(de) FAU, direkte aktion: FÜR DIE UNABHÄNGIGKEIT KATALONIENS! DAMIT MEIN VATER ENDLICH SEINE FLAGGE ABHÄNGT

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Sa Okt 7 08:11:34 CEST 2017


Beim Unabhängigkeitsreferndum in Katalonien zeigt der spanische Staat sich von seiner 
hässlichen Seite. Eine subjektive Sicht auf die Dynamik von Repression und 
Selbstbestimmung. ---- Globales Von: Hans Laubek - 1. Oktober 2017 ---- Katalonien. Es 
gibt wenige Momente in meinem Leben, die mich emotional so mitgerissen haben. Ich stehe 
manchmal kurz vor den Tränen, aber ich könnte auch jubelnd durch die Straßen laufen. ---- 
Ich wurde vor 30 Jahren in Barcelona in eine linke, aber katalanisch-nationalistische 
Familie geboren. Mein Vater sagte einmal den Satz: "Wenn das katalanische Volk irgendwann 
seine Freiheit zurück erlangt, werde ich alle meine katalanischen Flaggen abhängen." ---- 
Mein Vater wurde mitten in das Franco-Regime geboren. Mein Ur-Opa wurde wegen einer 
katalanischen Flagge zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Katalanen wurden durch das Regime 
extrem unterdrückt: oft mit Gewalt, aber auch durch offene Benachteiligung. So wurden zum 
Beispiel katalanische - und auch baskische - Wehrdienstleistende an die entferntesten 
Ecken Spaniens geschickt, um einer Flagge zu dienen, die sie unterdrückte. Bei meinem 
Vater waren das die kanarischen Inseln - kein Ort in Spanien ist weiter entfernt von 
Barcelona. Die spanische Regierung hat diese Praxis auch nach der Ablösung Francos durch 
den König - fälschlicherweise als "transición" (Transition) benannt - weitergeführt. Diese 
Praxis haben vor allem die Basken zu spüren bekommen. Baskische Gefangene mussten ihre 
Haft in Andalusien oder Extremadura absitzen, damit die Familien für ein paar Stunden 
Besuch ihrer Angehörigen bis zu 1500 km hin und 1500 km zurück fahren mussten.

Mein Vater hat mir erzählt, dass er immer eine Pro-Real-Madrid-Zeitung - den Diario Marca 
- bei Demos dabei trug, damit er unauffällig an der Polizei vorbeilaufen konnte, ohne 
Angst vor Repressionen haben zu müssen. Damals wurden Menschen ohne jeglichen Grund 
verschleppt. Heute hat man einen Grund dafür gefunden: Man tarnt die Willkür hinter den 
Verhaftungen einfach mit dem "Antiterrorgesetz". Dieses Gesetz erlaubt der Polizei und den 
Richtern, jemanden bis zu 5 Tagen ohne Kommunikation mit einem Anwalt oder 
Freund*innen/Familie zu entführen. Freunde und Bekannte, deren einziges "Verbrechen" es 
war, links zu sein, wurden verschleppt, um in Madrid psychischer und oftmals auch 
physischer Folter zu unterliegen. Da ging es nicht um das Verhindern einer Straftat, es 
war purer Hass auf Andersdenkende. Gestützt von einer Regierung, die das Wort Demokratie 
benutzt, um solche Taten zu rechtfertigen.

REPRESSION IM NAMEN DER DEMOKRATIE

Dieses Wort, "Demokratie", wird auch heute wieder benutzt, um die Unterdrückung eines 
fundamentalen Rechts - nämlich der Selbstbestimmung - zu legitimieren. Die Regierung, 
Kinder und Enkelkinder des Franco-Regimes, hatte sich lange Jahre hinter diesem Wort 
verstecken können, als in Spanien relativer wirtschaftlicher Aufschwung zu spüren war. Mit 
der sogenannten Wirtschaftskrise veränderte sich alles: Die Ungerechtigkeiten in Spanien 
konnten nicht mehr mit dem Versprechen von Wohlstand getarnt werden. Arbeitslosigkeit und 
Obdachlosigkeit wurden zu immer größer werdenden Problemen. Die Menschen äußerten ihren 
Missmut und organisierten sich. Sie forderten gemeinsame Lösungen. Sie forderten ein 
würdevolles Leben. Was tat die Regierung? Sie beschloss die "ley mordaza" - das 
Knebelgesetz: Jegliche Art von zivilem Ungehorsam wurde mit extrem hohen Strafen belegt. 
So will die Zentralregierung, nach alter Franco-Manier, alle Probleme lösen. Die 
Geschichte wiederholt sich. Statt Lösungen zu bieten, werden die Menschen, die Lösungen 
forderten oder sogar darboten, gewalttätig unterdrückt.

Eine solche Unterdrückung lässt sich nicht lange aushalten. Dadurch ist in den letzten 
Jahren eine gewaltige Protestbewegung entstanden. Die Menschen haben sich auf den Straßen 
vereint und das Vertrauen aneinander wieder aufgebaut. In Katalonien ist - parallel zu den 
Protesten gegen die Sparpolitik der Regierung - der Kampf für die Selbstbestimmung der 
Region aufgeflammt: ein Kampf, der in allen Schichten der Gesellschaft angekommen ist.

Die Ungerechtigkeiten sind nämlich bei jedem Lohnabhängigen zu spüren. Menschen besetzten 
Häuser, damit Familien darin leben können. Sie besetzen Universitäten, damit die 
unsozialen Bildungsgesetze nicht umgesetzt werden können. Der zivile Ungehorsam ist vom 
Werkzeug des politischen Kampfes zur Waffe für das blanke Überleben geworden.

In Katalonien soll am 1. Oktober 2017 über eine mögliche Abspaltung von Spanien abgestimmt 
werden. Wieder zeigt die spanische Regierung ihren franquistischen Charakter: Die 
Abstimmung wurde für illegal erklärt. Wieder benutzten sie das Argument, dass das 
Referendum gegen die demokratischen, in der Verfassung von 1978 verankerten Grundlagen 
verstoße, also ein Anschlag gegen die "Demokratie" wäre. Was hier wie eine Aussage des 
Wahrheitsministeriums erscheint, ist in Spanien eine gängige Art der Auseinandersetzung 
mit den Problemen des Landes.

Menschen, die Selbstbestimmungsrecht fordern, werden kriminalisiert, weil sie ein 
Referendum abhalten wollen. Es werden sogar die Organisator*innen dieses Referendums 
festgenommen. Wahlurnen werden beschlagnahmt. Die Schulen und andere öffentliche 
Einrichtungen, an denen das Referendum stattfinden soll, werden unter polizeiliche 
Kontrolle gestellt. Drei Schiffe mit bis zu 4500 Betten, warfen vor den größten Städten 
Kataloniens Anker, um die vielen aus allen Regionen Spaniens angeheuerten Polizeikräfte zu 
beherbergen.

Jeden Tag treffen neue noch erschütterndere Nachrichten auf die Menschen. Der Zustand ist 
nicht mehr auszuhalten. Daher ist es jetzt wichtiger denn je, dass wir alle Präsenz auf 
der Straße zeigen. Wir müssen zeigen, dass wir stärker sind als irgendwelche 
alteingesessenen Strukturen. Dass wir alle Ketten sprengen können, die man uns auferlegt.

WOFÜR KÄMPFEN WIR?

Die CNT in Katalonien begrüßt den zivilen Ungehorsam, der sich im Konflikt Bahn bricht, 
und ruft zum Generalstreik am 3. Oktober 2017 auf.

Es ist eine sehr schwierige Situation, in der ich mich nicht auf eine intellektualisierte 
Ebene begeben will und kann. Ich kann nur aus einer emotionalen Ebene appellieren: Wir 
müssen kämpfen! Für unsere Freiheit! Für das Selbstbestimmungsrecht aller Menschen!

In Katalonien würde sich nach der möglichen Unabhängigkeit eine Regierung bilden, die 
wahrscheinlich nicht unserem Idealbild der Gesellschaftsorganisation entspricht. Es würde 
immerhin - durch die überschaubare Größe Kataloniens - eine nähere Regierung sein als die 
jetzige in Madrid. Es eröffnet die Möglichkeit neue basisdemokratische Experimente 
anzugehen. Das können wir aber nur schaffen, wenn wir die Ketten, die die spanische 
Zentralregierung der iberischen Halbinsel aufbürgt, sprengen. Eine Unabhängigkeit 
Kataloniens könnte diese faschistische Regierung so weit in die Knie zwingen, dass ein 
Präzedenzfall für andere Regionen in Spanien entsteht - vielleicht sogar für andere 
Regionen in Europa und der Welt.

Es ist ein erster Schritt. Ich weiß selbst nicht, wohin dieser Schritt gehen wird: ob zum 
Guten oder zum Schlechten. Aber eines ist sicher: Es wird sich was verändern und wir 
können hier und jetzt der Menschheit eine basisdemokratische, zukunftsorientierte, 
solidarische und ökologische Alternative bieten. Lasst uns den Impuls, den die 
katalanische Gesellschaft gerade in Gang setzt, dafür nutzen, eine bessere Welt zu 
erschaffen: eine friedliche und selbstbewusste Welt.

Dafür müssen wir jetzt auf die Straßen gehen! Dafür - und damit mein Vater endlich seine 
Flagge abhängen kann!

https://direkteaktion.org/unabhaengigkeit-katalonien/


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