(de) FAU, direkte aktion: GESCHEITERTE ENTNAZIFIZIERUNG IN DER DDR - RUDOLF DÖRRIER

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Sa Okt 7 08:11:24 CEST 2017


Anhand der Biografien ehemaliger Nazis in der DDR werden die immanen­ten Widersprü­che des 
"re­al­sozialistischen" Antifa­schismus sichtbar. Ein prominentes Beispiel stellt der 
vermeintliche Berliner Antifaschist Rudolf Dörrier dar, der es in der DDR schaffte, seine 
SS-Vergangenheit zu verstecken. ---- Hintergrund Von: Dr. Harry Waibel - 27. September 
2017 ---- Aus­gangspunkt dieses Antifaschismus war die Reduktion der Ana­lyse der 
Ur­sachen des (Hitler-) Faschismus allein auf den politisch-ökonomischen Sektor. Jedoch 
ergab die Verstaatlichung der Großin­dustrie, des Großgrundbesitzes, der Banken und 
Handelskonzerne nicht die Befreiung der ostdeut­schen Bevölke­rung von rassistischen oder 
autoritären Überzeugungen, son­dern die Kon­sti­tuierung ei­ner Gesell­schaft, in der 
Angehörige der ehemaligen fa­schis­tischen Eliten funktio­naler Bestandteil der von 
Kom­munist*innen dominierten Eliten wurden. Diese Entwick­lung hatte für das 
ge­sellschaftliche und in­dividuelle Bewusstsein der Ostdeut­schen tief­greifende Folgen. 
Trotz aktiver Beteiligung am Nazi-System wurden ehemaligen Nazis Karrieren er­möglicht, 
ohne dass sie poli­tisch oder ju­ristisch zur Ver­antwor­tung gezogen worden wä­ren. 
Einzelne Bei­spiele von verurteilten Nazis fallen kaum ins Gewicht gegen die große Zahl 
von un­be­helligt gebliebenen Tätern.

Der 3. Parteitag der SED im Juli 1950 beschloss, die Wurzeln des Fa­schismus wären in der 
DDR ausge­rottet. Auf der mittle­ren Funktionärs­ebene war die SED auf die ehemaligen 
Nazis als Teil der Funktionselite ange­wiesen und sie war deshalb be­reit, auch zur 
Absicherung ihrer Machtansprü­che, ein informelles Bündnis mit ih­nen einzugehen. Hiermit 
hat sich die SED still­schwei­gend dar­auf ver­ständigt, Rassisten oder Antisemiten wirken 
zu lassen, ohne sich um de­ren mögliche kriminelle Vergangenheit als Nazis zu kümmern. So 
funktionierten, unter­halb der obersten Ebene, ehemalige Nazis in leitenden Stellungen, 
ebenso wie es in Westdeutsch­land der Fall war.[1]Die wissenschaftlichen Analy­sen über 
den Prozess der Entnazifizierung für die SBZ/DDR zeigen, daß es die "Stunde Null" auch 
dort in Wirklichkeit nicht gab.[2]Über ehemalige Nazis wurden in der SBZ/DDR keine 
systematischen Forschungen angestellt.

MÄRCHEN ALS BIOGRAPHIE

Einen besonderen Fall der Vertuschung stellt der ehemalige SS-Mann im KZ Sachsenhausen, 
Rudolf Dörrier, dar. Dörrier wurde am 18. September 1899 in Braunschweig geboren. 1926 
lernte er Lily Wassmund kennen, deren Vater in Berlin ein kleiner, jüdischer Un­ternehmer 
war, der ein pharmazeutisches Ver­sandgeschäft betrieb; so kam Dörrier 1927 zum ersten Mal 
nach Berlin-Pankow. 1929 erhielt er eine Anstellung als Werbeleiter für technische 
Literatur beim jüdischen Julius-Springer-Ver­lag und wohnte als Junggeselle in der 
Hiddensee­straße. Im August 1930 heirateten Rudolf Dörrier und Lily Wassmund und bewohnten 
eine neue Woh­nung in Berlin-Pankow in der Hiddenseestraße 2. Im März 1933 kam ihre 
Tochter Vera zu Welt. Die Schwie­gereltern, Mar­garete und Julius Wassmund wurden am 31. 
Juli 1942 vom Bahnhof Grundwald zum KZ The­resienstadt deportiert, wo Julius Wassmund am 
11. Ja­nuar 1943 und seine Frau Margarete am 22. Februar 1943 getötet wurden.[3]Im Oktober 
1939 erhielt Dörrier eine Einberufung zur Wehrmacht und war vom 16. Oktober 1939 bis zum 
24. September 1940 Soldat der Wehrmacht. In seinem Aufsatz in dem Band "Jüdi­schen Leben 
in Pankow" gibt er an, er sei "Ende Januar 1945[...]von der Truppe ent­lassen" worden. In 
Wahrheit wurde er am 19. Januar 1945 von der SS nach Berlin-Pankow entlassen.

Trotz dieses Werdegangs ist Dörrier in Berlin-Pankow auch über seinen Tod hinaus ein 
bekannter Mann mit öffentlichem Ansehen. Dies erreichte er, indem er seine Zeit als 
SS-Untersturmführer in der Wachmannschaft des KZ Sachsenhausen sein gesamte Leben lang 
verschwieg.[4]Nach den Unterlagen der Gedenkstätte Sachsenhausen trat er am 21. Mai 1944 
als Unterschar­führer in die Waffen-SS ein und begann gleichzeitig seine Tätigkeit als 
Wachposten im KZ Sachsenhausen. Am 19. Januar 1945 wurde er nach Berlin-Pankow 
entlassen.[5]Dörrier erfand danach mehrfach Ge­schichten über diese Zeit, die ihn als 
unbescholtenen Mann erscheinen ließen. Der "Berliner Monatsschrift - Publikation zur 
Stadtgeschichte" gab er im Jahre 2000 ein Inter­view, worin er sich ausführlich über seine 
Biografie äußerte.[6]Demnach war er vom 17. Juni 1917 bis September 1918 Soldat des 
kai­serli­chen Heeres und wurde bei Cambrai im Norden Frankreichs von den Engländern 
gefangen genommen und ab 6. Oktober 1919 kehrte er zurück nach Braunschweig. Vom nach den 
Nie­der­landen geflohenen deutschen Kaiser fühlte er sich "verraten" und "damit ging auch 
meine bür­gerliche Haltung über Bord, und ich wandte mich nach links, ohne damals einer 
Partei an­zugehören. Ich kann sagen mein Herz schlug links".[7]
Im Interview mit der Berliner Monatsschrift stellt Dörrier es so dar, dass er "von 1929 
bis 1945" im Springer-Verlag tätig gewesen sei. Ende Mai 1945 erhielt er in Berlin-Pankow 
eine Anstellung als Stellvertreter des Amtsleiters im neu gegründeten Amt für Büchereiwesen.

GETARNT ALS ANTIFASCHIST

Vom 23. Oktober bis zum 1. November 1947 wurde im Rathaus in Pankow vor einem 
sowjeti­schen Militärgericht gegen den ehemaligen Lager­kommandanten des KZ Sachsenhausen 
sowie gegen "15 schwer belastete Angehörige des Be­wachungskommandos" verhandelt, wobei 
die "meisten der Henker" eine lebenslängliche Haftstrafe erhielten, die sie im Gulag 
Workuta ver­brachten.[8]Für Dör­rier bestand durch diese Gerichtsverhandlung potentiell 
die Gefahr, als Teil der SS-Wachmann­schaft entdeckt zu werden. Wie er diese Klippe 
umschifft hatte, geht aus den vorlie­genden Un­terlagen nicht hervor. Von 1947 bis 1965 
war er Leiter der Bibliotheken im Bezirk Berlin-Pankow. Nach der Zwangs­vereinigung der 
SPD mit der KPD, war Dörrier Mitglied der SED geworden und wurde somit als "Antifaschist" 
wahrgenommen. Bis 1990 leitete er die von ihm gegründete "Ortschronik Pankow", zunächst 
mit Ausstellungen im Rathaus Pan­kow und ab 1974 in der Heynstraße 8. In der DDR erhielt 
er vom Kulturbund die "Johannes-R.-Becher-Medaille" in Gold - seine Frau Lily Dörrier, sie 
arbeitete ehrenamt­lich, erhielt die "Johannes-R.-Becher-Medaille" in Sil­ber. Zu seinem 
100. Geburtstag erhielt er die "Ehrenmedaille für Verdienste um den Be­zirk Pan­kow" und 
am 31. März 2000 erhielt er, für seine Verdienste, das Bundesverdienstkreuz am Bande, dass 
ihm im Rathaus Pankow von der Bezirksbürgermeisterin Giesela Grunwald (PDS), überreicht 
wurde. Der Tagesspiegel attestierte Dörrier am 28. März 2000, dass seine "Suche nach der 
historischen Wahrheit[...]über Pankows Grenzen hinaus anerkannt" worden wäre.

Am 7. Dezember 2002 verstarb Rudolf Dörrier im Krankenhaus Maria Heimsuchung und wurde im 
Ehrenhain vom Pankower Friedhof III begraben. An seinem Wohnhaus in der Hid­denseestraße 9 
wurden zwei Erinnerungstafeln angebracht. Im Jahr 2004 erhielt die 
"Ru­dolf-Dörrier-Grundschule" diesen Namen, nachdem sich ein Schülerprojekt mit seinem 
Leben und Wirken befasst und ihn noch zu Lebzeiten kennengelernt hatte.

Seine Zeit als SS-Mann blieb öffentlich bis zum Jahr 2017 ein gut gehütetes Geheimnis; die 
HA IX des MfS hatte spätestens ab Anfang der 1970er Jahre Kenntnis von seiner Zeit als 
SS-Mann im KZ Sachsenhausen. Die Antwort auf die Frage, ob und wie das MfS sich gegenüber 
Dörrier verhalten hatte, bleibt (vorerst) unbeantwortet.

https://direkteaktion.org/gescheiterte-entnazifizierung-in-der-ddr-rudolf-doerrier/


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