(de) FAU direkte aktion: Rolltreppe abwärts

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Mi Apr 19 10:53:09 CEST 2017


Rezension zu: Sebastian Friedrich: Lexikon der Leistungsgesellschaft. Wie der 
Neoliberalismus unseren Alltag prägt. ---- Eines der meistdiskutierten soziologischen 
Bücher des Jahres 2016 ist Oliver Nachtweys "Die Abstiegsgesellschaft". Der Soziologe 
Nachtwey nimmt mit dem Titel Bezug auf Ulrich Becks "Risikogesellschaft". Gegen den 
Beck'schen "Fahrstuhleffekt", nachdem eben auch für die Menschen "ganz unten" der 
Fahrstuhl nach oben fährt, stellt Nachtwey das Bild der abwärts fahrenden Rolltreppe. ---- 
Dieses Bild wurde in der Rezeption von Nachtweys Buch oft falsch verstanden, nämlich so, 
als ob die gesamte Gesellschaft mit dieser Rolltreppe abwärts fährt. Tatsächlich meint 
Nachtwey etwas anderes: Die Menschen laufen gegen die Fahrtrichtung der Rolltreppe: Wer 
stehen bleibt, fährt nach unten, wer auf der Position bleiben möchte, die er/sie innehat, 
muss in Bewegung bleiben und nur wer sich äußerst anstrengt, kann auf dieser Treppe weiter 
nach oben gelangen.

Genau das ist die "Leistungsgesellschaft", die Sebastian Friedrich in seinem kleinen 
Lexikon beschreibt. Und diese Gemeinsamkeit in der Gesellschaftsanalyse wird Oliver 
Nachtwey dazu bewegt haben, das Vorwort zu dem Lexikon zu schreiben. Friedrichs "Lexikon 
der Leistungsgesellschaft" ist vor allem LeserInnen der "analyse und kritik" (ak) 
wohlbekannt, über 26 Monate erschien jeweils ein Schlagwort aus dem Lexikon auf der 
zweiten Seite der ak. Wer diese Schlagworte gesammelt nachlesen will, kann das jetzt Dank 
der Edition Assemblage tun. Diejenigen, die das kleine Lexikon schon kennen, werden durch 
sehr passende Fotografien für den Kauf des Büchleins belohnt.

Quasi sind die ironischen bis teilweise zynischen Alltagsbeschreibungen Friedrichs eine 
Illustration der Thesen Oliver Nachtweys: Ob nun der "Flow", die "Hymne" (gemeint ist die 
Firmenhymne) oder "Xing", aber auch Ironie, Liebe und Selbstkritik: Friedrichs Stichworte 
der Abstiegsgesellschaft zeigen auf, wie uns der Neoliberalismus dazu bringt, immer in 
Bewegung zu bleiben. Das gilt nicht nur für FDP-nahe "Leistungsträger", sondern ganz 
explizit auch für emanzipatorische KritikerInnen dieser Gesellschaft. Man fühlt sich, wie 
Nachtwey in seinem Vorwort schreibt, oftmals "erwischt" dabei, wie man auf die eine oder 
andere Art eben doch auf die Leistungsideologie reingefallen ist. Das zeigt sich etwa bei 
den Praktiken von NachwuchswissenschaftlerInnen oder bei der in linken Kreisen durchaus 
beliebten "gewaltfreien Kommunikation", die ihren Charakter fundamental ändert, wenn sie 
Teil einer Betriebskultur wird.

Sebastian Friedrichs Büchlein ist keine Analyse, kein Manifest und man könnte entsprechend 
behaupten, es sei eine weitgehend unnötige Publikation. Aber weit gefehlt, denn obwohl man 
das eigentlich alles weiß, erfährt man etwas Neues, eben "wie der Neoliberalismus unseren 
Alltag prägt". Diese Rückbindung einer Kritik einer ökonomisch-politischen Entwicklung der 
vergangenen 30 Jahre an den Alltag ist es, die den Reiz des kleinen Lexikons ausmachen: 
Gerade an solchen kleinen kulturellen Gegenmomenten fehlt es der auch in ihrer 
Publikationswut viel zu leistungsorientierten, meist akademischen Linken.

Ich empfehle das "Lexikon der Leistungsgesellschaft" ganz explizit zur Klolektüre, um sich 
dort ein paar ruhige Minuten zu gönnen. Und während ich diese Empfehlung niederschreibe, 
habe ich mich auch selber erwischt: Wer selbst auf dem Klo noch eine, wenn auch amüsante, 
politische Publikation liest, macht dies doch wahrscheinlich, um jenseits der Klopause im 
Sinne des Neoliberalismus etwas zu "leisten". Mist. Ich also auch...

Münster, Edition Assemblage. 90 Seiten, 7,80 €.
Teodor Webin

https://www.direkteaktion.org/2017-4/rolltreppe-abwaerts


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