(de) la banda vaga: Arme Studis

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Fr Jun 9 07:49:38 CEST 2017


Ein Großteil der Studierenden in Deutschland gilt offiziell als arm. Mit einem 
durchschnittlichen Einkommen unter 900€ pro Monat ist es besonders in Freiburg nicht 
einfach, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Das hohe Preisniveau und vor allem die immer 
weiter steigenden Mieten führen dazu, dass trotz Bafög und Kredit viele Studierende auf 
eine Nebeneinkommen angewiesen sind. Dies ist natürlich nichts Neues. Reichte früher 
jedoch oft noch ein gut bezahlter Semesteferienjob in der Industrie um sich das restliche 
Semester zu finanzieren, sind spätestens seit den 1990ern und erst recht nach der 
rot-grünen Agenda 2010 auch viele Studis von der Unterschichtung des deutschen 
Arbeitsmarktes betroffen. Im unteren Einkommenssegment stieg das Einkommen in den letzten 
dreißig Jahren relativ gesehen am geringsten - die Prekarisierung in diesem Bereich des 
Arbeitsmarktes nimmt stark zu. Das führt dazu, dass ein Großteil der Studis in schlecht 
bezahlten Midi-, Teilzeit- oder 450€-Jobs beschäftigt ist. Doch während Studis häufig nur 
ein Zubrot verdienen müssen, sind einige Lohnarbeitende auf die Einkünfte zentral angewiesen.

Viele von den Studis sind dabei sehr flexibel: die Jobs werden häufig gewechselt, mit Spaß 
oder karrierebedingter Weiterbildung assoziiert und meist auch schlicht nicht als 
Lohnarbeit ernst genommen. Studierende sind nicht selten bereit zu ungewöhnlichen Zeiten 
zu arbeiten, die ihnen oft auch erst kurzfristig mitgeteilt werden. Betriebliche 
Organisation, das Einfordern von Arbeitsrechten oder gewerkschaftliche Vertretung scheinen 
keine gängige Praxis zu sein. Obwohl auch für geringfügige Beschäftigungen die normalen 
arbeitsrechtlichen Regelungen wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahlter Urlaub und 
Kündigungsschutz gelten, scheinen viele Studierende diese nicht zu kennen. Selbst wenn 
diese bekannt sind, scheint das Beharren auf sie zu umständlich und letztlich auch 
überflüssig, da der Job einfach gewechselt werden kann. Für viele ergibt sich auch keine 
direkte Notwendigkeit, schließlich können sie von dem bisschen was sie haben über die 
Runden kommen, werden von Verwandten meist querfinanziert und sind darüber hinaus mit 
Studium und Selbstfindung scheinbar vollkommen ausgelastet. Was natürlich nur für die 
gilt, die ein dementsprechend wohlhabendes Elternhaus vorweisen können. Dies ist mit ein 
Grund, warum noch immer prozentual mehr als dreimal so viele Akademiker_innenkinder 
studieren als solche aus nichtakademischen Familien.

Unbezahlte Überstunden machen, keine Nacht- oder Feiertagszuschläge einfordern, auch unter 
dem Mindestlohn bezahlt werden - Studierende scheinen fast alles mit sich machen zu 
lassen. Wie viele Kneipen, Restaurants, Kinos, Callcenter und Zeitarbeitsfirmen sind über 
ihre Studis glücklich - denn nur selten machen sie den Mund auf. Dazu kommt, dass es meist 
zu keiner Verbindung zwischen den Festangestellten und den Studijobber_innen kommt. Leider 
nicht selten auch deshalb, da sich diese für etwas Besseres halten. Diese Jobs sind nur 
Intermezzi, kurze Zwischenstationen auf der vermeintlichen Leiter nach "oben". Dabei wird 
zweierlei vergessen: Erstens, dass sie einfach mehr Freizeit für sich hätten, wenn sie für 
ihre Arbeitsbedingungen kämpfen würden; und zweitens, dass sie durch ihre Passivität den 
nicht-studentischen Mitarbeiter_innen schaden. Studierende arbeiten zunehmend in Jobs, die 
ehemals Ausbildungsberufe darstellten, konkurrieren somit mit Arbeiter_innen im 
Niedriglohnsektor, die keine andere Wahl haben, als ihre Jobs als existenzielle Lohnarbeit 
wahrzunehmen. Nicht selten kommt es vor, dass dann Mitarbeiter_innen, die sich gegen ihre 
Arbeitsbedingungen wehren, einfach durch studentische Aushilfskräfte ersetzt werden. 
Studis treiben nicht nur die Gentrifizierung voran, sondern sie sind auch als 
Arbeitskräfte billiger, wehren sich nicht und sind beteiligt an der weiteren 
Prekarisierung der Lohnabhängigen in bestimmten Branchen.

Deshalb ist es an der Zeit, auch den Studijob als Ort gesellschaftlicher Kämpfe zu 
begreifen. Denn die Arbeitsverhältnisse in der Kneipe, im Restaurant oder Kino sind nicht 
vom Himmel gefallen, sondern sind immer Ausdruck des Kräfteverhältnisses zwischen 
Lohnabhängigen und ihren Chefs. Wenn ihr das Gespräch mit euren Arbeitskolleg_innen sucht, 
über gemeinsame Probleme redet und euch dann zusammen organisiert, ist schon der erste 
Schritt für die Lohnerhöhung, bezahlten Urlaub oder bessere Arbeitszeiten getan. Streiken 
auch nur wenige studentische Aushilfskräfte in der Kneipe, dann wird die Kneipe wohl auch 
zu bleiben.

(veröffentlicht im Studierendenmagazin berta*, #868, Mai 2017)

http://labandavaga.org/arme-studis


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