(de) FAU, direkte aktion: SHAME ON YOU, DELIVEROO! Betrieb & Gesellschaft Von: Georgia Palmer - 4. April 2018

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Mo Apr 9 08:01:16 CEST 2018


"Jetzt schlägt's 13!" - Mit diesen Worten ruft der Kölner Verein aktion./.arbeitsunrecht 
seit inzwischen 3 Jahren zu bundesweiten Aktionstagen an jedem Freitag, dem 13. auf. ---- 
Es geht  bei diesem Aktionstag und der ‘Preisverleihung', um Solidarität mit einem jeweils 
aktuellen Arbeitskampf und "gegen Union Busting und Ausbeutung"[1]. Welches Unternehmen 
diesen Preis gewinnt, wird vorher in einer Online-Abstimmung entschieden. ---- Am 13. 
April ist es also wieder so weit. Dieses Mal hat der britische Fahrradessens-lieferdienst 
Deliveroo das Rennen gemacht, knapp vor Vertragspartner Nordsee. Es soll 
Fahrraddemonstra-tionen und kreative Protestaktionen in möglichst vielen Städten geben*, 
organisiert von einem Netzwerk von Aktivist*innen und den Arbeiter*innen von Deliveroo. Da 
diese zum Teil bei der FAU organisiert sind, beteiligen sich die Syndikate in Berlin, 
Hamburg und Nürnberg mit Demonstrationen am Aktionstag unter dem Motto: "Shame on you, 
Deliveroo!" Auch "Fertigmacher"[2]Nordsee soll, ein kleiner Trostpreis, in die Proteste 
miteinbezogen werden.

MIT HORROR GEGEN AUSBEUTUNG

Nein, subtil ist die Symbolik der Kampagne zum "schwarzen Freitag" nicht. Dass Freitage, 
die auf einen 13. fallen, Unglückstage sind, geht einer verbreiteten Theorie zufolge auf 
die Börsencrashs Ende der zwanziger Jahre zurück. Die Unternehmen sollen also zittern. Im 
Namen eines "augenzwinkernden Aberglaubens"[3]verkleiden sich Aktivist*innen und 
Arbeiter*innen vor allem im karnevalsgeübten Köln bei ihren Aktionen zusätzlich noch in 
Grusel- und Horrorkostümen, um an diesem vom Verein ausgerufenen "Widerstandstag der 
arbeitenden Bevölkerung"[4]auch den abgebrühtesten CEOs eine kleine, ironische Gänsehaut 
über den Rücken zu jagen. Dem Deliveroo-Maskottchen, einem abstrakten Känguru, tropft auf 
den Plakaten zum aktuellen Aktionstag Blut aus dem Mund, ein erschrocken dreinschauendes 
Kartoongesicht spricht gar von "Lohnsklaverei", das ist schon grenzwertig. Am 13. Oktober 
2017 liefen vor Filialen des damaligen Gewinners H&M Menschen als Zombies verkleidet auf 
und ab - das ist gutes Theater. Und darum geht es schließlich bei dieser Kampagne: 
Möglichst viel Aufmerksamkeit erregen.

Im Vergleich zu dieser schillernden Rhetorik ist die Arbeit von Aktion gegen 
Arbeitsunrecht seriös, die Ziele moderat. Neben öffentlichkeitswirksamen Kampagnen, wie 
der zum "schwarzen Freitag", erforscht und dokumentiert der 2014 gegründete Verein 
unethische Unternehmenspraktiken, besonders professionalisiertes Union Busting. Es gibt 
Schulungen und Beratungen für Gewerkschafter*innen, Betriebsräte und Journalist*innen und 
eine Liste von Forderungen zur Verbesserung der rechtlichen und faktischen Lage von 
organisierten Arbeiter*innen, die Parlamentsfraktionen und Parteien vorgelegt werden. Im 
Zentrum der "Initiative für Demokratie in Wirtschaft und Betrieb"[5]steht die 
Unterstützung von Betriebsräten.

STRAMPELN, STREIKEN, SELBER MACHEN

So war es denn auch die versuchte Sabotage der Betriebsratsgründung in Köln, die Deliveroo 
zu einem Kandidaten für den 13. April machte. Dabei ist dieser Weg eher untypisch für den 
bisherigen Arbeitskampf der Fahrradkuriere. Vor wenigen Wochen erst traten 
Deliveroo-Arbeiter*innen in Hong Kong in einen wilden Streik, 300 von 500 Fahrer*innen 
beteiligten sich und legten den Lieferbetrieb in der Stadt für zwei Tage komplett lahm. 
Auch in London, Amsterdam und Barcelona - um nur einige Beispiele zu nennen - gab es schon 
Streiks, in Brüssel wurde im vergangenen Herbst sogar das Deliveroo-"HUB" besetzt. 
Andernorts wurden Unterschriftenlisten, Fahrraddemonstrationen und Protestaktionen 
organisiert. Die überwiegende Mehrheit der bisherigen Aktionen stellten die Fahrer*innen 
selbst auf die Beine. Viele der ohnehin schon selbstorganisierten Gruppen wandten sich mit 
der Zeit konsequenterweise an Basisgewerkschaften wie die FAU oder die IWGB. In Paris 
gründete sich ein autonomes Fahrer*innenkollektiv.

In der Regel waren es plötzliche Verschlechterungen der ohnehin schon prekären 
Arbeitsbedingungen, die spontane Proteste auslösten, aus denen sich dann in vielen Fällen 
eine längerfristige Organisierung entwickelte. Reguläre Anstellungsverhältnisse wurden 
durch (Schein-)Selbstständigkeit ersetzt; an die Stelle eines festen Stundenlohnes trat 
eine Vergütung pro gefahrener Lieferung; der Wettbewerb um Schichten wurde erhöht oder ein 
für viele unverzichtbarer Wochenendbonus gestrichen. Einige dieser Änderungen konnten 
durch die Proteste gestoppt oder aufgeschoben werden; in den meisten Fällen aber reagierte 
Deliveroo entweder gar nicht oder mit Sanktionen. Als sich nach der Besetzung des HUBs in 
Brüssel das belgische Arbeitsministerium einschaltete und ein Treffen mit den 
Arbeiter*innen und dem Unternehmen organisierte, erschien von Deliveroo niemand. Bei 
Demonstrationen vor den Firmenzentralen in Berlin und London wurden Fahrer*innen 
persönlich angesprochen und aufgefordert, ihre Beschwerden individuell mit dem Büro zu 
besprechen, statt "unnötigerweise" kollektive Forderungen aufzustellen. In Leeds wurde im 
Sommer 2016 nach einem Streik "die Zusammenarbeit" mit vielen der beteiligten Fahrer*innen 
"beendet" - nach einem großen öffentlichen Protest wurde das allerdings wieder rückgängig 
gemacht.

ANGST VOR DEM IMAGESCHADEN

Gekündigte Kolleg*innen in anderen Städten hatten weniger Glück. Einige von ihnen 
überlegen bereits, zusätzlich zum Arbeitskampf genossenschaftliche Alternativen zu 
Deliveroo zu gründen: um einen Job zu haben, um selbstbestimmt arbeiten zu können, um den 
Druck auf das Unternehmen zu erhöhen und das Risiko für Streikende zu verringern. Die 
notwendige OpenSource Software - ähnlich der Deliveroo-App - gibt es bereits.

Leicht würde das trotzdem nicht. 2016 machte Deliveroo bei 128.6 Mio. Pfund Umsatz 129.1 
Mio. Pfund Verluste[6]; beide Zahlen sind im vergangenen Jahr höchst-wahrscheinlich noch 
gestiegen. Getragen von Risikokapital expandiert das Unternehmen kräftig und liefert sich 
regelmäßige Werbeschlachten mit der Konkurrenz, allen voran Foodora (DeliveryHero). Beide 
spekulieren auf zukünftige Marktdominanz. Die damit einhergehende Abhängigkeit von den 
Investoren und einem guten Image ist es aber auch, was öffentliches "Shaming" gerade in 
diesem Arbeitskampf so sinnvoll macht: breite, laute Solidarität mit gut organisierten 
Arbeiter*innen könnte der Unternehmensleitung (und den Investoren) tatsächlich 
Verlustangst einjagen. Das Motto des Aktionstages ist also schon einmal gut gewählt. Jetzt 
müssen sich nur noch genügend Menschen aufs Rad schwingen und ganz laut klingeln.

* Eine Übersicht über alle geplanten Aktionen und die Ansprechpartner*innen vor Ort 
findest Du hier.

https://direkteaktion.org/shame-on-you-deliveroo/


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