(de) Eine Welt der selbstorganisierten Neugierde schaffen - Aufruf zur Mitarbeit an radikalen Bildungskursen

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
So Mär 19 09:21:46 CET 2017


Wir als Schwarze Ruhr-Uni arbeiten jetzt seit 2014 daran, anarchistische Inhalte an der 
Uni präsent zu machen und anarchistische Analysen zur Universität zu formulieren. Dabei 
gab es immer wieder Kritik daran, dass wir kaum Alterantiven aufbauen. Dies ist teilweise 
berechtigt, deshalb wollen wir gemeinsam mit anderen interessierten Menschen im kommenden 
Semester selbstorganisierte Bildungskurse anbieten. Um ein solches Angebot zu schaffen, 
rufen wir möglichst viele Menschen zur Beteiligung auf. Bei Interesse meldet euch bitte 
bis zum 10. April per Mail bei uns: schwarze-ruhr-uni(at)riseup.net (PGP-Sclüssel auf 
Anfrage). Hier ein paar Hintergründe zu unserer Idee und Überlegungen wie das Ganze 
aussehen kann: ---- Mehr als nur Vorträge - Für mehr Bildung in der 
anarchistischen/antiautoritären Bewegung

Die meiste gemeinschaftliche Bildung innerhalb anarchistischer und antiautoritärer 
Bewegung geschieht durch Vorträge und kurze Workshops, die meist nur über einige Stunden 
hinweg stattfinden. Einzig Lesekreise bilden hiervon eine Ausnahme. Sie beschränken sich 
aber auf ein bestimmtes Medium und eine bestimmte Form. Der Mangel an langfristiger, 
gemeinschaftlicher Bildung führt zu zahlreichen Problemen. Oft fehlt es an theoretischem 
Wissen, um gemeinsame Strategien für eine erfolgreiche revolutionäre Praxis zu entwickeln 
oder es fehlt an praktischen Fähigkeiten, um Strategien gemeinschaftlich umzusetzen.

"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft"- Staatliche Bildung und der 
Mangel an revolutionärem Bewusstsein und Fähigkeiten

Die Kontrolle der Bildung durch den Staat hat verheerende Auswirkungen. Betrachteten wir 
die Geschichtsschreibung. In Schulen wird staatliche Geschichte gelehrt, die Erfolge und 
Ereignisse der antiautoritären Bewegungen nicht. Ein gutes Beispiel hierfür sind die 
Vorstellungen vom "Sozialstaat". Renten-, Kranken- und Unfallversicherung wurden nicht 
eingeführt, weil der Staat an sich "sozial" ist, sondern um der Bedrohung durch radikale 
Arbeiter*innen entgegenzuwirken: ""Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, 
oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die 
ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte" - Otto von Bismarck. Tatsächlich gab es 
vor deren Einführungen schon selbstorganisierte Hilfe unter Arbeiter*innen. Unser 
mangelndes historisches Bewusstsein führt hier zur Verklärung des Staates. Wir wissen 
nicht mehr, was einmal passiert ist und damit auch wieder möglich sein kann. Auch die 
Mittel vergangener Aufstände und Umbrüche kennen wir kaum und können uns nicht damit 
auseinandersetzen, welche davon in unserer Situation auch nützlich sein könnten. 
Insbesondere staatliche Schulen verbreiten Wissen, das den Widerstand gegen den Staat 
unsichtbar macht und uns nicht jene Fähigkeiten lehrt, die wir für ein selbstbestimmtes 
Leben brauchen. (Mehr zu unserer Analyse staatlicher und kapitalistischer 
Bildungsinstutionen hier) Vor der Revolution in Spanien gab es dort kein flächendeckendes 
staatliches Schulsystem und Anarchist*innen organsierten zahlreiche eigene Schulen, die 
massiv zur Bildung der anarchistischen Bewegung und ihrem Erstarken beitrugen. George 
Orwell schrieb in seinem Buch 1984 (das sowohl auf den autoritären Kommunismus als auch 
auf die parlamentarische Demokratie anspielt) passend dazu: "Wer die Vergangenheit 
kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die 
Vergangenheit."

Lernen, selbstbestimmt zu lernen

Der Staat kontrolliert nicht nur, welches Wissen wir erlernen, sondern auch wie wir 
lernen. Er erzieht uns den eigenständigen Wunsch nach Bildung ab, indem er uns vorgibt, 
was wir lernen sollen und dürfen. Autoritäten entscheiden, was wir uns aneignen sollen, 
weigern wir uns, werden wir bestraft. So entfremden wir uns von unserer eigenen Neugier 
und verlernen, uns selbst Dinge beizubringen und uns mit Wissen zu bereichern.
Unsere Bildungskurse haben daher nicht nur das Ziel, konkretes Wissen zu verbreiten, 
sondern sie sollen helfen, dass wir wieder Spaß am Lernen entwickeln und in der Lage sind, 
uns eigenständig Wissen zu beschaffen. Selbstbestimmt und eigenständig lernen zu können, 
ist deshalb so wichtig, weil informelle Hierarchien sich oft aus einer Wissensungleichheit 
zwischen Menschen ergeben. Es wäre unsinnig, zu glauben, jede*r einzelne könnte sich das 
gesamte Wissen der Welt aneignen, aber jede*r einzelne sollte in der Lage sein, sich das 
nötige Wissen für das eigene Leben und für Entscheidungen, die ihn*sie betreffen, 
anzueignen. Wenn Wissensungleicheiten relativ schnell ausgleichbar sind, schaffen sie 
keine langfristigen Hierarchien mehr.

Kein Bildungsautoritäten - gegen die Trennung Lehrende und Lernende

Es gibt aber keine abschließend feststellbare Wahrheit, sondern nur vorübergehende 
Erkenntnisse.¹ Diese Erkenntnisse setzten dauerhaften, anhaltenden Austausch und Kritik 
zwischen Gleichwertigen voraus. Die Aufteilung in Lehrende und Lernende, Dozent*in und 
Studierende, Lehrer*in und Schüler*innen oder Ausbilder*in und Auszubildende setzt immer 
voraus, dass die eine Gruppe und ihr Wissen einen höheren und weniger hinterfragbaren 
Status hat. Diese drückt sich z.B. in ihrer Kontrolle der "Richtigkeit von Wissen" - wie 
zum Beispiel Prüfungen aus. (Selbst-)Kritik wird so oft verhindert und lernen findet nur 
noch passiv statt. Bei unseren Kursen wollen wir daher nicht, dass es ein solche Trennung 
gibt. Wenn Menschen einen Input vorbereiten mit Ideen, wie der Kurs aussehen könnte, 
halten wir dies für nützlich, jedoch ist unsere Vorstellung, dass sich die Menschen am 
Anfang und auch immer wieder während eines Kurses zusammensetzen und ihn gemeinsam planen 
und gestalten.

Vielfalt der Methoden - Gegen die Trennung von Theorie und Praxis

Eine der Schwächen vieler radikaler Bildungsangebote ist die Trennung von Theorie und 
Praxis. Sie führt entweder zu einem unreflektierten und ungeplanten Handeln (Praxis ohne 
Theorie) oder zur Abschottung in Elfenbeintürmen und Realitätsverlust. Insbesondere reine 
Theoriearbeit ist auch leicht in das demokratische Konzept von Meinungsfreiheit (mensch 
darf alles sagen, solange es ohne Konsequenzen bleibt und nicht umgesetzt wird) 
integrierbar und schafft so ein vorgegaukeltes Selbstbestimmungsgefühl.
In einigen Fällen ist diese Trennung auch nicht zu verhindern, aber oft liegt es an 
fehlender Kreativität und Auseinandersetzung damit, wie diese zu verändern sind. Uns ist 
es wichtig, diese Trennung bei unseren Kursen, wenn möglich, zu überwinden, weil sie uns 
vom selbstbestimmten Lernen entfremdet, da wir die praktischen Veränderungen durch 
Anwendung unseres Wissens nicht erleben. Ein Beispiel wie diese Vereinigung von Theorie 
und Praxis aussehen könnte, wäre zum Beispiel ein Guerilla Gardening Kurs, der immer 
wieder die Stadt verschönern geht oder ein Kurs zu Revolutionen und Aufständen, der als 
Exkursion zu den Aktionen gegen G20 nach Hamburg fährt. Auch wollen wir versuchen, 
Menschen darin zu unterstützen, andere Methoden zum Lernen zu nutzen als die klassischen 
Formen wie frontale Vorträge, Texte lesen und zusammenfassen oder Texte schreiben.

Gegen den Elfenbeinturm - Bildung nicht nur in der Uni stattfinden lassen.

Eine andere Art von Elfenbeinturm ist die Universität. Viele Menschen werden durch die 
gesellschaftliche Mystifizierung als Ort des "wirklichen Wissens" abgeschreckt an 
Veranstaltungen dort teilzunehmen. Außerdem möchten wir Bildung nicht an einen 
abgesonderten zentralen Ort festhalten, sondern viele dezentrale Orte des sich Bildens und 
Lernens schaffen, die gleichwertig nebeneinander stehen, auch um zu verhindern, dass 
Akademiker*innen auf Grund ihres vermeintlich höherwertigen Wissens weiterhin als 
Autoritäten gelten. Wir wollen die Kurse deshalb sowohl an der Uni stattfinden lassen als 
auch außerhalb (Infrastruktur dafür steht zur Verfügung). Die einzige räumliche 
Beschränkung ist, dass sie im Ruhrgebiet staattfinden sollten, damit wir sie sinnvoll 
bewerben können. Es gibt auch die Idee, neben wöchentlichen Kursen, Kurse über ein 
Wochenende zu organisieren, insbesondere, um Menschen die lohnarbeiten die Teilnahme zu 
ermöglichen. Auch Kinderbetreuung ist für solche Kurse denkbar.

Die Befreiung des Wissen ist eure Entscheidung - wir brauchen euch

Wie groß dieses Projekt wird, hängt maßgeblich davon ab, wie viele Menschen Kurse 
organisieren möchten. Wir werden selber bei der Organiserung von 1-2 Kursen mithelfen, ob 
es darüber hinaus ein Angebot geben wird, hängt von euch ab. Wenn ihr ein Thema habt, zu 
dem ihr euch zusammen mit anderen Menschen auseinandersetzen möchtet, schreibt uns bitte 
bis zum 10.04.2017 an folgende E-Mailadresse: schwarze-ruhr-uni(at)riseup.net
Wichtig ist dabei, dass es um längfristiges Lernen gehen soll und die Verknüpfung von 
theoretischem Wissen mit praktischen Überlegngen zur bzw. der konkreten Umsetzung. Dabei 
spielt es kein Rolle, wie viel ihr schon über dieses Thema wisst, sondern dass ihr mehr 
darüber lernen möchtet. Auch thematische Beschränkungen gibt es nicht. Die Organisation 
von Gemeinschaftsgärten, anarchistischer Stadteilarbeit, Direkter Aktionen gegen 
Klausuren, Geschichte der Hausbesetzer*innenbewegungen, Unterdrückung von A-Sexuellen oder 
Emma Goldmanns Werke sind als Themen genauso möglich wie die Herstellung von veganem Eis, 
Blockadetrainings, selbstorgansierter Gesundheitsversorung und vielem mehr...
Allerdings werden wir keine Bildung unterstützen, die sich positiv auf Herrschaft bezieht 
und z.B. Staaten, Patriarchat oder Kapitalismus als notwendig darstellt. Und Kurse mit 
stark illegalisierten Wissen z.B. im Bereich Militanz oder Umgehung staatlicher 
Kontrolldokumente werden wir aus Sicherheitsgründen nicht anbieten können.
Lasst uns gemeinsam mit der Rebellion gegen die staatliche und kapitalistische Kontrolle 
des Wissens beginnen und eine Welt der selbstorgansierten Neugierde schaffen!

Fußnote

¹ Dennoch gib es für den Alltag erst mal nützliche und relativ feste Erkenntnisse z.B., 
dass Pockimpfungen sinnvoll sind und dass es keine Echsenmenschen gibt.

http://schwarzerub.blogsport.de/2017/03/12/eine-welt-der-selbstorganisierten-neugierde-schaffen-aufruf-zur-mitarbeit-an-radikalen-bildungskursen/


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de