(de) FAU, direkte aktion: Zurück ins Mittelalter? Der Kampf um das Streikrecht in der italienischen Fleischindustrie

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Sa Jul 22 06:52:20 CEST 2017


Die Basisgewerkschaft S.I. Cobas setzt in Italien Rechte der ArbeiterInnen durch. Die 
ArbeitgeberInnen scheinen sogar vor Komplotten gegen GewerkschafterInnen nicht 
zurückzuschrecken: inklusive versteckten Kameras und fingierten Geldübergaben. ---- S.I. 
Cobas kämpft im Betrieb und auf der Straße ---- Menschen in prekären 
Beschäftigungsverhältnissen werden von den großen italienischen Gewerkschaften nicht 
vertreten. Deshalb haben kämpferische Basisgewerkschaften Zulauf. S.I. Cobas 
("Branchenübergreifende Gewerkschaft Basiskomitees") ist seit seiner Gründung 2010 auf 
10.000 Mitglieder angewachsen. Er unterstützt den weitgehend selbstorganisierten 
Widerstand der ArbeiterInnen vor allem in der Logistik. Noch schlimmer als dort sind die 
Bedingungen in der Fleischindustrie. Menschen, die bei der Arbeit Windeln tragen sollen, 
weil sie nicht zur Toilette gehen dürfen. Verletzungen, weil Sicherheitsstandards nicht 
eingehalten werden, 16 Stunden Schichten. Einer der aktuell wichtigsten Kämpfe des S.I. 
Cobas ist deshalb der bei AlcarUno, einer sogenannten Kooperative, die für den 
italienischen Wurstriesen Levoni arbeitet. 55 Arbeiter der Kooperative AlcarUno/Levoni 
wurden im November 2016 anlässlich eines Betreiberwechsels entlassen. 28 von ihnen sind im 
S.I. Cobas organisiert. Die Beschäftigten einer Kooperative gelten offiziell nicht als 
ArbeitnehmerInnen.

EINE MILLION EURO AUSSTEHENDE LÖHNE UND SOZIALABGABEN

"S.I. Cobas hat eine Reihe von Streiks in Levoni-Fabriken durchgeführt, um die 
Wiederaufnahme von Entlassenen und die Zahlung von ausstehenden Beiträgen zur 
Arbeitslosenversicherung durchzusetzen, ohne die sie nicht einmal Arbeitslosengeld 
beanspruchen können. S.I. Cobas hat außerdem die Levoni Group auf Zahlung von fast einer 
Million an ausstehenden Löhnen, Beiträgen und Krankengeld verklagt", heißt es in einer 
Presseerklärung der Gewerkschaft. Die Arbeitgeber weigerten sich zunächst überhaupt zu 
verhandeln. Dann gab es plötzlich doch ein Angebot. Doch alles sieht nach einem Komplott 
aus, für das sich zumindest Levoni und die Polizei abgesprochen haben müssen: Der Sprecher 
der S.I. Cobas, Aldo Milani, kam am 27. Januar 2017 zu einem Treffen mit Levoni und 
AlcarUno. Im Verhandlungsraum hatte die Polizei eine versteckte Kamera installiert. Das 
aufgezeichnete Video wurde anschließend in allen Fernsehkanälen gesendet. Es zeigt, wie 
einer Person, die neben Aldo Milani sitzt, ein Kuvert übergeben wird. Milani schaut 
währenddessen in eine andere Richtung und redet. Der zweite Mann steckt den Umschlag ein. 
Als sie die Verhandlungen verlassen, werden beide Männer festgenommen. Laut Polizei 
enthielt das Kuvert 5.000 Euro.

KOMPLOTT GEGEN BASISGEWERKSCHAFTER

Das Video galt fortan als Beweis dafür, dass "zwei Gewerkschafter" des S.I. Cobas Geld 
genommen hätten, um weitere Streiks zu verhindern. Die italienische Tageszeitung La 
Repubblica z.B. titelte: "Modena. Sie verlangten Geld um die Streikposten zu beenden. Zwei 
Gewerkschafter verhaftet." Tatsächlich arbeitete der Mann, der das Kuvert erhielt hat - 
Danilo Piccinini - zu diesem Zeitpunkt als Berater für die Levoni Group. Von den Medien 
wurde er in den ersten Tagen dennoch durchweg als S.I. Cobas-Funktionär bezeichnet. S.I. 
Cobas-Sprecher Milani wurde nach einer Nacht aus der Untersuchungshaft entlassen. Am Tag 
nach seiner Verhaftung streikten die Beschäftigten in dutzenden Unternehmen in ganz 
Italien. Am 4. Februar blockierten 1.000 ArbeiterInnen den Bahnhof in Bologna: Ihre 
Demoroute war im letzten Moment verboten worden. Auch in den folgenden Wochen 
demonstrierten ArbeiterInnen vor den Werkstoren. Die Polizei antwortete mit Tränengas und 
Schlagstöcken. Das Gerichtsverfahren ist nicht abgeschlossen, die Proteste vor AlcarUno 
gehen weiter. "Was die Arbeitsverhältnisse angeht, sind wir wieder im Mittelalter 
angekommen", urteilt Simone Carpeggiani (S.I. Cobas). Immer mehr ArbeitnehmerInnen in 
Italien werden in irregulären oder prekären Beschäftigungsverhältnissen ausgebeutet. Neben 
der Schwarzarbeit dienen dazu die sogenannten Kooperativen: Subunternehmen, die ihre 
ArbeiterInnen als Mitglieder einstellen und ihnen so legal eine Reihe von 
ArbeitnehmerInnen-Rechten wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und garantierte 
Arbeitszeiten vorenthalten. Nutznießer dieser Situation sind selbstredend die 
auftraggebenden Firmen, wie TNT, DHL, IKEA, Levoni, GLS, H&M, um nur ein paar zu nennen, 
deren Praktiken in den letzten Jahren ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind.

Die Entlassenen von AlcarUno sind seit Monaten ohne Einkommen und können ihre Familien 
nicht versorgen. Widerstandskasse des SI Cobas:

IBAN IT13N07601016000000030462 06, Empfänger: Sindicato Intercategoriale Cobas, 
Verwendungszweck: Cassa di resistenza

https://www.direkteaktion.org/2017-7/zuruck-ins-mittelalter-der-kampf-um-das-streikrecht-in-der-italienischen-fleischindustrie


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