)
Das Buch wird die Unstimmigkeiten, die die Debatte prägen, nicht auflösen. Um sich aber
ein differenziertes und ausgewogenes Bild zu machen, ist es unverzichtbar.
Katharina Sass (Hg.), Mythos "Sexarbeit". Argumente gegen Prostitution und Sexkauf (Köln:
PapyRossa, 2017), 160 S., EUR 13:90, ISBN 978-3-89438-648-1
Titelbildillustration: Bianca Tschaikner
https://direkteaktion.org/sex-works/
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