(de) ag-freiburg: Schrottplatz oder Ehrenplatz? - Zur Verlegung des Siegesdenkmals an das Ende der Kaiser-Joseph-Straße

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Fr Dez 8 06:53:49 CET 2017


Nach der Gestaltung des Platzes der alten Synagoge ist nun die Neuplatzierung und 
-gestaltung des Siegesdenkmals das erinnerungspolitische heiße Eisen, an dem sich die 
Stadt einmal wieder gehörig die Finger verbrennt. Schon seit seine Umsiedlung im Zuge der 
Neugestaltung der Kreuzung am Ende der KaJo 2016 geplant wurde gibt es zahlreiche Ideen, 
wie mit dem geschichtsträchtigen Ungetüm aus Granit und Metall verfahren werden könnte. Ob 
es nun in einem Park oder Museum stehen solle, oder zu einem Mittelfinger umgestaltet 
werden könnte - eines war klar: Die Stadt wollte sich ungern von kritischen Stimmen 
hineinreden lassen, nicht einmal von der städtischen Kunstkommission. Für einen 
entschieden unentschiedenen und eher rustikalen Umgang mit Erinnerungskultur und 
Geschichtspolitik ist Freiburg schließlich auch bekannt.
Am 2.10.2017 gab Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach der Wochenzeitung Der Sonntag 
ein Interview in dem er Freiburgs Erinnerungskultur verteidigte. Der studierte Jurist sah 
keinen Grund für Kritik und erklärte, dass beim Prozess der Umgestaltung des Platzes der 
alten Synagoge Stadt und die Architekten ständig von den Ereignissen überrumpelt worden 
seien - von dem "überraschenden" Fund der Synagogenfundamente im November 2016, über die 
verfrühte Eröffnung des Platzes im August und die Zweckentfremdung des Brunnens, bis zur 
Unlesbarkeit der Gedenkplatte unter Wasser. (Wir berichten in der Ausgabe vom Oktober 2017)
Unerwartetes Überholmaneuver der Kausalitäten
"Plötzlich haben sich die Kausalitäten überholt" erklärt Kirchbach. Ähnlich gestaltet sich 
Wiederaufrichtung des sogenannten Siegesdenkmals, eines Monuments, das wohlgemerkt den 
Sieg über unsere französischen Nachbarn im deutsch-französischen Krieg feiern soll. Dieser 
Plan wurde in den vergangenen zwei Jahren intensiv diskutiert und kritisiert - während die 
Stadt Fakten schuf. Die städtische Kunstkommission schrieb einen Wettbewerb aus, dessen 
Vorschläge nicht berücksichtigt wurden, der Abgeordnete Sergio Schmidt von der 
JPG-Fraktion setzte sich in einer Rede im Gemeinderat kritisch mit dem nationalistischen 
Charakter des Denkmals auseinander und wurde daraufhin von OB Salomon verspottet,  das 
Friedensforum nahm in einem Bericht von Radio Dreyeckland Stellung - Kirchbach scheint 
dabei immer noch ratlos darüber, wie man an diesem Ort mit der Geschichte umgehen könnte: 
"Wie soll man einen erläuternden Text formulieren, wenn grundlegenden Entscheidungen - 
beispielsweise zur Ausrichtung des Denkmals - noch gar nicht gefallen sind?"
Lästige Geschichte
Kirchbach gibt den Technokraten: Geschichtspolitik, so scheint es, ist für ihn nichts, was 
von Beginn an die Planung solcher Projekte maßgeblich beeinflusst, sondern ein lästiges 
Kästchen, in das man eben auf der To-Do-Liste der technischen Durchführung früher oder 
später sein Häkchen setzen muss. So wurde auch der Sockel des Denkmals wurde bereits 
betoniert, weil die Baustellensituation vor Ort wohl gerade günstig war. Die Ausrichtung 
der Victoriastatue in Richtung KaJo ist inzwischen auch beschlossen. Kein Wort verliert 
Kirchbach darüber, das Denkmal als Anlass zur Reflektion über die Grausamkeit und 
Sinnlosigkeit des Kriegs zu nutzen, um den Militarismus und die Kriegsverherrlichung der 
Gründerzeit kritisch zu betrachten und auf die Gefahren eines übersteigerten 
Nationalstolzes hinzuweisen, der im Fall des deutsch-französischen Krieges 1870-71, und 
bekannterweise auch schon zu anderen Zeiten, eliminatorische Züge annahm und zu 
unermesslichem Leid und sinnlosem Sterben führte. Doch ein solches Denkmal muss kritisch 
kommentiert werden und sollte als Bildungsort dienen - dafür und für nichts anderes sollte 
überhaupt in seine Erhaltung investiert werden.
Unzeitgemäße Ehrerbietung
Dass das Denkmal von seinem ehemaligen unscheinbaren Standort zwischen dem Bäumen hinter 
der Bushaltestelle am Friedrichring nun auf einen der prominentesten Plätze Freiburgs, am 
Ende der KaJo, der Hauptachse der Innenstadt, gestellt wird, stellt eine unzeitgemäße 
Ehrerbietung gegenüber diesem militaristischen, nationalistischen und anti-französischen 
Koloss dar, die in Freiburg genauso fehl am Platz ist wie anderswo auf der Welt. Und 
gerade da, wo man sich weltoffen und humanistisch gibt, sollte man auch Bereitschaft 
zeigen aus der Geschichte zu lernen und dieses Wissen weiterzugeben, anstatt uninspiriert 
und immun gegen jede Kritik eine Stadtplanung neowilhelminischen Stils durchzusetzen, wie 
es in Freiburg gerade passiert. Historismus statt Geschichtsbewusstsein scheint die Devise 
zu sein. Reichlich Platz zum Exerzieren gibt es auch.
Historismus statt Geschichtsbewusstsein
Auch wenn es immer wieder gelungene Beispiele für den Umgang mit historischen Denkmälern 
und Gebäuden gibt, hat es den Anschein, dass derzeit eine konservative Bewegung in der 
Geschichtspolitik im Kommen ist, die für die historisch getreue Restauration und 
Wiederherstellung gerade geschichtlich problematischer Bauwerke einsteht. Da wären als 
Beispiel zu nennen: die Initiative zum Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam, David 
Chipperfields Pläne zur Renovierung des Hauses der Kunst, einem Nazi-Bau, in München, "die 
im Wesentlichen darauf hinauslaufen, den Monumentalbau wieder in den Originalzustand 
zurückzuführen", der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, den die taz-Autorin Esther 
Slevogt treffend mit "Neurose aus Beton" betitelt. Gerne würde man diese Bestrebungen als 
nostalgische Spinnereien abtun. Doch die Tatsache, dass der Bund diese Projekte mit 
Geldern in dreistelliger Millionenhöhe bezuschusst, beweist, dass diese Projekte offenbar 
eine große Bedeutung für die offizielle Geschichtsdarstellung dieses Landes haben. Hier in 
Freiburg mögen die gern belächelten Nostalgie-Ultras von Freiburg Lebenswert diejenigen 
sein, die den Wunsch aussprechen, das Denkmal exakt wie 1876 "mit Zaun und Grün drum 
herum" wieder aufzustellen - de facto kommt die jetzige Lösung dieser Version bedenklich nah.
Nationalismus etwas entgegensetzen
Eine solche Haltung ist gefährlich, nicht nur in der Stadtplanung - die Ignoranz gegenüber 
der Geschichte, die undemokratische Durchführung der Projekte, den Umgang mit kritischen 
Stimmen - und will so gar nicht zum Image der liberalen Schwarzwaldmetropole passen. 
Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks und besonders vor dem Hintergrund, 
dass die AfD nun mit 94 Sitzen im Bundestag vertreten ist, sollte man allen Zeichen eines 
Nationalismus mit entschiedener Kritik begegnen, auch wenn sie aus längst vergangenen 
Zeiten stammen. Nur so kann man vermeiden, dass sich diese Zeiten wiederholen.
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Aktuell läuft eine Petition, die die Umbenennung des Platzes am Siegesdenkmal in 
Friedensplatz fordert.
Im Radio Dreyeckland Bericht zu dieser Initiative gibt es auch ein Statement, das dies 
scharf kritisiert. Zugleich wird als alternativer Namen vorgeschlagen: Platz der deutschen 
Mörder

https://www.rechtaufstadt-freiburg.de/2017/11/schrottplatz-oder-ehrenplatz-zur-verlegung-des-siegesdenkmals-an-das-ende-der-kaiser-joseph-strasse/


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