(de) FDA-IFA Gai Dao #73 - ­Anmerkungen zu anarchistischer Organisierung Von: Alpine Anarchist Productions (AAP)

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Fr Jan 13 08:41:50 CET 2017


In den Nummern 68 und 69 druckte die Gai Dào unseren im Sommer 2016 auf der Website 
www.alpineanarchist.org veröffentlichten Text "Revolution ist mehr als ein Wort: 23 Thesen 
zum Anarchismus" ab. Darüber haben wir uns gefreut, ebenso wie über die Reaktionen aus den 
Reihen der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA), die uns direkt wie indirekt 
erreicht haben. ---- Nachdem wir in unserem Text von einer Krise anarchistischer 
Organisierung sprechen, ist es verständlich, wenn sich Mitglieder der Föderation 
diesbezüglich genauere Erklärungen wünschen. In vielerlei Hinsicht hat die FdA dazu 
beigetragen, dass der Anarchismus in Deutschland organisatorisch so gut aufgestellt ist 
wie schon lange nicht mehr. Zusätzlich gibt es mit der FAU eine anarchosyndikalistische 
Organisation, die, wie es scheint, in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt hat. Und 
doch bleiben wir bei unserer Behauptung einer
Krise anarchistischer Organisierung, weil das Schaffen einer vielver-
sprechenden Infrastruktur und gelegentliche öffentlichkeitswirksame
Ausreißer zwar Voraussetzungen für eine erfolgreiche Organisierung
schaffen, mit dieser aber nicht gleichzusetzen sind.

Unter erfolgreicher Organisierung verstehen wir eine Organisierung,
die es politisch denkenden und handelnden Menschen möglich macht,
gesellschaftliche Entwicklungen kollektiv zu beeinflussen und
Grundlagen für alternative Gesellschaftsformen zu legen. Wir wollen in
diesem Text auf sechs Punkte verweisen, die unseres Erachtens zentral
sind, wenn es darum geht, diese Hoffnungen einzulösen. Wie sehr diese
Punkte in der FdA diskutiert werden, können wir nicht einschätzen,
genauso wenig wie wir es uns als Außenstehende anmaßen dürfen, die
Arbeit der Föderation zu beurteilen. Wir sind jedoch davon überzeugt,
dass diese Punkte für jede Form erfolgreicher anarchistischer
Organisierung wichtig sind.

1. Das Formulieren von Ideen

Wie wir in unseren Thesen dargelegt haben, sind wir entschiedene
Gegner*innen der Auffassung, dass das Formulieren konkreter Ideen für
die Gesellschaften, in denen wir
leben wollen, anarchistischen
Prinzipien widerspricht, weil
sie, so das Hauptargument,
die freie Entwicklung
solcher Gesellschaften ein-
schränkt. Das ist nichts als
ein rhetorischer Trick, um
sich aus politischer Ver-
antwortung zu stehlen.
Natürlich müssen wir
konkrete Ideen der
Gesellschaften for-
mulieren, die wir uns wünschen, um Menschen glaubwürdig vermitteln
zu können, dass anarchistische Werte und Prinzipien ihr Leben
verbessern können. Es sind die elementarsten Fragen, um die es geht:
Wo soll unser Essen herkommen? Wer versorgt die Kranken? Wer
produziert den Strom und wie gelangt er in unsere Wohnungen und
Häuser? Wie und woher bekommen wir sauberes Wasser? Wie kommen
wir von Hamburg nach München? Was passiert mit unserem Müll? Wer
produziert Computer und all die anderen technologischen Geräte, an
die wir uns so sehr gewöhnt haben? Wer kümmert sich um den
atomaren Abfall? Wie gehen wir mit Menschen um, deren Verhalten
eine Gefahr für andere darstellt? Wie lernen unsere Kinder lesen und
schreiben? Wie kann ein soziales Netz für alle eingerichtet werden? Wie
können Millionen von Menschen, die von einer Entscheidung betroffen
sind, diese demokratisch fällen? Und so weiter. Warum sollte irgendwer
anarchistische Gesellschaften herbeisehnen, wenn es auf diese Fragen
keine Antworten gibt?

2. Öffentlichkeitsarbeit

Unsere Ideen müssen öffentlich vermittelt werden. Wir müssen
Kontakte außerhalb unserer eigenen Kreise knüpfen. Dazu können - je
nach den gegebenen Möglichkeiten - eine Reihe von Aktivitäten
dienen:

* Infotische, um Materialien zu verteilen und mit Menschen ins
Gespräch zu kommen. Eine Alternative ist das Verteilen von
Flugblättern oder Broschüren. Dies muss offensiv geschehen, das heißt
an Orten, wo wir auf viele Menschen zugehen können. Sich in einer
Ecke zu verkriechen und grimmig dreinzuschauen, gilt nicht und führt
meist nur zur eigenen Frustration.

* Ein Engagement in lokalen Vereinen (Sportklubs, Kulturinitiativen),
öffentlichen Einrichtungen (Jugendzentren, Bibliotheken), Massen-
organisationen (Mieterschutzbünden, Genossenschaften) und an
unseren Arbeitsplätzen. Dort können wir erstens soziale Beziehungen
aufbauen und Vertrauen erwerben und zweitens anarchistische
Prinzipien in interne Strukturen und Debatten einbringen. Ein subtiler
Zugang ist hier in der Regel der erfolgreichste; alles, was nach
Propaganda oder Missionierung aussieht, läuft schnell ins Leere.

* Das Schreiben von Leser*innenbriefen - an Lokalblätter genauso wie
an große Tageszeitungen - ist eines der einfachsten Mittel, um ein
ungeahnt breites Publikum mit Stellungnahmen zu erreichen. Die
Themenauswahl ist schier grenzenlos und reicht von tagespolitischen
Fragen zu Dauerbrennern wie Verkehr, Ernährung oder Erziehung.

* Medienarbeit: Die notwendige Kritik des herrschaftlichen und
manipulativen Charakters der Massenmedien führt leider oft zu der
Auffassung, dass jede Präsenz in diesen einem Verrat an anarchistischen
Prinzipien gleichkommt. Das ist Unsinn. Die Medien sind ein
wesentlicher Teil der Öffentlichkeit und wenn wir in ihnen nicht
präsent sind, bleibt auch unser Einfluss auf öffentliche Diskussionen
beschränkt. Anstelle einer prinzipiellen Ablehnung der Medien sollte es
eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen und ein entsprechendes
Medientraining geben. Natürlich müssen alle Anfragen und Angebote
der Medien sorgfältig geprüft werden, aber es ist von entscheidender
Bedeutung, die richtigen Möglichkeiten wahrzunehmen und
entsprechende Kontakte aufzubauen.

* Ein Klassiker: die Publikation eigener Schriften. Hier herrscht wenig
Mangel. Das Problem liegt eher im Vertrieb. Teils ist es natürlich
schwierig, anarchistische Publikationen zu vertreiben, aber teils hat es
auch mit anti-kommerziellen Berührungsängsten und fehlendem
Einsatz zu tun.

* Ein weiterer Klassiker: die Veranstaltung von Demos und
Kundgebungen. Motto: einladend, bunt, anregend. Auch hier ist die
Themenauswahl endlos.

* Das offensive Verwenden von Logos und Symbolen: So kritisch wir
den Logo-Fetischismus unserer Tage auch betrachten mögen, so sind
Symbole für das Wahrgenommen-Werden im öffentlichen Raum
unabdingbar. Es verhält sich in etwa so wie mit linken Buchläden: man
kann gerne von jedem kommerziellen Denken Abstand nehmen,
verurteilt den Laden aber dadurch zum baldigen Ende. Wir bewegen
uns und wir agieren im Kapitalismus, ein Außerhalb gibt es nicht. Die
Überwindung dieser Verhältnisse kann nur in einem Sich-
Herauswinden bestehen, der Kapitalismus ist kein Kleidungsstück, das
wir nach Belieben ablegen können. Wenn wir sichtbar sein wollen,
brauchen wir für unsere Ideen und Organisationen Symbole, die wir
genauso als Buttons auf unseren Rucksäcken tragen wie als Siebdruck
auf den Transparenten, die wir zu Demos mitnehmen.

* Die Mitgestaltung des öffentlichen Raumes durch Poster, Aufkleber
und Graffiti. Wichtig ist dabei die Platzierung. Dort, wo die Kunst
Menschen nur verärgert, sind entsprechende Bemühungen wenig wert.
Es gibt zahlreiche Stellen, auf deren Verschönerung alle warten.

* Das Web 2.0 und die Neuen Sozialen Medien bieten zahlreiche
Möglichkeiten, virtuellen Raum zu besetzen. Technophile Genoss*innen
sollen sich auf dieser Spielwiese nach Lust und Laune austoben: Blogs,
Online-Foren, Facebook, Twitter, Instagram, weiß der Teufel; je mehr,
desto besser.

* Das Organisieren koordinierter Kampagnen: Die Lokalgruppen
anarchistischer Föderationen sollten sich auf ein oder zwei Themen
einigen, denen man während eines bestimmten Zeitraums besondere
Aufmerksamkeit schenkt, weil man sie a) für besonders dringend hält,
und b) meint, dass viele andere Menschen das auch tun. Alle der oben
genannten Aktivitäten können dabei zum Einsatz kommen. Das ergibt
einen Multiplikationseffekt, der die Bedeutung dieser Aktivitäten
zusätzlich stärkt.

Zum Abschluss eine allgemeine Bemerkung: Wesentlich bei all diesen
Aktivitäten sind Klarheit, Prägnanz und Humor. Ein Flugblatt, das zu
kompliziert, lang oder trocken ist, liest niemand. Ein schickes Poster
schauen sich mehr Menschen an als ein langweiliges. Es ist besser,
innovative Inhalte zu erklären, als sie in der Form ungewöhnlicher
Begriffe und Schreibweisen vorauszusetzen (diese können selbst-
verständlich verwendet werden, sobald sie erklärt wurden). All das hat
nichts mit Populismus oder Opportunismus zu tun, sondern mit einer
einfachen Rücksichtnahme auf grundlegende Regeln zwischen-
menschlicher Kommunikation.

3. Bündnispolitik

Anarchistische Organisationen sind marginalisiert. Um gesellschaftlich
Einfluss nehmen zu können, müssen sie Bündnisse mit anderen
Organisationen eingehen. Solche Bündnisse erlauben es auch, mit
einem Problem umzugehen, dessen Lösungsversuche sich ansonsten oft
im Kreise drehen, nämlich mit der fehlenden Vielfalt in den eigenen
Reihen. Die meisten anarchistischen Organisationen des Globalen
Nordens werden nach wie vor von einem bestimmten Klientel geprägt:
weiß, männlich, heterosexuell, bildungsbürgerlich. Je vielfältiger die
eigenen Gruppen, desto besser, daran besteht kein Zweifel. Die Gründe
für die fehlende Vielfalt sind jedoch komplex und lassen sich trotz guten
Willens oft nur schwer aus der Welt schaffen. In dem Moment jedoch,
in dem anarchistische Organisationen in Bündnisse eintreten, die von
Organisationen mitgeprägt werden, deren Klientel ein anderes ist, wird
die eigene Identität relativiert und man erhält die Chance, sich als
wertvoller Bündnispartner in vielfältigen Zusammenhängen zu
erweisen. Dies ist für die Zukunft der anarchistischen Bewegung von
zentraler Bedeutung.

4. Organisationsstruktur

Um die eben genannten Aufgaben bewältigen zu können, sind
handlungsfähige Organisationen vonnöten. Eine bloße Formalisierung
von Freundeskreisen ist zu wenig. Die Bezugsgruppe funktioniert in
vielerlei Hinsicht wunderbar, ist aber kein Modell für breite
gesellschaftliche Veränderung. Die Gesellschaft besteht nicht nur aus
Freund*innen und nur Orga-
nisationen, die diese Realität
anerkennen, können die Ge-
sellschaft wirklich ändern.
Wir brauchen also Orga-
nisationen, die es allen
Menschen erlauben, sich
gemeinsam zu organisieren.
Persönliche Sympathien sind
dafür nicht notwendig; not-
wendig sind jedoch Ge-
wissenhaftigkeit und Zuver-
lässigkeit. Es muss möglich sein, Genoss*innen, die ihre Aufgaben nicht
erfüllen, um Erklärungen zu bitten, ohne als "autoritär" verunglimpft zu
werden. Hier bedarf es normativer Verschiebungen bzw. einer neuen
aktivistischen Kultur. Das ist nicht zuletzt für die Bündnisfähigkeit
anarchistischer Organisationen entscheidend.

5. Beispiele setzen

Anarchist*innen müssen an einer ihrer historischen Stärken festhalten,
nämlich der Verwirklichung ihrer Ideale im Hier und Jetzt (was
neuerdings oft mit dem großspurigen Begriff "präfigurative Politik"
umschrieben wird). Das gilt für alle Lebensbereiche: das Wohnen, die
Ausbildung, die Arbeit, die Freizeit usw. Dass die besagte
Verwirklichung immer nur beschränkt und mit Mängeln behaftet sein
kann, tut ihrer Bedeutung keinen Abbruch. Nichts wiegt stärker als das
konkrete Beispiel. Genau deshalb aber müssen die gerne bemühten
"Mikrokosmen einer besseren Welt" ihren Ansprüchen auch gerecht
werden. Erstens dürfen sie nicht nur als isolierte Rückzugsgebiete
dienen, sondern müssen auf breite gesellschaftliche Alternativen
verweisen. Und zweitens müssen sie auch für Menschen attraktiv sein,
die kein Interesse an gesellschaftlichen Nischen haben. Subkulturelle
Reproduktion hat einen unbestreitbaren Wert, aber mit breiter
gesellschaftlicher Veränderung hat sie nicht unbedingt viel zu tun.

6. Vorbereiten auf Krisensituationen

Eine besondere Aufgabe anarchistischer Organisationen liegt darin, sich
auf Krisensituationen vorzubereiten. In Krisensituationen ist das
Potential für gesellschaft-
liche Veränderung am
größten. Nicht weil es
Menschen in Krisensitu-
ationen am schlechtesten
geht (das wäre eine vulgäre
Deutung), sondern weil die
herrschenden Kräfte ins
Wanken kommen. In solchen
Momenten entscheidet sich
der Lauf der Geschichte.
Wollen Anarchist*innen dabei eine Rolle spielen, müssen sie Pläne
dafür haben, wie sie in solchen Momenten agieren wollen. Ist dies nicht
der Fall, werden sie mit großen Augen beobachten, wie sich andere
diese Momente zunutze machen - im schlimmsten Fall reaktionäre
Kräfte. Historische Studien können hier hilfreich sein. Wo etwa war die
Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands während der
Aufstände in der Weimarer Republik? Es wäre schön, eines Tages in
Deutschland - und natürlich andernorts - anarchistische Föderationen
mit mehr Schlagkraft zu erleben.


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