(de) FAU, direkte aktion: DIGITALER ARBEITSDRUCK

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Mo Sep 18 08:49:23 CEST 2017


Industrie 4.0 ist das neue Schlagwort in einer immer digitaler organisierten Arbeitswelt 
und wird als Chance zur Flexibilisierung von Arbeitsprozessen dargestellt. Tatsächlich 
haben darunter die Arbeiter*innen zu leiden, wie erste Ansätze der Industrie 4.0 in der 
IT-Branche zeigen. ---- Betrieb & Gesellschaft Von: Marcus Schwarzbach - 13. September 
2017 ---- GGerade im Bundestagswahlkampf ist es wieder zu hören: Die Digitalisierung 
bietet Chancen. Auch die DGB-Gewerkschaften betonen gerne Positives: "Die technischen 
Möglichkeiten, dezentrale Steuerungsprinzipien etwa, haben etwas potenziell 
Emanzipatorisches. Zum Beispiel beim altersgerechten Arbeiten, in der qualifizierten 
Gruppenarbeit in neuen - für den Beschäftigten positiven - Spielarten in der 
Mensch-Maschine-Kommunikation", sagt der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. Er betont die 
Chancen von Industrie 4.0.[1]

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) ist da schon klarer in ihrer 
Zielsetzung. Sie hat ein Positionspapier mit dem Titel "Chancen der Digitalisierung 
nutzen" verfasst, mit welchem deutliche Forderungen erhoben werden: "Befristung und 
Zeitarbeit dürfen daher nicht durch neue Belastungen begrenzt werden. Zeitarbeit und 
insbesondere die sachgrundlose Befristung müssen auch künftig für die Gestaltung der 
Arbeitsbeziehungen ohne neue Beschränkungen zur Verfügung stehen." Die Mitbestimmung müsse 
sich dem Tempo der Digitalisierung anpassen: Hier müssten "Verzögerungspotenziale 
abgebaut, bestehende Regelungen auf ihre Zukunftsfähigkeit hin überprüft werden". Auch die 
Abschaffung des Acht-Stunden-Tages und der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn Stunden 
wird gefordert: "Um hier mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten 
abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz deshalb von einer täglichen auf eine wöchentliche 
Höchstarbeitszeit umgestellt werden."[2]

cc https://pixabay.com/en/hand-robot-human-machine-face-1571851/

Immer mehr Beispiele zeigen, dass eine dominante technische Steuerung die Beschäftigten 
unter Druck setzt. Kernstück der Industrie 4.0 soll eine rundum vernetzte Produktion sein, 
Verwaltung und Entwicklungsabteilungen sollen verknüpft werden. Sie beruht auf 
technologischer Intelligenz, die in Produkten und Maschinen eingebunden wird. "Technik - 
speziell: Automatisierungstechnik - ‚an sich‘ ist weder ‚gut‘ noch ‚böse‘", argumentiert 
Bernd Kärcher, Leitung Research Mechatronic Components von der bei Festo AG & Co. KG. 
"Entscheidungen beziehen sich immer auch auf die Wahl zwischen zwei Wegen oder Szenarien. 
Im ersten Szenario bekommen die Mitarbeiter vor Ort Informationen und Kompetenzen. Im 
zweiten Szenario werden die Mitarbeiter immer perfekter in Prozessen überwacht und 
benötigen weder Kompetenzen noch Fähigkeiten. Beide Wege sind möglich, auf beiden Wegen 
kann in Deutschland wettbewerbsfähig produziert werden".[3]Dies setzt Auswertungen durch 
moderne Systeme voraus. Dabei finden häufig Workflow-Systeme Anwendung. Die dazugehörende 
Dokumentation und Verwaltung von Beschäftigten- und Kundendaten mit Hilfe moderner Technik 
ist von besonderer Bedeutung. Auch die Auswertung der einzelnen Arbeitsschritte und somit 
die Kontrolle der Arbeiter*innen zählen zu den Möglichkeiten. Voraussetzung ist oft eine 
Datenbank, in der Informationen aus unterschiedlichen Quellen in einem einheitlichen 
Format zusammengefasst werden.

Die Veränderungen gehen aber weiter: Hybride Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass neben 
den Beschäftigten auch die Technologie Prozesse steuert. Bekannt ist die Zusammenarbeit 
von Mensch und automatisierter Steuerung etwa durch die Arbeit von Pilot*innen. Für das 
Unternehmen hat die Technik Vorteile. Sie kann Daten, Diagnosen und Arbeitsanweisungen 
präsentieren. Die Lohnabhängigen können weit weniger Daten verarbeiten und weniger 
Komplexität berücksichtigen als Maschinen. Es können Einzelarbeitsplätze entstehen, bei 
denen die Technik den Menschen steuert, und die so zu Isolation und Monotonie führen.

INDUSTRIALISIERUNG DER IT?

Auch Abläufe in der IT könnten zunehmend standardisiert werden, - ähnlich der Entwicklung 
in der Automobilindustrie in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Einige 
Fachautor*innen sprechen in diesem Zusammenhang bereits von einer Industrialisierung der 
IT. Diese Standardisierung hat weitreichende Folgen. Serviceleistungen werden über das 
Internet zur Verfügung gestellt und können auch von kleineren Unternehmen ausgelagert werden.

Ein Beispiel für die zunehmende Industrialisierung der IT ist "Scrum". Scrum ist eine 
Projektmanagement-Software, die der Ausgestaltung von IT-Entwicklungsprojekten dient. Ein 
wichtiger Aspekt ist die gemeinsame Planung der Arbeitsaufgaben im Team. In einem 
sogenannten "Sprint Planning" werden neue Aufgaben definiert, geschätzt und nach 
Prioritäten erfasst. Wissenschaftler*innen sahen anfangs bei Scrum 
"Emanzipationspotenziale für die Beschäftigten". Denn im Team wird gemeinsam über das 
Vorgehen gesprochen, es erfolgt ein Austausch über Probleme im Planungsprozess. "Der 
Schätzprozess soll die Arbeitsplanung des Teams demokratisieren. So soll es vor 
Überlastung durch das Management geschützt werden" erläutert Stefan Sauer, vom Institut 
für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München.[4]Die Entwicklung geht jedoch in 
eine andere Richtung. Scrum ist für hochqualifizierte Beschäftigte "ein Verlustgeschäft; 
sie werden dann in einem durchgetakteten Arbeitsprozess eingebunden, der sie einem hohen 
Zeit- und Rechtfertigungsdruck aussetzt, ihnen keine Möglichkeiten bietet, über die 
Verausgabung ihrer Arbeitskraft mit zu verfügen. Wissensarbeit wird dann am»digitalen 
Fließband«organisiert", betont Andreas Boes vom ISF München.[5]
Ernormer Druck entsteht einerseits wegen "der hohen Transparenzanforderungen", denn im 
Planungsstadium müssen die Programmierer*innen ihre Arbeitsweise offen legen. Vor allem 
die Einschätzung, wie viel Zeit für einzelne Programmierschritte benötigt wird, setzt die 
Arbeitenden bei der Umsetzung unter Zeitdruck. Über Scrum werden detailliert Arbeitspakete 
erfasst, die der Planung dienen sollen.

SOCIAL MANUFACTORING DURCH TOOLS WIE SCRUM?

Andererseits entsteht sozialer Druck innerhalb der Teams, denn es wird gemeinsam über das 
Vorgehen gesprochen, entsprechend erwarten Teammitglieder die Umsetzung. "Vor möglichen 
Unterauslastungen des Teams schützt, neben der potenziell möglichen späteren Kontrolle 
durch Vorgesetzte, schlichtweg der soziale Druck im Team", so Sauer. Die IT-Entwicklung 
galt bisher als vergleichsweise wenig standardisiert. Durch Scrum kann jetzt zunehmend 
Druck auf die Beschäftigten ausgeübt werden. "Das ist mein Fließband", erläutert ein 
Programmierer seine Erfahrungen mit Scrum.[6]Die Beispiele zeigen, dass die zukünftige 
Entwicklung der digitalen Arbeit nicht durch einen Dialog vorangetrieben wird, wie es 
Bundesarbeitsministerin Nahles mit ihren Grünbuch 4.0 suggeriert. Wissenschaftsprojekte 
sollen Verschlechterungen aus Sicht der Beschäftigten jedoch verschleiern. Das 
Bundesministeriums für Wirtschaft fördert ein Forschungsprojekt zu "Social Manufacturing" 
und Industrie 4.0.[7]

Bei Social Manufacturing "wird die Interdependenz der Elemente Mensch, Technik und 
Organisation eines Produktionssystems in den Vordergrund gerückt", erklärt Hartmut 
Hirsch-Kreinsen, Professor der Technischen Universität Dortmund. Er verspricht "weitgehend 
selbstbestimmtes informelles Arbeitshandeln" durch dieses Projekt.[8]Die betriebliche 
Realität sieht anders aus.

https://direkteaktion.org/digitaler-arbeitsdruck/


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