(de) fau berlin: FAU und IAA - Blick zurück nach vorn
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Fr Jan 13 08:41:41 CET 2017
Die Gründe für das Ende einer Geschichte und den Beginn einer neuen. ---- Im Dezember 2016
hat die IAA - einstmals die Internationale des revolutionären Syndikalismus und den
Anarcho-Syndikalismus - ihre Sektionen in Spanien (CNT), Italien (USI) und Deutschland
(FAU) ausgeschlossen und sich damit mindestens 90% ihrer Mitgliedschaft entledigt. Der
Beschluss des IAA-Kongresses von Warschau kam nicht überraschend. Letztlich ist er
Ausdruck der mindestens 20 Jahre währenden Agonie einer IAA, die sich immer weiter von
ihren Wurzeln und den Grundsätzen ihrer Gründung im Dezember 1922 entfernt hat. ----
Dieser Text zeichnet aus der Sicht des Internationalen Sekretariates der "Freien
Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union" (FAU) die Entwicklung der IAA und die Konfliktlinien
der letzten Jahrzehnte nach. Wir haben dabei mehrfach auf zwei aktuelle Veröffentlichung
des Blogs "Amor y Rabia" zurückgegriffen, weil wir manches selbst nicht besser oder
angemessener hätten formulieren können.
Auch wenn wir mit einem traurigen Auge auf das vorläufige Ende unserer Geschichte mit der
IAA zurückblicken, so hoffen wir zugleich, dass sich Räume öffnen für ein neues, offeneres
Projekt. Ein Projekt, das revolutionäre SyndikalistInnen, Anarcho-SyndikalistInnen und
UnionistInnen weltweit in einer neuen Perspektive verbindet oder sogar vereint und
vorhandene Spaltungen überwindet. In diesem Rahmen kann dann vielleicht auch das wieder
zusammen finden, was sich für den Moment getrennt hat.
Von der Gründung der IAA 1922 bis zur Wiedergeburt in den 1970ern
Die IAA wurde als Internationale der revolutionär-syndikalistischen und
anarcho-syndikalistischen Gewerkschaften 1922 in Berlin gegründet. Sie vereinte in den
Anfangsjahren Organisationen mit teilweise mehreren hunderttausend Mitgliedern und ganz
unterschiedlicher gewerkschaftlicher Praxis. Die verbindende Klammer waren die
gegenseitige Hilfe, das Bekenntnis zu den "Prinzipien des revolutionären Syndikalismus"
und der gemeinsame Versuch, sich dem Einfluss der neu entstehenden leninistischen Parteien
zu entziehen, die überall auf der Welt versuchten, die Gewerkschaften zu bloßen
Handlangern ihrer Parteipolitik zu machen.
Der Einfluss der IAA in der Geschichte der ArbeiterInnen-Bewegungen blieb jedoch
weitgehend begrenzt. In der spanischen Revolution von 1936 jedoch spielte die CNT - mit
mehr als einer Million Mitglieder die größte Gewerkschaft innerhalb der IAA - eine
Schlüsselrolle. Die Niederlage der revolutionären Hoffnungen auf eine freie Gesellschaft
in Spanien beschleunigte zugleich auch den Niedergang der IAA. Viele ihrer Sektionen waren
bereits in den Jahren zuvor durch den Aufstieg des Faschismus in verschiedenen
europäischen und lateinamerikanischen Ländern zerschlagen worden. Unter weiteren Druck
gerieten die Sektionen durch die brutal durchgesetzte weltweite Vorherrschaft des
Leninismus und später des Stalinismus innerhalb der Gewerkschaftsbewegungen. In Verbindung
mit dem Zweiten Weltkrieg führte all dies schließlich zur faktischen Zerstörung aller
Sektionen der IAA, mit Ausnahme der schwedischen SAC.
Auch die SAC geriet ab Anfang der 1940er Jahre jedoch unter starken Druck. Anders aber als
etwa in Deutschland, Italien oder Spanien erfolgte der Angriff auf sie nicht in Form einer
brutalen Unterdrückung durch den Faschismus. Die schwedische Regierung hatte vielmehr
beschlossen, die Verwaltung der Ansprüche auf Renten- und Arbeitslosenunterstützung den
Gewerkschaften zu übertragen. Ihr Ziel war es, auf diese Weise die ArbeiterInnen zu
zwingen, der zahnlosen sozialdemokratischen Gewerkschaft beizutreten. Die SAC sollte auf
diese Weise geschwächt und an den Rand gedrückt werden. Aus Furcht vor dieser Entwicklung
vollzog die SAC 1942 eine Kehrtwende. Fortan beteiligte sie sich ebenfalls an der
Verwaltung der staatlichen Mittel der Sozialkassen und baute dafür dafür einen
Funktionärsapparat auf. Erst 2009 beschloss ein Kongress der SAC, die Strategie der
Gewerkschaft in weiten Teilen wieder zu radikalisieren und zu alten Grundlagen zurückzukehren.
Vor diesem Hintergrund fand 1951 der 7. Kongress der IAA statt. Es war der erste nach
dreizehn Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf diesem Kongress wurde der
Strategiewandel der SAC heftig kritisiert. Sie musste sich vorhalten lassen, dass es nicht
im Sinne des revolutionären Syndikalismus sei, dass eine Gewerkschaft sich zum
verlängerten Arm einer staatlichen Strategie macht, die darauf abzielt, die ArbeiterInnen
ruhig zu stellen und ihre Organisationen in Abhängigkeit zum Staat zu bringen. In der
Folge stellte die SAC die Beitragszahlungen an die IAA ein und beschloss 1957, die
Internationale zu verlassen.
Damit hatte die IAA die letzte Sektion verloren, bei der es sich um eine tatsächliche
Gewerkschaft handelt. Sie begann sich in eine reine Föderation von Propaganda-Gruppen zu
verwandeln, die über keinerlei spürbaren Einfluss in den Klassenkämpfen mehr verfügten.
Die schlimmsten Jahre des "Kalten Krieges" ähnelten für die anarcho-syndikalistische
Bewegung so einem "Zug durch die Wüste". Zugleich musste die Bewegung auch noch eine ganze
Reihe heftiger Konflikte innerhalb der spanischen CNT über sich ergehen lassen. Die
Mitglieder der immer noch größten IAA-Sektion befanden sich entweder im Exil oder lebten
mit der ständigen Drohung, von den spanischen Behörden gejagt, getötet oder eingesperrt zu
werden.
In den 1970er Jahren gab es endlich wieder Hoffnungsschimmer. Die Bewegungen von 1968, die
wilden Streiks und die Krise von 1973, die Auferstehung der CNT ab Ende 1975, öffneten den
Weg zur Gründung einer ganzen Reihe von neuen anarcho-syndikalistischen Organisationen. Zu
ihnen zählte z.B. 1977 die FAU in Deutschland oder 1979 das "Direct Action Movement" in
Großbritannien (heute "Solidarity Federation"). 1978 hielt die wiederbelebte USI - die
historische italienische IAA-Sektion - ihren ersten Kongress ab und Ende der 80er Jahre
machte die CNT-F in Frankreich mit ersten gewerkschaftlichen Aktionen von sich reden. Auch
in anderen Ländern stießen kleinere Gruppen gewerkschaftlicher AktivistInnen zur IAA. Auf
dem 16. Kongress der IAA im Jahre 1979 wurden so erstmals wieder eine ganze Reihe neuer
Organisationen aufgenommen. Viele von ihnen waren zwar noch klein, aber dennoch sehr
motiviert, sich in die Klassenkämpfe ihrer Herkunftsregionen einzumischen.
Die Spaltung der spanischen CNT und die Betriebsratsfrage
Der erste Rückschlag kam jedoch schnell und er kam erneut aus Spanien. Dort war die CNT
nach dem Tod des Diktators Ende 1975 wie ein Phönix aus der Asche auferstanden. Binnen
weniger Monate traten hunderttausende ArbeiterInnen der Gewerkschaft bei und feierten ihr
neues Selbstbewusstsein im Juli 1977 mit einem riesigen Meeting am Montjuich in Barcelona,
an dem sich fast 100.000 Menschen beteiligten. In Teilen der spanischen Regierung begann
man die CNT als größte Bedrohung für die weitere kapitalistische Entwicklung des Landes zu
betrachten. Und so unternahm die neue Regierung des "demokratischen Übergangs" alles, um
einen Aufstieg der CNT zu verhindern. Sie schloss u.a. mit den Gewerkschaften den sog.
"Pakt von Moncloa". Dieser stellte gesetzlich abgesicherte Einflussnahme über Betriebsräte
und den Zugang zu staatlichen Subventionen in Aussicht. Im Gegenzug mussten die
beteiligten Gewerkschaften gravierende Einschränkungen u.a. beim Streikrecht akzeptieren.
In der CNT entspann sich ein erbitterter Streit darüber, ob man sich am "Pakt von Moncloa"
beteiligen solle oder nicht. Die eine Seite argumentierte, dass die eben mit Volldampf
begonnene Arbeit in den Betrieben geschwächt würde, wenn man als einzige Gewerkschaft aus
einer Situation des faktischen Illegalität im Betrieb heraus auftreten müsse. Die andere
Seite warnte mit Blick auf die schwedischen Erfahrungen eindringlich davor, dass eine
Beteiligung am Pakt letztlich ein Ende des revolutionären Charakter der Gewerkschaft und
eine Zähmung der Organisation im Interesse der Bosse bedeuten würde.
Der Konflikt führte zusammen mit einer Reihe von weiteren Faktoren, wie der Enttäuschung
und Entpolitisierung der ArbeiterInnen durch den "demokratischen Übergang", der
Unfähigkeit der CNT derart große Massen an neuen Mitgliedern kurzfristig einzubinden und
durch Geheimdienstaktionen mit dem Ziel, das Ansehen der CNT zu zerstören, zu einem
raschen Mitgliederschwund. 1979, auf dem 5. Kongress der Gewerkschaft und dem ersten
Kongress nach dem Ende der Diktatur, waren etwas über 30.000 Mitglieder durch ihre
Delegierten vertreten. Noch zwei Jahre zuvor hatte die CNT knapp 200.000 Mitglieder gezählt.
Auf diesem 5. Kongress der CNT beschloss eine deutliche Mehrheit der Syndikate, dass sich
die Gewerkschaft dem "Pakt von Moncloa" nicht anschließen und sich an den Wahlen zu den
Betriebsräten nicht beteiligen wird. In der Folge verließen etliche Syndikate die
Gewerkschaft. Sie gründeten 1979 ihre eigene Organisation, aus der schließlich die heutige
CGT hervorging.
Der Konflikt in Spanien blieb nicht ohne negative Auswirkungen auf die IAA. Wichtiger aber
war, dass über den erbitterten, teilweise vor Gericht ausgefochtenen, Streit in Spanien,
ein grundlegendes Problem nicht offen diskutiert werden konnte, das er sichtbar gemacht
hatte. Wie kann eine angemessene revolutionär-syndikalistische oder
anarcho-syndikalistische Strategie auf betrieblicher Ebene aussehen, die sich erfolgreich
Befriedungsversuchen durch das Betriebsrats-Modell entzieht und dennoch nicht in die
Sackgasse betrieblicher Bedeutungslosigkeit führt? Da diese strategische Frage in der IAA
der frühen 1980er nicht offen diskutiert wurde, litten bald viele der neuen Sektionen, in
einer Art Wiederholung des "Mythos vom Sisyphos", unter ganz ähnlichen Problemen, wie
diejenigen, die zuvor in Schweden und Spanien an den Tag getreten waren.
Die Mühen der Ebene oder die Krise der CNT-F
Es begann mit der französischen CNT zu Beginn der 1990er. Der Gewerkschaft war es
gelungen, in der Pariser Metro-Reinigungsfirma COMATEC eine große und sehr kämpferische
Betriebsgruppe zu gründen. Die Arbeiter, größtenteils aus Nordafrika und der Subsahara
stammend und zu extrem prekären Bedingungen beschäftigt, organisierten umgehend einen
ersten erfolgreichen Streik. Zum Schutz ihrer Mitglieder in den heftigen
Auseinandersetzungen mit der Firmenleitung beteiligte sich 1991 die CNT-F an den Wahlen zu
den Personaldelegierten in der Firma. Das gleiche geschah bei SPES, einer anderen
Reinigungsfirma, in welcher es der CNT-F gelungen war, eine starke Betriebsgruppe aufzubauen.
Diese taktische Beteiligung an gewerkschaftlichen Wahlen zum Schutz bedrohter Mitglieder,
wurde zwar von einem Kongress der CNT-F im Nachgang genehmigt. Er sorgte aber dennoch für
heftige Spannungen innerhalb der Gewerkschaft, bis hin zu ihrer Spaltung im November 1992.
Der eine Teil gründete im Februar 1993 eine Gewerkschaft, der fast alle Betriebsgruppen
angehörten (nach ihrem Sitz in Paris zunächst auch "CNT / Vignoles" genannt) und die sich
für die eine taktische und gelegentliche Beteiligung an gewerkschaftlichen Wahlen
aussprach. Der deutlich kleinere Teil hielt seinen Gründungskongress im Mai 1993 ab und
wurde nach dem Sitz seines Koordinationskomitees zunächst "CNT / Bordeaux" genannt. Dort
war man vordergründig strikt gegen jede Art der Beteiligung an gewerkschaftlichen Wahlen.
Beide Organisationen nahmen für sich in Anspruch Mitglied der IAA zu sein.
Das war der Anfang eines Konfliktes, der sich für die IAA zum Dauerbrand entwickeln
sollte. Das hatte auch damit zu tun, dass das "französische Problem" auch eines der
spanischen CNT war. Die Kinder und Enkel des spanischen Exils in Frankreich waren in nicht
geringem Maße an den Erfolgen der CNT-F beteiligt gewesen und dies mehrheitlich auf Seiten
der sog. "CNT / Vignoles". Ein dominanter Sektor in Spanien hingegen unterstützte
vorbehaltlos die sog. "CNT / Bordeaux". Dies führte zu heftigen Verwerfungen in der
spanischen CNT und in der Konsequenz zum Rücktritt des seinerzeitigen spanischen
IAA-Generalsekretärs, der sich geweigert hatte, sich im Konflikt auf eine der beiden
Seiten zu schlagen und stattdessen versucht hatte, zwischen beiden Seiten zu vermitteln.
Der Dauerbrand speiste sich jedoch auch aus der Art und Weise, wie der 20. Kongress der
IAA (Madrid, 1996) schließlich mit der Situation in Frankreich umging. Dort stand
lediglich eine "Aussprache zur Situation in Frankreich" auf der Tagesordnung. Die meisten
Sektionen, egal ob mit Delegierten oder nur mit einem schriftlichen Mandat anwesend,
hatten deshalb keine Beschlüsse zu diesem Thema gefasst. Auf dem Kongress präsentierten
dann die spanische CNT und die winzige norwegische NSF unter Bruch der
IAA-Verfahrensweisen auf einmal einen Antrag, mit dem Ziel die sog. "CNT / Vignoles"
auszuschließen und die sog. "CNT / Bordeaux" als einzige französische Sektion
anzuerkennen. Der Antrag wurde dann in einer erhitzten Atmosphäre tatsächlich auch
abgestimmt und so geschah es, dass durch ein unwürdiges und bis dahin beispielloses
Manöver, der Großteil des bisherigen IAA-Mitglieder in Frankreich mit den Stimmen von nur
drei Sektionen und gegen das Votum der FAU ausgeschlossen wurden. Der weitaus größte Teil
der Sektionen enthielt sich, da sie natürlich kein Mandat für Anträge haben konnten, über
sie vorab nicht informiert worden waren.
Im gleichen Atemzug wurde dann auch noch die letzte Tür zur gütlichen Lösung der Situation
in Frankreich zugeschlagen. In der Folge des Kongresses von Madrid verschwand die
Jahrzehnte zuvor beschlossene Möglichkeit, dass es mehrere Sektionen für ein Land geben
kann, aus den Statuten der IAA.
Die Krise in Italien
Parallel zur Spaltung der französischen Sektion, hatte sich auch ein Konflikt in der
italienischen Sektion, der "Unione Sindacale Italiana" (USI-AIT), entwickelt. Auch dort
war der Anlass wieder die Notwendigkeit, eine angemessene Strategie für die
gewerkschaftliche Aktion im Betrieb zu entwickeln. Anders als zuvor in Spanien und
Frankreich ging es in Italien aber weniger um die Frage der Beteiligung an
gewerkschaftlichen Wahlen, sondern im Kern um die Beziehung zum Spektrum der italienischen
Basisgewerkschaften, das sich seit etwa Anfang der 1980er explosionsartig verbreitet
hatte. Ein Teil der USI (wegen seines regionalen Schwerpunktes als "USI Rom" bezeichnet)
trat dafür ein, die Gewerkschaft in Bündnissen von Basisgewerkschaften aufgehen zu lassen.
Der andere Teil wollte die USI als eigenständige Gewerkschaft mit eigenem Profil erhalten.
Der Konflikt mündete schließlich in der Spaltung der Organisation, als im Mai 1996 der
Teil, welcher auf der Selbständigkeit der USI beharrte, einen Kongress in Prato Carnico
abhielt, an dem die "USI Rom" nicht mehr teilnahm.
Auf dem IAA-Kongress 1996 waren zunächst Delegierte beider Organisationen anwesend.
Nachdem die Delegation der "USI Rom" unter lautem Protest das Plenum verlassen hatte,
stellte der Kongress fest, dass die "USI Rom" damit aus der IAA ausgeschieden und die
USI-AIT somit die legitime Sektion in Italien sei.
Diese Entscheidung wurde seitens der "USI Rom" nie akzeptiert. Sie nennt sich bis heute
"USI-AIT" und sorgt damit immer wieder für Verwirrung. So hat sie diese Situation
beispielsweise mehrfach genutzt, um gewerkschaftliche Aktionen der tatsächlichen USI-AIT
zu torpedieren. Dafür nutzte sie immer wieder die italienische Gesetzgebung, die vorsieht,
dass Streiks zuvor den Behörden angezeigt werden müssen. Mehrfach verschickten die
faktischen Streikbrecher aus Rom in der Vergangenheit daraufhin Schreiben an die Behörden,
in dem Streiks, zu denen die USI-AIT aufgerufen hatte, vermeintlich wieder abgeblasen wurden.
Kontaktverbote und Misstrauen statt Kooperation
Die Konflikte in der CNT-F und der USI - den beiden größten Sektionen nach der spanischen
CNT - hatten also just vor dem IAA-Kongress von 1996 ihren Höhepunkt erreicht und wurden
vordergründig durch diesen entschieden. Eigentlich hätte der 20. Kongress der IAA mit
zahlreichen Neuaufnahmen ein weiterer Schritt zur Wiedergeburt der IAA sein sollen. Durch
die Manipulationen in Tagesordnung und Kongressverlauf und durch das teilweise unwürdige
Auftreten etlicher Delegierter und Besucher, verwandelte es sich aber ganz im Gegenteil in
den Ausgangspunkt einer fatalen internen Dynamik - und die spanische CNT spielte darin
eine tragende Rolle.
Der erste Schritt dazu war bereits einige Jahre zuvor getan worden. Auf dem IAA-Kongress
1984 in Madrid hatte man einen Antrag der spanischen CNT (die soeben erst die schlimmste
Spaltung ihrer Geschichte erlitten hatte) angenommen, der formelle Beziehungen der
IAA-Sektionen mit der schwedischen SAC untersagte. Der Grund für den Antrag war die
finanzielle Unterstützung der SAC für die Abspaltung in Spanien (die spätere CGT). Der
Beschluss enthielt Interpretationsspielraum, der zu künftigen Konflikten führen sollte.
Die u.a. in diesem Beschluss zum Ausdruck kommende Mentalität, begann bald die Atmosphäre
in der IAA zu vergiften. Vor dem Hintergrund von Spaltungen in ihren größten Sektionen,
begann sich die Internationale wie ein verwundetes Tier zu verhalten, das nichts und
niemandem mehr vertraute. Das Vertrauen, die Grundlage jedes Föderalismus, wurde in der
Folge ersetzt durch den Versuch der Überwachung der Sektionen und durch die Drohung mit
Strafen, wenn es notwendig und angemessen erschien.
Ein Beschluss, der auf dem 21. Kongress (Granada, 2000) getroffen wurde, fügte dieser
Logik einen weiteren Baustein hinzu. In einem beschönigend als "Kontaktregelung"
bezeichneten und auf Antrag der norwegischen NSF beschlossenen Verfahren, müssen seither
in Ländern, in denen es IAA-Sektionen gibt, "sämtliche Kontakte zu anderen Organisationen
ausschließlich über die jeweilige IAA-Sektion abgewickelt werden". Diese Logik, die den
Föderalismus durch eine Art konföderalen Feudalismus zu ersetzen suchte, hatte im weiteren
Verlauf schwerwiegende Folgen. Die FAU nahm auch hier, ähnlich wie zuvor beim
manipulierten Ausschluss der CNT-F, ihr Recht in Anspruch, einen Beschluss der IAA als für
sich nicht bindend zu erklären.
Der Zauberlehrling
Die vergiftete Atmosphäre und die zunehmende Selbst-Isolierung der IAA wurden mit der
Nominierung des neuen IAA-Sekretariates im Jahre 1996 weiter verschärft. Wo es eines
ausgleichenden IAA-Sekretariates bedurft hätte, das die Wogen glättet und den Versuch
unternimmt, Brücken zu bauen, nominierte die spanische CNT stattdessen ihren ehemaligen
Generalsekretär José Luis García Rúa zum Generalsekretär der IAA. In den drei Jahren
seines Mandates verstand dieser es, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, weiteres Öl in
das Feuer der schwelenden Konflikte zu kippen.
Ab Ende der 1990er entwickelten sich weltweit in rasendem Tempo Bewegungen, die
grenzüberschreitend hunderttausende, darunter viele ArbeiterInnen, gegen die
kapitalistische Globalisierung und deren Strategien der grenzenlosen Ausbeutung
mobilisierten. Diese Bewegungen drückten sich u.a. in großen und kämpferischen
Demonstrationen gegen die Gipfel der Herrschenden aus, bei denen wir uns auf der Straße
häufig vereint sahen mit GewerkschafterInnen aus anderen syndikalistischen Organisationen
nicht oder nicht mehr der IAA angehörten.
Statt die neue Situation und das große Interesse an einer grenzenlosen Antwort auf
Ausbeutung und Herrschaft zu nutzen, machte sich der IAA-Generalsekretär auf die Suche
nach den "Feinden der IAA". Und die fand er überall. Vorzugsweise allerdings nicht bei
Staat und Kapital, sondern bei IWW, SAC, CGT, CNT-F und etlichen anderen syndikalistischen
Organisationen außerhalb der IAA. Und natürlich auch bei denjenigen innerhalb der IAA,
welche die Verortung der "Feinde der IAA" etwas anders sahen, als er selbst.
Die Hexenjagd nach den vermeintlichen "Feinden" anstelle der Nutzung der Chancen, wäre
natürlich nicht möglich gewesen, ohne die Unterstützung oder zumindest die Duldung seitens
einer Mehrheit der Sektionen in der IAA. In diesem Zusammenhang machte sich ab Mitte der
1990er Jahre zunehmend der Umstand bemerkbar, dass immer mehr kleine Gruppen als
Vollmitglieder der IAA aufgenommen wurden, ohne dass diese zuvor die Gelegenheit gehabt
hätten, eine tatsächliche betriebliche Praxis zu entwickeln. Etliche dieser meist sehr
jungen Organisationen erwiesen sich denn auch als extrem instabil und besonders anfällig
für dogmatische Einstellungen. Vor dem Hintergrund des Umstandes, dass Entscheidungen
innerhalb der IAA durch Abstimmungen getroffen werden, bei denen jede Sektion unabhängig
von ihrer Größe über eine Stimme verfügt, wurde die Beschlussfassung in der Praxis
zunehmend mehr bestimmt von Gruppen, die der Vergangenheit und den Geschichtsbüchern näher
waren, als der Realität des Klassenkampfes.
Die FAU und der i2002
Die Zeit um die Jahrtausendwende waren geprägt von heftigen internen Anfeindungen unter
anderem gegen die USI, die ins das Kreuzfeuer u.a. der neuen russischen und tschechischen
Sektionen geriet, weil sie es fallweise wagte, sich an den "Rappresentanze Sindacali
Unitarie" (RSU) zu beteiligen.
Bereits unmittelbar nach dem Kongress von Madrid im Jahre 1996 hatten die Delegierten der
FAU davor gewarnt, dass dieser Kongress eine lange Phase der Spaltung und des
Sektierertums befeuern würde, anstelle Brücken zwischen den verschiedenen
revolutionär-syndikalistischen, anarcho-syndikalistischen und unionistischen
Gewerkschaften und Strömungen weltweit zu bauen. Die FAU versuchte sich in den Folgejahren
einer Tendenz in den Weg zu stellen, welche die IAA in einen reinen Debattierclub ohne
Kontakt zu den sozialen Kämpfen zu verwandeln drohte. Dazu gehörte auch, dass sie für sich
das in den IAA-Statuten verbriefte Recht in Anspruch nahm, Kongressbeschlüsse der IAA
nicht anzuerkennen, die auf weitere Spaltung statt auf den Bau von Brücken ausgerichtet waren.
Um der sich in der IAA ausbreitenden Paranoia etwas Positives entgegen zu setzen, hatte
die FAU für das Jahr 2002 zu einer "Internationalen Solidaritätskonferenz" (i2002) nach
Essen ins Ruhrgebiet eingeladen. Die Konferenz verstand sich als eine Nachfolgeprojekt zum
i99, der wenige Jahre zuvor in San Francisco stattgefunden hatte.
Das Konzept für den i2002 zielte bewusst darauf, keine formellen Einladungen an
Gewerkschaften oder andere Organisationen auszusprechen oder deren offizielle Vertreter
einzuladen. Stattdessen erging die Einladung an die Mitglieder und AktivistInnen aller
revolutionär-syndikalistischen, anarcho-syndikalistischen und unionistischen
Gewerkschaften, die Interesse an einigen Tagen des Austausches, des Kennenlernens und des
gemeinsamen Pläneschmiedens hatten. Für die kleine FAU war die erfolgreiche Konferenz
zugleich ein enormer Kraftakt, ein wichtiger Meilenstein in ihrer Entwicklung und eine
Bestätigung ihrer Annahme, dass es abseits der Zwietracht und des Misstrauens zwischen
Organisationen einen breiten Raum für unsere Ideen, unsere Praxis und für gemeinsame
Projekte gibt.
Nicht alle jedoch waren glücklich über die Konferenz und den Austausch, den sie ermöglicht
und angeschoben hatte. Ebenso wenig wie über das Beharren der FAU auf ihrem Recht zur
freien Wahl ihrer Mittel und Aktionsformen im Rahmen der Prinzipien des revolutionären
Syndikalismus. Das IAA-Sekretariat und eine Mehrheit der Sektionen hatte die Vorstellung
des Konferenzprojektes seitens der FAU auf einer Plenaria der IAA im Vorfeld des i2002,
bereits auf das Heftigste bekämpft und mit Beschimpfungen aller Art quittiert.
"Lex FAU" - Der Ermächtigungsbeschluss für das IAA-Sekretariat
Es war also kein Wunder, dass die Dogmatiker in der IAA inzwischen die FAU als ihren
Hauptfeind betrachteten. Auf dem IAA-Kongress in Granada im Jahre 2004 war es wieder
einmal der ehemalige IAA-Generalsekretär García Rua, der einen Antrag der spanischen CNT
auf ein in der Geschichte der IAA einmaliges "Lex FAU" einbrachte. Dem IAA-Sekretariat
wurde darin die exekutive Macht übertragen, "die FAU mit sofortiger Wirkung
auszuschließen, sobald es feststellt, dass die FAU weiterhin gegen die Prinzipien und
Beschlüsse der IAA verstößt". Fast schon unnötig zu betonen, dass auch dieser Antrag
wieder einmal nicht Bestandteil der zuvor veröffentlichten Tagesordnung des Kongresses und
damit des Mandates der Sektionen gewesen war. Was 1996 als üble manipulative Ausnahme
begonnen hatte, begann sich zunehmend zur Methode zu entwickeln.
Should we stay or should we go now?
Angesichts der Entwicklungen nach dem IAA-Kongress von 1996 begann in der FAU ein
langjährige Diskussion über den Sinn oder Unsinn eines Verbleibes in der sich selbst immer
mehr isolierenden Internationale. Mehrere Austritts-Anträge auf Kongressen der FAU
scheiterten zunächst, sei es der erste im Jahre 2001, einer weiterer im Jahre 2005 oder
der von 2014. Entweder überwog die Einstellung, dass die FAU nicht von selbst verlassen
würde. Oder es gab zwar eine deutliche Mehrheit für einen Austritt, bei der jedoch die
nötige Dreiviertelmehrheit für solche grundlegenden Entscheidungen in der FAU nicht
zustande kam, weil bei manchen Syndikaten noch die Hoffnung bestand, die IAA könnte ihren
selbstzerstörerischen Kurs ändern und sich wieder auf die Prinzipien ihrer Gründung
zurückbesinnen.
Das Ende der Tragödie
In den Jahren nach dem Kongress von Manchester (2006) hatte sich die Lage in der IAA
tatsächlich ein wenig beruhigt. Die französische Sektion hatte aufgehört, die FAU wegen
ihrer Beziehung zur CNT-F anzuprangern bzw. war schon wieder wegen ihrer nächsten Spaltung
mit sich selbst beschäftigt. Die Kritik daran, dass die FAU gelegentliche Kontakte zur SAC
pflegte, war leiser geworden. In Spanien hatte sich der Wind zu drehen begonnen und der
Teil der CNT, der seinen Schwerpunkt auf gewerkschaftliche Aktionen anstatt auf
ideologische Debatten legte, war dabei, den Einfluss der Dogmatiker in die Schranken zu
verweisen. Die spanische CNT und die USI hatten in der IAA Versuche unternommen, den
dominanten Einfluss der Kleinst-Sektionen dadurch einzuschränken, dass sie beantragten,
ein gewichtetes Stimmrecht und Mindestgrößen für Sektionen einzuführen. Beide waren damit
erwartungsgemäß gescheitert.
Der Wunsch aus der FAU danach, Kontakt mit der polnischen "ArbeiterInnen-Initiative" (IP)
- einer Ausgründung der dortigen anarchistischen Föderation - aufzubauen, sorgte jedoch
dafür, dass sich die Lage zuspitzte. Die IAA hatte nämlich zwischenzeitlich mit der ZSP
eine polnische Sektion aufgenommen, die u.a. auf Betreiben ehemaliger IP-Mitglieder
gegründet worden war. Dass die FAU sich mit ihrer vermeintlichen "Konkurrenz" traf,
empfand die ZSP als unsolidarisch, obwohl die FAU selbstverständlich in allererster Linie
die ZSP unterstützte und sich an gemeinsamen Aktionen beteiligte. Der FAU war der Kontakt
zur IP unter anderem deshalb wichtig, weil diese in der deutsch-polnischen Grenzregion in
Arbeitskämpfe mit multinationalen Konzerne involviert war und die FAU von ihrer Erfahrung
in der Organisierung von Großbetrieben lernen wollte. Die FAU berief sich darauf, dass sie
keine Erlaubnis für einen Kontakt benötige, da sie einen entsprechenden Beschluss der IAA
nicht anerkannt habe.
Nachdem im Jahre 2013 ein Mitglied der ZSP zur IAA-Sekretärin gewählt worden war und die
FAU ihre Kontakte mit der SAC, CNT-F und IP in einem internen Papier formalisiert hatte,
erklärte das neue IAA-Sekretariat im September 2014 die FAU kurzerhand für "suspendiert"
und begründete dies mit der "Lex FAU" aus dem Jahre 2004. Was im Klartext bedeutete, dass
die FAU aus jeder Kommunikation in der IAA ausgeschlossen und ihres Stimmrechtes beraubt
wurde, auch wenn sie noch bis zum Kongress von Warschau Anfang Dezember 2016 (wo ihr
Ausschluss neben dem der spanischen CNT und der USI beschlossen wurde) Mitgliedssektion
der IAA blieb. So hat letztlich dann doch ein IAA-Sekretariat eine exekutive Macht
ausgeübt, die es nie hätte haben dürfen, hätte die IAA nicht 2004 ihre föderalen
Prinzipien über Bord geworfen.
Dass die "Mehrheit" der IAA-Sektionen (die kaum 10% der Mitglieder repräsentierten), die
Suspendierung auf einem Sonderkongress 2014 in Porto bestätigte, war schließlich der
Tropfen, der auch für die spanischen CNT und die USI das Fass zum Überlaufen brachte. Auf
ihrem Kongress 2015 drückte die spanische CNT den Neustart-Knopf und lud alle IAA-Sektion
dazu ein, die Internationale auf eine neue Basis zu stellen und ein internationales
Projekt zu beginnen, in dem die Gründungsprinzipien der IAA wieder lebendig sein sollten.
Selbstverständlich war die Solidarität mit der FAU nicht der einzige Grund für den Bruch
der spanischen CNT mit einer IAA, so wie diese sich derzeit präsentiert. Sowohl die USI,
die CNT, als auch die FAU, mussten letztlich einsehen, dass die IAA in ihrer derzeitigen
Form nur noch sich selbst genügt, aber nicht mehr den Anspruch hat, zu einem Motor für
selbstverwaltete Klassenkämpfe auf Basis der Prinzipien des revolutionären Syndikalismus
zu werden. Diese Erkenntnis mag bitter sein, aber in den schwierigen Zeiten, in denen wir
leben und die noch vor uns liegen, macht es für uns keinen Sinn mehr, zu versuchen, aus
Nostalgie weiter ein totes Pferd zu reiten.
Ein neues Projekt in schwierigen Zeiten
Wenn die Zeichen der Zeit nicht trügen, stehen wir am Beginn einer Etappe eines
Populismus, der wie kaum zuvor in den letzten Jahrzehnten die Ausbeutung der ArbeiterInnen
und Ausgeschlossenen unter nationalistischen und rassistischen Vorzeichen vorantreiben und
die Menschen gegeneinander aufhetzen will. Gegen das Projekt einer Welt voll von neuen
Mauern an den Grenzen und in den Köpfen brauchen wir ein Projekt, das in der Lage ist,
alle Mauern einzureißen und an ihrer Stelle Verbindungen unter uns ArbeiterInnen zu
knüpfen, Solidarität und gegenseitige Hilfe zu organisieren. Wir haben keine Zeit mehr,
das Trennende zu kultivieren - wir wollen stattdessen das Verbindende unter uns im Kampf
um unsere Lebensbedingungen und für eine Welt ohne Ausbeutung und Herrschaft suchen.
Aus diesem Grund haben sich die spanische CNT, die USI und die FAU dazu entschieden, ein
neues internationales Projekt anzuschieben. Eine erste Konferenz mit Gewerkschaften und
gewerkschaftlich orientierten Gruppen aus elf Regionen und zwei Kontinenten hat im
November 2016 in Barakaldo im Norden der iberischen Halbinsel stattgefunden. Wir wünschen
uns, dass dies ein neuer Anfang für den kleinen aber kämpferischen Teil der
internationalen ArbeiterInnen-Bewegung sein wird, der heute mehr denn je darauf besteht,
dass weltweit die arbeitende und die ausbeutende Klasse nichts gemeinsam haben und dass
die Hoffnung auf Staat und politische Parteien nicht Teil der Lösung, sondern Teil des
Problems ist.
Das Internationale Sekretariat der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU)
Ergänzende Informationen zum Thema:
Rabioso: " La crisis de la AIT desde la perspectiva de la CNT. Auf Englisch erschienen als
"The CNT and the IWA, part 2: The crisis in the IWA as seen from the CNT".
Martin Veith: "Warum IAA - Zu den Entwicklungen in der Internationalen
Arbeiter-Assoziation seit 1996", Edition Syfo Nr. 2, November 2010, Syndikat-A Medienvertrieb
https://berlin.fau.org/news/fau-und-iaa-blick-zurueck-nach-vorn
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