(de) fda-ifa: gai dao N°69 - Gemeinsam gegen Leviathan! -- Kropotkins Gegenseitige Hilfe als Alternative zum autoritären Staat von Hobbes Von: Benjamin

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Tue Sep 20 19:16:19 CEST 2016


Immer wieder Thomas Hobbes... In diesem Essay soll es darum gehen, die beiden Werke 
"Leviathan" von Thomas Hobbes und die "Gegenseitige Hilfe" von Peter Kropotkin miteinander 
zu vergleichen. Ich möchte verstehen durch welche anthropologischen Annahmen Hobbes und 
Kropotkin auf ihre unterschiedlichen ethischen und politischen Konsequenzen schließen und 
Missverständnisse aufzeigen. ---- Vor allem ist es mir ein Anliegen, die vermeintliche 
Alternativlosigkeit zu einem autoritärem Staat als einen Trugschluss aufzudecken. Denn es 
ist immer noch und weiterhin wichtig, die Allmacht einerangeblich notwendigen 
(autoritären) Regierung infrage zu stellen, anstatt diese mit theoretischem Rüstzeug immer 
wieder neu auszustatten. Die blinde Faszination mit der Thomas Hobbes' Theorie vom 
übermächtigen Staat weiterhin in Schulen und Unis behandelt wird, halte ich für sehr 
fragwürdig. Aus all diesen Gründen möchte ich in diesem Artikel den
besonderen Wert von Kropotkins Theorie der Gegenseitigen Hilfe
aufzeigen und die in ihr enthaltene Herrschaftskritik auf die Theorie des
angeblich notwendigen (autoritären) Staates Thomas Hobbes'
anwenden.

Jede*r gegen jede*n?

Thomas Hobbes hält im zweiten Teil seines Werkes zunächst einmal
fest, dass "die willentlichen Handlungen und Neigungen aller Menschen
"nicht nur darauf aus" sind "sich ein zufriedenes Leben zu verschaffen,
sondern auch darauf, es zu sichern". Außerdem erklärt er "ein
fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für
einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit". Da dies für jede*n
Einzelne*n gelte, führe dieser Machttrieb zu einem ständigen
Wettbewerb, der letztendlich das Mittel benötigen würde, "den anderen
zu töten, zu unterwerfen, zu verdrängen oder zurückzuwerfen." Ebenso
erwähnt Hobbes bereits die angebliche Neigung des Menschen, "einer
öffentlichen Gewalt zu gehorchen", da ihr "Verlangen nach Wissen und
friedlichen Künsten" das Verlangen "nach Schutz durch eine andere
Macht als die eigene" enthalten würde. Auch erwähnt Hobbes bereits
die "Furcht vor Unterdrückung", die den Menschen anspornen würde,
"zuvorzukommen oder die Hilfe von Bundesgenossen zu suchen, denn
es gibt keinen anderen Weg, Leben und Freiheit zu sichern." Interessant
ist an dieser Stelle schon die nur am Rande erwähnte Rolle der Hilfe
von Mitmenschen. Wenn sich Hobbes im Folgenden zunehmend
kritisch mit der Rolle der Kirche auseinandersetzt, in der listige
Einzelpersonen begannen den Aberglauben und das Unwissen vieler
Menschen zu benutzen, um "andere zu regieren und deren Macht am
gründlichsten für sich selbst auszunützen", handelt es sich hierbei leider
lediglich um eine Kritik an einer falsch geführten Herrschaft, aber nicht
um eine Kritik an Herrschaft als solcher. Nachdem Hobbes die gleichen
Bedingungen der Menschen, besonders bezüglich der "geistigen
Fähigkeiten" unterstreicht, betont er das für jede*n Einzelne*n zutiefst
von Misstrauen und Konflikten geprägte Leben. Die drei
"hauptsächlichen Konfliktursachen" seien "Konkurrenz", "Misstrauen"
und "Ruhmsucht". In diesem "Naturzustand" herrsche demnach
"beständige Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes - das
menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft und kurz." Die
Menschen befänden sich laut Hobbes demnach in einem Zustand, "der
Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden.

Was es in diesem Zustand aber nicht geben könne, seien Frieden,
Gesetz, Gerechtigkeit, Eigentum und Moral. Lediglich dem sogenannten
"Naturrecht" aller auf alles schreibt Hobbes eine Existenz zu. Ebenfalls
das Recht auf Verteidigung des eigenen Lebens mit allen Mitteln sei
unter dem Begriff "Naturrecht" zu verstehen. Da der angenommene,
dauerhafte Kriegszustand für alle Betroffenen jedoch nicht annehmbar
ist, bedarf es einer gemeinsamen Bekundung von Absichten und einer
Vereinbarung zum jeweiligen Verzicht auf das totale
Naturrecht der*des Einzelnen auf alles. Diese
"wechselseitige Übertragung von Recht nennt
man Vertrag". Als sehr interessant zu
betrachten sind jedoch noch die
weiteren Naturgesetze: Sie "sind
unveränderlich und ewig, denn
Ungerechtigkeit, Undankbarkeit,
Anmaßung, Hochmut, Unbillig-
keit, Begünstigung und anderes
mehr können niemals recht-
mäßig gemacht werden. Denn
es kann kein Fall eintreten, daß
Krieg das Leben erhält und
Frieden es vernichtet." Hobbes
scheint sich an dieser Stelle zu
widersprechen, da er nun doch von
Werten spricht, die es auch im
Naturzustand geben soll. Es zeigt sich
aber außerdem, dass Hobbes den be-
schrieben Kriegszustand der Menschheit in
keinster Weise befürworten würde, sondern im
Gegenteil einen vernünftigen Ausweg aus diesem sucht.

Gegenseitige Hilfe!

In dem über 200 Jahre später erschienenem Werk "Gegenseitige Hilfe -
in der Tier- und Menschenwelt" reagierte Peter Kropotkin v.a. auf die
verkürzte Interpretation der Evolutionstheorie Darwins, aus der viele
seiner Zeitgenoss*innen einen gefährlichen Sozialdarwinismus
entwickelten. Kropotkin hingegen ging es um eine genaue
Untersuchung des von Darwin benannten "sozialen Instinkts" und die
Beweisführung einer in der Biologie stets vorhandenen "Gegenseitigen
Hilfe" als Naturgesetz. Bereits in seinem Vorwort nimmt Kropotkin kurz
Bezug auf Hobbes' Theorie, indem er schreibt, dass "Anhänger der
Entwicklungstheorie[...]behaupten[...]der Krieg aller gegen alle sei
das Gesetz des Lebens". Außerdem macht er bereits auf den Fehlschlus
saufmerksam, dass der Krieg aller gegen alle innerhalb derselben Spezies
dieselbe Rolle einnähme wie gegenüber befeindeten Arten. Hierzu
schreibt er: "Wie schrecklich auch der Krieg zwischen verschiedenen
Arten tobt[...]innerhalb der Gemeinschaft ist gegenseitige Hilfe[...]
die Regel. Die Ameisen und Termiten haben auf den "Hobbesschen
Krieg verzichtet". Der viel zitierter Ausspruch "homo homini lupus est"
(lat.: der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) würde nach dieser
Auffassung schlichtweg keinen Sinn ergeben, da der Wolf niemals sein
eigener natürlicher Feind sein kann! Nach einigen Ausführungen zum
Zusammenleben unterschiedlicher Insekten kommt Kropotkin schon
hier zu dem Schluss, dass "der Kampf aller gegen alle nicht das
Naturgesetz" sei und "Gegenseitige Hilfe[...]ebensowohl ein
Naturgesetz" ist "wie gegenseitiger Kampf". Am Ende des zweiten
Kapitels kommt er zu den Bedingungen des Menschen, den er als
irdisches Lebewesen begreift, welches allein durch Naturgesetze
bestimmt ist. Stark geprägt vom Evolutionsgedanken fasst er
zusammen, dass die Ausübung der Gegenseitigen Hilfe
den Menschen im Sinne Darwins erst
überlebensfähig gemacht habe und dieser
deshalb erst "die Stufe erreicht" hat, "auf
der wir jetzt stehen." Zu Beginn des
dritten Kapitels befasst sich
Kropotkin dann ganz konkret mit
den Annahmen Hobbes' und
dessen Anhänger*innen. So
schreibt er über diese: "Sie
schlossen daraus, die Mensch-
heit sei nichts als eine lose
Ansammlung von Lebewesen,
die immer bereit seien, mitein-
ander zu kämpfen, und nur
durch das Eingreifen einer Gewalt
daran verhindert würden." So
kritisiert er bereits die Annahme,
"dass der sogenannte 'Naturzustand'
nichts war als ein fortwährender Krieg
zwischen Individuen". "Der Hauptirrtum
Hobbes'" und seiner Anhänger*innen, so schreibt
Kropotkin weiter, bestand darin, "dass sie sich einbildeten, die
Menschheit habe ihr Leben in Gestalt kleiner, umherschweifender
Familien begonnen". Vielmehr seien "Gesellschaften, Horden oder
Stämme - nicht Familien -[...]die ursprüngliche Form der
Organisation der Menschheit" gewesen. In einem leider noch
diskriminierenden, verzerrten Vokabular schreibt Kropotkin zu Hobbes:
"dass unsere Kenntnisse vom 'primitiven' Menschen eigentlich nicht so
dürftig sind, und dass sie[...]den Spekulationen Hobbes' eher
widersprechen als zustimmen." Besonders auch die Rolle des
Individuums ist laut Kropotkins Annahmen eine ganz andere als bei
Hobbes: "Ungezügelter Individualismus ist ein modernes Gewächs, aber
es ist kein Merkmal der 'primitiven' Menschen". Während Kropotkin an
weiteren Beispielen begründet, warum Kriege nie der Normalzustand
der Menschen waren, macht er eine erstaunliche Bemerkung, die der
Vorstellung vieler Historiker*innen und Anhänger*innen einer
verkürzten Theorie Hobbes' stark widerspricht. Hobbes selbst hingegen
hätte der folgenden Theorie vermutlich sogar zugestimmt. Es handelt
sich um die Vorstellung, dass der Krieg niemals die gesellschaftliche
Entwicklung vorangetrieben hat, sondern im Gegenteil parallel zum
Geschehen der Massen ablief: "Während die Krieger sich gegenseitig
ausrotteten und die Priester ihre Gemetzel segneten und feierten,
während dessen setzten die Massen ihr täglichen Leben fort". Ganz im
Gegensatz zur Annahme Hobbes' beginnt Kropotkin sein Kapitel
"Gegenseitige Hilfe unter den 'Barbaren'" mit der herrschaftskritischen

Empörung über die Gewalt, durch die sich die ersten selbst benannten
Regierungen der Menschen begründeten, "von Despoten zu Sklaven
gemacht, in Staaten getrennt, die immer bereit sind, gegeneinander
Krieg zu führen." Kritisch gegenüber der sogenannten
Geschichtsschreibung und den Interpretationen einiger Philosoph*innen
schreibt Kropotkin weiter:

"Mit dieser Geschichte der Menschheit in den Händen erklärt der
pessimistische Philosoph triumphierend, dass Krieg und Unterdrückung
der eigentliche Inhalt der Menschennatur seien; dass die kriegerischen
und räuberischen Instinkte des Menschen nur durch eine starke
Regierungsgewalt, die Frieden erzwingt und so den Wenigen und
Edleren Gelegenheit gibt, der Menschheit für kommende Zeiten ein
besseres Leben zu bereiten, in Grenzen gehalten werden können."

Gemeinsam von Natur aus oder per Gesetz?

Es scheint, als könnte lediglich die Erkenntnis, dass der
elende Kriegszustand für alle unannehmbar ist, als
ein gemeinsamer Gedanke beider Autoren
betrachtet werden. Des Weiteren könnte man
jedoch auch behaupten, dass Kropotkin den
Annahmen Hobbes' vom Überlebenstrieb
der*des Einzelnen eigentlich nicht
widerspricht. Zumindest die Beschrei-
bung, die Menschen "sorgen sich um
die Zukunft und fürchten den Tod"
und die Annahme, dass der Mensch
"von Natur aus auch nicht aus-
schließlich 'gut' sein könne", würde so
vielleicht auch Kropotkin unterstrei-
chen. Dennoch niemals ohne den
Zusatz, dass dieser sogenannte "Kampf
ums Überleben" nicht ebenfalls von
Beginn an eine soziale Komponente
enthielte: "gerade im Dienste dieses
Überlebens sind sie, als soziale Wesen,
geradezu gezwungen, mit ihren Artgenossen zu
kooperieren". Diese Kooperation, so unterscheiden
sich die beiden Theorien nun doch voneinander, wäre in
Kropotkins Verständnis auch in einem Naturzustand notwendigerweise
enthalten, wohingegen die Kooperation bei Hobbes erst den Austritt aus
dem Naturzustand ermöglicht. Beide Autoren bemühen sich darum, der
Gemeinschaft einen Sinn zu geben. Während die Gemeinschaft bei
Kropotkin aber bereits ein Naturgesetz ist, glaubt Hobbes diese erst
durch die Ernennung eines Gemeinwesens, eines Staates und eines
sogenannten Souveräns verwirklicht zu sehen. Während Kropotkin also
als Anhänger Darwins vom Evolutionsgedanken, insbesondere auch der
sozialen und moralischen Evolution, überzeugt ist und deshalb
Solidarität und Moral als "tief in der Naturgeschichte des Leben
sverwurzelt" sieht, stellt für Hobbes erst ein formaler Vertrag
vernünftiger Menschen die Grundlage für ein Gemeinwesen dar.

Warum jedoch in dieser Prämisse Hobbes' ausgerechnet die Furcht vor
einem strafenden Souverän die Gesellschaft aufrecht erhalten soll,
erscheint mir zutiefst fragwürdig...

Die*Der Souverän*in als vermeintliche*r Schützer*in der Gemeinschaft

Für Hobbes können also Moral, Recht und Frieden erst im
Gemeinwesen bestehen. Darüber hinaus versucht dieser jedoch auch zu
begründen, warum erst ein staatliches System unter der Führung eines
autoritären Souveräns den Frieden der Gemeinschaft sichern könne.
Hierzu schreibt er: "Die Menschen, die von Natur aus Freiheit und
Herrschaft über andere lieben, führten die Selbstbeschränkung, unter
der sie[...]im Gemeinwesen leben[...]mit dem Ziel[...]ein,[...]dem
elenden Kriegszustand zu entkommen". Außerdem, so Hobbes,
benötigen die Menschen "eine öffentliche Macht, die sie im Zaum
halten[...]soll". "Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen
öffentlichen Macht[...]liegt in der Übertragung ihrer gesamten
Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine
Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen
[...]auf einen Willen reduzieren können".
Offensichtlich hat Hobbes an dieser Stelle
keinerlei Vertrauen in die Übereinstim-
mung der einzelnen Menschen und
behält weiterhin die Vorstellung der
unüberwindbaren Konkurrenz und
Bedrohung zwischen den Individuen.
Sein einziger theoretischer Ausweg
scheint die Ernennung einer*eines
Repräsentantin*Repräsentanten des
Gemeinwillens zu sein. "Dies ist die
Erzeugung jenes großen Leviathan
oder besser[...]jenes sterblichen
Gottes, dem wir unter dem unsterb-
lichen Gott unseren Frieden und Schutz
verdanken." Diese Person wird "Souverän
genannt und besitzt[...]die souveräne
Gewalt und jeder andere daneben ist sein
Untertan." Die*Der Souverän*in, die*der nach
Hobbes entweder in einer Monarchie, einer
Aristokratie oder in einer Demokratie über seine
Untertanen herrscht, besäße die volle Gewalt über die Rechtsprechung,
"das Recht der Kriegserklärung und des Friedensschlusses", "das Recht
zur Auswahl aller Räte, Minister, obrigkeitlicher Personen und
Beamten" und den "Oberbefehl über das ganze Militär". Ich werde mich
ab jetzt aber auf einen besonderen Gedanken Hobbes' beschränken, von
dem ich annehme, dass er für die Ethik von zentraler Bedeutung ist:
Und zwar die Legitimation der Herrschaft von Menschen über
Menschen. Denn Hobbes' Theorie geht über die bloße
Übereinstimmung zwischen den Individuen hinaus, indem er eben
nicht nur verlangt, dass sie sich ein ihnen entsprechendes Gesetz und
eine Moral immer wieder neu begründen, sondern dass sie, und das ist
der Unterschied, ihre natürlichen Freiheiten nicht nur zu ihrem eigenen
Zwecke aufgeben sollen, sondern im Sinne eines Gehorsams unter eine
Staatsgewalt, einer*einem Souverän*in, einem bereits vollendeten
System. Außerdem möchte ich auf folgende Gegenüberstellung Hobbes'
aufmerksam machen, bei der er zwischen "Gemeinwesen durch
Aneignung" und Gemeinwesen "durch Einsetzung" unterscheidet, die
sich seiner Meinung nach nur darin unterscheiden, "daß die Menschen,
die ihren Souverän wählen, dies aus Furcht voreinander tun"[Anm.:
Einsetzung) "und nicht aus Furcht vor demjenigen, den sie einsetzen."
[Anm.: Aneignung]"Die Rechte und Folgen der Souveränität sind in
beiden Fällen die gleichen." Bereits an dieser Stelle scheint Hobbes
völlig zu ignorieren, dass er so nicht nur Herrschaft des Menschen über
den Menschen als solche legitimiert, sondern darüber hinaus sogar die
gewaltsame Aneignung von Herrschaft. Besonders unangebracht halte
ich den Vergleich mit der elterlichen Herrschaft, die laut Hobbes auf
"Zustimmung des Kindes" beruhe, "die entweder ausdrücklich oder
durch andere, ausreichende Erklärungen erfolgte". Wie in aller Welt das
geschehen soll, kann ich mir bei Weitem nicht vorstellen. Noch
erschreckender verteidigt Hobbes auf den folgenden Seiten die
"Herrschaft durch Eroberung oder Sieg im Krieg", die nichts anderes sei
als "die Herrschaft des Herrn über seinen Knecht." Der Knecht sei, so
schreibt er es tatsächlich, nicht aufgrund des Sieges verpflichtet,
sondern "weil er damit einverstanden ist". Allein die zuvor von Hobbes
beschriebene Furcht vor dem Tod durch den mächtigeren Anderen
veranlasst die angeblich daraus freiwillig erfolgende Unterwerfung.
Diese Situation als von den Knechten freiwillig akzeptiertes Verhältnis
darzustellen, halte ich für eine völlig verzerrte Anmaßung. Dieses
eindeutige Gewaltverhältnis beschreibt er an anderer Stelle noch
erschreckender, wenn er meint, "Sklaven, die in Gefängnissen oder
Fesseln arbeiten, tun dies nicht, weil sie verpflichtet dazu sind, sondern
um den Grausamkeiten ihrer Aufseher zu entgehen." Völlig absurd und
entwürdigend wird es, wenn Hobbes schreibt, der Knecht würde selbst
die Gewalt seines Herren autorisieren. "Denn der Knecht[...]erkennt
alle künftigen Handlungen seines Herrn als die eigenen an und
autorisiert sie.[...]so ist er selbst Autor und kann ihn nicht wegen eines
Unrechts anklagen". Die Schlussfolgerung seines hinkenden
Argumentes, dass elterliche und despotische Gewalt "völlig dieselben"
seien "wie die eines Souveräns durch Einsetzung", beschreibt, wie ich es
nun glaube belegt zu haben, einen gewaltigen und im tiefsten Sinne des
Wortes Gewalt verherrlichenden Irrtum. Nun also lieber schnell zurück
zu Kropotkin!

Gemeinsam gegen Leviathan!

Wie ich bereits erwähnt habe, handelt es sich bei der Vorstellung der
Gemeinschaft bei Kropotkin um eine natürliche Begebenheit, die durch
das für die Ethik so entscheidende Prinzip der Gegenseitigen Hilfe
gestärkt wird. Kropotkin blickt auch auf das Thema der Gemeinschaft
und der Moral aus einer historischen Position. Historisch betrachtet sei
die Idee der Herrschaft von Menschen über Menschen eben nicht schon
immer vorhanden gewesen, sondern eben erst entstanden. So schreibt
Kropotkin: "Tausende Jahre hat diese Organisation die Menschen
zusammengehalten, obwohl nicht die geringste Herrschaftsgewalt da
war, die sie aufgezwungen hätte." Interessant ist, dass auch Kropotkin
davon ausgeht, dass sich "die Herrschaft der wenigen" neben "Reichtum
und militärischer Macht" auch durch "eine Sehnsucht der Massen, den
Frieden zu erhalten", aufbauen und etablieren konnte. Er geht aber eben
nicht davon aus, dass bezogen auf die mittelalterlichen
Städtegemeinden, einer*einem Souverän*in die alleinige
Rechtsprechung zugekommen wäre. "Er war kein Herrscher über das
'Volk' - die höchste Gewalt gehörte noch immer der
Volksversammlung". Parallel hierzu, so schreibt er weiter, entwickelte
sich auch erstmalig in der mittelalterlichen Stadt eine neue
Organisationsform der Gemeinschaft. "Dieses neue Element waren die
Gilden". Die auch als Minne oder Zünfte benannten neuen
"Organisationen traten überall ins Leben, wo eine Gruppe von
Menschen[...]zu gemeinsamer Betätigung zusammenkam.[...]mit der
Verpflichtung, einander zu helfen und ihre[...]Streitigkeiten vor
Richtern zu erledigen, die sie alle gewählt hatten." Der Unterschied zum
Staatswesen bestehe eben darin, dass "die Institution der Gilde" einem
"tiefen Bedürfnis der Menschennatur" entsprach und als ein "humanes,
brüderliches Element eingeführt war anstatt
des formalen Elementes, das das Haupt-
merkmal der Staatseinmischung ist." Des
Weiteren erläutert Kropotkin einen von Anfang
der Herrschaftsentstehung an bestehenden
Widerstand der Stadtbürger*innen gegenüber
den adligen Feudalherren, bevor er zu dem
Schluss kommt, dass "nicht die angeblichen Friedensgründer - Könige,
Kaiser und Kirche -[...], sondern die Städte die Initiative zur
Wiederherstellung des Friedens und zur Einigung ergriffen hatten".
Ebenfalls ausdrucksstarke Worte findet Kropotkin noch einmal, wenn er
den tragischen Irrtum des Glaubens an die Allmacht des Staates
verdeutlicht. Und zwar den Irrglauben, "dass das Heil in einem stark
organisiertem Staat, der unter einer halbgöttlichen Gewalt stehe, zu
suchen sei; dass ein Mann der Lenker der Gesellschaft sein kann und
muss, und dass er im Namen des öffentlichen Wohles jede Gewalttat
begehen darf". Dies führte zu einem Bruch in der sozialen Entwicklung
der Gemeinschaft der Menschen. "Mit[...]diesem Glauben an die
Macht eines Menschen schwand das alte föderalistische Prinzip dahin
und der Schöpfergeist der Massen ging verloren". "Und doch ging die
Strömung zu Gegenseitiger Hilfe in den Massen nicht verloren." Und die
Herrschaft von Menschen über Menschen war und blieb von Anfang an
illegitim!

Starke*r Souverän*in oder starke Gemeinschaft?

Während Thomas Hobbes in den weiteren Ausführungen seines
"Leviathan" also versucht, die Herrschaft der Wenigen über die Vielen
zu rechtfertigen und die Souveränität noch dazu als "unmittelbar von
Gott autorisiert" betrachtet, macht Kropotkin deutlich, warum zu jeder
Zeit "das Bedürfnis nach Gegenseitiger Hilfe und Unterstützung[...]der
Hauptführer zum weiteren Fortschritt gewesen ist" und warum dieses
Prinzip sich eben nicht mit Hilfe eines Souveräns, sondern eigenständig
fortsetzte. "Der Staat, der sich auf unverbundene Summen von
Individuen, deren einzige Verbindung er sein wollte, gründete,
entsprach nicht seinem Zweck. Die Tendenz, gegenseitige Hilfe zu üben,
zwang schließlich seine eisernen Gesetze nieder." Gemeinsam bleibt den
Ideen Hobbes' und Kropotkins', dass sie im Krieg aller gegen alle
keinerlei Sinn bzw. keinen Fortschritt entdecken können. Während
Hobbes jedoch all seine Hoffnung auf ein konstruiertes, vollständiges
Staatsmodell setzt, welches die Menschen durch Furcht vor Strafe in
friedlichem Zaum halten soll, hofft Kropotkin auf eine (auch in
ethischer Hinsicht) Weiterentwicklung der Menschheit, die immer
wieder durch Kriege und Herrschaftsgewalt bedroht wird, sich aber
letztendlich durchsetzen könne. "In der Betätigung der Gegenseitigen
Hilfe[...]finden wir also den positiven und unzweifelhaften Ursprung
unserer Moralvorstellungen; und wir können behaupten, dass in dem
ethischen Fortschritt des Menschen der gegenseitige Beistand - nicht
gegenseitiger Kampf - den Hauptteil gehabt hat."

Für die solidarische Gemeinschaft!

Ich hoffe, nun dargelegt zu haben, inwiefern sich die pessimistischen
anthropologischen Annahmen Hobbes', in denen er davon ausgeht, dass
der Mensch im Naturzustand dem Menschen nichts anderes als ein Wolf
sei und sich jede*r Einzelne unter dem Krieg aller gegen alle leidend aus
diesem Zustand befreien will, den Thesen Kropotkins widersprechen.
Kropotkin nämlich, so habe ich erläutert, betrachtet den Zustand der
Menschen als einen natürlichen Zustand in einem historischen Prozess,
der fortwährend in der sozialen, politischen und moralischen Evolution
fortgesetzt wird und die Gegenseitige Hilfe als sozialen Instinkt bereits
enthält. Ausgehend von ihren unterschiedlichen Annahmen und trotz
ihrer jeweiligen guten Absicht hinsichtlich der Überwindung von
Kriegen und unkontrollierbarer Gewalt, ziehen beide Philosophen
jeweils stark voneinander abweichende Konsequenzen. Während sich
Hobbes für ein durchdachtes, konstruiertes Staatsmodell ausspricht und
dieses durch souveräne Herrschaft und die Furcht vor deren Strafe
konservieren will, entwirft Kropotkin ein parallel zum kriegerischen
Verlauf der Menschengeschichte ablaufendes Bild einer sich konstant
weiter entwickelnden solidarischen Gemeinschaft, die unabhängig von
Staatensystemen und trotz Unterdrückung durch unterschiedlichste
Herrschaftsformen bestehen bleiben konnte. Darüber hinaus habe ich
die Herrschaftslegitimation Hobbes' mit der Ablehnung von Herrschaft
von Menschen über Menschen, die Kropotkin vertritt, verglichen und
habe dabei eine fehlerhafte und absurde Argumentation Hobbes'
festgestellt. So bin ich zu der Überzeugung gelangt, die Faszination des
"Leviathan" weiterhin kritisch zu hinterfragen und die aus dieser
entspringende Rechtfertigung eines autoritären Staates für nicht
hinnehmbar bzw. gefährlich zu halten. Vielmehr überzeugt hat mich die
Theorie Kropotkins der Gegenseitigen Hilfe als in der Natur des
Menschen verankerten sozialen Instinkt, welcher den für die ethische
Entwicklung des Menschen am meisten bestimmenden Faktor darstellt.
Ich frage mich, ob eine eigentlich längst hinfällige Aufmerksamkeit auf
die beeindruckende Arbeit Peter Kropotkins in Schulen und
Universitäten nicht sogar absichtlich außen vor gelassen wurde... Für
eine befreite Gesellschaft und eine emanzipierende Bildung aller
jedenfalls würden die Werke Kropotkins bei Weitem mehr beitragen als
das längst überholte Werk von Thomas Hobbes. In diesem Sinne:
Kritische Bildung für alle und für eine solidarische Gemeinschaft!


Literaturverzeichnis
!
Hobbes, Thomas: Leviathan. Teil I und Teil II. Leipzig: Reclam 1978
Kropotkin, Peter: Gegenseitige Hilfe. In der Tier- und Menschenwelt.
Roßdorf:Trotzdem 2011
Wuketits, Franz M., im Vorwort zu Kropotkin, Peter: Gegenseitige
Hilfe. In der Tier- und Menschenwelt. Roßdorf: Trotzdem 2011


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