(de) Poland, WORKERS' INITIATIVE - Amazon: Niemand will ein Rädchen im Getriebe sein

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
So Okt 29 09:51:08 CET 2017


Wer bei Amazon arbeitet, ist ständig weitreichender Kontrolle ausgesetzt. Jede Minute, in 
der du keine Arbeit für das Computersystem sichtbare Arbeit leistest, wird aufgerechnet. 
---- Mikolaj Iwanski: Bald ist es drei Jahre her, seit Amazon sein Logistikzentrum in Sady 
bei Poznan in Betrieb genommen hat. Seit Anfang an gibt es dort eine Kommission 
[Betriebsgruppe] der Inicjatywa Pracownicza[IP, Arbeiterinitiative]. Zuletzt war in den 
Medien viel über die Aktion "Safe Package" zu hören, die ihr im Zusammenhang mit den 
Sommer-Werbekampagnen organisiert habt. Worum ging es da? ---- Magda, Inicjatywa 
Pracownicza: Im Juli findet bei Amazon eine Werbekampagne namens "Prime Day" statt - das 
ist nach Weihnachten die zweitintensivste Zeit. Wir haben eine an die Beschäftigten 
gerichtete Informationskampagne gestartet, um darauf hinzuweisen, dass man in dieser 
schwierigen Zeit nicht dem Druck des Arbeitgebers nachgeben, sondern in erster Linie an 
seine eigene Gesundheit und die Arbeitssicherheitsvorschriften denken sollte. Wir haben 
auch eine Pressekonferenz abgehalten, um über die Arbeitsbedingungen bei Amazon zu 
informieren. Aktuell läuft wieder eine Riesenwerbekampagne - Plakatwände usw. -, weil 
wieder Unmengen von Arbeiter_innen gesucht werden. Da hatten wir das Gefühl, dass wir 
erzählen müssen, wie die Arbeitsbedingungen bei Amazon aus der Perspektive der 
Arbeiter_innen aussehen.

Verstöße gegen Arbeitssicherheitsvorschriften sind nicht das einzige Problem, das 
Neueinstellte haben, oder?

Ihr Hauptproblem ist, dass sie über Leiharbeitsfirmen eingestellt werden. Wenn sie die von 
Amazon aufgestellten Normen nicht schaffen, kann man sie sehr leicht loswerden. In der 
Praxis bedeutet dies, dass man zum Beispiel nach einer Krankschreibung keine Chance auf 
Vertragsverlängerung hat. Wir haben keine genauen Daten über die Fluktuation, aber ich 
arbeite seit zwei Jahren bei Amazon und von den Hunderten von Leuten, die mit mir zusammen 
angefangen haben, sehe ich im Betrieb noch drei. Auch die Bedingungen für eine Übernahme 
haben sich geändert: Nach einer dreimonatigen Probezeit bekommt man einen auf ein Jahr 
befristeten Vertrag und erst danach einen unbefristeten Vertrag. Die Zeit, die man 
braucht, um einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten, verlängert sich damit auf etwa 
zwei Jahre. Gleichzeitig zeigen Statistiken, die gewerkschaftliche Aktivist_innen aus 
Deutschland erstellt haben, dass die Leute durchschnittlich drei Jahre lang bei Amazon 
arbeiten.

2015 hattet ihr eine Tarifauseinandersetzung mit dem Management von Amazon. Ihr habt 
damals u.a. langfristigere Schichtplanungen, Zulagen nach Betriebszugehörigkeit, 
Lohnerhöhungen und Änderungen der Pausenregelungen gefordert. Die Schlichtung wurde vom 
Arbeitgeber abgebrochen. Haben eure Aktivitäten irgendwelche langfristigen Wirkungen gezeigt?

Das stimmt, nach schwierigen Verhandlungen, bei denen alle unsere Forderungen abgelehnt 
wurden, hat das Management von Amazon die rechtlich vorgeschriebene Etappe der Schlichtung 
abgebrochen, damit wir keinen Warnstreik durchführen konnten - das hat auch funktioniert. 
2016 fand eine Streikurabstimmung statt, an der 2.000 Arbeiter_innen teilnahmen, d.h. ca. 
30 Prozent aller Beschäftigten. 98% von ihnen stimmten für Streik, aber das hat nicht 
gereicht. Das polnische Recht legt die Latte so hoch, dass es fast unmöglich ist, einen 
legalen Streiks zu organisieren. In Deutschland z. B. werden Streikurabstimmungen nur 
unter den Gewerkschaftsmitgliedern durchgeführt. In Italien und in vielen anderen Ländern 
wird das Streikrecht durch die Verfassung garantiert. Wenn Arbeiter_innen streiken müssen, 
gehen sie einfach raus und tun das. In Polen muss man erst mal Verhandlungen, 
Schlichtungen, Urabstimmungen durchführen, und erst wenn man alle gesetzlichen 
Formalitäten und Fristen eingehalten hat, kann überhaupt an einen Streik denken. Manchmal 
vergehen Monate, bevor es zur nächsten Etappe weitergeht, währenddessen ändert sich die 
Situation im Betrieb und die Arbeiter_innen sind von der Tarifauseinandersetzung 
ausgebrannt. Dies ist ein breiteres Problem: Im Jahr 2016 gab es im ganzen Land 5 legale 
Streiks! So war es auch in vielen Jahren davor, obwohl die Situation auf dem lokalen 
Arbeitsmarkt nicht gerade toll war. Erst in diesem Jahr beginnen sich die Statistiken zu 
ändern. Allein in der ersten Hälfte des Jahres wurden 1.500 Streiks registriert, 
wahrscheinlich fand ein Gutteil davon in den Schulen statt. Zur Zunahme der Proteste hat 
vielleicht auch der Rückgang der Arbeitslosigkeit beibetragen: Die Arbeiter_innen fühlen 
sich selbstbewusster und sind bereit, für ihre Rechte zu kämpfen.

Trotzdem hat das Unternehmen kurz darauf eine Betriebszugehörigkeitszulage eingeführt und 
mehr Arbeiter festeingestellt - leider wird in letzter Zeit wieder hauptsächlich mit 
prekären Müllverträgen eingestellt. 2016 gab es auch einen anständigen Weihnachtsbonus. 
Ursache waren u.a. die laufende Tarifauseinandersetzung und Aufmerksamkeit für 
gewerkschaftliche Aktionen. Das Referendum hat trotz allem gezeigt, dass 2.000 Menschen 
entschlossen sind, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Das konnte Amazon nicht 
gleichgültig sein.

Also kann man trotz fehlender effektiver rechtlicher Mittel den Arbeitgeber unter Druck 
setzen und die Arbeitsbedingungen verbessern?

Seit 2015 organisieren wir internationale Treffen von Amazon-Arbeiter_innen. Das erste 
fand in Poznan statt. Anfangs haben sich Amazon-Arbeiter_innen aus Polen und Deutschland 
und organisierte externe Amazon-Unterstützungsgruppen aus Deutschland beteiligt. Im Laufe 
der Zeit sind französische Arbeiter_innen dazugekommen und wir sind auch dabei, Kontakte 
mit Beschäftigten in Spanien herzustellen. Wir haben Kontakt zu Arbeiter_innen in der 
Logistikbranche in Italien, wo regelmäßig Protestaktionen laufen. Die meisten 
Beschäftigten dieser Branche in Italien sind Immigrant_innen aus Nordafrika und dem Balkan 
- ihre Erfahrungen sind für uns besonders wertvoll, da sie die Spaltungen unter den 
Arbeiter_innen durchbrechen und mit einer Vernetzungsstrategie stabilere 
Arbeitsbedingungen und höhere Löhne erzielen konnten.

Durch diese internationalen Treffen konnten wir - teilweise krasse - Unterschiede bei ein 
und demselben Arbeitgeber in verschiedenen Ländern feststellen. Amazon operiert immer auf 
dem Niveau von Mindeststandards, die das lokale Arbeitsrecht und der Markt vorgeben. Die 
Koordination hilft uns beim Informationsfluss und bei der Planung von gemeinsamen Aktionen 
- zum Beispiel 2015, als bei Amazon in Deutschland gestreikt wurde und ein großer Teil des 
Volumens nach Polen verschoben wurde. Die polnischen Arbeiter haben spontan langsam 
gearbeitet, was der erste Akt internationaler Solidarität war. Auch die schon erwähnte 
Aktion "Safe Package" war breiter angelegt - sie wurde auch in Leipzig und in Saran bei 
Paris durchgeführt. Die Erfahrung vieler Jahre in der Zentren von Amazon in Europa zeigt, 
dass bei wirksamen Aktionen mehr als ein Zentrum einbezogen werden muss - nur dann können 
Aktionen wie langsam Arbeiten nicht leicht durch die Verlagerung von Bestellungen zu 
anderen Zentren abgefedert werden.

Im Logistikbereich scheint es besonders schwierig zu sein, Arbeiter_innen zu organisieren.

Es ist nicht schwieriger als irgendwo anders. Und die Erfahrung in Italien zeigt, dass es 
möglich ist, sich effektiv zu organisieren - schließlich haben wir es mit einer 
Konzentration von Arbeiter_innen in relativ kleinen Räumen zu tun. Der Schlüssel ist, sehr 
genau die gesamte Lieferkette nachzuvollziehen - außer den Lagerzentren haben wir auch den 
Transport einschließlich Schiffs- und Bahntransport und Produktionsbetriebe. Ein Teil der 
Arbeit muss an einem konkreten Ort geleistet werden und lässt sich nicht leicht auf einen 
anderen Kontinent verlagern - letztlich ist die Logistik eine Dienstleistung für einen 
ganz konkreten Kunden. Darüber hinaus hat die Arbeit in dieser Branche oft prekären 
Charakter und wird von Menschen geleistet, die keine Qualifikation brauchen und sehr 
schlecht bezahlt werden. All das eröffnet den Blick auf eine ganz andere Strategie von 
Arbeiter_innenkämpfen als bisher.

Neulich beim G20-Gipfel in Hamburg wurde effektiv die Zufahrt zum riesigen Hamburger Hafen 
blockiert, was zu stundenlangen Staus und Verzögerungen beim Be- und Entladen von LKWs 
führte. Das war mehr als eine symbolische Geste und zeigte, dass es weiterhin möglich ist, 
die kapitalistische Logik durch organisierten Widerstand zu stören. Der Logistikbereich 
konzentriert einerseits eine Masse von Arbeiter_innen und hat auf der anderen Seite viele 
empfindliche Punkte, die diesen Arbeiter_innen Macht geben. Es ist zu erwarten, dass die 
Arbeiterkämpfe in dieser Branche noch Fahrt aufnehmen werden.

Sagen die Standards bei Amazon etwas über die Zukunft des polnischen Arbeitsmarktes?

Amazon setzt in erster Linie auf die Ausweitung seines Geschäfts und großen Reklamehype, 
der die Firma als tollen Arbeitgeber präsentieren soll. Gleichzeitig bieten viele andere 
große Betriebe aber deutlich bessere Arbeitsbedingungen. Was Amazon wirklich von anderen 
unterscheidet, ist vor allem das Expansionstempo. Demnächst werden zwei weitere Zentren 
eröffnet - und das ist keine Verlagerung weg aus Westeuropa, sondern ein Ergebnis der 
Ausweitung des Marktes. Die Arbeitsbeziehungen selbst sind radikal der Effizienzlogik 
untergeordnet, im Geiste eines extrem strengen Taylorismus. Interessanterweise hat die 
Logistikbranche viel mit dem Militärkomplex zu tun. Amazon in den USA stellt sehr gern 
ehemalige Offiziere als Manager und normale Veteranen als Vorarbeiter ein, die sich in 
Afghanistan oder im Irak verdient gemacht haben. Die Arbeit bei Amazon ist eine tägliche 
Erfahrung weitreichender Kontrolle; wenn du länger als drei Minuten keine für das 
Computersystem sichtbare Arbeit leistest, z.B. weil sich ein Bandförderer verklemmt hat, 
wird das registriert und aufgerechnet. Jede derartige Ausfallzeit kann als zusätzliche 
Pause und Verstoß gegen die Arbeitsvorschriften gewertet werden. Das ist ein enormer 
Druck, denn selbst der höchstmotivierte Arbeiter ist ein Mensch und kein Roboter.

Gehorchen die Arbeiter_innen?

Natürlich nicht. Jeden Tag leisten sie Widerstand. Niemand will als Rädchen im Getriebe 
behandelt werden. Das sind einfache Akte des Ungehorsams - früher in die Pause gehen, 
langsamer arbeiten, einen Teil der Aufgaben liegen lassen, Lücken im System ausnutzen, 
Entscheidungen und Empfehlungen von Vorgesetzten hinterfragen, regelmäßig aufs Klo gehen, 
was in vielen Abteilungen ein Grund für Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten ist. 
Scheinbar ist das nichts, aber auf diese Weise kämpfen die Arbeiter_innen für ihre 
Subjektivität und leisten Widerstand dagegen, ihr Leben vollkommen der Arbeit unterzuordnen.

Amazon versucht auch, die Arbeiter_innen von Krankschreibungen abzuhalten.

Ja, Amazon würde gern weit über den Arbeitsplatz hinaus Kontrolle ausüben. Anfang des 
Jahres wurde Arbeiter_innen in Deutschland ein Anwesenheitsbonus in Aussicht gestellt, 
wenn in ihrem Team niemand krank würde. Sie sollten gegenseitig Druck aufeinander ausüben, 
nicht krank zu machen. Zur gleichen Zeit beauftragte Amazon Polen eine externe Firma 
damit, krankgeschriebene Arbeiter_innen zu Hause zu kontrollieren. Bei diesen Hausbesuchen 
werden sie nicht immer hereingelassen. Bei der Gelegenheit füllen die Beschäftigten gleich 
einen Fragebogen zu ihrer Meinung über die Situation im Betrieb aus. Die Firma gibt 
offiziell zu, Nachbarn der Kranken zu besuchen, ebenso Ärzte, die Krankenscheine 
ausstellen, was diese in Zukunft davon abhalten könnte, unsere Kollegen krank zu 
schreiben. Wir haben Zweifel, ob es juristisch überhaupt zulässig ist, unsere sensiblen 
personenbezogenen Daten einer externen Firma zu überlassen. Amazon will damit die 
Arbeiter_innen einschüchtern, damit sie nicht der Arbeit fernbleiben. Wer sich krank 
schreiben lässt, wird ganz einfach als Betrüger bezeichnet. Dazu kommt eine unzureichende 
Menge an Urlaub und Pausen und niedrige Löhne, die nicht immer reichen, um sich 
Dienstleistungen wie Kinderbetreuung, fertiges Essen, Wäsche oder Autoreparaturen zu leisten.

Amazon steht sehr im Blickfeld. Wenige Arbeitgeber sind dermaßen ein Objekt des 
Medieninteresses. Das liegt an der Arbeit eurer Kommission[Betriebsgruppe].

Amazon hat schon großes Interesse geweckt, bevor es überhaupt in Polen den Betrieb 
aufgenommen hat. Dass wir es geschafft haben, eine gut funktionierende, einigermaßen große 
Kommission in Sady bei Poznan auzubauen, ist ein Signal für Arbeiter_innen aus anderen 
Branchen. Amazon macht dickes Geld, indem es den in Polen immer noch geltenden 
neoliberalen Standard und die vom größten Teil der polnischen Eliten verwendete 
neoliberale Sprache ausnutzt. Gewerkschaften behandelt es prinzipiell nicht als 
Gesprächspartner zum Thema Lohn- und Beschäftigungsbedingungen, lieber redet es direkt mit 
den Arbeiter_innen ohne Vermittler. Unsere Löhne werden letztlich festgelegt auf Grundlage 
der Löhne in den umliegenden Betrieben und der ganzen Branche. In anderen Unternehmen ist 
es im übrigen ähnlich.

Der Durchschnittslohn bei Amazon liegt bei ca. 2.000 Zloty brutto, d.h. ganz leicht über 
dem landesweiten Mindestlohn. Bei der Auszahlung der Löhne kommt es ständig zu 
Unregelmäßigkeiten und Fehlern, es wird zu wenig gezahlt und erst nach Beschwerden die 
Differenz ausgeglichen. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne in 
Unternehmen wie Amazon hat Einfluss auf die Lage von anderen Arbeiter_innen und allgemeine 
Standards. Deshalb müssen wir uns gegenseitig unterstützen. Nur so können wir die Spirale 
von niedrigen Löhne und Nichteinhaltung des Achtstundentags dauerhaft stoppen. Keine 
Regelung von oben auf politischer Ebene sorgt für dauerhafte Veränderungen.

Interview von Mikolaj Iwanski, zuerst erschienen auf der Website von Krytyka Polityczna, 
24. August  2017 (http://krytykapolityczna.pl/kraj/amazon-nikt-nie-chce-byc-trybem-w-maszynie)

http://ozzip.pl/english-news/item/2311-amazon-niemand-will-ein-raedchen-im-getriebe-sein


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de