(de) FDA-IFA Gai Dao #73 - ­Nachtrag zur anarchistischen Stadtpolitik ­Mit einer Vorbemerkung über unsere Sprache Von: Jan Rolletscheck

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Sa Jan 21 12:21:44 CET 2017


Der folgende Text gibt einen Vortrag wieder, der am 22. September im Rahmen der 
"Nachbarschaftsakademie" in Berlin und am 26. November im Kulturzentrum "Black Pigeon" in 
Dortmund gehalten wurde. Er greift einige Überlegungen wieder auf, die in dem Artikel "Was 
ist anarchistische Stadtpolitik?" (Gai Dào Nr. 66-69) veröffentlicht wurden, um sie zu 
präzisieren und zu ergänzen. ---- Vorbemerkung zur Sprache ---- In Dortmund hat dieser 
Vortrag (unten) zunächst eine Diskussion über "einfache" und "schwierige" Sprache 
provoziert und über die Ausschlüsse, welche diese oder jene real oder vermeintlich 
produziert. "Well, nothing is something that everybody understands", sagt Wilko Johnson 
einmal in einem Interview über den frühen Punk.1 Wie also anfangen, wovon ausgehen?

Anarchist*innen wissen sehr gut, dass ein Wissen zur Grundlage von
Autorität werden kann. Das ist nicht neu. Platon hielt dem Recht des
Stärkeren das Wissen entgegen, das zur Herrschaft berechtige.2 Diese
Dummheit zu bekämpfen, bleibt eine Aufgabe des Anarchismus in der
Philosophie, auch wo die Philosophie sich gegen die Priester stellt. Hat
in Europa lange Zeit die Kirche das geltende Wissen (im Latein) schon
sprachlich monopolisiert, um die ganze gesellschaftliche Hierarchie
daraus abzuleiten, so wurde in jener "Periode zwischen der Reformation
und[der]Revolution", die Max Stirner ganz einfach "die Unter-
tänigkeitsperiode" 3 genannt hat, die Bildung "als eine Macht" aner-
kannt, die "den, der sie besaß, über den Ohnmächtigen, der ihrer
entbehrte, empor[hob], und der Gebildete galt in seinem Kreise, so groß
oder klein derselbe war, als der Mächtige, der Gewaltige, der
Imponierende: denn er war eine Autorität." (ebd.) Wo dies aber
geschieht, da gibt es - keine Diskussion. Die Autorität in jeder Form ist
der Diskussion zuletzt feindlich. Man muss also den Geist der
Untertänigkeit austreiben und zur "Ungezogenheit" (ebd.) aufrühren. Sie
gerade wird noch heute überall systematisch erstickt.

Man muss aber auch das Wissen von der Hierarchie trennen, um nicht
gezwungen zu sein, beide gemeinsam zu bekämpfen und das intel-
lektuelle Elend im anarchistischen Milieu unweigerlich zu konservieren
oder noch zu vertiefen.

"Wo wird denn", fragt uns Stirner (bezüglich der Schule), "an Stelle der
bisher genährten Unterwürfigkeit ein Oppositionsgeist gestärkt, wo
wird statt des lernenden Menschen ein schaffender erzogen, wo
verwandelt sich der Lehrer in den Mitarbeiter, wo erkennt er das
Wissen als umschlagend in das Wollen, wo gilt der freie Mensch als Ziel
und nicht der bloß gebildete? Leider
nur erst an wenigen Orten." (ebd.)
Zu diesen "wenigen Orten" will
man die anarchistischen Stadtteil-
läden zählen dürfen, die hoffentlich
noch lange immer zahlreicher ent-
stehen. Hier wird man nicht darauf
verfallen, das Wissen zu bekämpfen,
um die Autorität zu treffen, weil
man es versäumt hätte, beide zu
trennen. Hier leben "Oppositions-
geist" und "Ungezogenheit" und das
Wissen verschafft keine Autorität.
Es wird nicht als Autorität ge-
fürchtet oder respektiert, ganz so als
steckte man in der "Untertänig-
keitsperiode" noch mittendrin. Hier
wird man alles sagen, auch, dass ein
Vortrag schwierig sei und man die
schwierigen Wörter nicht verstehe.
Dies aber nicht, um eine neue
Polizei einzuführen, die nun alle "schwierigen Wörter" verbietet und
dazu anhält, sich zu den "einfachen Leuten" in einer vereinfachten
Sprache herabzulassen, was gerade die Hierarchie (sei es in der
Herablassung oder im Verbot) weiterbestehen ließe. Man wird also
sagen, dass man noch nicht versteht, jedoch nur um größere
Anstrengungen in der Mitteilung dessen zu verlangen, was gesagt sein
soll; was die Anstrengung einschließt, nach Wörtern
zu suchen, die geeignet sind, die bisher verwandten,
"schwierigen Wörter" zu ersetzen.4

Wenn man auch die Gefahr der "Wissenshierarchien"
hier zu Recht benennt, dann lediglich um den
Autoritätsgeist zu bekämpfen und die reine, zufällige Unter-
schiedlichkeit des Wissens, indem man sie von jeder sozialen Hierarchie
trennt, umso besser zu bejahen. Nicht aber um sich, durch die uner-
laubte Form gekränkt, der Auseinandersetzung mit dem Gesagten zu
entschlagen.

Ich halte die Auffassung, dass es ein allgemeines Wissen ebenso wie
eine einfache Sprache gibt, die "alle" verstehen und auf die sich zu
beschränken, erst "allen" die Teilnahme an einer Diskussion erlauben
würde, für eine gefährliche und letztlich paternalistische Illusion. Keine
Diskussion und keine wirkliche Begegnung beginnt mit einer
gemeinsamen Sprache. Die gemeinsame Sprache ist das, was entsteht,
was entstehen kann, wenn man sich auf die Begegnung einlässt. Die
Diskussion, insofern sie weiterführt und uns die Welt gemeinsam besser
begreifen lässt, als wir sie bisher alleine begriffen haben, zeichnet sich
geradezu dadurch aus, dass sie aus unseren Unterschieden und
unterschiedlichen Sichtweisen erwächst. Am Anfang steht nicht die
gemeinsame Sprache. Am Anfang stehen Missverständnis, Dissens,
Skepsis und Verwirrung. Die Diskussion kann sich also auf kein
gemeinsames Wissen gründen, um ihre Garantien darin zu finden, und
wo sie sich dennoch darauf gründen will, bleibt sie steril. Nichts
passiert. Man bestätigt sich höchstens gegenseitig, was man schon weiß
oder zu wissen meint. Worauf also kann die Diskussion sich gründen?
Nur auf sich selbst! Gerade die Verbindung selbst zwischen einem Innen
und einem Außen, zwischen Leuten, die (noch) keine gemeinsame
Sprache haben, steht in ihr auf dem Spiel. Auf dem Spiel steht also die
Herausbildung dieser Sprache als Prozess und so zugleich die
Zusammenfügung einer größeren kollektiven Macht.

Man wird an diesen "wenigen Orten" also auf eine Atmosphäre zählen
oder doch hoffen dürfen, in der all jene, die sich hier begegnen, die
Realität (im Medium der Sprache) in offenen Diskussionen5 gemeinsam
erkunden, um sie besser zu verstehen, was auch heißt, sich neue
Möglichkeiten des Ausdrucks und der Differenzierung zu erschließen
und sich eine gemeinsame und zugleich bessere Sprache so allererst zu
schaffen. "Ohne unser Zutun", schreibt Stirner, "bringt die Zeit das
rechte Wort nicht zutage; wir müssen alle daran mitarbeiten." (ebd.)

Es wäre dies zugleich eine Atmosphäre, in der jede Pädagogik erstickt, die es
für nötig hielte, erst die "Ungebildeten" zu heben oder die "Gebildeten"
zu drücken, um alle gleich zu machen. Die wirklichen Voraussetzungen
der auf sich selbst gegründeten Diskussion sind weiter nichts als die
gleiche Intelligenz6 und die Aufmerksamkeit aller Beteiligten, d. h. der
doppelte Wille, sich mitzuteilen7 und die anderen zu verstehen.

Ergänzungen und Präzisierungen zur Stadtpolitik

Diesen April habe ich mir im Rahmen einer Gelegenheitsarbeit die
Frage vorgelegt, was eine anarchistische Stadtpolitik bzw. eine
anarchistische Perspektive auf städtische Politik sein könnte. Meine
Anfangsüberlegung war, dass es in ihrer Beantwortung nötig sein
würde, eine sichere Radikalität und Höhe des Ideals (der Überwindung
aller Herrschaftsverhältnisse) mit dem handelnden Anschluss an eine
gegebene, keinesfalls ideale Situation zu verbinden, also mit dem
Ausgang von einer Situation, in der die Erreichung eines solchen Ziels
oder auch nur die Annäherung an ein derartiges Ideal nicht unmittelbar
in Aussicht steht.

Die Beantwortung dieser doppelten Forderung (Radikalität und
Anschluss an die Situation) hat zu einer Reihe von Mischungen und
theoretischen Übergangsfiguren8 geführt, von beweglichen Figuren,
deren Ort sich aufgrund ihres Charakters, einen Prozess der
Transformation zu beschreiben, nicht mit Sicherheit bestimmen lässt.
Übergangsfiguren oder Figuren in Bewegung, die, wenn auch ihr
theoretischer Ort sich letztlich sehr wohl beschreiben lässt, doch
zugleich auch grundlegend einer Politik angehören, die in der
Ankündigung dieses kleinen Einstiegsvortrags als eine "unreinliche
Politik" 9 gekennzeichnet worden ist.

Wahrscheinlich zeichnet sich jedwede Transformation durch einen
solchen Mangel an Reinheit aus, der selbst gewissermaßen eine
Signatur des Übergangs ist, durch die Gleichzeitigkeit also eines Schon-
Jetzt und eines Noch-Nicht, letzteres die - warum nicht? -
präfigurative Politik einer Transformation doch zugleich von jeder
einfachen und eindeutigen Präfiguration unterscheidet und dem annähert, was ich
versuchshalber als eine "fröhliche Prinzipienlosigkeit" und ein
"komplexes Denken der Politik" 10 charakterisiert habe, als eine
"Konstellation ineinandergreifender und sich gegenseitig stützender
Taktiken, von Mitteln und Unmittelbarkeiten", durch die eine
anarchistische Stadtpolitik "in der Situation ein dieser Situation
möglichst gemäßes Vorgehen entwickelt." 11

Um die Voraussetzung einer anarchistischen Stadtpolitik zu etablieren,
also die Vereinbarkeit von Radikalität und handelndem Anschluss an
die Situation greifbar zu machen, habe ich mich von einigen mir
interessant erscheinenden Tendenzen der "Kommunisierung" abge-
stoßen, im Sinne zugleich der Anregung und kritischen Affirmation.
Denn die Kommunisierung verspricht, sofort mit der Transformation
der menschlichen Beziehungen und Verkehrsformen zu beginnen. Dabei
ist mir bald die Nähe - verstanden als prekäre Distanz - der
Kommunisierung zum Insurrektionalismus aufgefallen und die Tendenz,
diese Transformation der menschlichen Beziehungen allein in den
Momenten des Aufstandes, in seinen kollektiven Praktiken, Affinitäten
und Gesten sich vollziehen zu sehen, die Tendenz also, die
Kommunisierung auf die aufständische Situation zu beschränken. Mein
Eindruck war, dass diese Tendenz einer totalisierenden Beschreibung
der Situation entsprach, in dem Sinne, dass sie sich ganz einfach
komplementär zu dieser Beschreibung verhielt. Aus der Perspektive
einer totalisierenden Beschreibung der Situation musste der Aufstand
als die einzig denkbare, radikale Reaktion erscheinen, die einzige, die
eine solche Situation zuließ, denn der Aufstand stößt dieser Situation
wie von außen zu oder lässt seine Transzendenz in ihr aufgehen. Dies
schien mir jedoch gerade der Aufmerksamkeit für ihre je spezifischen
Möglichkeiten und Gefahren und so zugleich einer radikal trans-
formatorischen Perspektive zuwiderzulaufen, um an ihre Stelle diese
Reinheit einer Transzendenz und dieses ganz Andere einer als Totalität
gedachten Situation zu setzen.

Aufgrund all dessen, nicht aber um den Aufstand prinzipiell
auszuschließen, habe ich dieser theoretischen Konstellation gegenüber
von einem manisch-depressiven Bewusstsein gesprochen, das zwischen
den Klippen eines Fatalismus und eines reinen Voluntarismus hin und
her geworfen wird oder diesen Zwiespalt dadurch löst, dass es den
Aufstand als mythisches "Auf-Einmal" in eine fantastische Zukunft
verschiebt.

Dieser Beschreibung einer gesellschaftlichen Totalität, deren konkrete
Analyse sich gleichsam erübrigt, und ihres Anderen, dieser völligen
Äußerlichkeit einer revolutionaristischen Politik,
wollte ich die anarchistische Politik als eine radikale
Politik entgegensetzen, die eine sehr enge Fühlung
mit der Situation aufbaut und sich eine möglichst
genaue Analyse der Lage erarbeitet, was es ihr
erlauben würde, überaus feinschrittig zu operieren
und sich beinahe tänzelnd in der Situation zu bewegen, ihre Spielräume
aufzuspüren und zu nutzen, einen Verlauf zu antizipieren, im richtigen
Moment ihr Schwergewicht zu verlagern usw.

Dies hat es mir also, um überhaupt erst die Möglichkeit einer
anarchistischen Stadtpolitik behaupten zu können, erforderlich ge-
macht, zunächst die Beschreibung der Situation als Totalität, die durch
die Dominanz der kapitalistischen Produktionsweise und der para-
politischen Arrangements 12 gänzlich bestimmt wäre, zu falsifizieren.

Anarchistisch wäre eine Stadtpolitik in dem mindestens vierfachen Sinn
der Bedeutung des Wortes Anarchie. Denn Arché (gr.) heißt ebenso
Herrschaft wie Anfang, Ursprung, Prinzip und Amt bzw. Berechtigung.
Wenn es eine anarchistische Stadtpolitik geben sollte, die, selbst ohne
Anfang, Prinzip, und Berechtigung, sich in eine Bewegung, eine
Situation und einen laufenden Prozess hineinbegeben würde, um sich in
ihr zu orientieren und sie zu modifizieren 13, so mussten in dieser
Bewegung, in dieser Situation und in diesem Prozess Spielräume
aufgespürt werden, die sich einnehmen, nutzen und ausdehnen ließen,
was eine gänzlich andere, keinesfalls totalisierende Beschreibung der
Situation erforderlich machte.

Ich denke nun aber, dass der Charakter dessen, was ich zu beschreiben
versucht habe, zumindest vorübergehend einige Unklarheiten nach sich
ziehen konnte, auf die ich hier in aller Kürze zurückkommen möchte,
um sie aufzulösen. Diese Unklarheiten betreffen die Struktur des
Subjektes, seine Zeitlichkeit, die Flüchtigkeit oder Durchlässigkeit
seiner Umrisse sowie die Art seiner Bündnisse.

Denn was hat es in dieser Perspektive und in Anbetracht der genannten
Schwierigkeiten (einer Beschreibung von Übergängen und beweglichen
Prozessen) etwa zu bedeuten, wenn von einer anarchistischen Stadt-
politik gesagt wird, dass sie von einer gegebenen Situation ausgeht und
es zugleich von ihr heiß, dass sie "konstitutiv über das Problem
isolierter Teilbereichskämpfe" hinaus sei, während wir doch alle wissen,
dass dieses Problem ein Aspekt eben jener Situation ist, von der
ausgegangen werden muss, zumindest wenn wir der Charakterisierung
und Selbst-Charakterisierung der (radikalen) Linken glauben dürfen,
die man heute überall zu hören bekommt?

In einer anarchistischen Stadtpolitik hingegen, heißt es da, kämen "eine
ganze Reihe distinkter Kämpfe zusammen, insofern diese Politik sich in
all ihren Bereichen gegen jede Form der Herrschaft entwirft und jeder
dieser Bereiche alle anderen in sich reflektiert. Damit ist anarchistische
Stadtpolitik auch konstitutiv über das Problem isolierter Teil-
bereichskämpfe hinaus und stattdessen damit befasst, jeden dieser
Kämpfe auf die jeweils anderen hin zu öffnen. Dies ist keine bloße
Bündnis- politik, bei der verschiedene Kämpfe allenfalls strategisch
assoziiert, zeitweilig auf ein Nahziel ausgerichtet und äußerlich
verbunden würden. Es geht hier also tatsächlich um die diskursive und
materielle Ausbildung eines uneinheitlichen, intern heterogenen und
strukturierten Subjektes, das dennoch in entscheidenden Zügen wie aus
einem Geist handelt, was zu erreichen eine ungeheure Vermehrung,
Ausdehnung und Verschränkung der Foren und Diskussionen wie auch
der materiellen Praktiken impliziert." 14

Diese Passage ist gegen die Tendenz zur bloß oberflächlichen und
flüchtigen Zusammenfügung eines politischen Subjekts geschrieben,
welche, lediglich auf einen Punkt bezogen, flüchtig auch in dem Sinne
ist, dass sie keinerlei von der gerade gegebenen Situation unabhängige
und über sie hinausgehende Dauer aufweist. Ungenügend wäre eine
solche Politik aber nur, wenn sie es bei dieser Art der Zusammenfügung
ihres Subjektes bewenden lässt, denn ein solches Subjekt - ist gar
keines. Es hätte jedenfalls keinerlei Chance, sich umfassend zu
reproduzieren oder auch nur über einen sehr konkreten Zusammenhang
oder Anlass hinaus zu erhalten. Dies aber scheint mir ein dringendes
Erfordernis einer anarchistischen Stadtpolitik, überhaupt einer
anarchistischen Politik zu sein, die, indem sie sich gegen alle Formen
der Herrschaft entwirft, nicht nur die Depolitisierung der Ökonomie
zurücknehmen muss, sondern überhaupt vor der noch keinesfalls mit
hinreichender Deutlichkeit gestellten Aufgabe steht, eine andere
(radikal föderalistische) gesellschaftliche Textur zu entwerfen und die
deshalb nicht umhin kommt, gewissermaßen vom Ganzen her ins
Ganze zu denken.

Bevor ich mir selbst abschließend noch eine Einwendung machen
möchte, die das Gesagte (also diesen monströsen Holismus) wieder
relativiert, möchte ich es zunächst noch etwas weiter bekräftigen und
hier zu diesem Zweck eine Passage wiedergeben, die ich dem
Zusammenhang einer Rezension der Flugschrift "An unsere Freunde"
(des Unsichtbaren Komitees) entnehme, die vor über einem Jahr in der
Gai Dào erschienen ist. Sie umreißt den umfassenden Charakter dieser
deshalb doch niemals sich schließenden Perspektive recht gut:

"Zu begreifen", heißt es da, "dass die Macht kein Verhältnis reiner
Äußerlichkeit gegenüber den Subjekten unterhält, heißt zweierlei: Zum
einen, dass der Gegner die eigene Subjektivität mitproduziert, indem er
die Bedingungen des Kampfes diktiert und diesen etwa auf "die Straße"
- eine vorübergehende Handgreiflichkeit in einem klar definierten
Raum - reduziert. Zum anderen, dass die Macht sich immer auf das
vitale Interesse der Subjekte selbst verlassen kann: ‚Solange die
Perspektive einer Volkserhebung bedeutet, dass es an Pflege, Ernährung
und Energie mangeln wird, wird es keine entschlossene Massen-
bewegung geben.‘ (ebd. 74) Diese Einsicht ist fundamental.

Sie leitet über zum Primat der Reproduktion, jedoch nicht als abge-
spaltener Bereich der Pflege und häuslichen Arbeit. Eher verlangt sie,
die Perspektive der ebenso umfassenden wie sich ausweitenden
Reproduktion eines sich organisierenden Subjektes einzunehmen und
ins Zentrum der Kämpfe zu stellen, die Formen des Kampfes und die
Formen der Reproduktion nicht voneinander zu trennen und[sie]auf
einer grundlegenderen Ebene ununterscheidbar werden zu lassen. Denn
die Trennung des Kampfes von der Reproduktion reduziert ersteren
heute auf ‚Wahlkampf‘ und seine verschiedenen Komplemente
(Straßenkampf, Widerstand, Protest ...), während wir mit letzterer tief
im Sumpf abhängiger Arbeit stecken bleiben. Es ist nicht möglich,
selbst einen städtischen Platz langfristig zu besetzen und gleichzeitig
gezwungen zu sein, Miete zu zahlen, bei Aldi einzukaufen und arbeiten
zu gehen, was zugleich bedeutet, in den alltäglichsten Verrichtungen
seiner Vermögen enteignet zu sein und das Kapital durch sie zu stärken,
anstatt diese Vermögen auf den Aufbau einer kollektiven Kraft zu
verwenden, die in ihrem eigenen Recht besteht und dem Kapital
entgegenwächst".15

Zugleich erschiene es mir unglücklich, wenn dieser Ansatz der
umfassenden Zusammensetzung und allseitigen Reproduktion eines
kämpfenden Subjektes nun so verstanden würde, als sollte eine nur erst
punktuelle Bündnispolitik, die zudem am Beginn eines weiter-
reichenden Prozesses der Einigung stehen kann, damit ausgeschlossen
werden. Das soll sie nicht. Anarchistische Politik ist nicht präskriptiv.
Sie schreibt nichts vor. In bestimmten Lagen kann ihre Prinzipien-
losigkeit ihr sogar zur Zusammenarbeit mit dem vermeintlichen Gegner
raten, nämlich gerade insofern und insoweit dieser Gegner - kein
Gegner ist. Bündnispolitiken mit allen möglichen Leuten sind ja auch
heute etwa im Antifaschismus wieder dringend angezeigt, selbst wenn
es dazu erforderlich sein kann, sich zunächst einmal auch auf das
linksliberale Selbstmissverständnis zu verlassen, dass es einen guten
Kapitalismus ohne die immer wieder hervorbrechende Tendenz zur
Faschisierung geben kann und es nicht etwa dieser gute Kapitalismus
selbst ist, der gewissermaßen das Abjekte dieser gemütlichen Leute (in
Form des rechten Mobs oder rechter Mehrheiten) immer wieder
notwendig an sich hervortreibt.

Wie ist ein Bündnis mit dem Gegner möglich? Genau genommen ist es
dies nicht, d. h. es ist möglich nur, wenn auch dieser Gegner nicht als
geschlossene und in sich homogene Totalität gedacht wird, die von einer
klaren, ungebrochenen Kontur umrissen wäre. Das Subjekt einer
anarchistischen Politik wird nicht zunächst nach dem Modell der
Person oder des menschlichen Körpers gedacht; und nicht einmal das
einzelne menschliche Individuum kann in ihr nach diesem historischen
Modell (als Rolle, Organismus oder kleine Totalität) gedacht werden.
Das Subjekt einer anarchistischen Politik ist zunächst und vor allem
eine Zusammensetzung von Praktiken, weshalb die Theorie dieses
Subjektes nahelegt, dass die Front einer anarchistischen Politik - um
einmal diese kriegerische Metapher zu gebrauchen - als ein "insofern"
und "insoweit" auch noch quer durch jede*n Einzelne*n verläuft; und es
liegt nur daran, welche Konstellation von Kräften die Anordnung (d. h.
die Bewegungsregel) der Teile dominiert, den Elementen ihren Ort
zuweist, die Richtung (des Ganzen) vorgibt und das Tempo bestimmt.
Die imaginäre Front der anarchistischen Politik, die eben keine einfache
Linie ist, die hier oder dort verläuft (weshalb diese Metapher eher
ungeeignet ist), wird bestimmt durch die Resultante all jener Kräfte, die
noch in jeder Einzelnen um Vorherrschaft ringen. Ihr Subjekt ist nicht
zunächst ein Ensemble menschlicher Subjekte, sondern ein bestimmtes
Ensemble von Praktiken, und was die einzelnen Menschen angeht,
zählen nur diese. Aber insofern sie tatsächlich ganze Einzelne
(menschliche Individuen) sind, zählt die Orientierung, die jeder Praxis
ihre relative Funktion zuweist und über die Gravitationsrichtung
entscheidet. Dies bedeutet aber, dass es keine Reinheit der Praxis gibt
und auch kein einziges Mittel, das schon an und für sich
notwendigerweise anarchistisch wäre - oder auch nicht.

Was an dieser Auffassung verstören mag, ist die Flüchtigkeit jedes
einen äußerlichen Kriteriums. Revolutionäre Politik ist revolutionär nur
in einer Unmittelbarkeit der Mittel, die einstweilen ebenso bedeuten
kann, sich tagsüber ins Regime der Lohnarbeit zu fügen, - nur um es
abends besser zu bekämpfen. Niemand ist befugt, für ein anderes Leben
zu entscheiden, wie die revolutionäre Anordnung dieses Lebens sich
individualisiert; die Evidenz, dass diese Anordnung nur revolutionär
sein kann oder nicht, bleibt dadurch völlig unversehrt.

[1]www.zdf.de/kultur/aspekte/punk-aspekte-archiv-100.html
[2]Politeia, erstes Buch.
[3]Max Stirner, Das unwahre Prinzip unserer Erziehung oder der Humanismus und Realismus 
(Beiblätter zur Rheinischen Zeitung, Nr. 10 bis 19 vom April 1842), online: 
https://de.wikisource.org/wiki/Das_unwahre_Princip_unserer_Erziehung
[4]Was womöglich gerade das Schwierigste ist.
[5]Offen im mindestens fünffachen Sinn: der Teilnahme, der offenen Aussprache, der 
Aufgeschlossenheit gegenüber den Argumenten der anderen,
des Ausgangs und der Zwischenergebnisse, sowie der prinzipiellen Unabschließbarkeit.
[6]"Indem man nun die Gleichheit", sagt uns Stirner, "als Gleichheit des menschlichen 
Geistes auffaßt, hat man allerdings eine alle Menschen
einschließende Gleichheit entdeckt; denn wer könnte leugnen, daß Wir Menschen einen 
menschlichen, d. h. keinen andern Geist als einen
menschlichen haben!" (Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1972, S. 190). Was sonst 
noch wollte man in der offenen Diskussion voraussetzen?
[7]Hierzu hat man Texten früher mitunter ein Glossar seltener Wörter angefügt, was sich in 
Zeiten des Internets wohl erübrigt.
[8]Zu diesen gewissermaßen strukturell paradoxen Figuren gehören etwa der "Bruch als 
Anschluss an die Situation" und die "Unmittelbarkeit in
den Mitteln", wobei letztere nur besagt, dass noch in den kleinsten Handlungen und 
unscheinbarsten Mitteln selbst eine Unmittelbarkeit dadurch
aktiv ist, dass sie direkt auf den Zweck bezogen sind, so dass das Fernste im Nächsten 
gegenwärtig und auch dieses nicht "bloß Mittel" ist.
[9]Vgl. www.nachbarschaftsakademie.org und blackpigeon.blogsport.eu.
[10]Gai Dào Nr. 67, S. 19.
[11]Gai Dào Nr. 69, S. 26.
[12]Gemeint sind alle Arrangements, die die Eigeninitiative der Leute bezüglich der 
gemeinsamen Angelegenheiten durch Mechanismen der
Repräsentation, Vertretung, Vermittlung usw. stillstellen und bannen.
[13]Zweifellos nicht ohne sich selbst darin zu verändern.
[14]Gai Dào Nr. 67, S. 20.
[15]Gai Dào Nr. 57, S. 20f. Diese Aufgabe ist offenbar enorm. Sie besteht darin, alle 
möglichen Tätigkeiten, die nötig sind, damit ein solches Subjekt
sich wachsend reproduzieren kann, in einen Zusammenhang zu bringen.


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