(de) FAU direkteaktion: AUF DASS WIR GLÜCKLICHE ARBEITSLOSE WERDEN!

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Mi Apr 4 07:05:19 CEST 2018


Plädoyer für einen kleinen Perspektivwechsel. ---- Kultur Von: Simon ´Ekke´ Trimpin - 28. 
März 2018 ---- Ende des 18. Jahrhunderts entstand der Typus der Arbeiter*innen. Menschen, 
die in Fabriken, Manufakturen und um deren Betriebsabläufe herum, in vorgeschriebenen 
Zeittaktungen, unter disziplinierenden Bedingungen, meist äußerst repetitive Handlungen 
vollzogen und damit produzierten, was der im Entstehen befindliche Kapitalismus so 
anbieten wollte und konnte. Die Wandlung der Gesellschaften von eher bäuerlichen und 
(klein-)handwerklichen (Subsistenz-)Ökonomien, hin zu großflächigen Produktionsindustrien 
mit werktätigen Massen, vollzog sich allerdings nicht von alleine. All das setzte voraus 
und ging damit einher, dass Wellen der (Land-)Enteignungen und eine politisch wie 
kulturell vorangetriebene Erosion bestehender sozialer Institutionen[1]über Jahrzehnte, 
teils Jahrhunderte hinweg, die potentielle Armeen der Arbeiter*innen überhaupt erst 
ermöglichten, erschufen und schließlich gefügig machten.

Am Ende dieser Entwicklungen stand das sogenannte Proletariat und die 
bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft hatte, was sie zum Funktionieren brauchte, 
jemanden für die buchstäbliche Drecksarbeit. Und ähnlich wie schon in der Antike, mit 
ihrer speziellen "Schicht" der Sklav*innen, waren die niederen Arbeiten "Pfui" und jene 
die sie verrichteten (verrichten mussten) sowieso - und entsprechend wurden sie in der 
Gesellschaft gesehen, gelesen, dargestellt und behandelt - und so sahen die Betroffenen 
sich letztlich zu großen Teilen selbst. Vergleichsweise wertlos, obwohl sie alle Werte 
schufen.

Ende des 19. Jahrhunderts drehte sich das Blatt. Die Arbeiter*innen entdeckten ihr 
Selbstbewusstsein. Sie erkannten ihren Wert. Es vollzog sich eine positiv besetzte 
Selbstidentifikation mit dem Dasein und der Rolle als Proletariat, als arbeitende 
Bevölkerung. Die Arbeiter*innen-Bewegungen entstanden und mit ihnen eine ganz neue 
(Sub-)Kultur. Die Gesellschaften begannen sich zu wandeln und ein Stück weit zu humanisieren.

Warum sollte es mit uns Erwerbslosen nicht ähnlich verlaufen? Ich meine, erst wurden die 
Arbeiter*innen "gemacht", dann waren sie da und wurden gesellschaftlich abgewertet. Später 
erkannten sie ihren Selbstwert und darauf aufbauend erkämpften sie sich Rechte, ihren 
Platz im öffentlichen Diskurs und eine sinnstiftende Identität. Ginge das nicht auch auf 
arbeitslos? Die ökonomischen und kulturellen Bedingungen unserer Gesellschaft erzeugen 
offensichtlich Arbeitslosigkeit, als empirische Rolle in der Erwerbsökonomie und 
gesellschaftliche Zuschreibung gleichermaßen.

Und offensichtlich nicht als kurz auftauchende Ausnahme von der Regel, als 
vernachlässigbare Abweichung von der sonst durchgängig erwerbstätigen Norm, sondern als 
Dauer- und Massenphänomen. Mit anderen Worten: Arbeitslosigkeit wird "gemacht", sie ist 
unbestreitbar präsent und sie bzw. ihre Träger*innen erfahren nach wie vor 
gesellschaftliche Abwertung, im Zuge derer sie sich oftmals selbst abwerten. Ist also 
nicht allmählich die Zeit gekommen, dass wir uns als Betroffene positiv auf uns selbst 
beziehen? Dass wir die normativen Zuschreibungen unserer gesellschaftlichen Realität 
kritisch hinterfragen, sie zertrümmern und schließlich neu umdeuten? Dass wir endlich eine 
Arbeitslosen-Bewegung lostreten? Denn warum sollten wir die Dummen sein? Schreien wir 
hinaus, mit Selbstbewusstsein, mit Stolz. dass wir gerne arbeitslos sind und dass wir um 
unseren Wert wissen!

Gut, jetzt könnte dieser Betrachtung entgegenhalten werden: Naja, die Arbeiter*innen 
hatten damals den Umstand auf ihrer Seite, dass alles, was die Gesellschaft brauchte, ja 
von ihnen hergestellt und geleistet wurde. Bürgerliche Verwalter und großkapitalistische 
Müßiggänger konnten sich selbst wie gegenseitig noch so energisch ihrer höheren Weihen 
versichern - am Ende stellte jemand anderes das Mittagessen auf den Tisch, zimmerte jemand 
anderes das Bett, in das man sich legte, baute jemand anderes die Straßen, auf denen man 
lustwandelte und schlussendlich blieb jede administrative Meisterleistung ein bloßes 
Hirngespinst, wenn niemand da war, sie umzusetzen. Die Arbeiter*innen hatten eben jenen 
starken Arm, der alles stillstehen ließ, wenn er es nur wollte.

Und wir arbeitslosen Massen? Haben wir allein das (gesellschaftlich so bewertete) Nichts? 
Nicht wirklich, aber ja, auch das - und vor allem: Warum auch nicht? Bedenken wir, woran 
uns östliche Philosophien wie der Taoismus allzu gerne erinnern[2], oder wozu ein simpler 
Blick in Welt, wie Universum, ausreichen würde, legte man nur die Scheuklappen des 
menschlichen Materialismus ab: Wir leben in keiner Welt der Dinge und Geschehnisse, wir 
leben in einer Welt der Leere, des fast leeren Raumes, in der dann verhältnismäßig 
zufällig verteilt und lose angeordnet ein paar Dinge 
herumstehen...liegen...fahren...miteinander in Beziehung treten. Oder für Romantiker 
formuliert: Was macht einen atem-beraubenden Sternenhimmel so schön, allein die Sterne, 
oder nicht auch der dunkle, leere Raum zwischen diesen? Und wovon ist eigentlich mehr zu 
sehen, Sterne, oder blauschwarzer Zwischenraum?

Also, nur als kleiner Denkanstoß, wenn der leere Raum, sprich die Abwesenheit von Dingen 
und Geschehnissen, seine Berechtigung, ja seine Notwendigkeit hat, letztlich konstitutiv 
für alle Existenz wirkt, warum denn nicht auch die Abwesenheit von Tätigkeiten? Und 
allermindestens die Abwesenheit von (Lohn-)Arbeit? Denn es ist ja gar nicht einmal so, 
dass erwerbslose Menschen nichts tun würden. Irgendetwas macht Mensch ja immer, selbst 
Faulenzerei muss irgendwie betrieben werden. Von der ganzen Palette unbezahlter 
Tätigkeiten, seien sie reproduktiv, ehrenamtlich, politisch, kreativ-künstlerisch, 
pflegerisch, zwischenmenschlich-beziehungshalber, oder selbstfürsorglich, ganz zu 
schweigen. Tätigkeiten, die ja mindestens ebenso unabdingbar für unsere Existenz und das 
Fortbestehen unserer Gesellschaft sind wie die schnöde Erwerbsarbeit.

Will heißen, die Dominanz des klassischen Arbeitsbegriffs war ohnehin schon immer eine 
quasi-neurotische Fixierung auf einen vielfach überhöhten Teilaspekt individueller wie 
gesellschaftlicher Realität. Als bestünde die zentrale Aufgabe eines Menschen in der 
Verrichtung seines Jobs. Als erschöpfe sich zwischen 9to5 die Fülle und der Wert einer 
Existenz. Zumal, wenn wir ein Viertel der Woche arbeiten gehen, ein Viertel der Woche 
schlafen und in der übrigen Hälfte alles andere machen, warum sollte dann eigentlich 
ausgerechnet die Arbeit das "Main-Event" sein? Und selbst Biertrinken und Netflix suchten 
gehören gewissermaßen zu den gehaltvolleren Tätigkeiten, zumindest, eine kapitalistische 
Perspektive müsste das anerkennen können. Denn ohne vermaledeiten Konsum nutzt alles noch 
so fleißige Produzieren herzlich wenig.

Berufen wir uns also auf all das, was wir jenseits eines, ob nun vorhandenen oder 
abwesenden, Arbeitsplatzes sind. Egal ob produktiv, kontemplativ, zwischenmenschlich oder 
schlicht müßig bis stinkendfaul, ob höchst politisch, oder ergreifend konsumorientiert, ob 
kreativ oder wiederkäuend, ob nun Care oder don´t care. Weder beginnt der Mensch bei 
seiner (Erwerbs-)Arbeit noch hört er dort auf! Und die östliche Philosophie und das (fast) 
leere Universum im Blick: Es ist die Schönheit des Nichts, die das Etwas überhaupt erst 
zur Geltung bringt. Kurzum: Werden wir glückliche Arbeitslose um letztlich zu begreifen, 
wir sind nicht erwerbslos oder erwerbstätig, wir sind lebendig und willenstätig, ob mit 
oder ohne Job. Alles andere ist arbeitsfetischistischer Nonsens, auf den wir getrost 
verzichten können und sollten.

Also fröhlich voran! Organisieren wir uns, gründen wir 
Glückliche-Arbeitslose-Aktions-(oder Aktionslos)-Gruppen, tauschen wir uns aus, setzen wir 
uns zur Wehr! Verlassen wir die glücklosen Sphären der individualisierten 
Schuldzuschreibungen und vermeintlichen Einzelschicksale! Deuten wir mit unseren 
Mittelfingern auf die systemischen Bedingungen hin! Fordern wir Solidarität ein, oder 
verlassen alle Orte, Verbünde, Organisationen und Gemeinschaften, die uns diese verwehren 
wollen - oder noch schlimmer, im Austausch für ihre Solidarität, Fleiß, Entbehrung, 
Gehorsam, Opferstatus und Arbeitswillen von uns verlangen!

Wir arbeiten nicht, weil es offenkundig keinen Grund dafür gibt, es gibt keine Arbeit. Es 
mag viel zu tun geben, mehr als uns allen lieb sein kann, wie es auch viel zu lassen gäbe, 
aber offenkundig nicht genug (Erwerbs-)Arbeit für alle. Das haben wir nicht zu 
verantworten, also baden wir es - zumindest moralisch, wenn schon nicht ökonomisch - auch 
nicht mehr länger aus! Wir arbeiten nicht, aber genießen die Zeit, die aus ihr entwachsene 
Freiheit, den weniger herrsch-süchtigen Bezug zu unserer Mitwelt - und vielleicht sollten 
viel mehr Menschen damit anfangen, wenn wir uns so anschauen, wohin es die Welt gebracht 
hat: Massenburnout, ökologischer Kollaps, elektrische Fusselrasierer.

In diesem Sinne: Werden wir erwerbslos! Werden wir glücklich!

‘Glückliche Arbeitslose' in der Überschrift bezieht sich auf die Analogie zum Namen der 
einst in Berlin aktiven Gruppe um Guillaume Paoli - siehe Paoli, Guillaume, "Mehr 
Zuckerbrot, weniger Peitsche", Edition TIAMAT Verlag Klaus Bittermann, 2002.

Titelbild entnommen von pixabay.com

https://direkteaktion.org/auf-dass-wir-glueckliche-arbeitslose-werden/


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