(de) fau berlin: Kulturhauptstadt Wroclaw 2016 - Erst gefeiert, jetzt gefeuert!
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Mo Jan 2 09:49:06 CET 2017
Das polnische Wroclaw war die europäische Kulturhauptstadt 2016. Kaum gehen das Jahr und
die Kultursubventionen zu Ende, folgt nun auf das Feuerwerk der kulturelle Kahlschlag.
Alleine am Polski Theater der Stadt sollen jetzt 11 langjährige Beschäftigte gekündigt
werden. Schlimm genug, wäre da nicht zusätzlich auch noch der Umstand, dass es sich bei
ihnen allesamt um Mitglieder der syndikalistischen "ArbeiterInnen-Initiative" (IP) handelt
und dass sie zuvor gegen Kürzungen und die Arbeitsbedingungen im Theater mobil gemacht
hatten. Die IP ruft zu Protesten auf. ---- Präludium ---- Die 2008 gegründete
Betriebs-Kommission der "ArbeiterInnen-Initiative" (IP) im Polski Theater in Wroclaw hat
sich die letzten vier Monate mehrmals mit dem neuen Theater-Leiter Cezary Morawski
getroffen, um über Forderungen der ArbeitnehmerInnen zu sprechen, die am 1. September 2016
Jahres eingereicht wurden.
Es ging ihnen zum einen um die Erhöhung des sehr niedrigen Grundgehalts im polnischen
Theater, sowie das Erhalten der aktuellen Anzahl der MitarbeiterInnen (SchauspielerInnen,
technisches und administratives Personal) für die nächsten zwei Theater-Saisons. Diese
Hauptforderungen wurden vom Arbeitgeber abgelehnt. Der Theaterleiter behauptete, dass ein
Sanierungsplan erforderlich wäre, wobei diese Schuldenreduzierung des Theaters in
Wirklichkeit auf Kosten des Repertoires oder Personals gehen wird. Die letzte Anpassung
der Löhne im Theater liegt fast 8 Jahre zurück und heute sind sie deutlich niedriger als
der nationale Durchschnittslohn.
In den Forderungen ging es nicht nur um die soziale Sicherheit der MitarbeiterInnen und
darum, ihnen angemessene Bedingungen zu ermöglichen (Zahlung von Wohngeld aus dem
Sozialfonds, Organisation der Kinderbetreuung für Kinder der MitarbeiterInnen), sondern
auch darum, eine kulturelle Arbeitsfreiheit zu haben, um ggf. die Teilnahme an einem Stück
ablehnen zu können ("Gewissenklausel"). Es ging auch um die Ernennung einer
Vertrauensperson der/die gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen
Orientierung arbeiten soll.
Der Konflikt eskalierte, als die MitarbeiterInnen des Theaters die Entlassung des Leiters
forderten. Die beiden Seiten haben keine Einigung über irgendeinen der Punkte erreicht, so
dass die Betriebs-Kommission einen Streik angekündigt hat.
Im Sinne der "guten Veränderung"
Für die Betriebs-Kommission der IP im Polski-Theater gab es bis dahin keinen direkten
Anlass, um den Arbeitskampf zu beginnen. Die Situation änderte sich jedoch mit der Wahl
des neuen Theaterleiters. Laut MitarbeiterInnen des Theaters fehlte dem Auswahlverfahren
nicht nur Transparenz, sondern auch jegliche Legitimität. Da nicht nur die Kompetenz und
die Haltung der gewählten Person für diese Funktion zweifelhaft sind, bekam diese keine
Unterstützung und Akzeptanz von den MitarbeiterInnen.
Die Streikenden des Theaters haben keine Zweifel, dass es eine politische Entscheidung im
Sinne der sog. "guten Veränderung" war, eines politischen Konzepts der seit dem Oktober
2015 mit der parlamentarischen Mehrheit regierenden national-konservative Partei "Recht
und Gerechtigkeit" ("Prawo i Sprawiedliwosc", PiS). Diese "moralische Heilung des
öffentlichen Lebens der polnischen Gesellschaft" versucht PiS mittels u.a. der
Politisierung der TV und Kultur-Institutionen ("neues, aber treues" Personal) als auch
durch Zensur einzuführen. Unterstützung findet die PiS auch bei der katholischen Kirche
und deren Medien. Die PolitikerInnen nehmen nicht nur an verschiedenen Messen und Festen
teil, sondern treten auch tagtäglich in den Medien der Kirche auf. Dies alles dient dazu,
aus der polnischen Gesellschaft eine homogene, rechts-konservative und katholische Nation
zu machen.
# Wir überlassen euch die Kultur nicht (# nie oddamy wam kultury)
Anfang Oktober 2016 wurde in Warschau, u.a. von der IP ein Protest unter dem Motto "#Wir
überlassen euch die Kultur nicht" organisiert. Die GenossInnen der IP, darunter die
MitarbeiterInnen des Polski-Theaters, haben aktiv daran teilgenommen. Neben den
ArbeiterInnen der Kulturinstitutionen waren auch die bekanntesten und einflussreichesten
SchauspielerInnen der Bühne und des Kinos anwesend, wodurch auch die Aufmerksamkeit der
Medien erregt wurde. Der Protest richtete sich gegen PolitikerInnen und Beamte, die "sich
in allen Bereichen der Kultur einmischen sollen, um sie zu unterjochen und zum Nutzen ihre
eigenen politischen Linie zu formen". Daher das Motto des Protestes: "Stop Politisierung
der Kultur" und "Stop politische Zensur".
Der Protest zeigte, dass die Situation im Polski-Theater kein Einzelfall ist. Eine
ähnliche Situation fand auch in der Kulturhauptstadt Europas im Mai 2016 statt. Im Modern
Museum wurde der Arbeitsvertrag der damaligen Leiterin nicht verlängert, um dadurch neue
politische Nominierungen zu ermöglichen. Außerdem waren dadurch weitere Stellen in Gefahr
und die IP-Mitglieder haben aus Solidarität Proteste organisiert. Anhand eigener
Erfahrungen solidarisieren sie sich mit ihren IP-KollegInnen aus dem Polski-Theater und
unterstützen ihren Arbeitskampf im Kultur-Bereich: "Für viele von uns war im Laufe unserer
Karriere die Zusammenarbeit mit dem Leiter der politischen Herkunft eine unangenehme
Notwendigkeit. Oft waren diese Situationen mit der Verletzung der ArbeitnehmerInnenrechte
verbunden. Sie führen immer zu einem Riss im Theater-Team und dem Zusammenbruch der
Institution, mit deren Programm die MitarbeiterInnen sich nicht mehr identifizierten. Und
jetzt wird ein solches Szenario entworfen für das Polski-Theater - eine der wichtigsten
und aktivsten öffentlichen Bühnen in Polen - durch Verantwortliche für den Verlauf des
Auswahlverfahrens, der Vertreter der lokalen Behörden. Mit großer Sorge beobachten wir die
Aktionen der Lokal-PolitikerInnen, die für Organisation der Arbeit der Kulturinstitutionen
verantwortlich sind. Die Kulturhauptstadt Europas 2016 ist zu einem Symbol des
Missbrauchs, als auch zu einem des Entzuges der demokratischen Verfahren und des
unverantwortlichen, destruktiven Verhaltens der Behörden gegenüber den wertvollsten
Kulturinstitutionen geworden."
Repressionen gegen die IP-GewerkschaftlerInnen
Am 15. Dezember erhielt Tomasz Lulek, als Vertreter der Betriebs-Kommission der
"ArbeiterInnen-Initiative" (IP) im Polski Theater in Wroclaw, 11 Mitteilungen über "die
Absicht langfristige Arbeitsverträge mit den ArbeitnehmerInnen zu beenden". Alle sind
Mitglieder der IP-Betriebsgruppe (Komitee): Anna Ilczuk, Marta Zieba, Andrzej Klak, Michal
Opalinski (SchauspielerInnen); Lukasz Twardowski (Regisseur); Nina Karniej, Kasia
Majewska, Alicja Szumanska (die Literaturabteilung); Natalia Kabanow, Michal Matoszko,
Piotr Sarama (Grafik-Abteilung). In drei Fällen ist der offizielle Grund die Streichung
der Stellen. Die restlichen acht werden aus disziplinarischen Gründen entlassen. Die
Begründungen sind unter anderem: Kritik am Theaterleiter, verlorenes Vertrauen in die
ArbeitnehmerInnen, kritische Facebook-Beiträge, Teilnahme an Demonstrationen zur
Verteidigung des Theaters, zugeklebte Münder während des Schlußapplaus usw.
Die IP schreibt:
"Wir betrachten es als Angriff auf unsere Gewerkschaft und die Betriebs-Kommission, sowie
als Beeinträchtigung der Gewerkschaftsaktivitäten bei Kollektivverhandlungen mit dem
Arbeitgeber. Wir haben einen Streik angekündigt, und wir rufen dazu auf, unseren Protest
auf alle möglichen Weisen zu unterstützen, u.a. das Senden von Protest-E-Mails an den Chef
des Theaters und die niederschlesische Regional-Verwaltung, insbesondere an den
Vize-Marschall Tadeusz Samborski.
Wir appellieren an alle (Betriebs-)Kommissionen unserer Gewerkschaft sowie an
Schwester-Gewerkschaften und soziale Organisationen, Protestschreiben an die Leitung des
Theaters und an den Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien zu schicken. Eine Vorlage
des Briefes und Kontaktinformationen finden sich nachfolgend."
Die Betriebs-Kommission der Arbeiter-Initiative (IP) am Polski-Theater in Wroclaw
Musterbrief (Deutsch, Englisch, Polnisch)
An: Mr. Cezary Przybylski, Marshall der Woiwodschaft Niederschlesien (e-mail:
marszalek at dolnyslask.pl)
An: Mr. Cezary Morawski, Leiter des Polski-Theaters in Wroclaw (e-mail:
sekretariat at teatrpolski.wroc.pl)
Auf Deutsch
Ein Protest gegen Entlassungen im Polski-Theater in Wroclaw
Wir protestieren gegen die Entlassung der MitarbeiterInnen des Polski-Theaters in Wroclaw,
die Mitglieder und AktivistInnen der IP sind. Es handelt sich um eine Verletzung von
BürgerInnen-, ArbeitnehmerInnen- und Gewerkschaftsrechten, insbesondere angesichts der
laufenden Kollektivverhandlungen im Theater. Die Entscheidung über die Entlassung ist
durch die Rache an den ArbeitnehmerInnen motiviert, die gegen die Zerstörung des Theaters
in seiner gegenwärtigen Form protestierten. Wir stimmen dieser Entwicklung nicht zu und
fordern den Marschall der Woiwodschaft auf, in dieser Angelegenheit wirksame Aktivitäten
im Sinne der Beschäftigten zu entfalten.
Auf Englisch
A statement of protest against dismissals in the Polski Theatre in Wroclaw
We protest against dismissal of the employees Polski Theatre in Wroclaw, members and
activists of the Workers' Initiative Union. It is an act of violation of civic, workers'
and union rights, especially in the face of an ongoing collective bargaining in the
Theatre. Decission about firing is motivated with revenge on the workers who protested
against destruction of the Theatre in its current shape. We do not approve of that and
appeal to the Voivodship Marshal to undertake effective activities in that matter.
Auf Polnisch
List protestacyjny przeciw zwolnieniom w Teatrze Polskim we Wroclawiu
Protestujemy przeciwko zwalnianiu pracowników Teatru Polskiego we Wroclawiu, czlonków i
dzialaczy Ogólnopolskiego Zwiazku Zawodowego "Inicjatywa Pracownicza". Jest to pogwalcenie
praw obywatelskich, pracowniczych i zwiazkowych szczególnie w sytuacji sporu zbiorowego,
jaki toczy sie w Teatrze Polskim we Wroclawiu. Decyzja o zwolnieniach motywowana jest
zemsta za protest przeciwko niszczeniu teatru w jego obecnym ksztalcie. Nie zgadzamy sie
na to i apelujemy do Pana Marszalka o podjecie dzialan ratunkowych.
https://berlin.fau.org/news/kulturhauptstadt-wroclaw-2016-erst-gefeiert-jetzt-gefeuert
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