(de) Fda-Ifa, Gai Dao N°76 - Wissenschaft von Unten Von: Ben

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
So Apr 16 08:31:17 CEST 2017


Seit sechs Jahren gibt das Bremer Institut für Syndikalismusforschung ihr Mitteilungsblatt 
Syfo - Forschung und Bewegung heraus, so auch für das vergangene Jahr. Nun gibt es nicht 
so viele andere Institute, die den Anarchismus und seine Geschichte erforschen, allein 
schon deshalb verdient dieses Jahrbuch Aufmerksamkeit. ---- Das Buch beinhaltet sowohl 
solche Texte und Abschnitte, die ich als logisches Grundgerüst eines Jahrbuchs eines 
Forschungsinstituts bezeichnen würde, als auch darüber hinausweisende inhaltliche 
Beiträge. Zu ersteren gehören Tätigkeitsberichte aus dem Institut, Buchrezensionen, 
Berichte von befreundeten Projekten wie den Schwarz-Roten Bergsteiger*innen und dem 
Anarchiv, aber auch Reiseberichte, ein Filmtipp, einige literarische Texte und zu guter 
Letzt als historisches Dokument ein zeitgenössischer Bericht vom 4. Weltkongress der IAA 
1931 in Madrid.

Diese verschiedenen Texte sind vielfältig, interessant und oft nützlich,
aber ich kann in dieser Rezension nicht näher auf sie alle eingehen.
Stattdessen also zu den ausführlichen inhaltlichen Beiträgen.

Das Institut veröffentlicht ein Interview mit dem anarchistischen Wie-
ner Verlag bahoe books , in dem sie über das Verständnis ihrer Verleger-
tätigkeit reden. Dem Programm des Verlages kann ruhig ein wenig
mehr Aufmerksamkeit unter Anarchist*innen in Deutschland zuteil
werden: neben Büchern zu historischen antifaschistischen und revolu-
tionären Persönlichkeiten mehrere Comics mit politischem Inhalt und
vor allem auch Bücher mit aktuellem Bezug (zum IS, zu Rojava, den
Riots in Schweden vor einigen Jahren, der Arbeit im Restaurantwesen)
und Belletristik 1 .

Der Text von Hans Jürgen Degen in der Rubrik Diskussion "Über das
Soll des Anarchoyndikalismus II" (Teil I erschien in der letzten Ausgabe
vor einem Jahr) ist dagegen nicht zufriedenstellend. Degen ist unter
Anarchist*innen bekannt durch mehrere Bücher mit vor allem histori-
schen Themen, z. B. zum Anarchismus in Deutschland nach 1945. Aber
wenn es um das Soll des Anarchosyndikalismus in Gegenwart und Zu-
kunft gehen soll, dann könnte man ja genauso gut eines der vielen Mit-
glieder der FAU, die regelmäßig Arbeitskämpfe führen, um eine Mei-
nung bitten. Degens Text ist zu allgemein und unkonkret, er wirkt wie
in der Studierstube geschrieben. Und dann kommen noch Sätze dazu,
die nicht sehr syndikalistisch klingen: "Die Lohnabhängigen müssen
sich neu strukturieren und ihre Zielvorstellungen erweitern", schreibt
Degen zum Klas-
senkampf. Die
Lohnabhängigen
müssen freilich
gar nichts, außer
selbst entschei-
den, was sie wol-
len; und was für
Strukturen sich
dann daraus er-
geben, oder viel-
leicht gar keine,
auch das ent-
scheidet nicht der
Theoretiker.

Im längsten Text
des Hefts be-
schäftigt
sich
Stephan Geue-
nich mit Erzie-
hungs- und
Bildungsvorstellungen im Syndikalismus in Deutschland im Zeitraum
von ca. 1900-1933. Der Text ist ausführlich, gut strukturiert und sehr
reich an Quellen, d. h. vor allem Zitaten aus anarchosyndikalistischen
Publikationen. Und der Autor kritisiert auch die bedenklichen Ansich-
ten, z. B. das oft patriarchale Verständnis in Bezug auf Erziehung. Für
alle, die sich mit libertärer Bildung und Erziehung beschäftigen, ein
sehr empfehlenswerter Text.

Anders als das Titelbild vermuten lässt, besteht der Abschnitt zur so-
zialen Revolution in Spanien vor 80 Jahren nur aus einem reich bebil-
derten Textausschnitt zur Eisernen Kolonne und einem Gedicht von
Erich Mühsam (von 1931). Man wird also nicht von Spanien-Nostalgie
erschlagen.

Zum Thema Gedenkkultur gibt es nicht nur einen Bericht vom Domela-
Nieuwenhuis-Denkmal und -Museum in Holland, sondern auch einen
konkreten Vorschlag von Helge Döhring. Dieser kritisiert die Stolper-
steine für Opfer der Nazis, durch diese würden die schon in der Wei-
marer Republik ermordeten Arbeiter*innen überdeckt. Deshalb
empfiehlt er Anarchosyndikalist*innen, für die ermordeten aus unserer
Bewegung vor 1933 ebenfalls Stolpersteine zu legen oder auf andere Art
vor Ort ihrer zu Gedenken. Fälle, in denen das notwendig wäre, gibt es,
wie er zeigt leider genug.

Ein Aspekt, der sich durch das ganze Mitteilungsblatt zieht, ist, was für
ein Verständnis man von der Forschung hat, die man betreibt. Das In-
stitut bringt seine Meinung in einer Überschrift gut zum Ausdruck:
"Universal statt universitär" soll ihre Forschung sein. Das heißt, jede*r
soll diese Forschung betreiben können, man soll sich nicht an bescheu-
erte Uni-Gepflogenheiten anpassen (z. B. Bücher bei überteuerten Wis-
senschaftsverlagen herausbringen) und inhaltlich nicht um den heißen
Brei herumreden, sondern die Dinge, von denen man schreibt, klar de-
finieren und klare Aussagen treffen. Letzteres gelingt den Mitgliedern
des Instituts sehr gut.

"Syfo - Forschung und Bewegung. Mitteilungen des Instituts für Syndi-
kalismusforschung Nr. 6 - 2016"

[1]Siehe http://www.bahoebooks.net/

Links
https://syndikalismusforschung.wordpress.com/
http://www.syndikalismusforschung.info/


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de