(de) FAU, direkte aktion: KAPITALISMUS AUFHEBEN - JETZT!

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Sa Aug 18 07:22:29 CEST 2018


Das im Juli 2018 veröffentlichte Buch "Kapitalismus aufheben - Eine Einladung, über Utopie 
und Transformation neu nachzudenken" von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz richtet sich 
an all jene, die das Träumen nicht verlernt haben und auch das Mantra der 
Alternativlosigkeit zum Gegenwärtigen nicht akzeptieren wollen. ---- Kultur Von: Christian 
Schorsch - 15. August 2018 ---- Die Motivation zum Buch entstand den Autoren vor allem aus 
der Beobachtung heraus, Debatten um gesellschaftliche Utopien fänden im öffentlichen Raum 
kaum mehr statt, weshalb das zentrale Anliegen auch sein soll, große Utopien nicht nur 
wieder zu denken/ denken zu dürfen, sondern vor allem zur Diskussion und damit zur 
Weiterentwicklung von gesellschaftlich transformierenden Ideen anzuregen. ---- Die Autoren 
selbst definieren das Ziel ihrer eigenen Utopie als eine "Freie Gesellschaft".
Also eine, die sich einerseits von jedweder Herrschaft und andererseits von systemischen 
Sachzwängen befreit hat. Im Kapitalismus handeln die Menschen erzwungenermaßen 
profitorientiert und damit zunehmend auch an ihren eigentlichen Bedürfnissen vorbei, was 
sich letztlich in verschiedenartigen Krisen und Entwicklungswidersprüchen ausdrückt:

"Es ist wichtig, die gesellschaftliche Vermittlung im Kapitalismus zu verstehen, weil sie 
den meisten Menschen als die einzig mögliche erscheint. Sie prägt und verengt unsere 
Auffassungen von Gesellschaft und Vermittlung. So können wir uns kaum vorstellen, dass so 
etwas komplexes wie eine Gesellschaft von uns Menschen bewusst geschaffen werden kann. Die 
Qualität des Kapitalismus ist die»unbewusste Gesellschaftlichkeit«. Sie entsteht, wenn 
zwei Dynamiken zusammenkommen: Die gesellschaftliche Vermittlung stellt sich»hinter dem 
Rücken«der Menschen her (Selbständigkeit) und dreht das Verhältnis von subjektiv gewollter 
Bedürfnisbefriedigung (sozialer Prozess) und objektiv erzwungener Verwertung (sachlicher 
Prozess) um. Das Moment der Selbständigkeit, das jeder Gesellschaft zugrunde liegt, wird 
im Kapitalismus zur Verselbstständigung von Sachzwängen gegenüber den Bedürfnissen der 
Menschen. Wir können den Kapitalismus nicht mehr kontrollieren, sondern dieser 
kontrolliert uns." (S.170)

FREIWILLIGKEIT UND KOLLEKTIVE VERFÜGBARKEIT
Sutterlütti (Soziologe, aktiv im Commons-Institut) und Meretz (Ingenieur, Informatiker, 
Mitbegründer des Commons-Instituts) arbeiten nachvollziehbar heraus, dass "Freiwilligkeit" 
und "kollektive Verfügbarkeit" die Mindestvoraussetzungen und damit auch Grundpfeiler 
einer solchen "Freien Gesellschaft" sein müssten. Obwohl das Buch eigentlich in sieben 
Kapitel gegliedert ist, lässt es sich in drei große Komplexe unterteilen.

Der erste befasst sich damit, in die Thematik einzutauchen, den Status Quo 
herauszuarbeiten und die Kritik am Kapitalismus zu begründen. Zudem wird hier Stellung zu 
bisherigen, historischen Versuchen zur Überwindung des Kapitalismus bezogen und auch 
Kritik an aktuellen Strategien zur Transformation geübt. Schließlich laufen die 
allermeisten davon auf politisch-staatliche Reformen oder einen revolutionären Umbruch 
durch Machterringung hinaus. Warum beide dieser Wege nicht zielführend sein können, 
sondern bestenfalls hilfreich unterstützend, wird von dem Autorenduo klar formuliert und 
gut begründet. Allein schon für diesen erhellenden ersten Buchteil lohnt die Lektüre.

Den mittleren Teil des Buches widmen Sutterlütti und Meretz ihrem Hauptanliegen, nämlich 
den Raum für Debatten um Utopien wiederzueröffnen. Dazu versuchen sie, eine generelle 
Theorie zu Utopien zu umreißen, welche die Ziele wandlungswilliger Bestrebungen griffiger 
und fokussierter machen könnte, ohne dabei ein zu konkretes Bild einer möglichen Zukunft 
"auszupinseln". Ergänzt wird diese Utopietheorie durch den Entwurf einer verallgemeinerten 
Theorie zu möglichen Aufhebungsprozessen, die den Weg aus dem Gegenwärtigen ins Utopische 
skizzieren wollen. Sowohl diese Aufhebungstheorie als auch die sogenannte kategoriale 
Utopietheorie sollen in erster Linie anderen Denkern und Visionären Räume zur kreativen 
Ausgestaltung eröffnen und zur Reflexion ihrer eigenen Ansätze einladen.

DIE UTOPIE DES COMMONISMUS
Den abschließenden dritten Teil des Buches nutzen die Autoren sogleich zur Anwendung ihrer 
im Mittelteil entwickelten Theorien und stellen den Commonismus, ihre eigene kategoriale 
Utopie, sowie ihre Aufhebungs-theorie vor, die sie Keimformtheorie getauft haben. Die 
Keimformtheorie gehe davon aus, dass das Neue im Alten bereits als Keim angelegt, jedoch 
nicht dominant sei. Unter entsprechenden Vorbedingungen, die auch diskutiert werden, 
könnte diese Vorform jedoch mehr Relevanz erlangen und letztlich die Dominanz erlangen.

"Eine Utopie, die das Ende von Knappheit im Zentrum hat, wird die Vorform in technischen 
Entwicklungen sehen. Eine Utopie, die an zentrale Planung glaubt, wird politisch-staatliche
Vorformen suchen. Unsere Utopie findet ihre Vorform in neuen Beziehungen zwischen 
Menschen." (S.94)

Diese neuen Beziehungen würden in der Utopie des Commonismus nun bestimmt durch das 
sogenannte Commoning. Dabei handele es sich um eine soziale Praxis, deren ureigenes Wesen 
es ist, inkludierend zu wirken. Das heißt, dass es ohne besondere Überwindung nahe liegt, 
die Bedürfnisse anderer Menschen in die eigene Handlungslogik einzubeziehen und diese zu 
berücksichtigen, weil dies letztlich auch zum eigenen Vorteil würde. Damit wäre die 
exkludierende, also ausgrenzende und trennende Wirkungsweise, die dem Kapitalismus 
systemisch innewohnt, aufgehoben.

Mit ihren Überlegungen, Ideen und Theorien knüpfen Sutterlütti und Meretz an die Gedanken 
vieler Vordenker an, auf deren Schultern sie stehen, kritisieren diese aber auch 
fundamental. Sie beschreiben systemische Hebelpunkte für Veränderung, die sehr tief 
wurzeln und präsentieren dazu neuartige (Denk-)Ansätze, die paradoxer- und gleichzeitig 
erhellenderweise bisher wenig theoretische, dafür aber bereits viel praktische Verbreitung 
finden! Außerdem bereichern sie ihr Werk mit sehr spannenden Erkenntnissen und Schlüssen, 
wie beispielsweise einer überraschenden Kritik an der Notwendigkeit von Ethik oder dem 
Wesen von Gemeinschaften.

Erscheinen diese doch den meisten emanzipatorisch denkenden Lesern zunächst sicherlich als 
essentiell, entlarven die Autoren die Herausbildung beider Bedürfnisse auf beeindruckende 
Weise als teils sogar problembehaftete Symptome des Kapitalismus, die vom Commonismus mit 
aufgehoben würden. Erstaunlich, was die Autoren alles in den 250 Buchseiten unterbringen, 
ohne ein Gefühl aufkommen zu lassen, etwas würde wesentlich zu kurz kommen. Obwohl allein 
der eine oder andere Punkt leicht weitere Bücher füllen könnte. Erreicht wird dies durch 
eine präzise, klare Sprache und wenig ausschmückende Prosa. In dieser Hinsicht gelingt dem 
Autorenduo auch der eigentlich unmögliche Spagat zwischen einem dem Thema angemessenen, 
wissenschaftlich-seriösen Stil und allgemeiner, leichter Verständlichkeit vergleichsweise 
gut. Anfangs besser, dann zunehmend herausfordernder, was wirklich Interessierte jedoch 
leicht verzeihen werden:

"Die hier entwickelten Begriffe muten kompliziert an. Sind sie auch. Unser Ziel ist, 
allgemeine Bestimmungen für den Mensch-Gesellschafts-Zusammenhang zu gewinnen. Das Problem 
liegt darin, dass wir Gesellschaft als transpersonale Kooperation nicht sinnlich erfahren. 
Wir können nur ihre Wirkungen in kleinen Ausschnitten interpersonal und unmittelbar 
wahrnehmen. Staat, Patriarchat, Markt erleben wir nicht unmittelbar, sondern wir erleben 
nur ihre Auswirkungen. Doch die abstrakt anmutenden Worte brauchen wir, um das 
interpersonale Erleben zu begreifen, indem wir es auf den Begriff bringen." (S.145)

Leider kann ihr Werk nicht ohne Vorbehalt als Einstieg in die Gesellschaftstheorie oder 
die Welt der Commons empfohlen werden. So ist es in seiner Gesellschaftsanalyse sehr 
tiefgehend und äußerst kritisch, was Einsteiger sehr fordert. Hilfreich und 
aufschlussreich sind jedoch die vielen kurzgefassten und knackigen Begriffs-bestimmungen, 
die erheblich zur Verständlichkeit beitragen können.

Auch um erstmalig in die Welt der Commons und des Commoning einzutauchen, ist 
"Kapitalismus aufheben" vermutlich zu nüchtern, sachlich und theoretisch. Hier braucht es 
vielleicht eine emotionalere, gefühlvollere, vielleicht gar praktischere Erfahrung als 
dieses Buch vermitteln kann oder auch will, um eine ausgeprägte, lebendige und griffige 
Vorstellung dafür zu entwickeln. Andere bereits frei erhältliche Werke zu Commons könnten 
dies leisten.

Dennoch haben Sutterlütti und Meretz hier etwas Wichtiges und Großes geleistet. Es wäre zu 
wünschen, die Ideen und Ansätze fänden die ihnen gebührende Verbreitung und avancieren zum 
Fundament für ein neues Kapitel des bevorstehenden gesellschaftlichen Wandels. Damit ist 
"Kapitalismus aufheben" eine dringende Empfehlung und essentielle Lektüre für alle, die 
gesellschaftlich interessiert oder bereits transformierend engagiert sind bzw. es gern 
sein möchten.

Die Lektüre dient nicht nur dem Zweck, Denkräume für Utopien zu schaffen und die Utopie 
des Commonismus vorzustellen, sondern auch dazu, die eigenen Überzeugungen, Bestrebungen 
und Engagements besser verorten zu können. Dabei kann es vielleicht zu überraschenden 
Ernüchterungen kommen oder auch die Augen öffnenden Momenten. Vielleicht gelingt es dem 
Buch sogar, Hoffnungen (wieder-) zu erwecken und Mut zu machen, etwas grundlegend Neues 
anzugehen, das plötzlich nicht mehr jenseits des Horizontes liegt, sondern greifbarer denn 
je erscheint.

Das Buch kann käuflich erworben werden, ist jedoch auch frei als PDF downloadbar. 
https://commonism.us/

https://direkteaktion.org/kapitalismus-aufheben-jetzt/


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