(de) Fda-Ifa, Gai Dao N°76 - (M)ein Weg zum Anarchismus Persönliche Reflexion über bisherige politische Sozialisation. Ein Anstoß Von: Simone

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Mi Apr 26 09:38:10 CEST 2017


Der folgende Text ist bewusst subjektiv und aus der Perspektive eines Eigenbrötlers 
verfasst. Darin wird über verschiedene Erfahrungen und die Fähigkeiten und Möglichkeiten 
zu ihrer Interpretation und Reflexion nachgedacht. Unter anderem geht es um die Frage, mit 
welchen Gruppen sich Menschen identifizieren, wenn sich ihre politische Identität 
entwickelt und welche Gründe das hat. ---- Seitdem ich, in Kontexten wo es Sinn ergibt und 
wenn mir danach der Sinn stand, angefangen habe mich eindeutig als Anarchist zu 
positionieren und auch die Ideen des Anarchismus öffentlich zu propagieren, spürte ich 
doch eigentlich nie das Verlangen, Menschen wirklich davon überzeugen. Das klingt erst mal 
ziemlich seltsam, finde ich, denn welchen Grund sollte es sonst haben, sich öffentlich zu 
bestimmten politischen Vorstellungen und Bewegungen zu bekennen, wenn nicht den, andere 
auf die eigene Seite, in die eigene Gruppe, in das eigene Weltbild
holen zu wollen? An einer Klandestinität lag es sicherlich nicht, denn
was klandestin ist, dazu äußere ich mich nicht. Umgekehrt halte ich es
aber für völlig unsinnig, meine Perspektive zu verbergen, da ich ihrer
sicher bin; sie begründen kann; sie mit meinem ganzen Leben zu tun
hat. Eine Art "Coolness" war ebenfalls nicht der Grund, denn ich bin
alles andere als cool - ausgenommen einer innerlichen Abgefucktheit,
die sich aus einer großen Sensibilität speist und deswegen leider öfters
eine Distanz zu den Dingen notwendig macht.

Einige meiner Genoss*innen verhalten sich da ganz anders - was sie
selbstverständlich gern tun können. Sie werben offensiv für ihre Grup-
pen und Grüppchen, zeigen anderen Möglichkeiten auf, wie sie sich or-
ganisieren und einbringen können. Sie weisen ihnen Wege von dort aus,
wo sie stehen - und von woher anders aus sollten sie sich bewegen?
Vom Ansatz her eine super Sache, denke ich mir, immerhin gibt es
Möglichkeiten und schließlich glaube ich an die Veränderung, die durch
bestimmte Menschen beginnt, die aus ihren konkreten Lebenssituatio-
nen heraus Unterschiede machen. Es sind oft die kleinen, aber konse-
quenten Schritte vieler Menschen, die untergründig große Prozesse
anstoßen. Das war schon immer so und ist meist unsichtbar. Deswegen
ein Hoch auf den Basisaktivismus, der so oft nicht anerkannt und ge-
würdigt wird! - weder von Familie, selten auch von Freund*innen oder
Genoss*innen, noch von Kader-Politiker*innen. An der Basis knabbern
und organisieren die Mäuse des antikapitalistischen und emanzipatori-
schen Widerstands - was das langfristig bewirkt, was das wohl auch
schon gelegentlich bewirkt hat, können wir schwerlich sehen und er-
messen.

Vielleicht ist es diese Überzeugung, diese Haltung, die mich skeptisch
macht, anderen meinen Anarchismus aufschwatzen zu wollen, wäh-
rend ich gleichzeitig unverkennbar zu ihm stehe. Was nutzen gewisse
Ideen oder auch Gruppen, wenn die Menschen sich als Menschen nicht
bewegen und verändern? Offen sein kann ich und Angebote machen.
Aber ich kann andere Menschen nicht in etwas hineinziehen, wo sie
sich selbst nicht hin entwickeln können oder wollen, was für sie viel-
leicht nicht dran ist gerade. Ich kann drei Schritte auf Leute zu gehen
und ihnen herzlich begegnen, in den Momenten, wo ich die Kraft dazu
habe. Aber nach diesen müssten sie die ein, zwei selber tun, damit wir
in dieser Situation zu Verbündeten werden und gemeinsam etwas star-
ten. Diese Einstellung gewann ich aus der Erfahrung, dass nach öffent-
lichen Reden gelegentlich eine große Begeisterung entstanden war, der
Wunsch von Menschen, etwas zu tun oder zumindest sich weiter zu in-
formieren. Dieser spontane Enthusiasmus ist gut, kommt in ihm doch
zum Ausdruck, dass anarchistische Ideen sehr wohl verständlich ge-
macht und in den Lebenswelten von ganz unterschiedlichen Menschen
anknüpfen können. Dennoch: Wer von diesen kommt denn zu einem
nächsten offenen Treffen, lässt sich mal wieder blicken oder fragt selbst
nach, ob mensch nicht mal Email-Kontakt halten könnte, um zu schau-
en, was sich später ergibt? Angenommen, wir würden ein großes, all-
gemein gehaltenes Treffen ankündigen, um alle möglichen
Interessierten "einzusammeln"... Ich bin mir sicher, dass einige kommen
würden, bin aber skeptisch, ob sie dazu bereit wären, sich selbst zu ver-
ändern, was immer auch bedeutet, sich selbst in Frage stellen zu lassen.
Darin schwingen hohe Ansprüche mit, ich weiß. Und ich will sie nicht
auf andere projizieren - es reicht, wenn ich mich selbst damit herum-
schlagen muss.

Im Grunde genommen würde ich sogar soweit gehen zu sagen, Leute
sollten sich gut überlegen, was es bedeutet Anarchist*in zu werden.
Dass ich damit nicht meine, sich einen bestimmten Patch aufzunähen,
dürfte klar sein. Dabei spreche ich dezidiert von einer, nämlich meiner,
anarchistischen Subjektivität die mit meiner politischen Identität ver-
knüpft ist. Es gibt da ganz andere - zum Glück! Es ist die Vielheit und
Unterschiedlichkeit, die wir propagieren, obwohl wir sie viel zu selten
realisieren; uns selbst viel zu selten wirklich auf sie einlassen wollen.
Trotzdem es sich um eine spezifische Subjektivität handelt, sehe ich
dennoch auch Schnittpunkte zu anderen Leuten, die ähnlich unterwegs
sind. Anders kann es auch gar nicht sein, denn wenn wir gewisse Le-
benswelten und Perspektiven, also auch Erfahrungen nicht teilen wür-
den, könnten wir ja auch gar nicht zusammenkommen. In diesem
Zusammenhang denke ich also über die biografischen Eckpunkte nach,
welche mich auf diesen Weg gebracht haben - der freilich lange noch
nicht abgeschlossen wird, denn dazu wurzelt der ganze Kram zu tief.

Ausgangspunkt war ein grundlegendes Gerechtigkeitsempfinden, was
durch unmittelbare und ferne Ereignisse in der Welt permanent er-
schüttert wurde. Die Welt war ungerecht, gewaltsam, menschenfeind-
lich eingerichtet. Und es waren Menschen, die sie eingerichtet hatten,
dafür verantwort-
lich waren, dies also
auch ändern konn-
ten und mussten.
Offensichtlich schi-
en mir, dass es An-
sätze zur
Veränderung gab,
diese aber alle keine
große Schlagkraft
entfalteten; gewis-
sermaßen nicht
ausreichten, um die
grundlegenden Un-
gerechtigkeiten über
den Haufen zu
werfen. Durch ei-
gene Erfahrung
wurde mir klar, dass
Menschen sich
meistens nicht
durch bessere Ar-
gumente überzeu-
gen lassen würden.

Weil ich mit einer blühender Phantasie oft in meinen eigenen Welten
unterwegs und sehr wissbegierig war, war ich nämlich auch der An-
sicht, dass ich die besseren Argumente hatte. Gelegentlich führte das
dazu, die anderen für dumm zu erklären - hauptsächlich, um andere,
eigene Defizite und die Erfahrung von Ausgeschlossenheit zu rechtferti-
gen und zu überspielen. Davon kam ich später nach viel Gegenwind
zum Glück ab. Meine Phantasie in Verbindung mit meiner Empfind-
samkeit war auch der Grund dafür, dass ich in bestehenden Ordnungen
nicht zurecht kam, sie als aufgedrückt empfand und kritisierte, sie nicht
mitgestalten zu können. Dies war die Grundlage für die später entwi-
ckelte profunde Herrschaftsfeindlichkeit, führte aber auch dazu, dass
ich mich dauernd in komplizierten Konflikten wiederfand. Ältere Leute
hatten einfache Erklärungsmuster für die Ungerechtigkeit: Die Men-
schen sind schlecht und böse. Komischerweise sahen sie sich selbst ei-
gentlich nicht als schlecht und böse an und genauso wenig diejenigen,
mit denen sie zu tun hatten. Dies schien mir ein großer Widerspruch zu
sein. Später erst verstand ich, dass sie permanent Schlechtes und Böses
nach Außen projizierten, ein Anderes konstruierten, um sich selbst
nicht in Frage stellen zu müssen.

Möglicherweise tun dies sogar die meisten Menschen (und auch einige
meiner heutigen Genoss*innen): Widersprüche nicht aushalten, sich
selbst auf der "richtigen Seite" sehen, Recht haben, den Plan haben und
so weiter. Ich hatte schon immer ein Defizit, was diesen gesundheits-
fördernden Selbstschutzmechanismus angeht: Ich konnte nichts aus-
blenden, hielt nichts für an sich "richtig" oder "falsch", sah auch nur in
wenigen Menschen etwas Böses, wobei mir vieles sehr unverständlich
war, was sie taten. Wovon ich aber zutiefst überzeugt war, war, dass die
Verwirklichung von Gerechtigkeit zu denken, auch zu empfinden war,
von den Stand-
punkten der
Schwachen, der
Ausgegrenzten,
der Unterdrück-
ten, der Verkrüp-
pelten. Deswegen
musste sie not-
wendigerweise
mit Protest ver-
bunden sein.

Deswegen ist sie
besser beschrie-
ben mit der
Sehnsucht und
selten auch der
konkreten Erfah-
rung der Gleich-
berechtigung und
sozialen Freiheit
aller Menschen.
Zweifellos waren
es frühkindliche
Erfahrungen,
nach denen ich mich selbst mit diesen Positionen identifizierte, unab-
hängig davon, ob ich "objektiv" gesehen ausgegrenzt, unterdrückt, be-
nachteiligt und dergleichen war. Aufgrund dessen erwarte ich auch von
niemandem, diese Weltsicht nachvollziehen zu können - auch nicht
von meinen jetzigen Freund*innen.

"Ich wuchs in einer ländlichen und städtischen Atmosphäre auf, in der
ein Systemumbruch vom sozialistischen Staatskapitalismus hin zur
staatskapitalistischen Demokratie die meisten Menschen in den Koor-
dinatensystemen ihrer Lebenswelten tief erschüttert hatte; in der Res-
sentiments gegen "Tschechen", "Polen", "Russen", "Amis", "Juden",
"Wessis" und "Schwule" sowie rassistische Beleidigungen 1 weit verbrei-
tet waren; in der Leute tatsächlich glaubten, dass es eine "friedliche Re-
volution" gegeben hatte, während viele gleichzeitig fest davon über-
zeugt waren, dass sie ja "schon immer verarscht worden" und "zu kurz
gekommen" sind. In nichts anderem wie dieser Mentalität kommt eine
resignierte und weitgehend durchgesetzte Selbstunterwerfung zum
Ausdruck, weil die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für all jene, die
in der demokratisch-kapitalistischen Herrschaft eben nicht die Erfül-
lung schlechthin sahen (und das waren bei weitem nicht nur Sozia-
list*innen!), völlig zum Erliegen gekommen war. Vielleicht trifft das
auch auf die meisten Zeiten und Orte zu, dennoch handelt es sich um
Bedingungen, unter denen kritische, gar selbstkritische Einstellungen
nur schwer entwickelt werden konnten. Als wäre die Zeit stehen ge-
blieben. Als wären alle Alternativen ausgelöscht worden. Als wenn die
Nachkriegszeit nie aufgehört hätte, weil sich Menschen vielleicht in-
stinktiv in einer Vorkriegszeit sahen oder realistischerweise im kapita-
listischen Kampf aller gegen alle begriffen. Die kollektive Kränkung
konnte durch die unglaublichen Konsummöglichkeiten und der Faszi-
nation eines rasanten Wandels übertüncht werden. Aber eben nicht
mehr als das.

Auch wenn ich wie erwähnt, von all diesen Dingen umgeben war und
geprägt wurde, nahm ich merkwürdigerweise weder die Vorurteile noch
die kollektive Kränkung oder den Glauben daran an, dass wir jetzt im
besten System aller Zeiten leben würden. Meine Eigenbrödlerei ermög-
lichte mir zugleich eine Distanz und eine Sensibilität für die Gescheh-
nisse und Menschen um mich herum, deren Verhalten ich früh zu
interpretieren gezwungen war. Und in der eigenen Interpretation der
Welt lag der Grundstein zum selbständigen Denken und Erfahren-wol-
len. Dass der Staatssozialismus gescheitert und eine riesige Scheiße war,
bekam ich aus der Familie mit, sah ich aber auch der Hässlichkeit der
Gebäude und der Verschrobenheit und Unterwürfigkeit vieler Leute an.
Dass "unsere" Demokratie eine gute Sache sei, die es zu verteidigen gilt
und innerhalb deren sinnvolle Veränderungen angestrebt werden müs-
sen, glaubte ich dann vielleicht so vier, fünf Jahre. Dabei entwickelte
sich die Zeit aber auch weiter. Die rotgrüne Regierungsperiode brach
meinen Glauben an den Parlamentarismus, die Kämpfe der Alter-Glo-
balisierungs- und Ökologiebewegung inspirierten mich und verhießen
Aufbruch, die Anschläge vom 11.09.2001 kündigten eine neue Ära an,
die Kriege in Afghanistan und dem Irak, zerstörten den Mythos einer
friedlicheren Welt.

Einige gute Erfahrungen machte ich in einer parteinahen Jugendgruppe,
ging auf Punkkonzerte in ein AZ, nahm dann an antifaschistischen De-
mos teil, war oft in Gedanken versunken oder betrunken, ging auf poli-
tische Camps und traf dort interessante Leute. Gab mich noch mal mit
konservativen Dörflern ab - brach mit ihnen, ging in die Stadt zum Stu-
dieren - brach mit jeglichen Parteivorstellungen. Stellte dann fest, dass
fast niemand von den Ökos dort ein politisches Bewusstsein hatte, was
über irgendwelche "Verbesserungen" hinausging, also nicht ansatzweise
antikapitalistisch war. Ärgerte mich immer wieder mit Parteisozia-
list*innen, autoritären Kommunist*innen und Antideutschen rum. Or-
ganisierte so dies und das, beschäftigte mich viel inhaltlich, machte nen
bisschen Bildungsarbeit. Naja... und dann kam eben irgendwann die Er-
kenntnis und das Bedürfnis, mich als Anarchisten zu sehen. An sich,
war ich das schon jahrelang gewesen, habe so gelebt, gehandelt und
gedacht. Mir fehlten die Ausdrucksmöglichkeiten, um zu erfassen,
worin meine politische Perspektive lag, auch wenn sie schon jahrelang
mitgeschwungen ist und mir auch Anarchismus schon länger ein Be-
griff war. Letztendlich haben wir uns gemeinsam als ein diffuser Zu-
sammenhang - nicht als Freundeskreis - in diese Richtung entwickelt.
Wir diskutierten, organisierten uns lose und brachten uns in die lokale
politische Landschaft ein... Demos, gelegentliche Aktionen, Veranstal-
tungen, Parties, Gruppenprozesse und Freundschaftsbeziehungen form-
ten die lokale und diffuse, antiautoritäre Szene.

Doch scheiß auf das Label, wenn nichts weiter dahinter steht! Meine
Ideologie ist anti-ideologisch, sucht den Widerspruch, ist offen, aber
nicht beliebig. Sie hat viele Gründe, denn viele Umstände, Begegnun-
gen, Erlebnisse und deren Verarbeitungen haben mich zu demjenigen
gemacht, der ich bin. Ich wünsche mir zutiefst, dass wir bei allen An-
forderungen, die das Leben und insbesondere auch diese Herrschafts-
ordnung uns jeweils stellen, sowie dem Wissen um die Begrenztheit
unserer Handlungsmöglichkeiten, nie die Hoffnung aufgeben werden,
mit unseren Leben Unterschiede zu machen. Dass wir sie gemeinsam in
die eigenen Hände nehmen, uns gegenseitig Helfen, Widerstand gegen
alle Formen der Herrschaft leisten und andere dazu auffordern und in-
spirieren, dasselbe zu tun. Auch wenn wir nicht den Masterplan haben
und schon gar nicht vorgeben wollen, haben wir viele gute Ansätze,
gelingen uns immer wieder kleine Beiträge zur gesamtgesellschaftlichen
Emanzipation. Denn unsere Vorstellungen reifen daran, dass sie jeweils
mit unserer eigenen konkreten Lebenswegen zu tun haben. Und die lie-
gen darin, dass unser Platz in dieser Gesellschaft kein Platz ist, verbun-
den mit denjenigen, denen die billigen Plätze zugewiesen werden.

Diese ganze Geschichte und noch viel mehr steckt darin, wenn ich mich
auch als Anarchisten bezeichne. Auf konkrete politische Positionen und
den Umgang mit Leuten, die andere Vorstellungen haben, wollte ich an
dieser Stelle nicht eingehen. Dennoch interessiert es mich immer, in-
wiefern andere Menschen, auch mit anderen politischen Positionen,
diese in ihrer historischen Gewordenheit verstehen und sich als spezifi-
sche gesellschaftliche Wesen zu begreifen im Stande sind. Um dies an-
stoßen, habe ich diesen Text verfasst.

[1]Der Autor hat an dieser Stelle verbreitete, rassistische Begriffe zitiert, die im 
Umfeld wahrgenommen wurden, um den Rassismus abzubilden. Es gab Vetos aus der Redaktion 
gegen den
Abdruck der Begriffe, um diese rassistischen Beleidigungen nicht zu reproduzieren. Daraus 
folgte eine Diskussion in der Redaktion. An dieser Stelle haben wir uns dazu entschieden in
Absprache mit dem Autor, diese Begriffe nicht abzudrucken.


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