(de) FAU, direkte aktion: Kolumne Durruti -- Alltagsgeschichten aus dem real existierenden Kapitalismus

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fr Apr 28 08:59:15 CEST 2017


Was gibt es Schöneres, als nach einer anstrengenden Arbeitswoche am Samstagnachmittag im 
Stadion zu stehen, alte Freunde wiederzusehen, Bier und Bratwurst zu genießen und die 
eigenen Jungs beim Fußballspielen anzufeuern? Und doch, auch das kann man übertreiben. 
---- In den nunmehr 31 Jahren, die ich mich schon als Fußballfan verstehe, habe ich einige 
Leute kennengelernt, die nicht genug davon bekommen können. Zum Beispiel sogenannte 
Groundhopper, die Fußballstadien sammeln, wie andere Briefmarken. Dabei kann es nicht 
exotisch und entlegen genug sein. So lernte ich einen nicht mehr ganz jungen Mann kennen, 
der jeden Urlaub in den letzten 15 Jahren mit Reisen zu den entlegensten Fußballplätzen 
der Welt verbrachte. Er hatte es in seinen Kreisen zu Bekanntheit gebracht, weil er sechs 
Wochen lang Spiele in der zweiten mongolischen Liga besuchte - mit selten mehr als 100 
Zuschauern.

Wenn dieses private Steckenpferd mir noch ein tiefes Stirnrunzeln verursachte, trieb mich 
der schier selbstzerstörerische Lebenswandel eines anderen Bekannten in verzweifeltes 
Kopfschütteln. Nicht nur, dass er buchstäblich jeden Cent, den er verdient, in den FC 
steckt; jeden freien Tag mit Heimspiel, Auswärtsfahrten, Trainingsbesuch, einschließlich 
zweite Herren und Jugendmannschaften verbringt. Er schmiss die Ausbildung, weil es ihm 
wichtiger erschien, seinem FC St. Pauli möglichst nahe zu sein. Und heute bekommen ihn 
Frau und Kinder nur dann zu Gesicht, wenn wirklich gar kein Fußball in der Nähe 
stattfindet. Urlaub, Ferien, Verreisen? Wovon, alles geht schon für den Fußball drauf. 
Wann, schließlich muss er ja auch zu allen Auswärtsspielen - wofür es seit einigen Jahren 
sogar eine spezielle Dauerkarte gibt.

Einmal, es ist schon einige Jahre her, lieh er mir seine Heimspiel-Dauerkarte, als er 
unter der Woche arbeiten musste. Geld wollte er keines, dafür musste ich ihm schwören, 
vollen Support zu geben. Da lächelte ich noch zuversichtlich, nicht ahnend, was das 
bedeutet, wenn man sich unter den "Ultras" wiederfindet. Ultras sind organisierte Fans, 
die Fahnen schwenken und Lieder singen, und das auf koordinierte Weise, was dann als 
"Choreo" bezeichnet wird. Hier in der Kurve kann man nicht einfach Fan sein. Man ist Teil 
einer Inszenierung: alle 10 Meter sitzt ein "Capo" - ein Vorsänger - mit dem Rücken zum 
Spielfeld auf dem Zaun, und gibt Parolen und Gesänge vor, die wir mitzusingen hatten. 
Diese Capos bekommen vom Spiel selbst nicht viel mit, wohl aber alles, was sich vor ihnen 
auf den Rängen tut. Und hier heißt es ununterbrochen: jetzt alle! Zusammen! Auf mein 
Zeichen! Schließlich kam der Moment, da der Capo vor mir ein Lied anstimmte, bei dem meine 
Lippen versiegelt blieben; zu kindisch, zu feindselig, zu langweilig ist mir der Text, nie 
singe ich hier mit, egal wo ich stehe. Da drehte sich der Capo zu mir um und brüllte 
durchs Megaphon: "Mitmachen, auch Du!", und zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf mich. 
Jetzt verstand ich, warum manche nicht-organisierten Fans die Ultras auch die "Fan-FDJ" 
nennen.

Doch es gibt offensichtlich viele Wege, sich das Leben selbst unnötig schwer zu machen. 
Fährt man in Berlin mit der S-Bahn raus Richtung Grunewald und Zehlendorf, dort, wo 
vorwiegend Reiche und Mächtige wohnen, begegnet man mit etwas Pech älteren Damen mit 
Gewaltpotential. Nun ist es mir schon zum fünften Mal passiert, dass eine Frau von 
geschätzten 70 Jahren extra die Beine ausstreckte, damit ich mich nicht auf den freien 
Platz ihr gegenüber setzen konnte. Typischerweise setzen sich diese Damen auf den 
Außenplatz eines Vierersitzes, damit sich neben sie niemand setzt. Und setzt sich ihnen 
jemand gegenüber, strecken sie die Beine aus. Im Feierabendverkehr macht sich das nicht 
besonders gut, und erregt nicht selten zorniges Unverständnis.

Wie auch in meinem Fall. "Was soll das jetzt werden?", gab ich meinem Unverständnis 
Ausdruck. "Eine Dame", erklärte mir die Frau, "kann nicht anders sitzen". Was immer ich in 
der Folge anführte - dass die gute Frau kein Benehmen habe, dass mir solch rücksichtsloses 
Verhalten noch nie untergekommen sei, ob sie sich nicht schäme -, nichts focht sie an. 
Erst, als ich sie fragte, ob sie auch für vier bezahlt habe, wenn sie schon vier Plätze 
brauche, lenkte sie ein, mit der eigenwilligen Begründung, "ich bin nicht dick".

Nun, wahrscheinlich war jene "Dame" noch nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, 
der Chauffeur war wohl kurzfristig erkrankt. Wie man aber auf Dauer heil durchs Leben 
kommen will, wenn man andere Menschen stets nur als Ärgernis begreift und ganz offen auf 
Rücksichtnahme pfeift, erschließt sich mir nicht.

Matthias Seiffert

https://www.direkteaktion.org/2017-4/kolumne-durruti


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de