(de) direkte aktion: EIN STREIK, DER AMAZON WEH TUT?

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So Dez 3 06:16:12 CET 2017


Während die Gewerkschaften und linksradikale Gruppen am Wochenende einen neuerlichen 
Anlauf im Tarifkonflikt unternahmen, stieg Amazon Chef Jeff Bezos zum reichsten Menschen 
der Welt auf. Die Wirksamkeit der Aktionen anlässlich des Konsum-Events "Black Friday" 
bleibt dabei fraglich. ---- Betrieb & Gesellschaft Von: Erna Rauch - 28. November 2017 
---- Schon vor Monaten hatten diverse Akteur*innen begonnen die Kampagne #MakeAmazonPay 
ins Leben zu rufen. Daran beteiligt waren internationale Zusammenhänge wie die 
Transnational Socialstrike Plattform, in der sich seit Jahren auch Beschäftigte von Amazon 
u.a. aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Polen begegnen. Auch viele Gruppen 
des libertär-kommunistischen Bündnisses "ums Ganze!" waren stark wahrnehmbar. 
Entscheidende Impulse kamen sicher ebenfalls von dem gruppenübergreifenden 
Streik-Soli-Bündnis aus Leipzig, das seit Jahren zum Thema arbeitet.

Ein großer und wichtiger Erfolg, den die Kampagne schon vor den eigentlichen Aktionstagen 
hatte, war die theoretische Arbeit zu Themen wie Digitalisierung, Bevölkerungskontrolle, 
Prekarisierung, Streikbewegung und Flexibilisierung. Diese theoretischen Ansätze wurden 
einerseits in den Publikationen der Kampagne verbreitet, andererseits auf vielen 
Infoveranstaltungen in verschiedensten Städten diskutiert. Die Kampagne zollte somit 
Diskussionen und Artikeln Respekt, die in verschiedenen linken Medien seit Jahren eine 
stärkere Rückbesinnung der radikalen Linken auf soziale und gewerkschaftliche Bewegungen 
fordern. Die Veranstaltungen schafften es darüber hinaus, Inhalte zu vermitteln, die einer 
sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaft wie ver.di fern liegen, und ein Publikum zu 
gewinnen, das schon bestehende Gewerkschaftsalternaitven wie IWW und FAU im Regelfall 
nicht erreichen.

Daneben gab es im Vorfeld verschiedene kleinere und größere Aktionen von Soliphotos mit 
Transparenten bis zu einem Anschlag auf Amazon-Fahrzeuge in Berlin[1]Aktivist*innen des 
Erwerbslosennetzwerks BASTA! waren am Mittwoch und Donnerstag vor dem Prime-Center am 
Berliner Kurfürstendamm aktiv, verteilten Flyer und kleine Geschenkpäckchen an die 
Arbeiter*innen und versuchten über Organisationmöglichkeiten ins Gespräch zu kommen.

Ein weiterer Erfolg der Kampagne stellte sich ein: Verschiedenste Medien berichteten 
ausführlich über die aktuellen Arbeitsbedingungen bei Amazon und den abhängigen 
Subunternehmen und Kurierdiensten.[2]Damit kamen nun vermehrt Beschäftigte selbst zu Wort, 
lernten sich als einzelne Lohnabhängige als kämpfende Subjekte zu begreifen und zu 
artikulieren. Die Kampagne hat die Diskussion um den Streik damit erfolgreich 
radikalisiert und als positiven Moment immer wieder auch Bezug auf basisgewerkschaftliche 
Projekte wie die DeliverUnion genommen, die gerade Sammelbecken für ähnlich prekarisierte 
Fahrradkurier*innen ist. Diese Bezugnahme macht auch einen weiteren wichtigen Schritt, um 
die Solidarität zwischen den Belegschaften verschiedener Konzerne zu erhöhen.

STREIKS UND BLOCKADEN

Gestreikt wurde in Deutschland in den sechs großen Standorten des Konzerns. Dem Aufruf 
folgten nach Angaben von ver.di ca. 2300 Werktätige. Daneben gingen 500 Kolleg*innen in 
Italien erstmalig in den Streik und auch aus Poznan (Polen), wo die Belegschaft zumeist 
bei der mit der FAU befreundeten anarochosyndikalistischen Gewerkschaft Inicjatywa 
Pracownicza (IP) organisiert ist, beteiligten sich Arbeiter*innen an den Aktionen.

Letztlich lag der Anteil der Streikenden bei ca. 10 %. Außerdem konnte sich Amazon auf das 
Streikgeschehen einrichten, Spitzen auf andere Schichten und nahe Standorte verlagern. 
Hier wäre eine neue Qualitäten des Arbeitskampfes notwendig, um die Wirksamkeit der 
Streiks zu erhöhen. Als einen Versuch diese neuen Aspekte direkter Aktion hinzuzufügen, 
können die Blockadeaktionen in Leipzig und Berlin gewertet werden.

In Leipzig waren auch FAU-Syndikate deutlich präsent

In Berlin versuchten am Black Friday ca. 150 Aktivist*innen mehrere Blockaden um Amazons 
Innenstadt-Verteilzentrum am Kurfürstendamm. Die Polizei blockierte selbst ganz effektiv 
durch ihren Großeinsatz die Innenstadt. Eine Zugangsroute konnte jedoch nicht vollständig 
geschlossen werden. Fahrzeuge kamen hier weiterhin durch. Kein Wunder bei 600 eingesetzten 
Polizist*innen. Bei Versuchen, diese Route zu schließen, kam es zu Rangeleien mit der 
Polizei. Eine Person wurde festgenommen.

Auch in Leipzig wurde versucht, die Hauptwerkszufahrt mit ca. 150-250 angereisten 
Unterstützer*innen zu blockieren. Hier waren auch sichtlich viele Mitglieder 
syndikalistischer Gewerkschaften/Gruppen wie ASJ, IWW, FAU und ebenso das "ums 
Ganze!"-Bündnis zahlreich auf der Straße. Die Polizei reagierte auch hier mit 
Handgreiflichkeiten. Trotz anwesender Kleinkinder wurden Pfefferlöscher bereit gemacht und 
mit Räumung gedroht, in mindestens einem Fall griff ein Polizist sogar an die Schusswaffe 
(siehe Foto der FAU Dresden). Eine effektive Blockade gelang auch hier nicht, Amazon wurde 
lediglich gezwungen, Arbeitsabläufe umzustellen, und es kam zu Verlangsamungen des 
Arbeitsprozesses. Nach 2 Stunden wurde die Blockade im Angesicht einer drohenden und nicht 
zu gewinnenden Auseinandersetzung mit den Polizeikräften abgebrochen.

Griff zur Waffe

Positiv ist an diesen Aktionen die Internationalität des Streiks, die Verknüpfung mit 
anderen Formen direkter Aktion und die Politisierung der Redebeiträge auf der 
Streikkundgebung in Leipzig. Die Polizei zeigte, was ihre eigentliche Aufgabe ist: Der 
Schutz des Kapitals. Viele Streikende werden sich das merken. Auch beförderte die Aktion 
den Austausch von Unterstützer*innen und Streikenden aus dem Werk selbst.

Gleichzeitig war der Streik definitiv nicht geeignet, nötigen ökonomischen Druck 
aufzubauen. Die Blockade-Aktionen wurden, gemessen an sonstigen Mobilisierungsstärken, von 
Linksradikalen trotz der Veranstaltungen im Vorfeld nur in geringem Maße unterstützt. So 
hätte die Polizei selbst mit gutem Willen nicht authentisch "Handlungsunfähigkeit" 
postulieren können. Auch blieben die Aktionen in Berlin letztlich Aktionen von außen, die 
leider keine Basis im Prime-Center drinnen fanden, was die FAU Berlin dazu bewegte, zwar 
partiell an den Infoveranstaltungen im Vorfeld, nicht aber an den Berliner Mobilisierungen 
teilzunehmen. Auch in Leipzig gab es angesichts der anarchistischen und linksradikalen 
Unterstützung grimmige und reservierte Reaktionen unter den Kolleg*innen - neben vielen 
positiven und herzlichen. Amazon hatte eine solche Haltung bewusst zu fördern versucht und 
auf Versammlungen im Betrieb Stimmung gegen die linksradikale Kampagne gemacht.

EIN ZWISCHEN-FAZIT

Ökonomisch hatten Streik und Blockaden keinen Erfolg. Erfolgreich war dagegen die Stärkung 
des Internationalismus der Amazon-Streikenden. Bildungsveranstaltungen im Vorfeld 
erweiterten sowohl den theoretischen Blickwinkel auf den Arbeitskampf als auch die Zahl 
der Interessierten und Unterstützer*innen. Die Kampagne erreichte mediale Aufmerksamkeit 
für Union-Busting und Ausbeutung bei Amazon und übte dadurch Druck aus. Die 
Mobilisierungserfolge der Kampagne blieben dagegen gering, radikalen Basisgewerkschaften 
in Deutschland gelang es nicht wirklich, eine einheitliche Position zu den Protesten zu 
finden und sich als Alternative ins Spiel zu bringen. Wohl aber festigten sich Kontakte 
und Solidarität zwischen einzelnen Akteur*innen der aktuellen Arbeitskämpfe.

Auch die Polizei blockierte mit

HARD WAY TO MAKE AMAZON PAY - WIE GEHT'S WEITER?

Die Streikenden stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Angesichts einiger Erfolge der 
anarchosyndikalistischen Kolleg*innen bei Amazon in Poznan[3]schwant es so manchen 
Kolleg*innen, dass sich der Arbeitskampf mit deutlich radikaleren Mitteln fortsetzen 
müsste, um irgendwann sein gar nicht so radikales Ziel zu erreichen.

Auch für die ver.di ist das ein Zwiespalt: Einerseits darf sie diesen Prestige-Kampf kaum 
verlieren. Dafür ist sie sogar bereit, sich auf linksradikale Unterstützer*innen-Bündnisse 
einzulassen und an der Schwestergewerkschaft Solidarnosc vorbei mit der 
anarchosyndikalistischen IP Zweckbündnisse einzugehen. Die Sozialpartnerschaft, die von 
Kapitalseite längst gekündigt wurde (und eh immer nur eine Verschleierung des 
Klassenkampfs von oben zugunsten von einigen Stammbelegschaften war), kann die ver.di aber 
aus ideologischen Gründen nicht aufgeben.

Gleichzeitig ist es - wie leider meistens in Deutschland - nicht nur der eigene, 
prokapitalistische Organisationsapparat, der im Wege steht, sondern auch die Mehrheit der 
Kolleg*innen. Deren Verhalten ist dabei natürlich auch Produkt einer 
Zentralgewerkschaftsbewegung, die über Jahrzehnte alles bereinigt und rausgeworfen hat, 
was sich Zentralisierung, Entpolitisierung, Stellvertretung und Deradikalisierung 
entgegenstellte.[4]Dass Gewerkschaften wie ver.di nun ernten, was sie säten, lässt 
zynische Gemüter vielleicht schmunzeln, bringt aber niemanden weiter.

Was die FAU angeht, so ist das Statement von Clemens Melzer bzgl. der Nichtbeteiligung der 
lokalen FAU an den Blockaden in Berlin durchaus nachvollziehbar. Dabei kann es für die 
Zukunft aber nun natürlich nicht stehen bleiben. Wegweisender sind hier Ansätze wie die 
Flugblattaktionen der Erwerbsloseninitiative BASTA! oder die Versuche sächsischer 
Syndikalist*innen, sich - wenn auch verspätet - in den Mobilisierungen einzubringen und 
mit den Kolleg*innen während des Streiks in Leipzig ins Gespräch zu kommen. Wenn sich 
libertäre Basisgewerkschafter*innen einig sind, dass der Kampf gegen Amazon eine der 
wichtigsten, hiesigen Kraftproben der aktuellen Klassenkonflikte ist, so täten die 
Syndikate gut daran, in diesen einzusteigen: Dort, wo Syndikate in der Nähe von 
Amazon-Standorten vorhanden oder im Aufbau sind, sollte die Föderation mit Geld und 
Know-How deren Aufbau beschleunigen und begünstigen. Unter den Arbeiter*innen sollte breit 
Werbung für anarchosyndikalistische Konzepte gemacht und diese auf ihre Benutzbarkeit im 
repressiven Umfeld der Amazon-Betriebe untersucht werden. Radikale Gewerkschaften auf 
internationaler Ebene, wie radikale Unterstützer*innen außerhalb der Betriebe hätten so 
einen organisatorischen Ansprechpartner innerhalb der Werke. FAU-Betriebsgruppen werden 
sicherlich nicht ähnlich schnell wie die der IP in Polen durchstarten. Zumindest könnten 
sie für ver.di aber eine gute Entschuldigung sein, sich selbst etwas entschlossener 
bewegen zu müssen, wie wir das von anderen Konflikten schon kennen.

Solidarität mit Streikenden

Gleichzeitig macht der Schritt, an dem die FAU beginnt, es mit bundesweiten und 
internationalen Konzernen aufzunehmen auch nötig, dass die FAU stärker als bisher ihre 
Verantwortung in der bundesweiten Diskursverschiebung nach links wahrnimmt. Die größten 
Potentiale dürften hier vor allem in linker Populärkultur liegen. Die betriebliche, 
alltäglich klassenkämpferische Erfahrung der Syndikate muss stärker in den Austausch mit 
Kabarettist*innen, DJs, Bands und anderen Künstler*innen treten und sich auch in 
alltäglich von tausenden Werktätigen konsumierten Medien wiederfinden, damit man in den 
Betrieben Kolleg*innen vorfindet, die von den eigenen Ideen, Analysen, Sichtweisen nicht 
zum ersten mal hören.

Was die Kampagne #MakeAmazonPay angeht, so lässt sich positiv festhalten, dass viel Kritik 
an ähnlichen Aktionen, wie an der Hafenblockade zum G20, hier schon berücksichtigt wurde. 
Wesentlich früher versuchte die Kampagne auf betroffene Arbeiter*innen und Gewerkschaften 
zuzugehen. So entsteht der Eindruck, dass solidarische Kritik lohnt, dass Dinge voran 
gehen, und das macht Lust auf mehr gemeinsame Kämpfe. Schade war die überpositive 
Darstellung der ökonomischen Effekte des Aktionstages. Diese Selbstlobhudelei wird von 
denen bitter aufgenommen werden, die sich live davon überzeugen können, dass sie nicht 
stimmt: Die Kolleg*innen bei Amazon.[5]Verschenktes Potential für weitere Kämpfe kann man 
außerdem in dem Fehlen jeglicher Anschlussveranstaltungen an den 24. November sehen. Hier 
fallen Leute, die sich über Mobilisierung und Aktion kennen lernten wieder in eine Leere. 
Stattdessen müssten ihnen Angebote gemacht werden.

Schließlich: Den Organisator*innen der Kampagne muss klar sein - und das klang ja auch 
durch - dass die Proteste und Streiks ohne starke, kämpferische Basisorganisationen in den 
Betrieben verhallen. Stärke ziehen Basisgewerkschaften jedoch aus Mitgliedsbeiträgen, aus 
den Kontakten, Blickwinkeln und Netzwerken ihrer Mitglieder in Politgruppen, Betrieben, 
Bildungseinrichtungen und Nachbarschaften. Auch Mitglieder, die ihren politischen 
Schwerpunkt in anderen Gruppen sehen aber "nur" Mitgliedsbeiträge zahlen, werben, ihre 
Gewerkschaft informiert halten, die Info- und Diskussionskanäle mitnutzen, steigern die 
Aktionsfähigkeit von Basisgewerkschaften gehörig. Noch gibt es sehr wenig personelle 
Überschneidungen zwischen den Gruppen, die die Kampagne organisierten, und den bestehenden 
Basisgewerkschaften. Will man authentisch Arbeitskämpfe unterstützen, Ausbeuter*innen 
zahlen lassen und den Schulterschluss mit kämpfenden Belegschaften auf Augenhöhe leisten, 
könnte daher ein erster Schritt sein: Nicht nur in Bündnissen, sondern selbst auch 
zusätzlich in Gewerkschaften organisieren!

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