(de) FDA-IFA Gai Dao #73 - ­Was Anarchist*innen seit Jahren sagen und was Liberale endlich hören müssen Von: It's Going Down / Übersetzung: Kasimir, madalton, Raupe (en)

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Sa Jan 14 14:05:01 CET 2017


Als FBI-Agent*innen am Mittwoch, dem 7. Dezember an der Texas A&M Universität von den 
Dächern aus hunderte Protestierende überwachten, gerieten schwer bewaffnete 
Bereitschaftspolizeieinheiten mit Demonstrierenden aneinander, welche eine von Preston 
Wiginton1 organisierte Veranstaltung stören und beenden wollten. Preston Wiginton ist ein 
51-jähriger ehemaliger Student der Hochschule und langjähriger Rassist. Die Veranstaltung 
war ein Vortrag von Richard Spencer, ein führender Ideologe innerhalb der anwachsenden 
"Alt-Right-Bewegung". Diese versucht, faschistischen, neonazistischen und 
weiß-nationalistischen Vorstellungen für die Generation Y ein neues Image zu verpassen, um 
einen rein weißen, faschistischen "Ethnostaat" zu erschaffen.

Die Auseinandersetzungen, welche auf dem Universitäts-
gelände ausbrachen, sind lediglich die neuesten in einer
Reihe von zunehmenden Konfrontationen zwischen
autonomen Revolutionär*innen und der rassistischen
rechtsradikalen Bewegung 2, die als eine unterstützende
Kraft des Trump-Regimes agiert, während sie versucht, es
weiter nach rechts zu drängen. Auf einmal hörten
Anarchist*innen und Antifaschist*innen, welche von der
gemäßigten Linken bisher dämonisiert und beiseite
geschoben worden sind, von Liberalen und Linken: "Ihr
hattet schon immer Recht". Obwohl jedoch revolutionäre,
anarchistische Ideen beginnen, eine weitläufigere Verbreitung zu finden,
vieles von dem, was die Leute jetzt langsam wahrnehmen, sind Dinge,
die wir schon seit Jahren sagen.

Und die Einsätze werden nur noch höher. Die rechtsradikalen Kräfte
wachsen sowohl hier in den USA als auch überall auf der Welt. Sie
keimen auf im Zusammenhang des drastischen Versagens vom
Neoliberalismus sowie sozialistischer und linker Parteien, die aus
sozialen Bewegungen herausgewachsen sind, wie Syriza und Podemos.
Sie gedeihen auch durch die fortdauernden Konsequenzen einer
umstrukturierten Wirtschaft, die buchstäblich Milliarden von Menschen
abgehängt hat. Zudem laufen die industrielle Produktion und die
Ausbeutung von Ressourcen, welche dieses System vorantreibt,
weiterhin auf Hochtouren. Dieses Jahr markiert einen entsetzlichen
Wendepunkt, da wir offiziell den Kohlenstoffdioxidmeilenstein von 400
ppm (parts per million, Teile pro Million) überschreiten. Jetzt sagen
viele Wissenschaftler*innen und sogar Regierungsinstitutionen
drastische Klimaveränderungen schon in unserer Lebenszeit als
unabwendbar vorher und die Wettermuster verändern sich derzeit
bereits rasant. Die Revolution, in dem Sinne, dass alles auf den Kopf
gestellt werden wird, ist unausweichlich. Die Frage ist nur, wie wird sie
beschaffen sein?

Während die ökologische Apokalypse vor uns am Horizont erscheint,
deuten viele andere Zeichen in Richtung eines Anstiegs der Kluft
zwischen Arm und Reich, der Ungleichheit in allen Aspekten und der
massenhaften Unsicherheit und Prekarisierung für Arbeiter*innen und
die Armen. Das ist Realität in den Stadtzentren sowie in den
Appalachen. Überall stehen die Löhne still oder sind gesunken, Armut
und Obdachlosigkeit weiten sich aus, die Gentrifizierung greift um sich
und der Gesamtzustand der meisten Amerikaner*innen wird
kontinuierlich weiter untergraben, während die Wohlhabenden noch
reicher werden. Zudem nimmt die Repression auf den Straßen in US-
Amerika weiter zu, da die Regierung immer mehr Gebrauch macht von
Überwachungs- und Spionagemaßnahmen, die Zahl von Gefängnis-
Insass*innen wächst stetig an, die Polizei tötet durchschnittlich drei
Menschen am Tag und die Strafverfolgungsbehörden werden mehr und
mehr militarisiert. Kurz gesagt, für die meisten Menschen wird die Lage
schlimmer, nicht besser.

Dass Donald Trump an die Macht gekommen ist, signalisiert nur den
beschleunigten Fortgang all dieser Realitäten. Trumps Plan beinhaltet,
mehr Ressourcen ausbeutende Projekte durchzudrücken, obwohl wir
gerade noch das Ende der Dakota Access Pipeline beobachten können.
Er hat klargestellt, dass er demokratische Rechte aushöhlen und
Überwachungsmechanismen weiter auszubauen will, gleichzeitig greift
er Frauen, queere Menschen, migrantische Arbeiter*innen und
Muslimas*Muslime an. Diese Maßnahmen
werden begleitet von umfassenden Attacken auf
die gesamte Bevölkerung, indem Gewerk-
schaften bedroht und grundlegende Sozial-
programme untergraben werden. Der Wohlstand
fließt immer weiter aus unseren Händen direkt
in die Taschen der Reichen.

Im Angesicht all dessen, einer wachsenden,
aufständischen Rechten, dem bevorstehenden
ökologischen Zusammenbruch, weitläufigen
Attacken gegen Arbeiter*innen, die Armen, die
Umwelt und diejenigen, die am verwundbarsten
sind, fragen viele: "Wo ist der Widerstand?" Die
Antwort ist sonnenklar, aber sie liegt nicht in den Hallen der Macht, bei
den Politiker*innen, den Gewerkschaftsführer*innen oder bei den
großen NGOs. Stattdessen liegt sie bei den Widerständigen, bei den
Blockierer*innen, bei den Menschen in Ski-Masken auf den Straßen, bei
den Menschen, die in der ersten Reihe mit den Cops kämpfen. Bei den
Menschen, die angreifen, verteidigen, organisieren, aufbauen und neu
anpflanzen.

Wir leben in einer Zeit, die nicht nur durch eine ansteigende Krise und
wachsende Reaktion gekennzeichnet ist, sondern auch durch explosiven
und aufrührerischen Massenwiderstand und -verweigerung.
Gleichzeitig war es niemals so eindeutig für so viele, dass die
institutionelle und wählbare Linke absolut nutzlos ist. Die Krise, der wir
uns gegenüber sehen, ist nicht nur die des Kapitals und der industriellen
Zivilisation, sondern auch ihrer ach so loyalen Opposition, der Linken.

Vielleicht fangt ihr jetzt endlich an, zuzuhören.

Der Staat ist nicht neutral

Regierungen waren niemals ein Werkzeug, um das Leben von
Menschen zu verändern. Sie waren immer eine Macht, die diese
zugunsten der Interessen der Reichen und Mächtigen organisiert. Ein
Staat ist eine Sammlung von hierarchischen Apparaten, der ein
Gewaltmonopol in einem bestimmten Gebiet hält und die Fähigkeit
besitzt, seine Macht durch Kontrolle durchzusetzen. Staaten existieren,
um zu garantieren, dass die Spaltungen, die in der Gesellschaft
existieren, nicht die allgemeine Machtordnung zerfallen lassen.

Wie Prole.Info schrieb3: "Egal wer die Regierung stellt, die Regierung
hat ihre eigene Logik. Der Fakt, dass diese Gesellschaft in Klassen mit
entgegenstehenden Interessen unterteilt ist, bedeutet, dass diese ständig
dem Risiko gegenübersteht, sich selbst zu zerreißen. Die Regierung soll
sicherstellen, dass dies nicht passiert. Ob die Regierung nun eine
Diktatur oder eine Demokratie ist, sie kontrolliert alle Waffen und wird
sie gegen die eigene Bevölkerung einsetzten, um dafür zu sorgen, dass
wir weiterhin arbeiten"

Liberale zeichnen jedoch ein ganz anderes Bild. Sie präsentieren
stattdessen einen demokratischen Staat als eine neutrale Institution, die
einfach nur genug gute Menschen benötigt, die in ihr involviert sind.
Wie jemand in "After Bern" schrieb4: "Da existiert ein immenses System
der Gewalt und Herrschaft über uns, das die Räder dieser Gesellschaft
am Laufen hält. Obwohl es so wirkt, als hätten wir Einfluss darauf,
unsere Leben zu gestalten, gibt es in Wahrheit eindeutige Kontroll- und
Verwaltungssysteme, die gewährleisten, dass die allgemeine Gesell-
schaftsstruktur nicht bedroht wird. Egal, wer gewählt wird oder
welcher politischen Partei du beitrittst, der Anschein von Einfluss-
nahme durch die Bevölkerung, der Anschein von Demokratie ist eine
völlige Illusion."

Ein Staat ist kein neutrales Zusammenkommen von Menschen,
stattdessen ist es ein Instrument kolonialer und klassistischer Diktatur.
So war der amerikanische Staat schon immer organisiert 5:"Amerika ist
eine Siedler*innen-Nation, die aus Kolonien entstand, die von
imperialistischen Kräften verwaltet wurden. Wie es John Jay, einer
unserer Gründerväter, sagte: "Die Menschen, die das Land besitzen,
sollten es regieren."

Der Grund für das Zurückbleiben der allgemeinen Arbeiter*innenklasse
und der verarmten Menschen in der Politik ist nicht, dass sich nicht
genug Leute einbringen bei Veränderungsprozessen oder der Teilhabe
innerhalb des Staates, sondern dass die Regierenden daran interessiert
sind, den Status Quo zu erhalten. Dies war nie klarer als mit der Wahl
von Donald Trump, nach der die gesamte politische Klasse nun antritt,
mit einem Faschisten zusammenzuarbeiten, damit der gesellschaftliche
Frieden gewahrt bleibt.

Der Staat ist darauf ausgerichtet, ein Gebiet im Interesse der
Machthabenden mit Gewalt zu beherrschen und zu kontrollieren. Er ist
kein Mittel, unsere Leben zum Besseren zu verändern.

Wahlen führen nicht zu gesellschaftlicher Veränderung

Die Überzeugung, dass die Wahlurne der einzig mögliche Weg ist, um
eine Veränderung herbeizuführen, aber auch die Erträge der
gewöhnlichen Menschen zu erhalten, ist eine komplette Täuschung. Sie
ist außerdem ein Markenzeichen des Liberalismus und großer Teile der
Linken. Demokratie ist einfach Augenwischerei, die wir nutzen, um die
Diktatur des Alltags zu überdecken.

Wie es Scott Campbell in "Trumping Fear, Finding Safety in Resistance"
schrieb6: "Weil mehrere zehn Millionen Menschen von Trumps Wahl
erschüttert sind und bei den meisten von ihnen auch der von Clinton
angebotene, langsamere Tod keinen Anklang findet, greifen Kritiken des
Wahlsystems um sich: Das verworrene System der Vorwahlen, die
Korruption des Democratic National Commitee, das unzeitgemäße
Konzept des Wahlmännergremiums etc. Jedoch wird durch diese
Einwände nur nach Verbesserungen gesucht, die derzeitige Regierungs-
form wird aber als gegeben hingenommen.

Anstatt spezifische Fehler innerhalb eines unterdrückerischen Gerüsts
aufzuzeigen, ist es konstruktiver, die Tatsache anzuerkennen, dass das
System wie vorgesehen gearbeitet hat und dem Willen der
Wähler*innen zwei Verkörperungen der elementarsten Grundsätze der
Vereinigten Staaten dargeboten hat: Auf der einen Seite die neoliberale
Imperialistin, auf der anderen der frauenfeindliche Verfechter weißer
Überlegenheit. Wie ein Sprichwort sagt: "Egal, wen du wählst, sie
gewinnen." Die Quelle unseres Unmuts, unserer Enteignung und
unseres Todes kann nicht an der Wahlurne abgeschafft werden. Soziale
Konstrukte von "Rasse" und "Geschlecht" können nicht abgewählt
werden, genauso wie der Kapitalismus nicht mit einem Kreuzchen
rückgängig gemacht werden kann. Drittparteien sind nichts anderes als
Druckventile des Systems, die abweichende Kräfte dorthin in den
Wahlprozess umlenken sollen, wo sie auf unbedrohliche Weise
abgelassen werden können.

Die Illusion von Wahl- und Handlungsmöglichkeiten, die dem
Wahlprozess innewohnt, ist eher ein Akt von Entmachtung und
Kapitulation. Jetzt, da sich Desillusionierung breitmacht, besteht die
Möglichkeit, die Unzufriedenheit mit dem Wahlsystem weiter zu
verfestigen und alternative Vorschläge für ein gesellschaftliches
Funktionieren anzubieten, bevor das System in zwei Jahren einen neuen
Erholungsversuch startet und verkündet: "Wir müssen uns das Haus
zurückholen..." Dazu gehört, Narrative um Wahlen infrage zu stellen,
den Mythos zu widerlegen, dass die Civil-Rights- und Black-Power-
Bewegungen sich um das Wahlrecht drehten, dass Demokratie der
höchste Ausdruck menschlicher Organisation und Freiheit ist und das
psychische Gewicht und den gesellschaftlichen Wert von Wahlen zu
untergraben. Wählen oder Nicht-Wählen ist nicht die Frage, sondern
das Wählen zu entdinglichen und es angemessen in unseren aktuellen
Kontext einzuordnen, während wir zu verstehen geben, dass die
wirkliche Arbeit überall nur nicht an der Wahlurne stattfindet.

Hätte es nicht solch reale Auswirkungen, würde Wahlpolitik von
Weitem lächerlich absurd wirken. Die Idee, eine Person auszusuchen,
die über 320 Millionen Menschen herrscht, einzig und allein basierend
auf dem Fakt, dass diese in einer willkürlichen, territorialen
Konstellation zusammenleben, ist antiquiert, unlogisch in Bezug auf die
derzeitige Weltordnung und auf diktatorische Weise unrepräsentativ."

Wie Scott Jay schreibt7: "Wahlstrategien scheinen immer auf die eigene
Finanzierung und Förderung fokussiert zu sein, mit gerade genug
Lippenbekenntnissen, um ihnen den Glanz einer relevanten sozialen
Bewegung zu geben, aber nicht viel mehr. Anstatt ein Startpunkt für
gesellschaftliche Kämpfe zu sein, kann das Wahlsystem nur eine Sache.
Dessen konkrete Strategien
dienen nur dem eigenen
Erhalt und nicht zu etwas
Größerem. Statt Strategien
zur Förderung sozialer Be-
wegungen zur Verfügung zu
stellen, bietet es beinahe
ausschließlich eine Recht-
fertigung für die eigene
Fortsetzung. Im Kontext eines
Landes, das von zwei Parteien
dominiert wird, heißt das
meistens auf irgendeine Weise
die Unterstützung der Demo-
kratischen Partei, weil es
mensch widerstrebt, der
(scheinbar) einzigen Option
zu schaden."

Nirgends wird dies offensichtlicher als in der Kampagne
von Bernie Sanders, die genutzt wurde, um Millionen von jungen,
armen Wähler*innen sowie die Arbeiter*innenklasse zurück in die
Arme der Demokratischen Partei zu lenken, nachdem sie acht Jahre
lang von einem Präsidenten betrogen worden sind, der "Hoffnung" und
"Veränderung" versprach, aber das Gegenteil lieferte. Nachdem Sanders
absichtlich vom DNC (Democratic National Committee) zerstört wurde,
wandte er sich dem Wahlkampf für Clinton zu und hat inzwischen
sogar die Zusammenarbeit mit Trump akzeptiert.

Ungeachtet dessen wollten die meisten Menschen in den Vereinigten
Staaten nichts mit der Wahl zu tun haben und haben nicht einmal
gewählt. Wie der Blog "Where the River Frowns" aufzeigte 8:
"Schätzungen legen nahe, dass 128,8 Millionen Menschen9 am Dienstag
an der Präsidentschaftswahl teilnahmen, was 55,6% der
wahlberechtigten Bevölkerung entspricht. Wenn jedoch Menschen
dazugerechnet werden, die aufgrund von Alter oder Verbrechensstatus
typischerweise übergangen werden, fällt der Prozentsatz auf nur 39,6%
der gesamten US-Bevölkerung10. Von den Wählenden stimmten 59
Millionen11 für den Gewinner - gerade einmal 18,2% der gesamten
Bevölkerung. Laut einer Studie des PEW-Forschungsinstituts 12 von Ende
Oktober gaben von denen, die eine*n bestimmte*n Kandidat*in
unterstützen, nur 55 bis 56% an, sie*ihn "besonders stark" zu
unterstützen. Das bringt den Anteil der US-Bevölkerung, die den
gewählten Präsidenten besonders stark unterstützen auf 10,2%."

Außerdem, ob in der Civil-Rights- oder Arbeiter*innen-Bewegung,
waren es Aufstände, Besetzungen, Massenwiderstand und -störungen,
die den Staat zwangen, Zugeständnisse zu machen, nicht der langsame,
lange Marsch durch die Institutionen. Darüber hinaus hat der
demokratische Prozess nur Rechte, Lebensstandards und verbesserte
Bedingungen gewährt, die nach und nach von stärkeren, staatlich
unterstützen Kräften wieder gestutzt wurden. Kurz gesagt:
Undemokratische Mittel zwangen den Staat zu handeln, als die Kämpfe
sich aber wieder auf die politische Ebene zurückzogen, gingen im Laufe
der Jahrzehnte die Errungenschaften verloren.

Was das bedeutet, haben Anarchist*innen schon die ganze Zeit über
gesagt. Dass der Weg der Wahl nicht nur nicht zu gesellschaftlicher
Veränderung führt - von Revolution wollen wir gar nicht sprechen -
sondern dass insgesamt ein Großteil der Amerikaner*innen den
"demokratischen" Zwei-Parteien-Betrug ablehnt, an den sich die
meisten Liberalen und Linken klammern oder von dem sie denken, sie
könnten in ihm Alternativen entwickeln.

Wir müssen eine Bewegung außerhalb politischer Parteien und der
Politik aufbauen

Die Wahlpolitik frisst Graswurzelbewegungen und -kämpfe auf, statt sie
zu nähren. Wie Scott Jay schrieb 13: "Wahl-Aktivismus unterstützt Wahl-
Aktivismus. Er vertraut auf sich selbst, um sich selbst voranzubringen.
Er spricht Menschen an, die von Wahlpolitik angezogen werden und
nicht jene, die Klassenkampf betreiben. Weder braucht Wahl-
Aktivismus den Klassenkampf, noch unterstützt er ihn, außer er könnte
einen Nutzen aus den Opfern militanter Aktivist*innen ziehen, um sich
zu einem geeigneten Repräsentanten einer sozialen Bewegung zu
erklären, die er nicht hervorgebracht hat."

In den vergangenen acht Jahren sahen wir eine Vielzahl sozialer
Bewegungen aufsteigen und fallen, die alle von der Wahlpolitik gestärkt
und dann beiseite geschoben und vom Staat zerschlagen worden sind.
Nach dem Einsetzten der ökonomischen Krise sahen wir die
Ausbreitung von Campus-Besetzungen und die Explosion der Occupy-
Bewegung. Obama zerschlug die Lager in einer Welle gewalttätiger
Repression mithilfe von Homeland Security, behördlicher Zusammen-
arbeit und geheimen Absprachen der lokalen Polizeidienststellen.

Einige Jahre später sahen wir die Explosion der Ferguson-Aufstände,
die sich schnell auf Baltimore, Oakland, Charlotte, Milwaukee und
andere Orte ausbreiteten. Andere Massenkämpfe, -bewegungen und
-erhebungen folgten auf dem Fuß, von #PrisonStrike über #NoDAPL bis
zu den Massenstörungen und -aufständen infolge von Trumps Wahl.
Dazu nochmal Scott Jay14: "Junge Menschen im ganzen Land lehnten
sich in Rebellion gegen die Polizei auf, die sie während der letzten Jahre
tötete. Sie haben sich wahrscheinlich nicht gefragt, ob ihr Handeln die
Chancen der Demokratischen Partei auf eine Wiederwahl schmälern
würde. Sie leben in komplett verschiedenen Welten. Die eine, wo
Menschen um ihr Leben kämpfen gegen ein System, das sie zerstören
möchte, eine andere, in der Menschen Baupläne für nationale
Organisationen entwickeln, ohne Diskussion, wer sie eigentlich
umsetzten wird. Die Jugend auf der Straße ist weniger mit dem Zugang
zur Wahl beschäftigt, sondern mehr mit einer Kampfansage gegen das
System, das versucht, sie umzubringen."

In all diesen Kämpfen erlangen sie jedoch ihre logischen und ethischen
Schlussfolgerungen nicht durch Politik, die Wahl von Politiker*innen
oder durch den Staat - sondern durch Aufstand und Umsturz dieser
Systeme der Macht, der Ausbeutung und der Kontrolle. In allen
Wahlkampagnen sehen wir aber das Gegenteil von dem, was gebraucht
wird.

Wie After Bern kommentierte 15: "In den gesamten Vereinigten Staaten
sammelte die Sanders-Kampagne über 207 Millionen US-Dollar.
Menschen klopften an Türen, klebten Sticker, organisierten
Versammlungen und machten Anrufe. Was wäre, wenn wir all diese
verschwendete Zeit, Energie und Organisation in etwas gesteckt hätten,
das sich nicht um die Wahl einer*eines Politikerin*Politikers dreht? Was
wäre, wenn wir diese Zeit, Energie und Organisation und diese
hunderte Millionen Dollar in den Aufbau von Strukturen gesteckt
hätten, die kämpfen, siegen und Land gewinnen können?

Trotz aller Rhetorik der Sanders-Kampagne, sein Gebrauch der Sprache
von Occupy und Black Lives Matter, beides Bewegungen, die die
Demokratische Partei unter ihren Absätzen zertrat, gab es keine




[1] http://www.star-telegram.com/news/state/texas/article118219408.html
[2] https://itsgoingdown.org/bern-notice-building-a-material-force-age-of-trumpism/
[3] http://prole.info/wcpw.html
[4] https://itsgoingdown.org/bern-open-letter-newly-disheartened/
[5] https://itsgoingdown.org/bern-open-letter-newly-disheartened/
[6] https://itsgoingdown.org/trumping-fear-finding-safety-resistance/
[7] https://itsgoingdown.org/jacobins-call-new-party-means-electoralism/
[8] https://itsgoingdown.org/u-s-elects-president-10-americans-strongly-supporting/
[9] http://www.electproject.org/2016g
[10] https://www.census.gov/popclock/
[11] http://www.nytimes.com/elections/results/president
[12] 
http://www.people-press.org/2016/10/27/2-factors-underlying-voter-preferences-positive-and-negative-voting/
[13] https://itsgoingdown.org/jacobins-call-new-party-means-electoralism/
[14] https://itsgoingdown.org/jacobins-call-new-party-means-electoralism/
[15] https://itsgoingdown.org/bern-open-letter-newly-disheartened/


"politische Revolution". Mehr noch: Diejenigen, die durch Sanders
motiviert wurden, stehen nun bereit, direkt in die Maschinerie der
Demokratischen Partei eingeführt zu werden."

Wir müssen starke, dyna-
mische Graswurzel-Orga-
nisationen, -Banden, -Netz-
werke und -Bewegungen von
unten aufbauen, nicht von
oben herab. Sie müssen ihren
Ursprung in unseren Nach-
bar*innenschaften, Arbeits-
plätzen, Schulen und Ge-
meinschaften haben, nicht in
den Hallen der Macht. Wir
müssen Wege finden, um zu-
sammenzukommen und unsere kollektive Kraft und Macht zu ver-
stärken und sie nicht sinnlos in Wahlen verschleudern. Wir brauchen
kämpfende Bewegungen mit Zähnen, nicht jämmerliche Versuche, einen
Platz am Tisch der Macht zu erlangen.

Revolutionäre und konfrontative Aktionen bringen Menschen in
kämpfende Bewegungen, sie stoßen sie nicht ab

Liberale und ein Großteil der Linken behaupten, konfrontative Taktiken
würden uns mehr schaden als sie nützen, ob es nun um das
Einschmeißen von Scheiben
oder Straßenblockaden geht. In
Wirklichkeit zeigt sich aber
jedes Mal, wenn sich so etwas
auf den Straßen und in unseren
Gemeinschaften abspielt, dass
dies nicht der Fall ist.
Tatsächlich bringen Kon-
frontationen und Störungen -
sprich: Physische Kämpfe -
mehr Menschen ein, als es das
Halten von Schildern und
Schreiben von Leser*innen-
briefen jemals getan hat. Wenn
überhaupt, zerstören Mies-
macher*innen und die Kon-
trollversuche von Protest-Manager*innen und Liberalen soziale
Bewegungen, nicht die kämpferischen Aktionen, die revolutionär und
zum Teil gewalttätig sein können.

Dies sehen wir in allen gesellschaftlichen Bewegung und Kämpfen.
Durch die Aufstände, Blockaden und Zusammenstöße mit der Polizei
bei Occupy Oakland nahm die Größe und das Ausmaß der Bewegung
zu. Sie selbst wurden inspiriert von den Oscar-Grant-Aufständen und
den studentischen Besetzungen mehrerer Jahre zuvor. Die Aufstände
von Ferguson ermutigten Jugendliche im ganzen Land, führten zu
anderen Aufständen und Rebellionen und zogen Zehntausende an. Trotz
der Versuche von "Führungspersönlichkeiten" innerhalb der "Black
Lives Matter"-Bewegung, die
Demokratische Partei zu
unterstützen, die Bewegung
auf die Ebene der staatlichen
Politik zu führen und auf
einfache Reformen zu redu-
zieren, entwickelt sich die
Bewegung weiterhin und
bleibt seit mehreren Jahren
kämpferisch und revolutio-
när. Der landesweite #Prison-
Strike, koordiniert von innen
durch Graswurzel-Gefan-
genen-Organisationen und
von außerhalb durch Unter-
stützer*innen-Gruppen, begann mit gewalttätigen Aufständen, Er-
hebungen und Zusammenstößen mit dem Wachpersonal.

Im Kampf gegen die Dakota Access Pipeline wurde eine Vielzahl von
Taktiken angewandt, um das Projekt zu stoppen, von Brandanschlägen
gegen Arbeitsgeräte, über Massendemonstrationen, friedliche Gebets-
wachen bis zu Attacken auf Banken. Im Zuge von gewalttätigen
Zusammenstößen zwischen Wasserschützer*innen, Polizei und DAPL-
Sicherheitskräften explodierte die Bewegung, als gesehen wurde, wie die
Beschützer*innen entschlossen ihr Leben an den Frontlinien riskierten.
Noch jetzt strömen Tausende nach Standing Rock.

Liberale und Linke be-
haupten, dass konfrontative
Aktionen Menschen ab-
schrecken, sich zu beteiligen.
Wir denken, das Gegenteil ist
der Fall. Wenn Menschen
sehen, dass ein Kampf echt ist,
wenn es um etwas geht, wofür
es sich zu kämpfen lohnt und
Menschen ihre Körper aufs
Spiel setzen, kommen sie in
Scharen. Es ist der symbo-
lische und legalisierte Protest,
der wirkungslos ist und von dem sich am Ende viele Menschen
abwenden.

Selbstverteidigung ist nicht das Gleiche wie Faschismus

Faschismus zielt auf das Errichten eines autoritären Staates und muss
seine Gegner*innen zerschlagen, um seine Macht auszubauen. Wenn wir
sie stoppen wollen, müssen wir sie aufhalten und von den Straßen
vertreiben, ihnen keine Plattform und kein Viertel lassen.

Aber während die radikale Rechte als reaktionäre Bewegung infolge der
"Black Lives Matter"-Proteste angewachsen ist und ebenfalls zu einer
unterstützenden Kraft innerhalb der Trump-Kampagne geworden ist,
wiederholen die Liberalen und Teile der Linken eine Flut unsinniger
Aussagen über jene, die alles riskieren, um dem Faschismus
entgegenzutreten. Insgesamt argumentieren Liberale, dass die
Anwendung von Gewalt gegen den Faschismus oder um Faschist*innen
aufzuhalten und ihnen keine Plattform zu bieten, genauso schlimm sei
wie die Taten der Faschist*innen - dies sei der "wirkliche Faschismus".

Wir denken, dass das Gegenteil wahr ist. Seit der Präsidentschaftswahl
kam es zu hunderten von "Hassverbrechen", da Trumps Sieg die
autonome, radikale Rechte bestärkt hat, wie niemals zuvor. Im Zuge der
Angriffe auf Menschen in den USA ist aber auch die antifaschistische
Position stärker als je zuvor, dass kämpferische und militante Aktionen
gegen Faschist*innen gemeinschaftliche Selbstverteidigung sind. Wenn
du keinen Faschismus willst, wird du gegen ihn kämpfen müssen.
Punkt. Jene, die diesen Kampf aufnehmen, handeln aus Selbst-
verteidigung und jene, die Risiken auf sich nehmen, verdienen unsere
Unterstützung. Eine Bewegung, die diejenigen verrät, die zu ihrer
Verteidigung kämpfen, ist ihren Namen nicht wert.

Wir brauchen eine soziale Revolution

Die politischen, ökologischen und ökonomischen Kräfte und Krisen, die
gegen uns gerichtet sind, zeigen, dass die Zeit nicht auf unserer Seite
steht. Der Staat wird immer repressiver, die ökologische Situation
immer aussichtsloser und die Ökonomie lässt uns immer mehr
verarmen und prekärer leben. Die radikale Rechte wird immer stärker,
während "die Linke" in ihrer institutionalisierten Form schwächer und
schwächer wird.

Die Bewegung, die wir brauchen, ist weder ein Kopie der
Vergangenheit, noch gibt es ein "wissenschaftliches" Programm einer
Revolution, das wir befolgen könnten. Wir betreten ein Gebiet, das neu
und anders ist als jede andere Periode der Geschichte. Wir wissen nur,
dass wir eine dynamische, kämpferische Bewegung brauchen. Wir
brauchen Netzwerke der Verteidigung, der Unterstützung und der
offensiven Kräfte, die nicht nur in den Kämpfen aktiv sind, die uns
umgeben, sondern beginnen können, neue Welten aufzubauen.

Die Linke, wie sie durch die "Regeln" sozialer Veränderung und
Revolution definiert ist und die von marxistischen Leninist*innen,
Bernie-Brüdern und Auto-Aufkleber-Liberalen vorangetrieben wird, ist
am Ende.

Wir sind diejenigen auf der Straße. Wir sind diejenigen, die kämpfen.
Von indigenen Kämpfer*innen, über antifaschistische Aktivist*innen,
militante Mitglieder schwarzer Befreiungsbewegungen bis zu
anarchistischen Revolutionär*innen, wir sind alle Teil einer
anwachsenden Kraft, die etwas Neues aufbaut. Und wir sind es, die den
Kurs unseres eigenen Schicksals bestimmen, der uns ein für alle Mal
aus diesem Albtraum heraus bringt.
!
Originaltext

https://itsgoingdown.org/what-anarchists-have-been-
saying-for-years-and-what-liberals-should-start-hearing/
(Englisch)


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