(de) FAU, direkte aktion: ACH, TRANS LEUTE GEHEN ARBEITEN?!

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Mo Aug 13 07:54:43 CEST 2018


Ein Bericht zur Transfeindlichkeit im Erwerbsleben ---- Betrieb & Gesellschaft Von: AG 
trans_arbeit des Allgemeinen Syndikats Dresden und fem*fau - 8. August 2018 ---- Mit der 
Situation von trans[1]Leuten im Allgemeinen haben sich schon viele (trans) Anarchist*innen 
beschäftigt. Schließlich ist queerer[3]Anarchismus eine anarchistische Strömung. Aus 
syndikalistischer Perspektive auf die Lohnarbeit hat das Thema bisher nicht viel 
Aufmerksamkeit erhalten. An Beispielen erklären wir, wie sich die Diskriminierung in der 
Lohnabhängigkeit äußert, wie sich das mit anderen Diskriminierungsformen überschneidet und 
überlegen uns, was wir dagegen tun könnten. ---- Einer von uns zwei Autoren lernte Mikela 
auf einer Party in Berlin kennen. Wir lagen uns in der Morgendämmerung noch lange in den 
Armen. Mikela hatte ihre Lohnarbeitsstelle verloren, weil sie mit dem Beginn der 
Hormontherapie anfing, sich "weiblich" zu kleiden und einen anderen Namen zu verwenden. 
Sie arbeitet in der Pflege. Während der Rückfahrt wurde mir langsam klar, was das 
womöglich für mein Leben bedeuten würde, würde ich mich outen[2]. Ich arbeite im Bereich 
Maschinenbau und habe es dort als weiblich wahrnehmbare Person schon nicht besonders leicht.

JA, TRANS LEUTE GEHEN ARBEITEN!
Wie steht es also um die Situation von trans Leuten in der Lohnarbeit? Die Idee, dass 
trans Leute einer Lohnarbeit nachgehen, scheint immer noch so absurd, dass die Berliner 
Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung 2015 sogar eine 
Ausstellung darüber geschaffen hat. Zu sehen sind darin Bilder von trans Leuten auf ihrem 
"ganz normalen" Arbeitsplatz im Büro oder auf dem Gemüsemarkt[4]. Tatsächlich ist das 
Durchschnittseinkommen für trans Leute geringer, und sie sind auch häufiger von 
Arbeitslosengeld abhängig. Viele trans Leute arbeiten unter ihrer Qualifikation[5].

Für Mikela war es auch sehr schwierig, nach der Kündigung einen neuen Job zu finden. Das 
liegt daran, dass cis[6]Menschen keine nicht geschlechtskonformen Leute beschäftigen 
wollen. Mikela ist auch ziemlich deutlich als nicht geschlechtskonform erkennbar: sie wird 
meistens mit "Herr" angesprochen, aber ihre deutlich weiblich konnotierte Kleidung outet 
sie unter allen fremden Blicken als trans. Ungünstig ist, dass sie durch ihre Armut das 
Passing[7]auch nicht verbessern kann.

Die von der Krankenkasse bezahlte Hormontherapie wird nämlich nicht allein dafür sorgen, 
dass sie irgendwann umstandslos als Frau wahrgenommen wird. So können Kosten für die 
Laserepilation zur Haarentfernung anfallen und die offizielle Namens- und 
Personenstandsänderung kann bis zu 5000€ kosten. Ohne Lohn also kein Passing, aber das 
Passing war doch anfangs der Grund für die Erwerbslosigkeit! Die Zeugnisse, die ohne 
Namensänderung immer noch unter dem falschen Namen vorliegen, verschlechtern ihre Chancen 
noch einmal zusätzlich. Der Antrag zur Hormontherapie ist übrigens ein Beispiel dafür, 
dass cis Personen darüber entscheiden dürfen, wer trans genug für Hormone ist und wer 
nicht: die dazu notwendigen Gutachter*innengespräche werden häufig als entwürdigend 
wahrgenommen.

Die Zeiten, in denen trans Frauen[8](in Deutschland) nichts blieb außer Sexarbeit[9]sind 
vorbei, aber ähnlich wie Mikela geht es vielen trans Leuten.

STATISTISCHE ZAHLEN ZUR LOHNABHÄNGIGKEITSSITUATION VON TRANS LEUTEN
Die Agentur der europäischen Union für Grundrechte hat dazu ein paar Zahlen erhoben[10]. 
Für das Jahr 2014 gaben 37% der befragten trans Leute in Deutschland an, bei der Jobsuche 
diskriminiert worden zu sein, weil sie trans sind. Das bedeutet letztendlich, einen Job 
deswegen nicht zu erhalten oder ihn "freiwillig" nicht annehmen zu wollen. Häufig geht es 
aber schon mit verletzender Behandlung während des Vorstellungsgesprächs, beim Jobcenter 
oder am Telefon einher. Etwas weniger (27%) gaben an, während der Lohnarbeit diskriminiert 
worden zu sein.

Besonders nicht binäre Leute berichteten, dass sie ihr Arbeitsumfeld als 
LGBTI[11]-unfreundlich wahrnehmen; trans Männer sahen hier am wenigsten Probleme. Kein 
Wunder also, dass EU-weit 84% angaben, sich auf Arbeit gar nicht oder nur selten zu outen. 
Letzteres trifft auf trans Frauen und ältere Leute weniger zu, wahrscheinlich, weil sie 
häufig schlechter passen und deshalb keine andere Wahl haben, als sich zu outen. Die 
Hormontherapie erzielt bei trans Frauen nämlich nicht so offensichtliche Ergebnisse wie 
Bartwuchs oder eine tiefere Stimme[12],[13]. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass 
trans Frauen von mehr Diskriminierung in der Jobsuche oder am Arbeitsplatz berichten. Eine 
Hormontherapie erzielt mit höherem Alter auch schlechtere Ergebnisse. Nicht binäre Leute 
outen sich sogar nur zu 5% auf Arbeit. Leute sind eher out auf Arbeit, wenn sie eine 
leitende Position innehaben[14].

WAS STUDIEN NICHT ERFASSEN
Studien, die mehrere Diskriminierungsformen in ihrem Zusammenspiel analysieren, sind sehr 
selten. Häufig wird nicht erfasst, dass trans Leute nicht nur trans sind, sondern auch 
lesbisch, von Misogynie betroffen, schwul, bisexuell, migrantisch, Schwarz, arm, schlecht 
gebildet, Arbeiter*in, behindert oder psychisch erkrankt[15]sein oder keine (deutsche) 
Staatsbürgerschaft haben können. So sind ermordete trans Leute besonders häufig (sofern 
der Beruf bekannt war) Sexarbeiter*innen oder migrantisch[16].

Leuten mit psychischen Störungen oder Behinderungen wird häufig abgesprochen, dass sie 
einschätzen könnten, ob sie trans sind oder nicht. Im Fall der psychischen Störung führt 
das manchmal dazu, dass sie aus der Angst, keine Hormone zu bekommen, ihre psychische 
Störung nicht behandeln lassen, da Psycholog*innen selten beides gleichzeitig "behandeln". 
Über das Zusammenspiel von verschiedenen Diskriminierungsformen bei trans Menschen könnten 
wir ein Buch schreiben, aber das hier ist ein Zeitungsartikel. Vielleicht fragt sich 
die*der Leser*in hier gerade, was das mit der Lohnarbeit zu tun hat. Neben der 
Diskriminierung im Erwerbsleben werden die Betroffenen weiter benachteiligt und belastet. 
Das kann zu Stress führen, welcher insgesamt zu weniger Ruhe für z. B. eine sinnvolle 
Jobsuche führt. Möglicherweise führt es sogar zu Arbeitsunfähigkeit.

BEGEHRT AUF, DAS LEBEN IST ES WERT!
Insgesamt sorgt transfeindliche Diskriminierung also dafür, dass trans Leute arm werden 
oder arm bleiben. Diese Abwertung macht leider jede emanzipatorische Perspektive 
schwierig: Welcher trans Person bleibt neben den täglichen Diskriminierungserfahrungen und 
ärztlichen Gutachten Zeit für einen Arbeitskampf, um ihre Rechte geltend zu machen? Auch 
der Ansatz der Betriebsgruppe schlägt wohl meistens fehl, weil keine Unterstützung in der 
Belegschaft besteht und Erwerbslose häufig vereinzelt agieren. Innerhalb der radikalen 
Linken sind trans Leute allgemein stark unterrepräsentiert oder gar ausgeschlossen, das 
liegt auch daran, dass cis Leute ihre Privilegien nicht reflektieren und dadurch Kämpfe 
häufig ausschließlich aus cis Perspektive gedacht werden. Das lässt eine Atmosphäre 
entstehen, in der sich trans Leute nicht sicher und wohl fühlen können, um politisch aktiv 
zu werden. Trans Leute, die bei der Geburt männlich zugewiesen wurden (zum Beispiel trans 
Frauen) sind davon besonders betroffen. Was können wir also tun?

Wir können einander zuhören, Nachfragen stellen und Sorgen ernst nehmen, auch, wenn wir 
die Erfahrung nicht teilen oder nicht mal annähernd verstehen. Wir können dennoch 
versuchen, unvoreingenommen Anteil zu nehmen. Wir können uns über das Recht informieren 
und erfahren, bei welcher Diskriminierung bei der Lohnarbeit trans Leute rechtlich nichts 
in der Hand haben oder worauf sie achten müssen. Leider haben trans Leute rechtlich sehr 
wenig gegen Arbeitgeber*innen in der Hand. Allerdings können wir bei der Bewerbung, bei 
der Beantragung alter Zeugnisse auf den neuen Namen, bei Anträgen oder beim Gang zum 
Jobcenter, unterstützen. Wir können Diskriminierung unter Kolleg*innen ansprechen, 
transfeindliche Arbeitgeber*innen konfrontieren, Netzwerke bilden und uns über Länder- und 
Stadtgrenzen hinweg kennenlernen. Wir können Arbeitsgruppen bilden, die bei Problemen 
angesprochen werden können. Möglichkeiten gibt es also genug, es liegt an uns, diesen 
Zustand zu ändern!

Der Artikel ist in Kooperation der bundesweiten AG fem*fau mit der AG trans_arbeit der FAU 
Dresden entstanden.

https://direkteaktion.org/ach-trans-leute-gehen-arbeiten/


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