(de) fau dresden: OBDACHLOSIGKEIT: "ES HILFT, DIE EIGENE SITUATION ALS SELBSTBEWUSSTEN KAMPF ZU BEGREIFEN."

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Mo Nov 27 06:17:10 CET 2017


Die Zahl der Wohnungslosen wird aktuell auf 860 000 Menschen in Deutschland geschätzt. Für 
uns ein Anlass, ein Interview mit Ralf zu führen. Ralf hat zwischen 2006 und 2011 die 
meiste Zeit auf der Straße gelebt und sich zeitweilig mit einer Reihe anderer 
Wohnungsloser organisiert. Heute ist er aktiver Teil der FAU. ---- Betrieb & Gesellschaft 
Von: Erna Rauch - 22. November 2017 ---- DA: Ralf, immer wieder wird spekuliert, wie Leute 
ihr Obdach verlieren. Was sind deine Erfahrungen? ---- Ralf: Nun ja, wie bei allem, was 
ich in diesem Interview sage, muss mensch auch hier betonen, ich bin eine Weile weg von 
der Straße, viele Bedingungen haben sich seitdem geändert. Generell gibt es ganz 
verschiedene Gründe. Du findest schlicht keine Wohnung in deiner Preisklasse, keine*n 
Vermieter*in, die dich haben will - z.B. weil du People of Color[1]bist oder ‘nen Hund 
hast. Vielleicht könntest du ‘ne Wohnung haben, aber hältst die Gängelei vom Jobcenter 
nicht aus. Es gibt viele Gründe. Ich denke aktuell erwischt es viele mobile 
Arbeiter*innen, die hier um den Lohn betrogen wurden und viele geflüchtete Kolleg*innen, 
die nichts finden.

DA: Wie kamst du auf die Straße?

Ralf: Ich war noch ziemlich jung. Meine ersten Erfahrungen machte ich während der 
Ausbildung. Ich und andere Azubis, Schüler*innen usw. hatten keinen Geld, z.T. auch keinen 
Bock abends immer in unsere Heimatdörfer zu fahren. Ich hatte nur ‘ne schulische 
Ausbildung gefunden, für die ich noch drauflegen musste. Wir haben uns in einem großen 
leerstehenden Komplex ohne Heizung, Strom und Wasser eingenistet. Wasser holten wir von 
einem Stadtbrunnen. Im Winter half nur, Türen und Fenster dicht machen, Kerzen und 
kuscheln. Weil wir so pleite waren, jobbten ein paar von uns nachmittags gegen Kost. Wir 
klauten auch viel. Für ein längeres Praktikum verschlug es mich im Sommer 2007 nach 
Dresden. Dort gab es gerade eine Flächenbesetzung. Nach dem Praktikum war meine Ausbildung 
beendet, unsere alte Besetzerbude wurde entdeckt. Ich blieb dann in Dresden.

DA: Wie hast du damals gelebt und mit wem? Was heißt es, wenn du sagst ihr habt euch 
organisiert?

Ralf: Es gab bei uns viele von 15 - 21 Jahren, dann kam lange nichts, dann gab es wieder 
viele über 40. Bei den jungen Leuten gab es einige, die sich gerade anpolitisierten. Bei 
den Älteren einige, die in der DDR ein wenig subkulturellen Widerstand betrieben hatten. 
Die Flächenbesetzung war ein Politikum und so lernten wir uns zwar als Obdachlose kennen, 
waren aber gleichzeitig Aktivist*innen. Ein paar Grundregeln kannte ich schon von 
Tramp-Touren und die wurden damals gefestigt: Halt dich von Leuten fern, die gefährliche 
Drogen nehmen, gefährliche Krankheiten haben, gefährliches Verhalten an den Tag legen. 
Wenn du in ein leeres Haus kommst und Heroinbesteck[2]findest, meide das Haus und mach ‘ne 
Markierung dran, sowas. Im Winter wurde die Fläche geräumt. Wir suchten eine neue Bude. 
Wir checkten diverse Häuser, sprachen uns mit Graffiti-Leuten und anderen Besetzer*innen 
ab, die Buden hatten aber ein Hausprojekt wollten. Ab und an pennten wir bei denen, 
manchmal länger wenn's kein sinnvolles Haus gab, bis das eben zu Reibereien führte oder 
mensch sich unwillkommen fühlte.

Häuser suchten wir systematisch, legten mit anderen Leuten Listen an, lernten andere 
Wohnungslose kennen, weil wir beim checken einer Bude auf einmal in ihrem Zimmer standen 
oder eben halt umgekehrt. Haus suchen hieß: Was steht leer? Wie sind die Zugänge, kommt 
mensch ungesehen rein? Sind die Fallrohre intakt? Das Dach? Die Öfen? Wo kann mensch 
nächstliegend Wasser holen? Sind noch Kohlen im Keller? Möbel drin? Sowas. Zwischendurch 
gab es sogar regelmäßigen Besetzungsbrunch, wo verschiedene Cliquen, auch Sprayer und 
Freetech-Leute zusammen kamen.

In den Buden waren wir manchmal nur zwei Wochen, manchmal ein halbes, dreiviertel Jahr. 
Bis die Bullen uns drauf kamen, saniert oder abgerissen wurde. Unser technisches Wissen 
sammelten wir und gaben es weiter.

Später haben wir dann aufgrund der Räumungen mit anderen Gruppen von Betroffenen 
öffentliche Besetzungen, Demos und andere Aktionen organisiert und konnten auch erreichen, 
dass unser Standpunkt in der öffentlichen Debatte ankam.

DA: Wie hast du in deiner Zeit die Obdachlosenangebote wahrgenommen?

Ralf: Nicht gut. Von einigen Vereinen, die wohl ganz gute Arbeit machen, habe ich schlicht 
nie was mitbekommen. Mitbekommen habe ich die Obdachlosenheime in meinem Kiez. Da konntest 
du erst spät rein, musstest früh raus, mit wildfremden auf Zimmer, Hunde sowieso nicht und 
alles sehr bevormundend. Ich habe mir das nicht gegeben. Warum sich so entwürdigen lassen, 
wenn mensch ‘nen riesigen Altbau allein haben kann (lacht). Gut waren die Suppenküchen. 
Die fragten nicht viel und waren wichtige Treffpunke. Aber heute ist das schwieriger, alles.

DA: Inwiefern?

Ralf: Nun ja, Dresden hatte als ich anfing ca. 12% Leerstand, aktuell ist es gerade mal 
die Hälfte. Für Wohnungslose aber noch interessanter: Was jetzt noch leer steht, sind in 
der Regel Einzelwohnungen oder wirklich abrissreife Ruinen. Leere Häuser in halbwegs gutem 
Zustand sind sehr selten. Auf Besetzungen reagierten die Bullen mit illegalen Kontrollen 
in den Häusern. Warfen die Leute raus und informierten Hauseigentümer*innen proaktiv über 
Zugänge. Wichtige Strukturen wurden von der Stadt zu Fall gebracht, eine davon war der 
Wertstoffhof, eine Art Umsonstladen für Möbel. Gerade für saubere Matratzen und ein 
bisschen Komfort war der sehr wichtig. Aber auch viel elementarer: In vielen Suppenküchen 
bekommst du nur noch was mit Bedürftigkeitsnachweis, das heizt einerseits die soziale 
Isolation der Leute an und andererseits: Wenn du obdachlos bist, weil du z.B. wegen 
Depressionserkrankung etc. auf den Ämtern nicht klar kommst, dann Glückwunsch! Jetzt 
verhungerst du auch noch. Leute, die den Registrierungswahn nicht mitmachen oder mitmachen 
können, gibt es für diese Bürokrat*innen nicht oder ihr Elend ist ihnen egal.

Hauseigentümer*innen gingen außerdem dazu über, in an sich leeren Häusern sogenannte 
Anti-Squater einziehen zu lassen, d.h. Leute, die oft kostenlos mit einem schnell 
kündbaren Vertrag oder nur einer Duldung wohnen können und dafür bellen sollen, sobald 
dort noch jemand anders einzieht - ekelhaft! Dabei spielt mensch da aktiv mit dem Leben 
von Leuten.

DA: Du meinst, weil die Leute erfrieren?

Ralf: Ja, auch. Aber nicht nur das. Selbst wenn du nicht erfrierst, ich bin jetzt kein 
Mediziner, aber was ich gesehen habe ist, dass die Leute krass abbauen, wenn sie zu viel 
Frost abkriegen. Auch geistig, aber vor allem auch körperlich. Insgesamt, wenn du keinen 
sinnvollen Pennplatz hast, du fängst dir Infektionen, Hautkrankheiten. Es legt sich auf 
die Psyche, du hast keinen Elan mehr, dir sinnvolles Essen zu suchen, bekommst 
Mangelerscheinungen, sowas. Du verletzt dich auch schneller und Verletzungen heilen 
beschissener. Viele denken ja, Leute werden obdachlos, weil sie psychische Probleme oder 
ein Drogenproblem haben. Mag auch oft stimmen. Die Wahrheit ist aber auch: Durch die 
Kälte, Hunger, Verzweiflung auf der Straße bekommst du psychische Probleme und ohne krasse 
Selbstdisziplin auch ein Drogenproblem. Und nicht zuletzt: Als Obdachlose*r wollen dir 
viele ans Leder, andere Wohnungslose, die es nicht so mit Solidarität haben und eher im 
Raubtiermodus sind, gewaltgeile Nazis, sadistische Richkids. Im besten Fall rauben sie 
dich nur aus, pissen auf dich drauf - einige wurden aber eben auch schon ermordet. 
Deswegen sind Besetzungen, eine abschließbare Bude, Räume, in denen mensch sich begegnet 
und organisiert, eigentlich lebensnotwendig.

Cops gehen gegen Besetzer*innen vor
DA: Was können Syndikalist*innen und andere tun, die zum Thema aktiv werden wollen?

Ralf: Also erstmal, wie gesagt, im Winter werden die Leute nicht besser. Fragt in 
Hausprojekten, wie ihre Policy ist, mit Leuten die mensch auf der Straße aufgabelt. 
Sammelt in eurem Syndikat brauchbare Schlafsäcke, Decken, Pullover, Socken und habt die am 
besten in verschiedenen Stadtteilen schnell griffbereit. Hört euch um, welche offiziellen 
Anlaufstellen es in den Stadtteilen gibt und am besten auch, ob die Betroffenen finden, 
dass die taugen. Wenn ihr die Zeit habt: Checkt in euren Stadtteilen den Leerstand aus, 
gute Tipps findet ihr auf dem Anarchopedia-Projekt zu Hausbesetzung. Im Idealfall könnt 
ihr den Kolleg*innen eigenen Wohnraum bieten und sie als Nachbar*innen unterstützen, 
beispielsweise mit nahem Hausprojekt, mit Dusche, Küche etc. Achtet bei Kolleg*innen, die 
sich wenig Pflege gönnnen konnten auf Krätze (Milbenbefall) und Schleppe (bakterielle 
Wunderkrankung). Beides ist recht ansteckend und gerade Krätze schwer los zu bekommen. 
Dazu kommt, dass Ärzt*innen die Krankheiten oft nicht erkennen, weil sie vielerorts als 
ausgestorben gelten. In beiden Fällen kann die Krankheit bei dauerhafter Nichtbehandlung 
lebensgefährlich werden. Ihr müsst zur Ärzt*in.

DA: Und mittelfristig?

Ralf: Unterstützt mit euren Syndikaten Aktionen, die Mietpreisbremsen und ähnliches 
fordern, um den Druck aus dem Wohnungsmarkt zu nehmen. Unterstützt Hausprojekte, wie die 
des Mietshäusersyndikats im Aufbau, vor allem, wenn sie großzügige Gästzimmer einplanen. 
Setzt euch dafür ein, dass die Stadt Vorkaufsrechte und Förderungen für selbstverwaltete 
Hausprojekte beschließt. Organisiert gemeinsame Gänge zu Ämtern und Behörden. Wenn es bei 
euch kriminal-präventive Räte oder ähnliches gibt, macht Druck auf die Institutionen, dass 
Bullen Hausfriedensbrüche in Leerstand dulden und vor allem nicht ohne vorliegende 
Anzeigen in Häuser gehen. Im Idealfall: Macht es wie spanische Basisgewerkschaften: Tut 
euch mit Freiraumgruppen zusammen, besetzt Leerstand und stellt ihnen den Wohnungslosen 
zur Verfügung. Bietet Einkommenslosen an, kostenlose Syndikatsmitglieder zu werden und 
ihre Probleme auf euren Treffen wie Arbeitskämpfe zu behandeln.

DA: Abschließend: Was hat dir in der Zeit auf der Straße am meisten geholfen?

Ralf: Hm. Ich denk die gegenseitige Solidarität unter uns Betroffenen und das Bewusstsein, 
dass meine Verweigerungshaltung gegenüber Eigentum und Lohnsklaverei legitim ist, da sie 
unnötig ist und mir nie zur Diskussion gestellt wurde. Ich denke es hilft, sich nicht 
Viktimisieren[3]zu lassen, sondern die eigene Situation - wenn einem selbst möglich - als 
selbstbewussten Kampf zu begreifen und zu organisieren.

https://dresden.fau.org/2017/11/obdachlosigkeit-ein-dresdner-blickwinkel-im-online-magazin-da/

https://direkteaktion.org/obdachlosigkeit-es-hilft-die-eigene-situation-als-selbstbewussten-kampf-zu-begreifen/


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