(de) FDA-IFA Gai Dao #73 - ­Die kubanische Revolution - Eine libertäre Perspektive Von: Capi Vidal / Übersetzung: Benjamin

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Mo Jan 23 10:31:56 CET 2017


Die kubanische Revolution, wie auch das, was sich neuerdings unter dem Begriff 
„bolivarianisch" ereignete, hat weit und breit für leidenschaftliche Zustimmung aber auch 
Ablehnung gesorgt, oft auch ohne mögliche Zwischenpositionen zwischen diesen beiden 
Extremen zuzulassen. In Wirklichkeit aber ist der von Marx begründete Kommunismus immer 
wieder gescheitert, seine vermeintlich wissenschaftliche Theorie ebenso sehr wie seine 
politischen Experimente. ----  Dieses Scheitern ist hier in Bezug auf authentisch 
revolutionäre und  sozialistische Begriffe zu verstehen. Trotz der missglückten Praxis, 
durch eine Verneinung der Freiheit in allen Lebensbereichen und einer fragwürdigen 
Wirtschaftspolitik (welche jedenfalls nie einer Arbeiter*innenselbstverwaltung entsprach 
und sich um diese auch nie bemüht hat) empfand eine bestimmte Linke immer wieder neue 
Berufungen in sogenannten „Staatsangelegenheiten".

  Wir betrachten hier die mehr als ein
  halbes Jahrhundert bestehende
  „kubanische Revolution" nun aus der
  Sicht der anarchistischen Bewegung,
  dem freiheitlichen, selbstbe-
  stimmten Sozialismus anhängend.
  Im Kampf gegen den Diktator
  Batista, nahmen die Anarchist*innen
  logischerweise eine aktive Rolle ein.
  Sehr bald, mit der Machtübernahme
  Fidel Castros, fanden sie sich jedoch
  in ihren Reihen politischer Unter-
  drückung ausgesetzt. In ihren
  Publikationen warnten sie deshalb
  vor Autoritarismus, Staatszentral-
  ismus und der Vormachtstellung der
  kommunistischen Partei und
  sprachen sich für Basisdemokratie in
  den Gewerkschaften aus. Die kuba-
  nischen Anarchist*innen genauso
  wie einst auch die kubanischen
  Marxist*innen, setzten auf die
  Selbstverwaltung und die Emanzi-
  pation der Arbeiter*innen. Dennoch
  wich der Weg des kubanischen
  Staates leider durch seinen Mangel
  an Freiheit und Eigeninitiave, seinen
  Totalitarismus und seine Abhängig-
  keit vom sowjetischen Modell hier-
  von ab.

Sich diesem Desaster bewusst, verfassten die Anar-
chist*innen im Jahre 1960 eine Prinzipienerklärung durch die
„Agrupación Sindicalista Libertaria" (Libertäre Gewerkschafts-
vereinigung), in der sie sowohl den Staat, das von dem Reformsystem
der Regierung durchgesetzte zentralistische Agrarsystem, sowie auch
den Nationalismus, den Militarismus und den Imperialismus
attackierten. Die Libertären blieben sich so ihren Konzeptionen der
individuellen Freiheit als Basis des Kollektivs, des Föderalismus und der
freien Bildung treu. Die gewöhnlichen Vorwürfe, die bis in unsere Tage
reichen, die Anarchist*innen hätten sich auf die Seite der USA und
andere reaktionäre Gruppen gestellt, scheinen noch nicht ver-
schwunden zu sein. Zusätzlich bedeutete die Unterdrückung durch
  Castro, dass auch der Anarchosyndikalismus keinen
  Freiraum bekam, seiner
  Pressefreiheit beraubt wurde
  und seine Ideen nicht ver-
  breiten konnte. So begann in
  den 60er Jahren der
  anarchistische Exodus und
  die wenigen militanten
  Anarchist*innen die auf
  Kuba blieben, erlitten einen
  elenden Despotismus.

  In jenen ersten Tagen der
  kubanischen Revolution,
  bildeten diese im Exil Orga-
  nisationen wie das „MLCE:
  Movimento Libertario
  Cubano en el Exilio"
  (Libertäre kubanische Be-
  wegung im Exil) und
  schrieben libertäre Mani-
  feste, die die totalitäre Kurs-
  richtung kritisierten. Ein be-
  sonderes Werk stellt hierbei
  „Revolución y dictadura en
  Cuba" (Revolution und
  Dikatur in Kuba) von
  Abelardo Iglesias dar,
  welches 1961 in Buenos
  Aires, Argentinien veröffent-
  licht wurde. Dessen anar-
  chistische Ausrichtung war
zumindest dem Großteil der Bewegung klar. Die unermüdliche geistige
Aufmerksamkeit einiger kubanischer Anarchist*innen wird durch
Konzepte wie den folgenden besonders deutlich: "Die Enteignung
kapitalistischer Konzerne und deren Übergabe an die Arbeiter*innen
und Techniker*innen, das ist Revolution", "diese aber in staatliche
Monopole umzuwandeln, in denen das einzige Recht der*des
Produzent*en der Gehorsam ist, das ist Konterrevolution". Trotz dieser
Bemühungen, schien der Castrozismus den ideologischen Kampf Ende
der 60ger Jahre gewonnen zu haben, was dazu führte, dass leider auch
einige mehr oder weniger Libertäre in Europa und Mittelamerika,
immer mehr dazu neigten, die kubanische Revolution Castros zu
unterstützen.

Einen Wendepunkt dieser Situation, verursachte die Publikation des
Buches "The Cuban Revolution: A Critical Perspective" von Sam
Dolgoff, 1976 in Kanada, welches weit verbreitet wurde und das "eine
aufrührerische Wirkung auf die Linke im Allgemeinen und die
Anarchist*innen im Speziellen hatte". Das Buch stellte einen treffend
kritischen Ansatz zum Castro-Regime dar, welcher den Kampf der
MLCE (wegen angeblicher
Reaktion angeklagt) be-
tonte und dessen
internationale Anerken-
nung begünstigte. Sein
Eindruck auf den
internationalen Anarchis-
mus und sogar andere
linke Strömungen war
beachtlich. In den darauf
folgenden Jahren war die Veröffentlichung, der von der MLCE
getragenen Zeitschrift "Guángara libertaria" ("Libertäres Lebensgefühl")
bemerkenswert, welche 1979 gegründet und bis 1992 in den USA
herausgegeben wurde. In der letzten Jahren trat das Bulletin "Cuba
libertaria" der "Grupo de apoyo a los libertari at s y sindicalist at s
independientes en Cuba" (Hilfsgruppe für Libertäre und unabhängige
Syndikalist*innen in Kuba) hervor, dessen erste Nummer im Februar
2004 erschien. Derzeitig ist es wohl auch eine Pflicht der
internationalen anarchistischen Bewegungen, das Netz des
"Observatorio crítico cubano" (Kritisches kubanisches Observatorium)
zu unterstützen, welches mit einem deutlich antiautoritärem und
selbstbestimmten Charakter interne und externe soziokulturelle
Projekte auf die Beine stellt.

Wenn etwas den Mythos der kubanischen Revolution begünstigt hat,
dann war es wohl das verbrecherische Handelsembargo der USA gegen
Kuba, welches noch bis in unsere Tage reicht, obwohl Obama bereits
den Anfang einer Besänftigung der Kontakte initiierte. So unerträglich
dieses US-amerikanische Handelsembargo ist, so unerträglich war auch
das, was die Castros in der kubanischen Gesellschaft etabliert hatten.
Die Wahl zwischen Schlechtem und noch Schlechterem scheint
manchmal einer menschlichen Denkart zu entsprechen, ist eigentlich
aber armselig und betrügerisch. Das Schlechte bleibt weiterhin schlecht.

Es sollte vielmehr darum gehen, einen Weg zu wählen, welcher auch
schon in seinen Mitteln Gerechtigkeit und Freiheit sichert, so wie ihn
historisch betrachtet die Anarchist*innen von der kolonialen Epoche bis
zum aktuellen totalitären System seit jeher gegangen sind. Leider
existieren aber keine wirklich sozialen, politischen Bewegungen mehr
auf Kuba, da die einzige politische Repräsentationsform ja vermeintlich
durch die Kommunistische Partei und die "Unión de jóvenes
comunistas" (Union der kommunitischen Jugend) gedeckt ist. Die
kubanische Regierung scheint doppelt verkehrt zu sein in ihrer inneren
Bedingung, besänftigt durch die Verherrlichung ihrer eigenen
Errungenschaften und indem sie sich anmaßt eine moralische Autorität
zu sein, welche sich auf ihre angeblich transformierende und
fortschrittliche Natur beruft. Nach dem Tod von Fidel Castro hat die
kubanische Regierung mit der Führungsübernahme seines Bruders Raúl
ihren geplanten Fortbestand verdeutlicht. Die Fähigkeit des ver-
storbenen "Kommandanten", so seine Legislatur verewigen zu wollen,
ist wirklich erschreckend.

Der Prozess, der in der letzten Zeit mit dem Beginn der wirtschaftlichen
Beziehungen zu den USA und einigen internen, offensichtlich liberalen
Reformen (auch wenn die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft
gesichert blieb) begonnen hat, scheint eine neue kapitalistische Etappe
auf der Insel zu eröffnen und ähnelt dem chinesischen
"Kommunismus", da auch dieser eindeutig von den gleichen politischen
und militärischen Eliten geführt wird. Wir erinnern uns, dass in Kuba,
trotz der Schwierigkeiten des Handelsembargos, dennoch Firmen und
Konzerne des internationalen Kapitalismus agieren und agierten. Wie in
vielen anderen "marxistischen Erfahrungen" hat sich auch hier der
angebliche Sozialismus zu einem Staatskapitalismus und einer traurigen
und verkehrten totalitären Praxis entwickelt. In den
pseudosozialistischen totalitären Staaten genauso wie in den
sogenannten "liberalen" Staaten bleiben die vorherrschenden
Paradigmen eben Ausbeutung und Herrschaft. Die anarchistische Kritik
an jeder Form von Ausbeutung und Herrschaft, hat dies zutreffend
bewiesen.

Originaltext
http://reflexionesdesdeanarres.blogspot.de/2016/11/la-
revolucion-cubana-una-mirada.html (Spanisch)


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