(de) anarcho syndikalismus: Köln: Antiautoritäre Lokalgeschichte 1919-'37
a-infos-de at ainfos.ca
a-infos-de at ainfos.ca
Mi Aug 23 06:55:24 CEST 2017
Das Open-Source-Projekt "Nur die Karte" (http://www.die-karte.org) veröffentlicht
historische Karten von Köln aus der Zeit zwischen der Novemberrevolution am Ende des
Ersten Weltkriegs bis zur Untergrundarbeit während des Nationalsozialismus mit
eingezeichneten Orten, die im Zusammenhang zur libertären Arbeiter*innen-Bewegung standen.
---- Vor allem die Mitglieder der anarchosyndikalistischen "Freien Arbeiter-Union
Deutschlands (FAUD)" stehen dabei im Mittelpunkt der Forschung, aber auch die
"Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands (SAJD)" ist vermerkt. Heute noch
bekannte Wohnorte von damals aktiven Personen sind ebenso zu finden, wie überlieferte
Treffpunkte und historische Ereignisse, wie Demonstrationen, Kundgebungen, Versammlungen
und Streiks.
Der seltsame Titel des Projekts ist eine Anlehnung an die lesenswerte Broschüre "‚Nur die
Tat kann uns helfen!‘ Die FAUD im Raum Köln", die letztes Jahr bei Syndikat-A erschienen
ist und die den Autor*innen Simon Seyock und Robin Tunger als Forschungsgrundlage für die
Kartensammlung diente.
Dort gibt es einige interessante Ereignisse aus der Geschichte der Region Köln zu
entdecken: So ist zum Beispiel in Dellbrück ein Flüchtlingslager verzeichnet, das nach
Niederschlagung des bewaffneten Aufstandes der "Roten Ruhr-Armee" gegen den Kapp-Putsch
1920 eingerichtet wurde. Rund 5.000 Menschen befanden sich auf der Flucht vor der blutigen
Repression gegen Anarchist*innen und Anarchosyndikalist*innen, die mit anderen
Arbeiter*innen tagelang gegen faschistische Freikorps und die SPD-geführte Reichswehr
gekämpft hatten, bevor sie sich in die britische Entmilitarisierungszone zurückziehen mussten.
Auch verschiedene Arbeitskämpfe führten zu Eintragungen in die historischen Karten, wie
der wilde Streik von 900 Arbeiter*innen im Braunkohlekraftwerk Goldenberg in Hürth
(04.04.1922) oder der Solidaritätsstreik in der Chemiefabrik Knapsack (02.-26.02.1921).
Fast die gesamte Belegschaft hatte die Arbeit niedergelegt und sich mit einem Streik in
Leverkusen solidarisiert, der gleichzeitig stattfand (29.01.-28.02.1921).
Die dortigen Arbeiter*innen der Farbenfabriken kämpften vier Wochen lang für die
Einführung des Acht-Stunden-Tages nachdem ein Kollege entlassen wurde, der endlich seine
Überstunden abfeiern wollte. Von den über 8.000 Streikenden in Leverkusen waren wohl etwa
10% Anarchosyndikalist*innen der FAUD. Der Leiter des "Agitationskomitees Köln-Solingen",
Sneyden aus Merscheid, wurde sogar kurzfristig wegen seiner Gewerkschaftstätigkeit
festgenommen.
Unter anderem wird auch der Streik der "Notstandsarbeiter" vom 29.-31. August 1931
erwähnt, bei dem in der Severinstraße ein Müllwagen umgeworfen wurde. Die FAUD-Zeitung
"Der Syndikalist" berichtete:
"Trotz aller Drohungen der Verwaltung standen bis Montag, dem 31. August, über 2000
Notstandsarbeiter im Streik. Die Straßen der Stadt schwammen im Dreck. Die Müllabfuhr
konnte nur unter Polizeischutz geschehen. Die Autos wurden umgeworfen und Sabotageakte
dort geübt, wo sie notwendig waren. Die bürgerliche Presse schrieb in Angst von Terror-
und Sabotageakten, und überhaupt war ein geordnetes Leben der städtischen Betriebe nur
unter polizeilicher Aufsicht möglich. Die Genossen der FAUD standen in vorderster
Kampffront, wenn auch die fanatischen "Moskauwiter" die Syndikalisten am liebsten
verwünscht hätten." (XIII.Jg., Nr.38, S.3.)
Die FAUD Köln hatte Ende August 1924 eine mit etwa 1.500 Arbeiter*innen gut besuchte
Versammlung im Gasthaus "Maurischer Tempel" (Vor den Siebenburgen) organisiert. Die
sogenannten "Notstandarbeiten" (staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Erwerbslose)
waren nämlich an private Unternehmen übertragen worden. Die neuen Chefs antworteten auf
die drohenden Streiks direkt mit Aussperrung der kämpferischen Arbeiter*innen, weshalb
diese Protestversammlung einberufen worden war, um gemeinsame Aktionen vorzubereiten.
Interessant an der Karte dürfte auch sein, dass die bis heute überlieferten Wohnungen und
Aktivitäten der libertären Arbeiter*innen in den damals noch proletarischen Stadtteilen
Ehrenfeld, Deutz, Kalk und Mülheim, sowie in der Innen- und Südstadt verortet waren. Diese
seit den 1960er Jahren von Migration und Alternativkultur geprägten Viertel sind heute
teilweise von Luxussanierung und Gentrifizierung betroffen, weil sie als beliebte
Anlageobjekte für Immobilienspekulation dienen und zu Vertreibungspolitik durch steigende
Mieten führen.
Dieses herausragende Studienprojekt zum Anarchosyndikalismus in Köln enthält neben
Quellen- und Literaturangaben einen aktuellen Stadtplan von OpenStreetMap, sowie
historisches Kartenmaterial aus den Jahren 1918 und 1925, was besonders bei
Straßenumbenennungen sehr hilfreich ist. Leider sind die Adressen nur eingezeichnet, aber
nicht schriftlich erkennbar, was die Suche teilweise etwas umständlich macht.
Bleibt zu hoffen, dass dieser kleine Schönheitsfehler bei diesem work-in-progress bald
verbessert wird und vielleicht lassen sich ja weitere Internet-Projekte zur
antiautoritären Lokalgeschichtsschreibung von diesem Beispiel anregen.
CreativeCommons: BY-NC (http://anarchosyndikalismus.blogsport.de)
http://anarchosyndikalismus.blogsport.de/2017/08/19/koeln-antiautoritaere-lokalgeschichte-1919-37/#more-256
Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de