(de) fda-ifa: gai dao N°69 - Revolution ist mehr als ein Wort: 23 Thesen zum Anarchismus Teil 2 Von: Alpine Anarchist Productions (AAP)

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Wed Sep 21 09:16:36 CEST 2016


Anm. d. Red.: Wir drucken den nachfolgenden Text hier in einer Vorabversion ab. Teil 1 
findet ihr in der letzten Gai Dáo. Der gesamte Text ist beim Mailorder unseres Vertrauens, 
black mosquito, auch als Broschüre erhältlich. Wie im Vorwort zu den Thesen schon steht, 
sind diese sehr streitbar. Und wir hoffen in diesem Kontext auch auf euer Feedback, auf 
dass eine fruchtbare Diskussion entsteht, die uns auch als Gesamtbewegung ein Schritt nach 
vorne bringt. ---- Die gegenwärtigen Probleme des Anarchismus ---- Das Problem der 
Revolution verfolgt den Anarchismus seit dessen Anfängen. Andere Probleme tauchen auf und 
verschwinden, je nach historischen Bedingungen und dem Stand der Bewegung. Hier sind die 
wichtigsten, die wir heute identifizieren können:

Die Demonstration moralischer Überlegenheit überschattet
oft die politische Arbeit. Das grundlegende Problem scheint
zu sein, dass sich zwei Motivationen oft überlappen, wenn
Menschen in anarchistischen Kreisen aktiv werden: Die eine
ist es, die Welt verändern zu wollen; die andere, besser als der
Durchschnittsmensch zu sein. Letzteres führt leicht zu
Selbstmarginalisierung, da jedes Gefühl moralischer
Überlegenheit impliziert, einer auserwählten Gruppe
anzugehören und nicht der Masse. Wenn dieses Gefühl
dominant wird, wird die eigene Identität wichtiger als
politische Aktion und das Aufzeigen persönlicher Defizite
anderer wichtiger als politische Veränderung.

Bedauerlicherweise treffen die härtesten moralischen
Anklagen oft Menschen in den eigenen Kreise statt die
wirklichen Bösewichte, frei nach der beklagenswerten Logik:
"Wenn wir unseren Feind*innen nichts anhaben können,
nehmen wir uns unsere Freund*innen vor." Das Herabsehen
auf Outsider und der gleichzeitige Konkurrenzkampf mit
Insidern um moralische Alphapositionen ist eine
Kombination, die einer Bewegung mit revolutionärem
Anspruch unwürdig ist.

Die anarchistische Bewegung ist eine Subkultur. Subkulturen
sind großartig. Sie geben Menschen ein Zuhause (eines, das
Leben retten kann), sie helfen der Aufbewahrung
aktivistischen Wissens, sie erlauben Experimente und vieles
mehr. Aber Dissens ist nicht Revolution. Wenn die Politik auf
die Subkultur reduziert wird, wird revolutionäre Rhetorik leer
und abstrakt. Leute hassen dieses und scheißen auf jenes -
aber dann?

Der Standardmodus (die Standardstimmung) vieler
anarchistischer Kreise reicht von griesgrämig bis rotzig.
Manchmal sind die angeblichen Mikrokosmen einer befreiten
Welt weniger einladend als so ziemlich jeder andere Ort:
dunkel, dreckig und bevölkert von Menschen, die
Unfreundlichkeit mit Rebellion verwechseln. Sich wie ein
Arsch zu benehmen, macht niemanden zu einer
revolutionären Person, nur zu einem Arsch. Penetrantes
Gemotze kennzeichnet leider auch interne Debatten. Die
Kommentarspalten auf manchen anarchistischen Online-
Foren gehören zu den sichersten Mitteln, Menschen auf ewig
vom Anarchismus fernzuhalten. Ein emanzipatorischer
Umgang mit Meinungsverschiedenheiten ist von Offenheit
und Selbstkritik geprägt, nicht von anonymem Gegröle.

Trotz des theoretischen Hochhaltens von Individualität und
Mannigfaltigkeit sind anarchistische Szenen von einer
enormen Konformität geprägt. Jedes durchschnittliche
Innenstadtcafé bringt eine größere Vielfalt an Menschen
zusammen als die meisten anarchistischen Treffpunkte. Dafür
gibt es historische Gründe, aber das Resultat ist schlicht, dass
die anarchistische Kultur - Sprache, soziale Codes, Äußeres -
ungemein homogen ist. Doch wie anarchistisch sind Milieus,
in denen Menschen sich nicht willkommen fühlen aufgrund
der Kleidung, die sie tragen, der Nahrung, die sie verzehren,
oder der Musik, die sie hören?

Es gibt in anarchistischen Kreisen einen wichtigen
Unterschied zwischen Aktivist*innen, die gegen
Ungerechtigkeit kämpfen, und Aktivist*innen, die
unmittelbar von Ungerechtigkeit betroffen sind. Alle müssen
zusammenarbeiten, um tatsächlich etwas verändern zu
können, aber die unterschiedlichen Motivationen sind in
Betracht zu ziehen. Während Menschen, die einem
missionarischen Ruf folgen, gerne zu Ideologisierungen
neigen, sind von Ungerechtigkeit betroffene Menschen oft
pragmatischer. Wird dieser Unterschied negiert, driften
Menschen leicht auseinander. Im schlimmsten Fall bleiben
nur die Ideolog*innen zurück und abstrakte Debatten über
persönliche Identität und akzeptable Sprache werden zum
Hauptschauplatz einer vermeintlich radikalen Politik, die
tatsächlich jede Verbindung zur gesellschaftlichen Basis
verloren hat. In diesem Kontext wird radikale Politik zu einer
primär intellektuellen Übung, die kaum etwas über die
Qualität ihrer Protagonist*innen als engagierte und
zuverlässige Genoss*innen aussagt.

Die Ideen von freien bzw. sicheren Räumen werden oft
durcheinandergebracht. Sichere Räume, d.h., Räume, in denen
Menschen auf Unterstützung und Fürsorge zählen können,
sind in der Welt, in der wir leben, notwendig. Aber es sind
Räume, die einen spezifischen Zweck erfüllen. Es sind nicht
die freien Räume, die wir zu verwirklichen versuchen, d.h.,
Räume, in denen Menschen unterschiedliche Ansichten
artikulieren, diskutieren und Differenzen gemeinsam lösen
können. Was Menschen auf lange Sicht sicher macht, ist die
kollektive Fähigkeit, Grenzen auszuhandeln. Absolute
Sicherheit ist unmöglich. Missverständnisse, Irritationen und
Sensibilitäten sind Teil des sozialen Lebens und verschwinden
selbst in der anarchistischsten aller Gesellschaften nicht.

Die Überzeugung, dass allen alles erlaubt sein soll, wird oft
mit der Vorstellung verwechselt, dass alle alles können. Das
Vermitteln von Wissen und Fähigkeiten durch erfahrene
Aktivist*innen ist daher meist verpönt. Dies führt dazu, dass
wir immer wieder in die gleichen Fallen tappen und das Rad
jedes Mal neu erfinden müssen.

Es gibt einen Mangel an Visionen und strategischer
Orientierung in der anarchistischen Bewegung. Die
organisatorischen Strukturen befinden sich in einer Krise.
Unverbindliche Bezugsgruppen, Spontanität und Diversität
sind weit verbreitet, doch in vielerlei Hinsicht problematisch.
Die einzigen langfristigen Gemeinschaften, die sie zulassen,
bestehen aus einer Handvoll von Freund*innen, was eine
unzureichende Basis für die Organisierung ist, die breite
soziale Veränderung erfordert. Die Hauptantwort auf dieses
Problem innerhalb der anarchistischen Bewegung, der
Plattformismus, unterschätzt leider die Wichtigkeit
individueller Verantwortung, was zu einer Vermischung von
Formalität und Effizienz führt (dazu mehr im Schlusskapitel).

Was ist zu tun?

Die anarchistische Subkultur ist vielerorts gut etabliert. Sie kann sich
auf eine solide Infrastruktur stützen und über einen ständigen Fluss an
neuen Mitgliedern freuen (auch wenn diese oft nicht lange bleiben). Sie
reproduziert sich problemlos selbst, bietet Menschen, die die Kultur des
"Mainstreams", des "Bürgertums" oder der "Spießer" ablehnen, ein
identitäres Zuhause und hat all die Vorteile, die Subkulturen allgemein
haben (siehe oben). Der Anarchismus produziert außerdem
einflussreiche Ideen, inspirierende Formen sozialen Zusammenlebens
und eine lebendige Protestkultur. All das ergibt ein spannendes
politisches Spielfeld und bestätigt die Bedeutung des Anarchismus im
Alltagsleben. Wenn uns also der Mangel an revolutionärer Perspektive
nicht stört, gibt es nicht viel Grund zur Beunruhigung. Die
anarchistische Subkultur ist von den oben genannten Problemen nicht
bedroht. Wenn wir aber der Ansicht sind, dass das Aufgeben einer
revolutionären Perspektive ein zu großes
Opfer ist (und wenn wir anarchistische
Genoss*innen mit starken revolutionären
Überzeugungen nicht an den orthodoxen
Marxismus verlieren wollen), dann
müssen wir die Entwicklung einer
solchen Perspektive zumindest möglich
machen. Hier sind ein paar Vorschläge:

1. Anarchist*innen müssen deutlich vermitteln, was sie wollen, und
ehrlich erläutern, wozu sie in der Lage sind.

2. Der Wille, die Gesellschaft zu verändern, muss wichtiger sein als das
Zurschaustellen vermeintlich ultimativer Radikalität.

3. Anarchist*innen müssen eine Sprache sprechen, die auch Menschen
verstehen können, die nicht Teil einer initiierten Szene sind. Sprache
verändert sich und problematische Begriffe sind zu hinterfragen, aber
anarchistische Diskussionen müssen Menschen engagieren, anstatt sie
zu entfremden.

4. Wir brauchen Visionen. Es mag für viele Anarchist*innen zu einer
Mantra geworden sein, dass Visionen rigide Masterpläne sind, die
Menschen vorschreiben, was sie tun sollen, aber das ist billig.
Anarchistische Visionen skizzieren schlicht, was für eine Gesellschaft
sich Anarchist*innen vorstellen. Ohne derartige Skizzen wird sich
niemand außerhalb anarchistischer Kreise je dafür interessieren, was
Anarchist*innen zu sagen haben. Dauernd "präfigurativ" zu sein, reicht
nicht. Irgendwann ist es Zeit zu figurieren.

5. Auch strategisches Denken wird oft als erbarmungslose
Handlungsvorschrift karikiert. Doch Strategien zu entwickeln, bedeutet
einfach, sich Gedanken darüber zu machen, wie das, was wir erreichen
wollen, auch erreicht werden kann. Wer das aufgibt, gibt revolutionäre
Arbeit auf.

6. Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem Aufbau autonomer
Strukturen und Interventionen in der herrschende Ordnung. Dies ist ein
Scheinkonflikt, der unnötig und unproduktiv ist. Dasselbe gilt für den
angeblichen Konflikt zwischen persönlicher Praxis ("Lifestyle") und
kollektiver Organisierung. Das eine stärkt das andere.

7. Wir brauchen neue Werte. Solange wir all das, was heute produziert
wird, haben wollen, werden wir weder das politische noch das
ökonomische System auf eine Größe reduzieren können, die ökologisch
wie sozial nachhaltig ist.

8. Technologiekritik muss Teil einer jeden revolutionären Bewegung
sein. Technologie macht Menschen von Systemen abhängig, über die sie
keine Kontrolle haben und verlangt eine Komplexität an sozialer
Organisation, die auf einer Graswurzelebene nicht aufrechtzuerhalten
ist. Wir müssen die Kernkraft und andere angebliche technologische
Wohltaten, die die Erde und die Menschheit in Geiselhaft nehmen,
zurückweisen. Ebenso sind "Rationalismus", "Wissenschaftlichkeit"
sowie die Idee, dass materieller "Fortschritt" für eine bessere Welt
unabdingbar ist, kritisch zu hinterfragen. Wir müssen uns auf
überschaubare Gemeinschaften als die Basis anarchistischer
Gesellschaft konzentrieren.

9. Werden Anarchist*innen gefragt, warum sie sich mehr auf manche
Kämpfe konzentrieren als auf andere, hören wir oft, dass "alle Kämpfe
wichtig" seien. Aber das ist keine Antwort auf die Frage. Es geht nicht
darum, ob alle Kämpfe wichtig sind (natürlich sind sie das), sondern
warum wir manche wichtiger nehmen als andere. Einerseits spielen
subjektive Faktoren eine Rolle:

Wir konzentrieren uns auf Kämpfe, die uns persönlich am nächsten
stehen oder in denen wir uns am kompetentesten fühlen. Aber wenn es
um revolutionäre Politik geht, müssen auch jene Kämpfe identifiziert
werden, die tatsächlich revolutionäre Perspektive haben. Moralische
Dringlichkeit ist dabei nicht zwangsläufig das entscheidende Kriterium.
Wenige Kämpfe sind an sich revolutionär; die meisten erhalten ihre
revolutionäre Perspektive aus ihrer Verbindung mit revolutionärer
Politik.

10. Die Wertschätzung der Vielfalt ist seit jeher eine Stärke des
Anarchismus. Dies darf jedoch nicht dazu führen, kritische Analyse
außen vor zu lassen. Jeder Unsinn kann mit einem Verweis auf die
"Notwendigkeit der Vielfalt" gerechtfertigt werden, so als wäre Vielfalt
ein Persilschein dafür, immer genau das tun zu können, was man
gerade tun will. Doch beispielsweise sind nicht alle Taktiken zu jeder
Zeit gleich nützlich, sondern sie müssen unseren Möglichkeiten und der
gegebenen Situation gemäß gewählt werden: "Was wollen wir? Mit
wem arbeiten wir zusammen? Was ist realistisch möglich? Was sind
unsere Mittel?" Vielfalt ist gut, wenn sie für Offenheit, Flexibilität und
Handlungsspielraum steht. Wird sie aber als Wert an sich verherrlicht,
kann vermeintlich linksradikale Politik schnell wie neoliberales
Shopping aussehen: Du wählst das, wonach dir gerade der Sinn steht.

11. Offenes Diskutieren ist für ein fruchtbares intellektuelles Milieu und
für Befreiungsprozesse unumgänglich. Wenn Genoss*innen Sachen
sagen oder tun, die andere provozieren, beleidigen oder kränken, sind
sie in einen Diskussionsprozess einzubeziehen und nicht zu
unliebsamen Personen zu erklären.

12. Labels sind ein No-Go für viele Anarchist*innen. "Es ist nicht
wichtig, als was du dich bezeichnest, es ist wichtig, was du tust." Das
macht auf den ersten Blick Sinn. Doch ein Label ist nur ein Wort,
Wörter sind Werkzeuge der Kommunikation und in
Kommunikationsprozessen sind wir auf Abkürzungen angewiesen.
Unserer Politik ein Label zu verleihen, vermittelt anderen -
Freund*innen wie Feind*innen - wofür wir stehen. So werden
Gemeinschaft und Solidarität geformt. Ohne den "Kommunismus" hätte
es keine "kommunistische Gefahr" gegeben. Es ist wichtig, dass
Menschen, die in sozialen Bewegungen zusammenkommen,
gemeinsame Namen tragen.

13. Wir müssen Organisationen aufbauen, die anarchistisch sind - und
dies offen - und gleichzeitig tragende Rollen in breiten sozialen
Bewegungen und Organisationen spielen können (Gewerkschaften,
Mietervereinigungen, Konsumentengruppen, Sportverbänden usw.).
Anarchistische Organisationen müssen Netzwerke zur Diskussion,
gemeinsamen Aktion und gegenseitiger Hilfe zur Verfügung stellen.
Während dies einen bestimmten Grad an Formalität verlangt, ist
Formalität nicht mit Effizienz zu verwechseln. Effizienz beruht auf
individuellen Voraussetzungen, das heißt, Verantwortung,
Verlässlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Deshalb ist der Plattformismus
keine Antwort auf die Krise anarchistischer Organisierung. Es bedarf
Organisationsformen, die anpassungsfähiger sind.

14. Die Bedeutung individueller Voraussetzungen darf nicht
unterschätzt werden. Wenn wir uns dagegen verwehren, dass
hierarchische Strukturen notwendig sind, um gesellschaftliche
Bedürfnisse zu befriedigen, müssen wir beweisen, dass diese auch ohne
hierarchische Strukturen befriedigt werden können. Die anarchistische
Realität ist weit davon entfernt. Viele Anarchist*innen tun Dinge nur,
wenn ihnen "danach ist"; viele haben alle möglichen Ansichten, was
andere tun sollen, ohne je selbst etwas zu tun; viele sind unzuverlässig
und unverantwortlich, lieben es aber, diejenigen, die sie darauf
hinweisen, als "autoritär" abzustempeln; und viele nutzen Treffen lieber
für egozentrisches Geplapper als für konstruktive
Entscheidungsfindung. Solange solche Neigungen vorherrschen, gibt es
keine Hoffnung für den Anarchismus, je zu einer revolutionären
Bewegung zu werden.

15. Es braucht eine neue Synthese des Anarchismus. Menschen mit
unterschiedlichen Schwerpunkten - dem Arbeitsplatz, dem Patriarchat,
dem Militarismus usw. - müssen zusammenarbeiten, gemeinsame
Prinzipien definieren und sich auf eine Strategie einigen, in der sich
verschiedene Taktiken in der bestmöglichen Weise koordinieren lassen.
Ein exklusiver Anspruch auf anarchistische Repräsentation schadet
allen, den betreffenden Gruppen mit eingeschlossen.

16. Anarchist*innen müssen sich die Grenzen anarchistischer Politik
eingestehen. Je nach den Absichten eines bestimmten Kampfes kann ein
sozialdemokratischer oder leninistischer Zugang angemessener sein.
Den Wohlfahrtsstaat zu verteidigen, ist ein reformistisches Anliegen,
und wenn Anarchist*innen dieses als wertvoll erachten, mögen sie als
außerparlamentarische Unterstützung für sozialdemokratische
Anstrengungen am effektivsten sein. Ebenso ist es verständlich, wenn
für indische Bäuer*innen ein "langwieriger Volkskrieg" - und damit der
Leninismus in seiner maoistischen Variante - als vielversprechendste
Antwort auf die staatliche Repression erscheint, der sie sich ausgesetzt
sehen. Wenn Anarchist*innen diese Bäuer*innen unterstützen wollen,
müssen sie ideologische Zugeständnisse machen. Die Linke ist vom
Sektierertum zu befreien und Anarchist*innen müssen dazu ihren
Beitrag leisten.

17. Viele Anarchist*innen assoziieren Kader ausschließlich mit
leninistischer Politik. Das ist unglücklich. Letztlich ist ein Kader nur
eine Person, die politische Arbeit priorisiert, und es gibt einen
Unterschied zwischen Aktivist*innen, die dies tun (bzw. tun können),
und solchen, für das nicht gilt. Kader verdienen keine Privilegien, aber
ihre Erfahrungen und ihr Engagement sind anzuerkennen - nicht ihnen
zuliebe, sondern der Bewegung. Kader müssen sich auch auf
revolutionäre Situationen vorbereiten, was historisch gesehen eine der
größten Schwächen des Anarchismus war.

18. Starrsinnig Diskussionen über Führungsrollen zu vermeiden,
schadet der anarchistischen Bewegung. Führungspersönlichkeiten gibt
es in jeder sozialen Gruppe, ob sie als solche benannt werden oder
nicht. Aber nur wenn dieser Tatsache Rechnung getragen wird, lassen
sich die autoritären und manipulativen Aspekte eines fehlenden
Machtgleichgewichts eindämmen. Ansonsten äußert sich dieses auf
jene undurchschaubaren und unkontrollierbaren Weisen, die für viele
anarchistische Gruppen charakteristisch sind.

19. Wir müssen uns der Ursprünge des Anarchismus bewusst sein. Der
Anarchismus hat kein Monopol, was antiautoritäres Denken betrifft.
Antiautoritäres Denken lässt sich in allen Kulturen und zu allen Zeiten
finden. Aber als selbst-identifizierte politische Bewegung ist der
Anarchismus ein Produkt der soziopolitischen Bedingungen des
europäischen 19. Jahrhunderts. Dies hat kulturelle Implikationen, die
den Anarchismus bis heute kennzeichnen und verhindern, dass er sich
so weit ausdehnt, wie es den meisten Anarchist*innen lieb wäre. Es
nutzt nichts, zu behaupten, dass alle antiautoritären Strömungen im
Kerne "anarchistisch" seien. Im schlimmsten Fall kann dies zu quasi-
kolonialer Vereinnahmung führen, denn wenn Menschen für ihre
Politik den Namen
"Anarchismus" nicht verwen-
den wollen, haben sie Gründe
dafür. Wichtiger für Anar-
chist*innen ist es, mit ihren
Handlungen zu beweisen, dass
sie vertrauenswürdige Part-
ner*innen in einem globalen
Kampf um Befreiung sind.

20. Sogenannte "Verbündeten-
politik" (ally politics) kann
Anarchist*innen als richtungs-
weisendes Prinzip dienen, wenn
sie in Kämpfe eingebunden
sind, die von anderen getragen
werden. Aber das Konzept ist
richtig zu verstehen. Beding-
ungslos Ja und Amen zu allem
zu sagen, was andere verlangen,
ist Selbstaufgabe und hat nicht
das Geringste mit Radikalität zu

tun. Außerdem gibt es niemals Individuen oder Gruppen, die alleine
eine Gemeinschaft repräsentieren, weswegen es unmöglich ist, die
Verantwort-ung für unsere eigenen Entscheidungen an andere zu
übertragen; wir müssen für die Entscheidungen, die wir treffen, selbst
einstehen. Es mag notwendig sein, in bestimmten Kämpfen die
Führungsrolle anderer anzuerkennen, aber wir müssen zu diesen ein
solidarisch-kritisches Verhältnis einnehmen. Nur so lässt sich der Kampf
gemeinsam weiterbringen.

21. Es bedarf ernsthafter Diskussionen über die Möglichkeiten und
Unmöglichkeiten bewaffneten Kampfes. Keine einfachen
Romantisierungen von Aufständen oder Kriminalität, sondern eine
Untersuchung der herrschenden Machtstrukturen und der Frage, wie
diesen militant begegnet werden kann, was in den meisten Fällen
zugespitzter sozialer Konflikte notwendig sein wird. Außerdem: Wenn
wir es mit der Revolution wirklich ernst meinen, können wir die Polizei
und die Armee nicht zum ewigen Feind machen. Prak-tisch alle
Revolutionen waren darauf
angewiesen, sich die Unter-
stützung durch Teile der Polizei
und Armee zu sichern. Zudem
schwinden die militärischen
Möglichkeiten eines Guerilla-
krieges in Zeiten von High-
Tech-Kriegen drastisch. Dies ist
eine Realität, mit der wir uns
auseinandersetzen müssen, wie
unangenehm sie auch sein
mag.

22. Wir müssen unseren
leichtfertigen Umgang mit
ökonomischer Kompensation
(kurz: dem Bezahlen für
Arbeit) revidieren. DIY-Kultur
ist großartig, wenn es um das
Erhalten von Unabhängigkeit,
das Stärken von Kreativität und
das Trainieren von Einfalls-
reichtum geht. Sobald die Grenze zur Selbstausbeutung überschritten
wird, bleiben jedoch fast ausschließlich Menschen aus der Mittelklasse
(meist männlich, meist weiß) übrig.

23. Die Revolution um der Revolution willen zu verfolgen, ist sinnlos.
Das Einzige, was die Revolution rechtfertigt, ist es, das Leben der
Menschen besser zu machen. Dies muss in allem zum Ausdruck
kommen, was Revolutionär*innen tun.

AAP

(Mai 2016; dt. Übersetzung Juni 2016)

In der aktuellen Septemberausgabe der Graswurzelrevolution
könnt ihr einen Diskussionsbeitrag von Pierre Michel zu den
23 Thesen lesen.
!

23 Thesen lesen.


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