(de) fda-ifa: Der Tyrannenmord ist ein sehr alter Vorschlag, gutgeheissen von etlichen respektablen Philosophen

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Mi Feb 8 13:46:22 CET 2017


Der Tyrannenmord ist ein sehr alter Vorschlag, gutgeheissen von etlichen respektablen 
Philosophen. Dass Erdogan ein Tyrann ist, steht wohl ausser Frage. Er hat einen Führerkult 
um sich aufgebaut, versucht alle Fäden in seinen Händen zusammenkommen zu lassen und 
unterdrückt jegliche politische Kraft, die ihm nicht passt. ---- Dass viele den Tod dieses 
Tyrannen wünschen, steht ausser Frage. Wieviele Augen würden aufleuchten, bei der 
Nachricht seines Todes? Und man muss zugeben, dass uns Anarchisten die Idee des 
Tyrannenmords nur symphatisch sein kann. Sollten wir aber als Anarchisten all unsere 
Anstrengung darin setzen, einen Tyrannen zu töten? Einen Diktator, der nicht ganz so 
auswechselbar ist wie es vielfach die demokratischen Präsidenten sind... ---- Es gab 
einige Anarchisten, die versucht haben, einen der grossen europäischen Diktatoren des 20. 
Jahrhunderts zu töten. Auf Mussolini, Hitler, Franco und Lenin gab es erfolglose 
Attentatspläne von Anarchisten. Wer weiss was geschehen wäre, wären die Pläne von Erfolg 
gekrönt gewesen...?

Doch der Tyrannenmord ist keineswegs eine Spezialität der Anarchisten, nichts wäre 
falscher als das. Zum klassischen Tyrannenmord griffen schon etliche verschiedene Parteien 
der Geschichte, zumeist um einem anderen Regime den Weg zu bereiten. Viele Republikaner 
waren Anhänger des Tyrannenmords, und dies ist auch logisch konsequent, wollen sie doch, 
dass der Staat von gewählten Repräsentanten geführt werde.

Ein heroisches Beispiel sind etwa die Russischen "Nihilisten" (Narodniki), die über Jahre 
hinweg versuchten, den russischen Zaren zu töten. Ihre Ideen waren grossteils 
demokratisch-republikanisch, und sie hofften, mit dem Tod des Zaren einer Volksregierung 
den Weg zu bereiten oder zumindest den Zarenmythos zu zerstören. Sie waren, das muss 
gesagt werden, keine Anarchisten. Als die Ermordung des Zaren, nach etlichen, opferreichen 
Versuchen, schliesslich erfolgreich war, ginge eine Welle der Freude durch die Welt. Doch 
die erwartete Revolution liess auf sich warten. Die Bauern verstanden es nicht, ja, 
betrachteten den Zaren vielfach sogar als ihren Freund...

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen überlegten sich die russischen Anarchisten ihre 
Konzepte. Sie sagten, dass der "politische Terror" (wie z.B. die Ermordung des Zaren) vor 
allem für die Bourgeoisie interessant sei, während die grosse Masse skeptisch abseits 
steht, ohne dass sich ihre Lage gross verändert. Sie propagierten demgegenüber den 
"ökonomischen und sozialen Terror", das heisst: den Angriff auf die aufkommende 
Bourgeoisie wie den Adel insgesamt. Sabotage und Zerstörung in den Fabriken, Angriffe auf 
die Infrastruktur, etc. Dort wo es den Reichen ökonomisch wehtut. Und sozial hiess: 
Angriff auf Leib und Leben der sozialen Tyrannen, die Unternehmer, Kapitalisten, 
Grossgrundbesitzer, Kirche, Polizei etc. Diese Entscheidung, das politische Feld zu 
verlassen, und ins ökonomische und soziale Gebiet vorzustossen, schien den Anarchisten nur 
logisch. Ist es doch das soziale und ökonomische Gebiet, indem der Staat seine Wurzeln 
schlägt, und nur wenn man diesen dort entwurzelt, die Wurzeln abhackt, fällt der ganze 
baum und nicht nur die Krone...

In der russischen Revolution von 1905 wurde dieses Konzept des "sozialen und ökonomischen 
Terrors"[nur um's zu sagen: das Wort Terror wäre nicht meine Wahl]von einer grossen und 
lebendigen anarchistischen Bewegung (die übrigens nur im Geheimen agieren konnte) breit 
angewandt, und verbreitete sich unter den Bauern und Arbeitern rasant. Das Konzept hatte 
das Potential, dem Staat jeglichen Grund und Boden zu entziehen, der nun von der (nun 
nicht mehr) armen Bauern- und Arbeiterbevölkerung frei benutzt werden konnte. Die 
russische Revolution von 1905 wurde bald niedergeschlagen, aber man wird den Einfluss der 
aufständischen Experimente der Anarchisten 12 Jahre später nicht verleugnen können, als 
die Revolution nun nicht mehr vom alten Staat gemeuchelt wurde, sondern von den 
Bolschewisten...

Ich wurde gefragt, einen Kommentar zu den Möglichkeiten für Anarchisten in der 
gegenwärtigen Situation in der Türkei zu schreiben. Diese Situation ist mir nur vom 
Hörensagen bekannt, weshalb ich hier auch lieber historische Beispiele vorbringe, die mir 
in den Sinn kamen, als ich mit Gefährten über gewisse Gedankengänge sprach. Die Gefährten 
erzählten mir von der allgemeinen Perspektivenlosigkeit angesichts des neulichen Putsches 
von Erdogan, und das viele Gefährten glaubten, nichts mehr tun zu können, als auf das 
kleinere Übel zu hoffen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Anarchisten nur eine 
kleine Minderheit stellen. Hier kam die Sprache auf die Frage des Tyrannenmords, die, wenn 
man denkt, das wirklich soviel an dieser Einzelnen Person liegt, doch eigentlich 
naheliegend sein sollte. Ob nun an Erdogan so viel liegt oder nicht, darüber wage ich 
nicht zu entscheiden.

Was mir aber am Herzen liegt, ist darauf hinzuweisen, dass der politische Wechsel allein 
für Anarchisten nicht zufriedenstellend sein kann. Als Feinde jeglicher Herrschaft sollte 
es uns vielmehr daran gelegen sein, wie wir mit unserer Aktivität den revolutionären 
Prozess anstossen, beschleunigen und vertiefen können. Wie wir jeglicher Herrschaft die 
Wurzeln abhacken können. Das bedeutet vor allem, auch in den schlimmsten Episoden noch zu 
versuchen die eigenen Ideen hochzuhalten. Auch in den Situationen, in denen uns alle 
vorwerfen nicht für das kleinere Übel zu sein. Als Anarchisten kann unsere Perspektive 
nicht die Politik sein. Wir können uns auf die Seite keiner Bourgeoisie stellen, sei sie 
auch links, kurdisch oder fortschrittlich. Wir haben keine Macht zu erhalten.

Der anarchistische Kampf kann nur sozial sein. Die Entfaltung einer breiten Agitation, die 
Propagierung und Verbreitung von reproduzierbaren Sabotageakten und Angriffen kann, so 
denke ich, auch unter dem repressivsten Regime seine Effekte kreieren. Der Versuch, lokale 
Kämpfe anzustossen, die sich nicht um politische Fragen drehen, sondern um soziale Fragen, 
scheint mir überall wertvoll zu sein - und in der Türkei, soweit ich von der Situation 
höre, auch einiges an Potential zu haben. Zumindest ist es das, was ich in meinem Kontext 
umzusetzen versuche. Was davon in eurem eigenen Kontext vonnutzen ist, zu was ihr euch 
entscheidet oder nicht, wichtig scheint mir immer das Zusammenspiel von Worten und Taten, 
das Experimentieren mit den verschiedensten Ansätzen, der Mut dazu und vorallem: den 
Horizont nicht zu verkleinern, sondern immer offen zu halten für den Sprung ins 
Unbekannte, die soziale Revolution.

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