(de) FDA-IFA Gai Dao #73 - ­Die libertäre Idee des Sozialismus ­ Eine anarchistische Anmerkung zur "Idee des Sozialismus" von Axel Honneth Von: Benjamin

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So Jan 15 12:11:45 CET 2017


Dieser Essay bezieht sich auf das 2016 erschienene Buch "Die Idee des Sozialismus" des 
Philosophen Axel Honneths. Die darin enthaltene Idee der sozialen Freiheit soll hier durch 
die libertären Ideen, v. a. der Anarchisten Gustav Landauers, Erich Mühsams und Augustin 
Souchys, ergänzt werden. Ich möchte die Kritik an den Versäumnissen des Sozialismus 
teilen, jedoch darüber hinaus zeigen, dass vielen Anarchist*innen die angesprochenen 
Probleme eines falsch verwirklichten Sozialismus bereits zu allen Zeiten der 
sozialistischen Diskurse bewusst waren und zeigen, dass die Kritik und Praxis der 
libertären Sozialist*innen schon immer eine echte Alternative zu den tatsächlich 
unzureichenden bzw. verzerrenden Forderungen der Marxist*innen, Sozialdemokrat*innen und 
Liberalen war.

Die soziale Freiheit bei Axel Honneth

Axel Honneth gilt heute als einer der Vertreter*innen der sogenannten
dritten Generation der Frankfurter Schule bzw. der durch diese
begründeten Kritischen Theorie. Diese sich von Anfang an als post-
marxistisch bzw. kritisch-marxistisch verstandene Denker*innen-Schule
(um Adorno, Horkheimer, Marcuse, Benjamin, Fromm, später
Habermas, heute z.B. Jaeggi, Loick und eben
Honneth) zeichnete sich von jeher
durch eine solidarisch-kritische
Analyse und Kritik v. a. von
Philosophie, Soziologie, Psychologie
und politischer Theorie aus. Dass sich
Honneth in seinem neuesten Buch nun
auch mit den Ursprüngen des
Sozialismus beschäftigt, scheint für
einige Zeitgenoss*innen ein längst
überholtes Projekt, für andere jedoch eine
mit Freuden erwartete, bisher von ihm
ausgebliebene Positionierung zu sein.

Klar strukturiert erörtert Honneth in vier
Kapiteln, was die ursprüngliche Idee aller
Sozialist*innen einmal gewesen sein muss,
wie es zu den drei großen Fehleinschätzungen bzw. Versäumnissen des
theoretischen Sozialismus kam und wie die ursprüngliche Idee in
revidierter Form wieder von Nutzen für die heutigen Gesellschaften
gemacht werden könnte, dies sowohl in theoretischer als auch in
praktischer Hinsicht. Bereits im ersten Kapitel erwähnt Honneth die
"normative Rückbindung an die Ideale der Französischen Revolution".
Die Bestrebungen zur Verwirklichung der Ideale Freiheit, Gleichheit,
Geschwisterlichkeit benennt Honneth als die "eigentlichen moralischen
Antriebskräfte der neuen Bewegung". Über die Frühsozialist*innen
selbst schreibt Honneth hierzu, dass sie alle "ohne es schon recht zu
wissen, an dem Versuch" laborierten "den liberalen Begriff der Freiheit
so zu erweitern, daß er mit dem anderen Ziel der 'Brüderlichkeit',
irgendwie vereinbar wird". Lediglich Luis Blanc und der Anarchist
Pierre-Joseph Proudhon seien in ihrer Freiheitskonzeption schon "einen
Schritt weiter" gewesen. So betonte z. B. Proudhon, dass die wahre
Freiheit der*des Einzelnen die Freiheit der Anderen nicht einschränken,
sondern eher bedingen bzw. bestärken würde. Jedoch hätte erst Karl
Marx ein zukünftiges Gesellschaftsmodell entworfen, "in der Freiheit
und Solidarität miteinander verschränkt sein sollen" und von dem er
selbst glaubte, "an einem Ziel angekommen zu sein, das für seine
sozialistischen Vorgänger trotz aller Anstrengungen noch außer
Reichweite war".

Am Anfang des zweiten Kapitels betont Honneth die ent-
scheidende Rolle der von ihm aufgezeigten Idee der sozialen
Freiheit, welche er als das "Lösungswort für die Versöhnung der
drei[...]in Spannung begriffenen Prinzipien" begreift und welche
nur wahrhaftig "'frei' genannt werden" kann, wenn sie in
solidarischen Gemeinschaften unter freien Individuen als ein
"'füreinander' tätig sein" gelebt wird und in diesem Sinne einer
"kommunitären Lebensform" entspräche. Dass die sozial-
istischen Bemühungen zur Umsetzung der normativen
Prinzipien jedoch leider von "Geburtsfehlern" geprägt waren,
lässt sich laut Honneth v. a. auf die folgenden drei konzeptuellen
Fehleinschätzungen zurückführen: 1. die Beschränkung auf die
wirtschaftliche Sphäre, 2. die Annahme eines aus der Unterdrückung
entspringenden revolutionären Akteurs (des Proletariats) und 3. der
angenommene, notwendig aus der Geschichte erfolgende Zerfall des
Kapitalismus.

Über den ersten Punkt schreibt Honneth zusätzlich, dass durch die auf
die Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse betonte Bewegung
(v.a. durch die marxistische Strömung) versäumt wurde, die
"demokratische Aushandlung gemeinsamer Ziele ebenfalls in
Kategorien der Freiheit zu denken". Die, wie er sie später benennen
wird, demokratische Willensbildung, wurde sozusagen durch einzelne
bevormundende Vertreter*innen des Sozialismus selbst verhindert, da
sie für ihre Gesetze des historischen Materialismus keine notwendige
Korrektur mehr für nötig hielten. Honneth stößt bei der Lektüre leider
aller "Gründungsdokumente der sozialistischen Bewegung" "auf
dieselbe Tendenz, zugleich mit den liberalen Freiheitsrechten auch der
auf ihnen gegründeten Willensbildung unter freien und gleichen
Staatsbürgern keine Rolle mehr beim organisatorischen Aufbau der
zukünftigen Gesellschaft beizumessen". Aufzuzeigen, dass dies jedoch
hauptsächlich auf die marxistischen Dokumente zutrifft, ist mir u. a.
das Anliegen dieses Artikels. Ich frage mich, ob es vielleicht an der an
Marx orientierten Literaturauswahl Honneths liegt, dass er die Kritik
anderer Anarchist*innen außer Proudhon scheinbar nicht wahrge-
nommen hat. Ich denke v. a. an die Schriften von Godwin, Bakunin
oder Kropotkin, die Honneth vielleicht eine etwas differenzierte
Vorstellung der ersten Generation des Sozialismus hätten liefern können
und die seine kritische Auseinandersetzung mit den ersten Krisen der
sozialistischen Bewegung in vielerlei Hinsicht hätten unterstützen
können, da sie viele seiner Kritikpunkte schon damals formuliert hatten.
Der Vorwurf der "selbstreferentiellen Schließung der Theorie", den er St.
Simon und verständlicherweise Marx macht, kann so nicht an die
Anarchist*innen weitergegeben werden. "Spätestens mit der Marxschen
Theorie war insofern all das, was die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts
an sozialistischen Vorstellungen hervorgebracht hatte, zum geistigen
Produkt ausschließlich einer revolutionären Arbeiterklasse erklärt
worden". Dass sich dieser dogmatischen Schließung des sozialistischen
Diskurses zumindest über die Anerkennung der Arbeiterklasse als
einziges revolutionäres Subjekt teilweise auch einige Vertreter*innen des
Anarchismus beugten, will ich nicht bestreiten, dass es jedoch alle
waren, möchte ich hiermit darlegend anzweifeln.

Erst die ersten Vertreter*innen der Frankfurter Schule nennt Honneth
als jene, die "der soziologischen Fiktion einer revolutionären Arbeiter-
klasse zum ersten Mal empirisch begründete Bedenken entgege-
ngebracht" haben. Hierzu möchte ich im Folgenden v. a. auf die Kritik
der beiden Anarchisten Gustav Landauers und Erich Mühsams auf-
merksam machen, welche Honneth hier zu überspringen scheint. Die
dritte von ihm überzeugend dargelegte Fehleinschätzung einiger erster
Sozialist*innen, die Vorstellung der notwendig aus den unterdrückenden
Verhältnissen des Kapitalismus hervorgehenden Erlangung eines neuen
Gesellschaftsstatus, führt Honneth v. a. auf den Einfluss Hegels auf
Proudhon und Marx zurück. Im Sinne eines "konfliktvermittelten Fort-
schrittsprozesses" verstehe Marx "den Sozialismus insofern" als das
"vorläufig letzte Stadium". Erst John Dewey schreibt Honneth die Kritik
zu, dass es "dem Sozialismus durch die Unterstellung historischer
Gesetzmäßigkeiten nahezu vollständig verwehrt geblieben" ist, "sich
selbst als eine Bewegung zu begreifen, die erst durch soziale Experi-
mente herauszufinden hat, wie die leitende Idee sozialer Freiheit je nach
den geschichtlichen Bedingungen am ehesten und besten zu ver-
wirklichen wäre". Hierzu werde ich v. a. auf die Positionen des
Anarchisten Augustin Souchys eingehen.

Zuvor jedoch zu Honneths Anwendung der sozialen Freiheit, die er
sowohl in einem "Sozialismus als historischen Experimentalismus" als
auch in einer "demokratischen Lebensform" verwirklicht sieht. In
Anlehnung an Hegel und Habermas vertritt Honneth im dritten Kapitel
die These, dass die soziale Freiheit in einer Gesellschaft dann vorhanden
ist, "wenn alle ihre Mitglieder möglichst ungehindert und zwanglos an
der für sie charakteristischen, bedeutungsvermittelten Kommunikation
teilnehmen können" und spricht damit die politische Bedeutung einer
frei stattfindenden Willensbildung an. V. a. im Anschluss an Hegel und
Proudhon spricht er von der Überwindung der Kommunikations-
barrieren und benennt als Ziel seiner Auseinandersetzung einen "sich
experimentell verstehenden Sozialismus", einen Sozialismus als
historischen Experimentalismus. Hierbei geht es ihm auch um eine
Sozialisierung bzw. Humanisierung von verschiedenen Sphären, in
denen die soziale Freiheit institutionalisiert werden soll. Als politischer
Akteur soll in diesen aber nicht mehr nur eine historisch dazu
auserwählte Arbeiter*innenklasse bzw. die sie vermeintlich
repräsentierenden Herrschenden agieren, sondern eben alle
Bürger*innen zu jeder Zeit, an jedem Ort. Dieser normative Anspruch
kann durchaus als eine humanistische Forderung im Sinne eines
universalen Menschenrechtes verstanden werden. Es geht Honneth hier
um den Wert der "demokratischen Willensbildung", den es "nach der
Vorstellung des klassischen Sozialismus" (des dogmatischen,
marxistischen) "zukünftig als eine solche gar nicht mehr geben dürfte."
Um den Fehler in den Theorien der Frühsozialist*innen zu beheben,
nämlich das "fruchtbare Modell der sozialen Freiheit" ausschließlich auf
die wirtschaftliche Sphäre anwenden zu wollen, skizziert Honneth im
letzten Teil seines Buches ein Gesellschaftsmodell als Organismus. Diese
als Organismus verstandene Gesellschaft bestehe aus Sphären, die als
Organe betrachtet werden können, die ähnlich den biologischen
Organen dem Organismus zu dessen "Gesundheit" bzw. Funktionalität
verhelfen. Entsprechend diesem Bild wäre das Ziel eine emanzipierte
Gesellschaft und ihr Zustand die soziale Freiheit, in dem die großen
Ideale Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit oder dadurch eben auch
die Menschenrechte verwirklicht sind. Die drei von Honneth benannten
gesellschaftlichen Sphären sind das sogenannte Private, Politische und
das Ökonomische.

Die politischen und damit auch moralischen Akteure können in den
jeweiligen Sphären durch individuelle Handlung, Beispiel und
Anerkennung die soziale Freiheit verwirklichen. Hieraus geht meiner
Ansicht nach hervor, dass es sich bei der angesprochenen sozialen
Freiheit um eine normative Forderung zur Verwirklichung der sozial-
istischen Ideale handelt, welche als ein immer potenziell anzu-
wendendes soziales Prinzip gilt. Insbesondere durch die Betonung der
privaten Sphäre beschreibt Honneth, dass die Frühsozialist*innen die
soziale Freiheit "als eine normative Vorlage auch für Bedingungen"
hätten "nehmen können, die in Ehe und Familie herrschen müssten,
damit sich deren Mitglieder zwanglos in ihren jeweiligen Lebensplänen
ergänzen können". Ein revidierter Sozialismus ginge also "davon aus,
daß alle drei Bereiche Handlungssphären bilden, in denen Bedingungen
eines zwanglosen Füreinanders und damit Verhältnisse sozialer Freiheit
herrschen sollten" und dies jeweils in nicht-repressiven Verhältnissen
im Privaten, in der demokratischen Willensbildung und der Wirtschaft.
Die Ähnlichkeit dieser Forderung Honneths mit dem radikalen Prinzip
der Herrschaftsablehnung des Anarchismus wird an dieser Stelle sehr
deutlich. Die angesprochene notwendige Selbstreflexion der eigenen
politischen Verhältnisse und Mittel und deren radikale Korrektur
scheint mir nicht radikaler repräsentiert worden zu sein als durch die
anarchistischen Prinzipien der Herrschaftslosigkeit und Gewaltfreiheit.
Und auch wenn Honneth am Ende seines Buches von der revidiert
sozialistischen "Lebensform" schreibt, "in der individuelle Freiheit,
nicht auf Kosten, sondern mit Hilfe von Solidarität gedeiht", muss ich
an die vielen anarchistischen Denker*innen, Bewegungen, Ereignisse,
Projekte und Einflüsse denken. Aus all diesen Gründen möchte ich nun,
anhand einiger ausgewählter Autor*innen die libertäre Idee des
Sozialismus, den Anarchismus, vorstellen.

Die libertäre Idee des Sozialismus

Der anarchistischen Strömung des Sozialismus ging es von Anfang an
um die Betonung der Unvereinbarkeit von Unterdrückung und Sozial-
ismus, wie es ein berühmtes Zitat Bakunins belegt: "Wir sind überzeugt,
daß Freiheit ohne Sozialismus Privilegien-
wirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozial-
ismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität
bedeutet". Die von allen Sozialist*innen ge-
teilten Ideale von Freiheit, Gleichheit und
Geschwisterlichkeit ergänzten die libertären
Sozialist*innen durch die prinzipielle Kritik
an Herrschaft, Staat, Militär, der 'repräsen-
tativen' Demokratie und teilweise auch der
Gewalt. Außerdem wurde schon früh
gleichfalls die Rolle des selbstbestimmten
Individuums betont als auch auf das
natürliche soziale Prinzip der Gegenseitigen
Hilfe hingewiesen. Im Vergleich zu den
marxistischen, fällt bei den anarchistischen
Frühschichten die radikale Betonung der
normativen Funktion des Sozialismus auf.
Während die von Honneth angesprochene
Fokussierung auf die ökonomische Sphäre
also auf die Marxist*innen tatsächlich zu-
treffend ist, werden in den anarchistischen
Schriften hingegen v. a. moralische Werte

eingefordert, ganz im Sinne des Mühsam Zitates: "Denn die Gegenwart
soll an die Zukunft keine Fragen stellen, sondern Forderungen!". Zudem
möchte ich im Folgenden zeigen, dass auch die drei von Honneth
angesprochenen Versäumnisse des dogmatischen Sozialismus bereits in
der Kritik der Anarchist*innen standen. Diese Kritik haben besonders
deutlich die beiden Anarchisten Landauer und Mühsam formuliert,
deren Positionen ich hier vorstellen will.

Deshalb nun zu 1. der Beschränkung auf die wirtschaftliche Sphäre.
Mühsam hatte hierzu bereits 1929 passende Worte gefunden: "Doch
beschränkt sich der Marxismus auf die Forderung der ökonomischen
Gleichstellung der Menschen. Marx und Engels, denen hierin Lenin
folgt, stellen zwar als letztes Endziel[...]die Überwindung des Staates
[...]hin[...]doch gelangt bei ihnen die freiheitliche Zielsetzung
nirgends über hypothetische Hindeutungen hinaus. Ihre Theorien er-
schöpfen sich in wirtschaftlichen Analysen[...]und gewähren der
Darstellung der Freiheit als gesellschaftlicher Grundeigenschaft so gut
wie keinen Raum." Auch als eine solche Kritik an der alleinigen Be-
tonung der Veränderung der ökonomischen Verhältnisse kann die von
Landauer betonte Rolle der sozialen Revolution neben der auf Wirt-
schaft und (Herrschafts-)Politik beschränkten Revolution verstanden
werden. So bezeichnet er in seinem Werk "Die Revolution" die soziale
Revolution als friedlichen "Aufbau, ein Organisieren aus neuem Geist
und zu neuem Geist". Außerdem stellt er in seinem "Aufruf zum
Sozialismus" die zynische Frage, ob "es nicht von symbolischer
Bedeutung" sei "daß das Grundwerk des Marxismus, die Bibel dieser
Sorte Sozialismus Das Kapital heißt?" und schreibt hierzu weiter:
"Diesem Kapitalsozialismus stellen wir unseren Sozialismus gegenüber
und sagen: Der Sozialismus, die Kultur und der Bund, der gerechte
Austausch und die freudige Arbeit, die Gesellschaft der Gesellschaften
kann erst kommen, wenn ein Geist erwacht", welcher "fertig wird mit
der Unkultur, der Auflösung und dem Nieder-
gang, der wirtschaftlich gesprochen Kapital-
ismus heißt." Auch im Fazit des Anarchisten
Augustin Souchys über seine Erfahrung mit
den totalitären Systemen des sogenannten
"real existierten Sozialismus", den er einen
"semantischen Widerspruch" nennt, unter-
stützt dieser die von Landauer übernommene
Vorstellung, "daß der Sozialismus nur schritt-
weise verwirklicht werden wird können; wie
verstreute Inseln in einem kapitalistischen
Meer" und schlussfolgert: "Der Kapitalismus
wurde im totalitären Staat beibehalten.
Kapitalistische Ausbeutung kann nur durch
liberale sozialwirtschaftliche Reformen abge-
schafft werden." Über den freiheitlichen
Sozialismus schreibt er weiter: "Er kann nicht
mit Gewalt von oben eingeführt werden,
sondern muß durch freiwillige Anstren-
gungen von unten aufgebaut werden. Er
repräsentiert nicht eine Form sondern eine
Vielfalt ökonomischer Systeme. Er respektiert
die menschliche Würde, stellt Mannigfaltigkeit und Freiheit an Stelle
von erzwungener Einheit und Föderationen von Kommunen und
Regionen an die Stelle von zentralistischer Regierung."

Komme ich nun aber zum zweiten Kritikpunkt Honneths, der Annahme
der Arbeiter*innenklasse als einzige Akteurin der Befreiung. Hierzu
mögen ein paar Zeilen Mühsams aus seinem "Idealistischem Manifest"
zeigen, wie weit der Begriff der Emanzipation des Menschen bei ihm
schon zu reichen vermochte, indem er sowohl die Befreiung der
Arbeiter*innen der Welt, aber auch insbesondere die Emanzipation der
Frauen und der Jugend als Teilaufgabe der gemeinsamen Aufgabe zur
befreiten Gesellschaft begriff: "Die werktätige Menschheit, also die
Sklaven und Entrechteten, haben sich auf ihren Anspruch besonnen, an
den Lebenswerten teilzunehmen.[...]Aus der Schande tausendjähriger
Entwürdigung als Kreatur der Männer ist 'das Weib' erwacht. Es will
Mensch sein, die Rechte und die Anerkennung des Menschen haben"
und "zum erstenmale organisiert sich die Jugend gegen Autorität und
Zwang." Eine soziale Freiheit konnte somit schon als ein normatives
Prinzip verstanden werden, was für alle in allen Lebensbereichen gelten
musste. Dass Mühsam die soziale Freiheit schon als ein alle betreffendes
Prinzip verstand, geht aus folgendem Zitat hervor: "Freiwilliges
Schaffen gleichberechtigter Individuen im Dienste der gegenseitigen
Hilfe, so erhalten wir das soziale Programm einer Menschen-
gemeinschaft, in der Freiheit das gesellschaftliche Prinzip ist."

Auch Landauers Definition "Der Sozialismus ist die Willenstendenz
geeinter Menschen, um eines Ideals willen Neues zu schaffen" kann und
muss so für alle Menschen gelten, nicht nur für eine vorherbestimmte,
privilegierte Gruppe. Landauer weist zudem den klassischen Vorwurf
der Marxist*innen an die Anarchist*innen, in diesem Falle von Marx an
Proudhon zurück, lediglich "kleinbürgerlich und kleinbäuerlich" zu sein
"da eben Proudhon den Menschen[...]seiner Zeit, vorwiegend Bauern
und Handwerkern, prachtvoll gezeigt hat, wie sie sofort, ohne erst den
saubern Fortschritt des Großkapitalismus abzuwarten, zum Sozialismus
hätten kommen können."

Als Kritik an der Organisation der Arbeiter*innenklasse in einer Partei
und dem marxistischen Entsagen anderer Formen der Sozialisierung
können die folgenden Zeilen Landauers gelesen werden: "Wahrlich, es
stünde besser um den
Sozialismus[...], wenn wir
statt der systematischen
Dummheit, die ihr eure
Wissenschaft nennt, die
feuerköpfigen Dummheiten
der Hitzigen und Brau-
senden und Überschäu-
menden hätten, die ihr
nicht ausstehen könnt. Ja-
wohl, wir wollen machen,
was ihr Experimente nennt,
wir wollen versuchen, wir
wollen aus dem Herzen
heraus schaffen". Und auch
Souchy, der viele vermeint-
lich sozialistische Revolu-
tionen hautnah miterlebt
hat, kommt in seinen
Erfahrungen zu einem
ziemlich ernüchternden Fazit: "Soziale Revolutionen, die die
Produktionsmittel verstaatlichen, bringen nicht Wohlstand für Alle.[...]
In den westlichen Industrieländern, wo es keine marxistischen
Revolutionen gab, ist der Wohlstand allgemeiner und der Lebens-
standart höher als in den östlichen Industrieländern, die eine
marxistisch-sozialistische Bedarfswirtschaft eingeführt haben.[...]Das
wissen auch die Arbeiter im Westen, und deshalb wollen sie vom
Kommunismus nichts wissen.[...]Die Mehrheit der Arbeiter will aber
auch vom Anarchismus nichts wissen.[...]Das ist die wirtschaftliche
und psychologische Realität, mit der jede sozialrevolutionäre Bewegung
heute rechnen muss."

Vielmehr müsste es also darum gehen, den Sozialismus als eine Art
"Organisationstheorie" zu verstehen, wie sie bspw. der zeitgenössische
englische Anarchist Colin Ward in seinem gleichnamigen Aufsatz
vertritt. In "Anarchismus als Organisationstheorie" schreibt er u. a. über
die anarchistische Theorie des Föderalismus: "Die klassischen
Anarchisten, die sich die Organisation der zukünftigen Gesellschaft
vorzustellen suchten, dachten dabei an zwei Formen der gesell-
schaftlichen Institution: Im Sinne einer territorialen Einheit an die
commune[...]und im Sinne einer Einheit für die industrielle Orga-
nisation dachte man an das Syndikat". Über Proudhon, auf den das
föderalistische Prinzip zurückgeführt werden kann, heißt es: "Für ihn
hat das Prinzip des föderativen Zusammenschlusses bereits von der
einfachsten Stufe der Gesellschaft an Geltung." Auch erwähnt Ward
"die Theorie der spontanen Ordnung" die auf den Anarchisten
Kropotkin zurückgeht, der sowohl durch eigene historische Erfahrung
als auch biologische Beobachtungen zur Erkenntnis eines spontanen
Organisationsprozesses von Gemeinschaften kam. "Angesichts eines
gemeinsamen Bedürfnisses wird eine zufällige Ansammlung von
Menschen durch Versuche und Irrtümer, durch Improvisation und
Experiment aus dem Chaos heraus Ordnung entwickeln". Zusammen-
fassend hierzu lässt sich also sagen, dass durch die anarchistischen
Ideen der freiwilligen Assoziation und der föderativen Gemeinschaften
immer alle Mitglieder dieser Gemeinschaften gleichermaßen ange-
sprochen sind.

Nun aber noch zu dem, auch von Honneth kritisierten Geschichts-
determismus. Gerade zu diesem Punkt finden sich etliche Kritiken der
Anarchist*innen aller Generationen, da in ihr offensichtlich die
dogmatische Tendenz des Marxismus besonders stark zum Vorschein
tritt. Jegliche Veränderung zu einer besseren, menschenwürdigeren
Existenz wird in eine weit entfernte Zukunft katapultiert und dadurch
jeder Versuch, im Hier und Jetzt schon vorbildhafte Beispiele zu setzen,
als zum Scheitern verurteilt erklärt, da das gesamte System noch nicht
komplett umgestürzt worden sei. Es scheint wohl dieser repressive
Aspekt des Marxismus gewesen zu sein, der aus einigen seiner
Anhänger*innen wahre Tyrannen hat werden lassen. Zudem scheint es
also die stete Einforderung der Anarchist*innen gewesen zu sein, die
Ereignisse, Persönlichkeiten und Ideen der sozialistischen Bewegung
immer auch schon in ihren Mitteln auf ihre normativen Prinzipien zu
verweisen und die sogenannten "Führerpersönlichkeiten", "Proletariats-
diktaturen" und "Einheitsparteien" nicht zu akzeptieren. Ganz im
Gegensatz dazu forderten die Anarchist*innen nämlich stets, dass die
Ideale schon in der Gegenwart angewendet werden mussten, um wahr
zu sein. Ein falsches Mittel zum guten Zweck musste somit verworfen
werden und jede Situation musste erneut auf ihre Gerechtigkeit hin
kritisiert und korrigiert werden können. Das radikale sozialistische
Prinzip der Libertären kann also als eine Art normative Selbstreflexion
betrachtet werden. Hierzu die Worte Landauers: "Sozialismus ist zu
allen Zeiten möglich, wenn eine genügende Zahl Menschen ihn will.
Nur wird er je nach Stand der Technik[...]immer anders aussehen,
anders beginnen, anders weitergehen." Und passend zum prophezeiten
Geschichtsdeterminismus: "Jetzt also werden wir zeigen, daß diese
unsre Zeiten, daß unser bis zum Marxismus erblühter Kapitalismus
keineswegs so aussehen, wie uns gesagt wird. Der Kapitalismus muß
nicht in den Sozialismus umschlagen, er muß nicht untergehen, der
Sozialismus muß nicht kommen[...]Aber der Sozialismus kann
kommen und soll kommen - wenn wir ihn wollen, wenn wir ihn
schaffen".

Martin Buber, Philosoph und Freund Landauers, zitiert diesen in "Pfade
in Utopia" mit folgenden Zeilen: "'Eines Tages wird man wissen, daß der
Sozialismus nicht eine Erfindung von Neuem, sondern eine Entdeckung
von Vorhandenem und Gewachsenem ist'. Weil es so ist, ist Sozialismus
zu allen Zeiten möglich". Buber versteht den Sozialismus als eine Art
"Aktualisierung von Gemeinschaftsgeist", als geistige Revolution, als
frommen Humanismus, der immer in Entwicklung bleibt. Und auch
Mühsam betonte v. a. die moralische Bedeutung des Sozialismus, die
schon in der Gegenwart Anwendung finden muss: "Sozialismus ist über
die wirtschaftliche Begriffsdeutung hinaus ein sittlicher Zustand und
ein geistiger Wert.[...]er bedeutet auch Erfüllung[...]der Forderung
der Gleichberechtigung.[...]Daß der Sozialismus an die Stelle des
Kapitalismus treten soll, hat seinen Grund nicht in der praktischen
Logik zweckdienlicher Ökonomie, sondern im moralischen Gewissen
der gerechten Denkart. Wir verabscheuen den Hunger der Armen, und
zwar um der Gerechtigkeit willen!". Und auch in einem aktuellen
Infoblatt zu Mühsam wird dieser mit folgendem prägnantem Statement
zitiert: "Die anarchistische Organisation hat stets so auszusehen, dass
sie im Kleinen das Bild der erstrebten freiheitlichen Gesellschaft-
sorganisation vorführt."

Um aber auch die Selbstkritik der Anarchist*innen am Beispiel von
Souchy zu beweisen, folgt hier nun ein Zitat aus einem Interview von
1977, welches in etwa der Intention Honneths entsprechen dürfte: "Die
heute noch kursierenden Gesellschaftstheorien des Sozialismus,
Anarchismus, Kommunismus usw. wurden im
vorigen Jahrhundert aufgestellt. Angesichts
des technischen, industriellen und sozialen
Fortschritts, den es seither gegeben hat,
müssen diese Theorien aufs neue überprüft
werden". In der Konklusion eines Vortrages
erteilt Souchy schon 1975, ähnlich Honneth,
dem historischen Versprechen Marx' eine
radikale Absage: "Marxens Prophezeiung, der
Kapitalismus werde unvermeidlich zur
Massenverelendung und damit zur sozialen
Revolution führen, hat sich als falsch
erwiesen. Technischer Fortschritt und
Industrialisierung haben die menschliche
Gesellschaft radikaler verändert als soziale
Theorien" und aus der bitteren Erfahrung der
gewaltsamen Revolutionen spricht er noch eine andere Wahrheit aus:
"Alle von der marxistischen Ideologie inspirierten Revolutionen des
20.Jahrhunderts endeten mit Diktaturen.[...]Durch Revolution zur
Macht gekommene Herrschaftseliten sind neu aber nicht besser als
traditionelle Machteliten. Wer mit Gewalt die Macht erobert, muss
seine Macht mit Gewalt verteidigen."

Als abschließendes Wort gibt er uns noch folgende Erfahrung mit auf
den Weg: "Enden Revolutionen mit Diktaturen, dann werden neue
Befreiungsrevolutionen erforderlich sein. Doch einmalige Revolutions-
befreiung bringt nicht die ganze Freiheit für immer. Befreiung erfordert
Kampf, die Grundlage der Freiheit ist Gewaltlosigkeit, und eine frei-
heitliche Gesellschaft kann nur das Werk friedlicher Zusammenarbeit
sein." Und damit die, den Menschen emanzipierende Geschichte noch
weitergeht, hier noch einmal Landauer: "Immer wird Unrecht sich
festsetzen wollen, immer wird der Aufruhr dagegen entbrennen. Der
Aufruhr als Verfassung[...]Das brauchen wir wieder: eine Neuregelung
und Umwälzung durch den Geist, der nicht Dinge und Einrichtungen
endgültig festsetzen, sondern der sich als permanent erklären wird. Die
Revolution muß ein Zubehör unsrer Gesellschaftsordnung, muß die
Grundregel unsrer Verfassung werden."

Beispiele verwirklichter sozialer Freiheit

In diesem Teil soll es darum gehen, anhand von historischen Beispielen
zu zeigen, welchen Einfluss die anarchistische Theorie auf den
Emanzipationsprozess der Menschheit bisher gehabt hatte bzw. wie
durch Anarchist*innen ein, der von Honneth angesprochenen sozialen
Freiheit, entsprechender Gesellschaftszustand zeitweise verwirklicht
werden konnte. Um diese Bespiele einzuleiten, ein paar Bemerkungen
Mühsams zu seinem Begriff der "Freiheit als gesellschaftliches Prinzip",
welcher doch erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Begriff der sozialen
Freiheit aufweist: "Freiheit, als Freiwilligkeit jeder Leistung im Zu-
sammenhang der Gesellschaft erfasst, ist nur vorstellbar, wo Gleichheit
im Sinne von Gleichberechtigung gilt." Weiter heißt es: "Mensch und
Gesellschaft können unter freiheitlichen Lebensverhältnissen niemals in
Gegensatz geraten, sie sind gleichwertig, einander ergänzende
Ausdrucksformen desselben Zustands." Besonders bezeichnend ist der
auch schon von Mühsam getroffene Vergleich
der Gesellschaft mit einem Organismus: "Die
Gesellschaft der Freiheit ist ein Organismus,
d.h. ein einheitlich und darum harmonisch
schaltendes Lebewesen; das unterscheidet sie
vom Staat und jeder Zentralgewalt, wo ein
Mechanismus die Funktionen des organischen
Lebens zu ersetzen sucht."

Nun möchte ich aber die angekündigten
sozialen Errungenschaften des Anarchismus
aufzählen. Zunächst einmal soll betont sein,
dass das herrschaftsablehnende Prinzip des
Anarchismus politisch betrachtet nur durch
ein echtes direkt- bzw. basisdemokratisches
System verwirklicht werden kann. Und auch

das libertäre Prinzip des Vetorechtes und v. a. des Konsensentscheides
gegenüber dem Mehrheitsentscheid scheint in vielerlei Hinsicht den
normativen Forderungen der sozialistischen Ideale gerechter zu werden.

Souchy fasst in wenigen Worten einige politische Errungenschaften
zusammen, die er der freiheitlichen Strömung des Sozialismus
zuschreibt: "Die Anarchisten waren stets bemüht, auf die polis, die
öffentlichen Angelegenheiten, in der Richtung von Fortschritt, Freiheit
und Frieden einzuwirken. Sie gaben Anstoss zu Bürgerinitiativen, ehe
das Wort in Umlauf kam. Der 1.Mai, Weltfeiertag der Arbeit, ist der
Initiative der Chicagoer Anarchisten (1886) zu verdanken.[...]In
Mexiko waren es die Anarchisten, die als erste die Parole 'Land und
Freiheit' lancierten und damit zu Urhebern der ersten Agrarreform
Lateinamerikas (1917) wurden. In aller Welt standen die Anarchisten, zu
denen sich später die radikalen Pazifisten gesellten, an der Spitze der
antimilitaristischen und Antikriegsbewegung[...]Der Widerstand
gegen den spanischen Militärputsch im Jahre 1936 ging vor allem von
den Anarcho-Syndikalisten aus. In Frankreich war es der Anarchist
Louis Lecoin, der, ohne Abgeordneter zu sein, es fertig brachte, 1962 die
Einführung des Zivildienstgesetzes für Militärdienstverweigerer zu
beschleunigen." Außerdem berichtet Souchy in seinen Schriften über
seine Erfahrungen in sozialistischen Projekten, die er in seinem Leben
besuchen konnte. Zunächst einmal nennt er die Zeit der anarchistischen
colectividades in Spanien (v. a. Katalonien und Andalusien) von 1936-
39, in denen viele der freiheitlichen Prinzipien mehrfach verwirklicht
werden konnten und die Politik "von unten" aus ging.

Des Weiteren nennt er die Colonia d'Aymare, eine kollektivistische
Kolonie in Frankreich, die soziale Gemeinschaft von Topolambo in
Mexiko, die israelischen Kibbuzim und die Bruderschaft Primavera in
Paraguay, von all denen er sagt, dass es durchaus Versuche bzw. Erfolge
im Sinne eines radikalen Sozialismus von Gemeinschaften waren. Auch
müsste an dieser Stelle natürlich die Pariser Kommune (1871), der
Aufbauversuch einer Räterepublik in München (1919) und der Aufstand
der Matros*innen von Kronstadt (1921) erwähnt und als Versuch
anerkannt werden, einen wahrhaft freiheitlichen Sozialismus aufzu-
bauen, die jedoch wie so viele Projekte durch gewaltsame Unter-
drückung und Mord in ihrem Weiterbestehen verhindert wurden. Es
lassen sich jedoch auch soziale Errungenschaften in vielen anderen
Lebensbereichen dem Einfluss des Anarchismus zurechnen. Z. B. kann
die freiheitlichere Erziehung als vom Anarchopazifisten Leo Tolstoi und
v. a. dem libertären Pädagogen Francisco Ferrer begründete Emanzi-
pation betrachtet werden.

Das libertäre Wohnen der Hausbesetzer*innenszene ist von anar-
chistischen Ideen beeinflusst worden. Libertäre Gedanken finden sich
auch in der Musik, Kunst und Literatur. Die Emanzipationsbewegung
der Frau fand im Anarcha*feminismus eine sehr starke und radikale
Ausdrucksform. Und auch im Kampf der Dekolonisation und der
Bürgerrechtsbewegung konnten die herrschaftskritischen vom "Unge-
horsam gegenüber dem Staat" (Thoreau) verwirklicht werden. Sicher
haben die anarchistischen Ideen, wie am prominenten Beispiel David
Graeber zu sehen ist, auch Einfluss auf die derzeitigen Protest-
bewegungen der Welt wie Occupy, Black Lives Matter, Idle no More
und der LGBT-Bewegung. Auch die autonom verwalteten Gebiete von
Chiapas und Rojava können als Enklaven eines radikalen Sozialismus
verstanden werden. Ich hoffe hiermit nun einige überzeugende
Beispiele aufgezeigt zu haben, in denen die Verwirklichung des Prinzips
der sozialen Freiheit teilweise wahr geworden ist.

Fazit

Im Laufe der Beschäftigung mit Honneths "Die Idee des Sozialismus"
und den anarchistischen Autor*innen konnte ich feststellen, dass in
deren jeweiligen Theorien vielfältige Überschneidungen sowohl in der
Kritik am dogmatischen Marxismus und falsch verwirklichtem
Sozialismus als auch in der Konzeption eines auf einem normativen
Prinzip beruhenden Sozialismus zu erkennen sind. Zu den drei von
Honneth benannten konzeptuellen Versäumnissen des Sozialismus habe
ich auf die diesen Kritikpunkten entsprechenden Stellen in den
anarchistischen Werken hingewiesen und hoffe, so deren schon immer
bestandene radikale Kritik aufgezeigt zu haben. Außerdem habe ich das
von Honneth beschriebene Prinzip der sozialen Freiheit als Lebensform
bzw. Gesellschaftszustand so ähnlich skizziert und begründet auch bei
Landauer, Mühsam, Souchy usw. finden können. Es ging mir in dieser
solidarisch-kritischen Ergänzung in erster Linie darum, auf die unzu-
reichende Beachtung des Anarchismus aufmerksam zu machen, dessen
genauere Kenntnis meiner Ansicht nach Honneth zu einer viel
radikaleren Kritik verholfen hätte.


Literatur

* Honneth, Axel: Die Idee des Sozialismus. Berlin: Suhrkamp 2015
* Landauer, Gustav: Aufruf zum Sozialismus. Philadelphia: Büchse
der Pandora 1978
* Landauer, Gustav: Die Revolution. Münster: Unrast 2003
* Buber, Martin: Pfade in Utopia. Heidelberg: Lambert Schneider
1950
* Mühsam, Erich: Trotz allem Mensch sein. Stuttgart: Reclam 2010
* Mühsam, Erich: Anarchist, Antifaschist, Freigeist. Berlin: Rudolf
Rocker 2016
* Mühsam, Erich: Alle Macht den Räten!, www.anarchismus.at
(27.09.2016)
* Souchy, Augustin: Anarchistischer Sozialismus. Münster: Unrast
2010
* Ward, Colin: Anarchismus als Organisationstheorie. Wilnsdorf-
Anzhausen: Winddruck
* Bakunin, Michail: Sozialismus und Freiheit, in Von Borries/
Weber-Brandies (Hg.) Anarchismus - Theorie, Kritik,
Utopie. Heidelberg, Graswurzelrevolution 2013
* Findus: Kleine Geschichte des Anarchismus. Heidelberg:
Graswurzelrevolution, 2010
* Honneth, Axel: in "Axel Honneth: Den Sozialismus zur
Vollendung bringen", Fernsehsendung, Sternstunde
Philosophie, SRF, 17.1.2016


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