(de) FAU direkt eaktion: Ich meine damit Streik!

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Mo Feb 20 08:28:27 CET 2017


Fresenius Helios ist der Umsatzstärksten Klinikkonzern Deutschlands. Die Beschäftigten am 
Dachauer Standort leiden unter gnadenloser Arbeitsintensivierung und Outsourcing. 
Interview mit Matthias Gramlich von der Unabhängigen Betriebsgruppe. ---- In der Helios 
Amper-Klinik Dachau scheint nicht alles rund zu laufen. In der Lokalpresse werden 
mittlerweile regelmäßig Gruselgeschichten aus dem Alltag von PatientInnen und Personal 
veröffentlicht. Mit welchen Missständen seid ihr konfrontiert? ---- Auch die PatientInnen 
leiden unter den schlechten Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte ---- Es fehlt Personal an 
allen Ecken und Enden, vor allem im Bereich der Pflegekräfte, die die größte Berufsgruppe 
stellen, aber auch beim Reinigungspersonal und bei den MenüassistentInnen. Das bedeutet, 
dass aufgrund der Personalknappheit Dienstpläne nur mit Überstunden, beziehungsweise mehr 
eingeplanten Stunden möglich sind. Durch die hohe Arbeitsverdichtung fallen immer wieder 
KollegInnen krankheitsbedingt aus. Die Ausfälle sollen dann aus den Teams kompensiert 
werden. Das heißt weniger Freizeit und Aufbau von Überstunden, die niemals in Freizeit 
ausgeglichen werden können. Oder es werden Ausfälle einfach nicht kompensiert, was Arbeit 
in Unterbesetzung bedeutet. In Dachau werden pro Pflegekraft eh schon mehr PatientInnen 
betreut als im Bundesdurchschnitt.

Reinigungspersonal wird massiv von der Vorgesetzten unter Druck gesetzt. Es hagelt 
haufenweise Abmahnungen. Urlaub wird zugeteilt, ohne auf Wünsche einzugehen, oder erst mal 
gar nicht gewährt. Das sind jedenfalls die Vorwürfe, die an uns heran getragen werden. Da 
aber die meisten eingeschüchtert sind, werden die Fälle nicht weiterverfolgt und können 
letztlich nicht konkret geprüft werden. Das ist frustrierend, da hier ja anscheinend 
bewusst geltendes Recht missachtet wird. Auch die MenüassistentInnen, die für die 
Essensausgabe zuständig sind, müssen oft alleine statt zu zweit auf den Stationen mit bis 
zu 77 PatientInnen arbeiten. Man kann sagen, dass die Arbeit im Krankenhaus, auch den 
öffentlichen, mittlerweile einer Fabrik gleicht, in der Tätigkeiten in einem enormen Tempo 
abgespult werden. Die Berufsgruppen sind in verschiedene Gesellschaften und 
Untergesellschaften aufgesplittet. Vordergründig zum Lohndumping und Unterlaufen von 
Tarifverträgen. Der andere positive Nebeneffekt für die Gegenseite ist natürlich die 
fortschleichende Entsolidarisierung unter den KollegInnen.

Die Dachauer Klinik wurde 2005 privatisiert. 2014 wurde sie vom Helios-Konzern übernommen. 
Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Missständen und der Privatisierung?

Viele der Missstände bestanden bereits vor der Helios Übernahme. Allerdings gehörten die 
Amper Kliniken zuvor zu deren Konkurrenten Rhön Klinikum AG, welche auch auf reiner 
Gewinnmaximierung basierte. Wir haben seit Jahren Personalmangel und hohe Arbeitsbelastung 
kritisiert. Aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass man die Bedingungen derart weiter 
verschlechtern kann. Seit der Übernahme durch Fresenius-Helios hat der Druck massiv 
zugenommen. Alle Führungspersonen wurden durch junge vom Konzern geschulte Führungskräfte 
ersetzt. Man hat oft den Eindruck als würden Vorgesetzte die KollegInnen nicht als 
Menschen betrachten. Es ist hart, wenn man mitbekommt, wie respektlos mit KollegInnen, 
Mitte 50 und schon körperlich deutlich gezeichnet von den Jahren in diesem körperlich 
belastenden Beruf, umgegangen wird.
Nach und nach wurden bereits vorher existente Untergesellschaften in ein undurchsichtiges 
Geflecht aus Helios eigenen Untergesellschaften eingegliedert. Die Reinigung ging im 
September 2014 an Helios Reinigung Region Bayern GbmH, im Juli 2016 wurde die komplette 
Küche geschlossen. Das Essen wird jetzt gefroren geliefert. Die KollegInnen wurden 
outgesourct. Jetzt sind sie noch spürbarer Leute "zweiter Klasse". Andere Tätigkeiten 
werden verschoben und anderen Berufsgruppen zusätzlich aufgebürdet. Die Pforte ist nun 
über Nacht geschlossen, die PförtnerInnen sitzen in der Nacht in der Notaufnahme und 
nehmen PatientInnen auf. Eine Tätigkeit, für die sie nicht ausgebildet sind. Helios hat 
mit 15% eine deutlich höhere Umsatzerwartung als Rhön oder der andere verbliebene 
Konkurrent Asklepios (12%). Es wird an allem gespart, was man sich vorstellen kann: 
Arbeitsmaterial, Abläufe und natürlich am Personal. Ob es ethisch vertretbar ist die 
Gesundheitsversorgung aus der öffentlichen Hand in die von Konzernen zu geben ist doch 
rhetorisch und vollkommen irrelevant. Dieser Zug ist schon lange abgefahren. Die Dinge 
sind, wie sie sind. Wir haben also keine andere Wahl als zu kämpfen.

Was muss passieren, damit Patienten ordentlich versorgt werden können? Wie kann die 
gesundheitsgefährdende Belastung für die ArbeiterInnen beseitigt werden?

Das ist schnell beantwortet. Bei personellen Engpässen sofort Betten sperren, das heißt 
auf Neuaufnahmen verzichten bis sich die Situation beruhigt hat. Das ist in den 
öffentlichen Kliniken hier im Umkreis Gang und Gäbe. Das ständige Arbeiten über dem Limit 
des Machbaren birgt die Gefahr, dass Fehler passieren. Die Obersten von der 
Konzernzentrale in Berlin betonen immer wieder, dass mehr Pflegepersonal nicht bessere 
Pflege bedeuten würde. Wo liegt denn da die Logik? Ich glaube, man möchte sich dieser 
Diskussion bei Helios gar nicht stellen, weil es eh nicht in Frage kommt. Aber es liegt 
doch auf der Hand: Mehr Pflegekräfte können PatientInnen mehr versorgen, also auch besser. 
Mehr Reinigungspersonal kann effektiver und gründlicher putzen. Mangelnde Hygiene war ja 
auch ein Vorwurf.

Es liegt eben nicht an der Arbeitsorganisation oder der oft erwähnten "Motivation". Es 
müssen Mindestbesetzungen erstritten werden, sonst hört das nie auf. Oder anders: Wenn wir 
nicht selbst dafür sorgen, dass die Entwicklung gestoppt wird, werden wir immer mehr 
gekürzt und uns noch mehr Tätigkeiten aufgebrummt.

Am 25.Oktober 2016 habt ihr zur Podiumsdiskussion über die Arbeitsbedingungen eingeladen. 
Der Saal war so überfüllt, dass einige Interessierte gar nicht mehr zur Tür herein kamen. 
Welche Erkenntnisse hat der Abend gebracht?

Wir haben damit gerechnet, dass viele komme würden. Dass so viele daran teilnehmen hat 
unsere Erwartungen übertroffen. Die Podiumsdiskussion war lange vor den Presseberichten 
geplant. Als dann breit berichtet wurde, kamen immer nur offizielle Stellen zu Wort, also 
Betriebsrat, Klinikgeschäftsführung. Wir aber wollten allen Beschäftigten die Möglichkeit 
bieten selbst die alltägliche Situation zu schildern. Und das wurde angenommen. Es war 
mehr los als auf Betriebsvollversammlungen.

Man darf sich aber nicht allzu viel Konsequenz erwarten. Im Oktober wurden im Zuge der 
Presseberichte schnell Stationshilfen über einen externen Dienstleister eingestellt, die 
die uns zusätzlich aufgedrückten Tätigkeiten übernahmen. Mittlerweile sind sie fest bei 
der Tochterfirma Helios Reinigung Region Bayern GmbH eingestellt, wo, wie bereits erwähnt, 
massive Einschüchterung vorherrscht. Ansonsten wird jegliche Kritik ausgesessen. Die 
Presseberichte ebben ab, die Verhältnisse sind die selben. Mit schlechter Presse kann man 
bei Helios scheinbar gut leben. Irgendwann kehrt wieder Ruhe ein und man kann seinen 
Stiefel so weiterfahren. Der finanzielle Erfolg gibt Helios aus ihrer Sicht Recht. Klar 
ist, dass man die Auseinandersetzung auf einer weiteren Ebene führen muss. Man kann den 
Klinikkonzern nur treffen, wenn man ihm finanzielle Einbußen beschert. Ich meine damit Streik!

Ihr bezeichnet euch als "Unabhängige Betriebsgruppe". Was bedeutetet das und wie habt ihr 
euch zusammengefunden?

Wir waren ursprünglich 2006 eine Ver.di Betriebsgruppe. Allerdings wurde das gegenseitige 
Verhältnis schon nach dem ersten Flugblatt zur Tarifverhandlung nachhaltig zerrüttet. Man 
kann sagen, dass Ver.di uns fallengelassen hat. Sie wollten nur ein paar Trottel, die ihre 
vorgedruckten Flugblätter verteilen. Das war eine äußert bittere Erfahrung. Wir haben 
weitergemacht und uns seitdem als "organisationsunabhängig" bezeichnet.

Seit 2009 erscheint die Betriebszeitung Antigen, in der einerseits die aktuelle Stimmung 
versucht wird aufzugreifen, andererseits kleine und größere Sauereien aufgedeckt werden. 
Die Betriebsgruppe ist eher ein Netzwerk. Wir können behaupten, dass es in fast allen 
Abteilungen und Bereichen KollegInnen gibt, die Informationen weitergeben.

Wozu die Betriebsgruppe? Reicht euch der Betriebsrat nicht?

Im deutschen Arbeitsrecht ist alles auf den Betriebsrat reduziert. Und streiken darf man 
auch nur, wenn es die Gewerkschaft erlaubt. Einzelne MitarbeiterInnen haben wenig bis kein 
individuelles Recht. Wenn alles über eine Instanz geregelt werden soll, kann sich kein 
kollektiver Prozess entwickeln. Man bekommt Selbstbewusstsein, indem man selbst was 
probiert, was macht. Wir hatten am Klinikum Dachau bisher nur zwei Warnstreiks 2009 und 
2014. So eine Erfahrung schweißt zusammen. Zwischen Beschäftigten und Unternehmen gibt es 
verschiedene Interessen. Der Betriebsrat ist zur "vertrauensvollen Zusammenarbeit" 
rechtlich gezwungen. Die Gewerkschaft macht es freiwillig.

Wir wollen, dass wir Beschäftigten selbst für unsere Belange eintreten. Und es hat in der 
Vergangenheit punktuell schon öfter geklappt. Es wurden Dinge verhindert oder rückgängig 
gemacht. Und dabei waren wir nicht immer die, die es initiiert haben. Die KollegInnen 
einer Station haben Vorarbeit geleistet, sich eine Strategie überlegt und kamen dann zu 
uns und haben gesagt: "Ihr macht jetzt aber schon mit!" Genau so etwas wollen wir fördern.

Im April 2016 wurde durch Ver.di in der Charité-Klinik in Berlin ein Tarifvertrag 
erkämpft, in dem Mindestbesetzungen auf den Stationen festgeschrieben wurden. Wie wurde 
das bei euch unter den KollegInnen diskutiert?

Das Thema haben wir sehr genau verfolgt. Die KollegInnen an der Charité haben einen ersten 
Schritt gemacht. Sie mussten das erst bei Ver.di durchsetzen. Sie haben sich ein 
Unterstützungsumfeld in der Bevölkerung geschaffen, was auch sehr wichtig war. Und sie 
haben die Auseinandersetzung sehr basisdemokratisch geführt. Es gab in jeder Abteilung 
Tarifdelegierte oder Teamdelegierte, die den genauen Bedarf an Personal an die 
Tarifkommission vor der jeweiligen Verhandlung weitergegeben haben. Das heißt, die 
Situation wurde vor Ort unter den KollegInnen diskutiert. Das ist schon ein Novum. Wenn 
auch das Ergebnis nicht für alle zufriedenstellend war, haben die Leute an der Charité 
neue Maßstäbe gesetzt. Nachdem man jahrelang vergeblich eine Mindestbesetzung in 
Krankenhäusern per Gesetz eingefordert hat, ist man endlich zum Kern gewerkschaftlicher 
Aktivität übergegangenen. Das ist gut, hat aber zu lange gedauert.

Bei uns in Dachau hätte das schon längst passieren müssen. Die Voraussetzungen in einem 
Klinikkonzern sind andere als in einem öffentlichen Krankenhaus. Bei uns wird es härter. 
Wir sollten uns auf eine längere Auseinandersetzung einstellen. Fest steht, dass wir jetzt 
die Chance haben was zu ändern. Dabei müssen alle an einem Strang ziehen. Die Situation in 
den Kliniken hat sich bundesweit derart zugespitzt, dass wir mit einer hohen Bereitschaft 
rechnen Dinge durchzusetzen. So wie es ist, kann es nicht bleiben.

Was sind eure Ziele für die nächste Zeit?

Streik!

https://www.direkteaktion.org/2017-2/ich-meine-damit-streik


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