(de) fda-ifa: Redebeitrag "Militant oder Macker außer Rand und Band?"

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Sa Apr 8 12:31:22 CEST 2017


Wir wurden gebeten unseren Redebeitrag vom 03. 04. (NOPE-Demo) online zu stellen. Dieser 
Bitte kommen wir natürlich gerne nach und hoffen, dass sich eine konstruktive Diskussion 
entfaltet. ---- Militant oder Macker außer Rand und Band? ---- Am 27.03. zog eine 
Spontandemonstration im Anschluss an die NOPE-Demo durch die Dresdner Neustadt, die von 
einigen Teilnehmenden der FAU als politisch unhaltbar empfunden wurde. Wir sind beschämt 
über diese kopflose Aktion, die Menschen verletzt und viel politisches Porzellan völlig 
grundlos zerschmissen hat. Vor Ort selbst waren wir vor Wut und Ekel den Tränen nah und 
hoffen auf das Verständnis und die Reflektion unserer Genoss_innen. ---- Was ist passiert? 
---- Direkt nach der Abschlusskundgebung der NOPE-Demo am 27.03., bei der auch die Toten 
Hosen Support leisteten, formierte sich spontan noch eine Minidemo durch die Neustadt. 
Voran lief ein schwarzes Blöckchen. Diese Spontandemo wurde im Laufschritt und mit viel 
Pyrotechnik durchgeführt. Durch die Mischung aus Pyro, Tempo, Männerdominanz und kehlige 
Sprechchöre empfanden wir die Außenwirkung eher wie einen aggressiven Lynchmob, der 
genauso gut Dynamo-Parolen hätte rufen können. Aus der Demo heraus kam es zu einer 
Entglasung des Kiezklubs und zwei Verletzten unter Passant_innen. Einer davon ist nach 
Aussagen mehrerer Freund_innen vor Ort selbst Antifaschist. Er wurde Opfer einer 
Eskalation, als er sich Aktionen entgegen stellen wollte, die er für nicht zweckmäßig hielt.

Inszenierung vs. politisches Ziel

Wir sprechen uns dafür aus, dass bei politischen Aktionen Klarheit über die Ziele und den 
gewünschten Effekt erlangt wird, welche dann in der Aktion nach Möglichkeit umgesetzt 
werden. Es ist klar, dass diese bei spontanen Aktionen nicht vorher diskutiert und 
abgestimmt werden können. Trotzdem kann mensch vor und während solcher Aktion mitdenken 
und durch das eigene Verhalten oder Meinungsäußerung das Ziel deutlich machen.

Bei der Sponti letzten Montag haben wir nun folgendes wahrgenommen: Gefährdung von 
Passant_innen, u.a. Kindern, von Hunden, von arglosen Teilnehmenden der Sponti selbst und 
von überhaupt nicht beteiligten Aktivist_innen, die im Nachgang trotzdem von staatlicher 
Repression betroffen sein können. Die Entglasung und Einschüchterung des Kiezklubs, 
Darstellung von Aktions- und Gewaltbereitschaft. In diesem Kontext Wasser auf die Mühlen 
konservativer und rechter Kritiker_innen, sowie Grundlage für herben Spott aus der 
bürgerlichen Presse.
Wenn dies das Ziel der Demo war, dann wären wir der Aktion gern fern geblieben.

Warum sprechen wir in diesem Zusammenhang von Männerdominanz und Mackertum? Ohne hier 
zweckfrei Genderdebatten nachskizzieren zu wollen, meinen wir damit ganz konkret: 
Aggressives, martialisches Gebaren ohne Sinn und Verstand. Wer vermummt sich am 
dunkelsten, wer legt die rauste und aggressivste Stimme beim Sprechchor an den Tag, wer 
muss vor aller Augen die krasseste Aktion begehen, wer muss Kritiker_innen mit einem 
Schlag oder Tritt k.o. setzen? Das Ganze wirkt wie eine Neandertaler-Karikatur: Wer am 
heftigsten die Keule schwingt, hat das politisch größte Gewicht. Ja, es wäre schön, wenn 
unser sozialisiertes Geschlecht nicht mehr diese Relevanz hätte und ja, es gibt genug gute 
Gründe für Vermummung. Aber was soll diese grundlose Selbstinszenierung?

Wir dachten wir schließen uns einer Sponti an, die für die Rechte von Geflüchteten und für 
massenhaften Antifaschismus einsteht und diese Werte über die angemeldete Demo hinaus noch 
einmal in die Neustadt trägt. Eine Sponti die auch dafür wirbt, öfters wieder auf die 
Straße zu gehen. Tatsächlich hat diese Sponti diese Ziele massiv beschädigt.

Eigentlich ist Anschlussfähigkeit in aller Munde. "Leute lasst das Glotzen sein, reiht 
euch in die Demo ein!" ist ein vielgerufener Sprechchor und fiel auch während der Sponti. 
Auch sonst wird immer wieder davon gesprochen, dass mensch sich mehr Leute bei den Demos 
wünscht.

Dieses Motto war bei dieser Spontandemonstration jedoch mehr als unglaubwürdig. Das fängt 
dabei an, wenn eine Demonstration sofort losrennt ohne Rücksicht auf die Gruppe. Das wirkt 
nicht gerade souverän und viele Leute bekommen es so schnell nicht mit oder kommt nicht 
hinterher.

Das schwarze Blöckchen und der aggressive Aufzug ziehen eine klare Grenze zwischen dem Mob 
und dem Rest auf der Straße. Die kopflosen Aktionen und die völlige Eskalation lassen 
viele Leute schnell verschwinden: Leute mit Verantwortung, die nichts riskieren können, 
oder die sowieso schon Angst vor den Cops haben. Übrig bleibt ein kleiner Haufen, der sich 
dann darüber aufregt, dass er allein ist.

Militanz und direkte Aktion bedeuten für uns, NICHT an einen Staat und seine Institutionen 
zu appellieren und darauf zu warten, dass sich etwas ändert. Solche Aktionen sind unserer 
Meinung nach legitim. Gewalt gegen Mitmenschen jedoch, auch wenn sie auf der anderen Seite 
eines politischen Konflikts stehen, sollte aus Humanismus heraus eine kalkulierte letzte 
Option sein. Das soll im Klartext heißen: Gewalt aus dem Mob heraus gegen Einzelpersonen 
ist fast nie zu tolerieren!

Des Weiteren sind öffentliche Proteste denkbar ungeeignet, um direkte Aktionen zu forcieren.
Einerseits befördern solche Situationen ein Hochschaukeln und Unübersichtlichkeit. Das 
kann zu Fehleinschätzungen und Handlungen führen, die später als untragbar empfunden 
werden oder die mensch gut mit anderen Mitteln hätte lösen könnte. Andererseits sollten 
direkte Aktionen möglichst den Schaden für unbeteiligte Dritte ausschließen. Das ist mit 
Bengalos und LaBombas eher nicht der Fall, wenn sich zB. Kinder und Hunde in der Nähe 
befinden. Außerdem war durch die aufgeheizte Stimmung die Äußerung von vertretbaren 
politischen Meinungsverschiedenheiten nicht mehr möglich.

Schließlich gefährdet mensch sich und andere Genoss_innen durch Aktionismus in diesem 
Setting selbst. Das rücksichtslose vorneweg rennen der Sponti, hatte viele zerstreute 
Teilnehmende zur Folge, die wohl eine gute Angriffsfläche geboten hätten. Das Risiko 
erwischt oder gefilmt zu werden, in eine Aktion einbezogen zu werden die mensch so nie 
erwartet hätte, oder von Zivilpolizist_innen festgesetzt zu werden war sicher höher als 
bei einer durchgeplanten klandestinen Aktion.

"Die Ziele sollen im Weg erkennbar sein!"
Wollen wir Menschen überzeugen, für eine Welt ohne Staat und Kapital zu kämpfen, sind wir 
heutzutage in der Beweispflicht, dass dies möglich ist. Schließlich ist es nicht unser 
Ziel, wie Rattenfänger_innen mit einem fernen sozialistischen Paradies zu locken, sondern 
mit grundlegend anders gestrickten Strukturen und Konzepten zu überzeugen.

In diesem Sinne dürfen, ja müssen von einer emanzipatorischen Bewegung gewisse Dinge zu 
erwarten sein, nämlich:

dass unsere Aktionsformen mit unseren Aktionszielen in Einklang stehen
dass politischen Aktionen so integrativ wie möglich sind
dass die Gefährdung der Teilnehmenden und Unbeteiligter minimiert wird
dass Feminismus mehr als Retweet ist, sondern in unserem reflektiertem Verhalten erkennbar ist
dass Aktionen auf Sachlichkeit, Verhältnismäßigkeit und Vermittelbarkeit überprüft werden
und dass die Einschränkung von Freiheit und Unversehrtheit Anderer eine ultima ratio bleibt!
Mit dieser Sponti wurde ein bürgerliches Klischee bestärkt: die Linksradikalen als 
wütender Mob, die zu keiner Diskussion bereit sind. Von so etwas haben wir wirklich schon 
genug in der Welt.

Wir wollen hier kein Urteil zu direkten Aktionen gegen den Kiezklub fällen. Auch wollen 
wir nicht spontane direkte Aktionen generell verurteilen - uns fallen eine Menge guter 
Gründe ein, in denen mensch genötigt ist, spontan und couragiert zu handeln. Die Frage ist 
nur, ob eine Aktion genauso gut in einem besseren Setting stattfinden könnte oder 
unmittelbar notwendig ist.

Dies ist leider nicht unser erster Textbeitrag zu Verhaltensweisen auf Demonstration. 
Traurig macht uns, dass viele Kritikpunkte sich in den Texten doppeln. Der Verdacht 
bestätigt sich, dass die Kritik an denen vorbei gezogen ist, die sich unserer Meinung nach 
problematisch verhalten.

Uns stellt sich daher die Frage, wie wir in Zukunft damit umgehen. Ob wir unseren 
Widerspruch vielleicht eben nicht nur in Auswertungstexten, sondern besser ganz 
unmittelbar auf der Straße formulieren müssen. Gelten wir damit dann als 
"Nestbeschmutzer_innen" - oder werden wir selbst das nächste Mal auf der Straße liegen?

AG Antifa der FAU Dresden

https://fda-ifa.org/redebeitrag-militant-oder-macker-ausser-rand-und-band/


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