(de) FDA-IFA, Gai Dao N°68 - Revolution ist mehr als ein Wort: 23 Thesen zum Anarchismus Teil 1 Von: Alpine Anarchist Productions (AAP)

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Tue Sep 6 11:35:55 CEST 2016


Anm. d. Red.: Wir drucken den nachfolgenden Text hier in einer Vorabversion ab. Teil 2 
findet ihr in der nächsten Gai Dáo. In ca. 2 Wochen wird der gesamte Text beim Mailorder 
unseres Vertrauens, black mosquito, auch als Broschüre erhältlich sein. Wie im Vorwort zu 
den Thesen schon steht, sind diese sehr streitbar. Und wir hoffen in diesem Kontext auch 
auf euer Feedback, auf dass eine fruchtbare Diskussion entsteht, die uns auch als 
Gesamtbewegung ein Schritt nach vorne bringt. ---- Seit Beginn des neuen Jahrtausends hat 
der Anarchismus einen starken Aufschwung erlebt. In einem breit rezipierten Artikel, den 
David Graeber and Andrej Grubacic im Jahr 2004 schrieben, wurde er gar als „die 
revolutionäre Bewegung des 21. Jahrhunderts“ präsentiert; und in einem vor Kurzem 
erschienenen und auf zahlreichen Interviews basierenden Buch zu Occupy Wall Street 
(Translating Anarchy) meint der Autor Mark Bray, dass anarchistische Ideen die wichtigste 
ideologische Grundlage der Bewegung gewesen seien. Anarchistische Projekte (Zeitschriften, 
Buchmessen, Bezugsgruppen) haben sich in den letzten
zwanzig Jahren enorm vermehrt. All das sind gute Neuigkeiten.

Gleichzeitig dehnt der Neoliberalismus seine Herrschaft beinahe unge-
hindert aus, die Gräben zwischen Reich und Arm vertiefen sich täglich,
es werden Kriege geführt, die Überwachungsapparate haben Orwellsche
Niveaus überschritten und nichts scheint fähig, die ökologische Zer-
störung der Welt, wie wir sie kennen, aufzuhalten. Wenn die gegen-
wärtige Ordnung in irgendeinem ernstzunehmenden Maße herausge-
fordert wird, dann von religiösen Fundamentalist*innen, Neo-
faschist*innen oder, im besten Fall, von linken Bewegungen, die sich um
charismatische Anführer und populistische Parteien scharen. Selbst
wenn gerne auf anarchistische Aspekte in Massenprotesten verwiesen
wird – von Kairos Tahrir-Platz bis zu den Straßen von Ferguson,
Missouri –, ist es fragwürdig, ob selbst-identifizierte Anarchist*innen
dort eine bedeutende Rolle spielten. Kurz, trotz des erwähnten Auf-
schwungs des Anarchismus scheint die Bewegung auf der großen
politischen Bühne so marginalisiert zu sein wie eh und je. Angesichts
dessen soll hier der Versuch unternommen werden, über die gegen-
wärtige Rolle des Anarchismus bzw. seine Stärken und Schwächen zu
reflektieren.

Der Text wurde kurz und prägnant gehalten, was Verallgemeinerungen
unausweichlich macht. Er basiert auf Erfahrungen in West- und Mittel-
europa. Die Leser*innen mögen entscheiden, wie sehr diese mit ihren
eigenen übereinstimmen bzw. wie relevant sie für die Szenen sind, in
denen sie sich bewegen.

Was ist Anarchismus?

In postmodernen Zeiten haben Definitionen oft einen schlechten Ruf,
da sie unsere Gedanken angeblich in Käfige sperren. Das ist falsch. Es
ist offensichtlich, dass Definitionen nur Werkzeuge der Kommunikation
sind und keinen Anspruch darauf erheben können, das Wesen be-
stimmter Phänomene einzufangen. Eine nützliche Definition muss be-
stimmte Kriterien berücksichtigen: den Ursprung des Begriffs und ety-
mologische Aspekte, seinen Gebrauch und Bedeutungswandel sowie die
terminologische Kohärenz des jeweiligen Sprachsystems. Die folgende
Arbeitsdefinition des Anarchismus ist in diesem Sinne zu verstehen.

Der Anarchismus ist zunächst der Versuch, eine egalitäre Gesellschaft
zu etablieren, die die freie Entwicklung ihrer Mitglieder ermöglicht. Der
Egalitarismus ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass diese Mög-
lichkeit Allen zukommt und nicht nur ein paar Auserwählten. Die freie
Entwicklung wird eingeschränkt von der freien Entwicklung anderer.
Deutliche Grenzen lassen sich hier nicht ziehen (wo endet die Freiheit
der einen und wo beginnt die der anderen?), doch können sie ver-
handelt werden.

Soweit unterscheidet sich die angebotene Definition des Anarchismus
kaum vom marxistischen Ideal des Kommunismus. Der Unterschied
liegt in ihrem zweiten Teil, nämlich dem Glauben, dass die Ver-
wirklichung einer egalitären Gesellschaft, die die freie Entwicklung der
Einzelnen ermöglicht, davon abhängt, dass politische Akteur*innen die
wesentlichen Werte einer solchen Gesellschaft unmittelbar in die Tat
umsetzen: in der Gestaltung ihres Alltagslebens, ihrer Organisations-
formen und ihres politischen Kampfes. Dies wird heute oft als „prä-
figurative“ Politik bezeichnet und impliziert, dass keine Diktatur des
Proletariats und keine wohlwollenden Avantgarden den Weg zu einer
befreiten Gesellschaft ebnen können, sondern nur die Menschen selbst.
Die Menschen selbst müssen auch die Strukturen entwickeln, die not-
wendig sind, um eine solche Gesellschaft erhalten und verteidigen zu
können. Selbstverwaltung, gegenseitige Hilfe, horizontale Organisation
und der Kampf gegen alle Formen von Unterdrückung sind Kern-
prinzipien des Anarchismus.

Der Ursprung des Anarchismus als selbst-definierte politische Be-
wegung findet sich in der sozialen Frage des europäischen 19.
Jahrhunderts. In der Internationalen Arbeiterassoziation (besser be-
kannt als die Erste Internationale) waren Anarchist*innen gemeinsam
mit jenen politischen Kräften organisiert, die sich später zur Sozial-
demokratie bzw. zum Leninismus entwickelten. 1 Wir halten diesen
Ursprung für wichtig und sehen den Anarchismus als Teil der linken
Tradition. Wir verwehren uns dagegen, ihn als „Philosophie“, „Ethik“,
„Prinzip“ oder „Lebenshaltung“ zu begreifen, anstatt als politische Be-
wegung. Eine existenzielle Einstellung ist eine Sache; sich für politische
Veränderung einzusetzen eine andere. Fehlt Letzteres wird der
Anarchismus leicht zu einer edlen oder schicken Idee, die mehr mit
Religion oder Hipstertum zu tun
hat als mit politischen Ambitionen.
Gleichzeitig ist der Anarchismus
mehr als antiautoritärer Klassen-
kampf. Er schließt Aktivitäten mit
ein, die vom Aufbauen Sozialer
Zentren über das Abbauen von
Geschlechternormen bis hin zum
Entwerfen alternativer Verkehrs-
konzepte reichen. Die präfigurative
Dimension des Anarchismus bein-
haltete immer Themen, die nicht in
enge Definitionen der Linken pas-
sen: Ernährung, Sexualität, Spiri-
tualität und Fragen persönlicher
Ethik im Allgemeinen.

Der Anarchismus und die Linke:
Sozialdemokratie und Leninismus

Wird der Anarchismus als histo-
rischer Teil der Linken betrachtet,
ist das Verhältnis zur Sozialdemo-
kratie bzw. zum Leninismus zu
klären. Dabei gilt es zunächst zu bedenken, dass das Ziel einer klassen-
und staatenlosen Gesellschaft ursprünglich allen Strömungen gemein-
sam war.

Bei einer Kategorisierung der drei Strömungen ist – vor allem im eng-
lischsprachigen Raum – oft von links (Sozialdemokratie), linksradikal
(Leninismus) und ultralinks (Anarchismus) die Rede. Dies ist irre-
führend. Wir sollten eher an ein Dreieck denken, in dem jede Strömung
gleich weit von der anderen entfernt ist. Während der Anarchismus und
der Leninismus eine revolutionäre Orientierung teilen und der Leni-
nismus und die Sozialdemokratie marxistische Wurzeln, lehnen der
Anarchismus und die Sozialdemokratie die Diktatur des Proletariats ab.
Der Anarchismus steht der Sozialdemokratie genauso nahe wie dem
Leninismus usw.

Die Hauptkritikpunkte, die von marxistischen Ideologen (sozialdemo-
kratischen wie leninistischen) gegen den Anarchismus angeführt
werden, sind: a) der Anarchismus
ist naiv, d.h., er hat ein ideali-
siertes Verständnis menschlicher
Natur und sozialer Organisation; b)
der Anarchismus ist unbere-
chenbar, d.h., seine politischen Ak-
tionen sind orientierungs- und ver-
antwortungslos, was im schlimms-
ten Fall die Machtübernahme reak-
tionärer Kräfte ermöglicht; c) der
Anarchismus ist kleinbürgerlich,
d.h., er ist so auf individuelle Frei-
heit konzentriert, dass er das Prin-
zip sozialer Gerechtigkeit vernach-
lässigt.

Einiges an dieser Kritik ist zulässig,
aber sie trifft nur bestimmte Ten-
denzen des Anarchismus. Im Allge-
meinen war das anarchistische Ver-
ständnis der menschlichen Natur
tatsächlich um vieles nuancierter
als das anderer linker Strömungen
(z.B. was die Psychologie der Macht
betrifft). Wenn es um politische Ak-
tionen geht, mögen Anarchist*innen manchmal orientierungs- und ver-
antwortungslos handeln, doch die meisten ihrer Aktionen sind gut
durchdacht und ausgearbeitet. Und während es individualistische Ein-
schläge gibt, haben sie nie die Bewegung als ganze charakterisiert.
Wichtiger für uns ist vielleicht, dass der Anarchismus – unabhängig von
seinen tatsächlichen oder angeblichen Schwächen – den marxistischen
Strömungen gegenüber einige Vorteile besitzt:

• Der Anarchismus hat eine stärkere Kritik der Autorität formuliert. Was
auch immer man über die angebliche Einfältigkeit anarchistischer
Theorie sagen will, Michail Bakunin hat 1871 in Gott und der Staat das
Schicksal der späteren Sowjetunion auf zwei Seiten zusammengefasst.
Er sah voraus, dass die Machtübernahme einer revolutionären Partei zu
einer neuen herrschenden Klasse führen würde, die die Befreiung der
Massen verhindert und ihren eigenen Untergang vorbereitet. Heute
sprechen prominente Marxist*innen wie John Holloway, Slavoj Žižek
oder Alain Badiou von der Notwendigkeit eines Kommunismus ohne
Staat und Partei, so als wäre das eine neue Erfindung. Anarchist*innen
haben das immer schon gesagt.

• Anarchist*innen haben stärkeres Augenmerk auf die kulturellen As-
pekte der Machtausübung gelegt. Der Marxismus konzen-
trierte sich letzten Endes auf die ökonomischen Ver-
hältnisse bzw. die ökonomische Basis, die den
kulturellen Überbau determiniert. Trotz ver-
baler Zugeständnisse an die „Dynamik“
und „Dialektik“ dieser Beziehung, ließen
Marxist*innen kulturellen Kämpfen
selten die Aufmerksamkeit zukom-
men, die diese von Anarchist*innen
erhielten.

• Nicht nur die kulturellen Aspekte
der Herrschaft wurden von Anar-
chist*innen stets betont, sondern auch
die Komplexität der Herrschaft. Nur
wenige Tendenzen des Anarchismus
haben die marxistische Neigung geteilt, ver-
meintlich nicht-proletarische Kämpfe zu Neben-
schauplätzen zu degradieren. Anarchist*innen for-
mulierten etwa eine deutlichere Kritik des Patriarchats und
des Nationalismus. In einer Zeit, in der Begriffe wie „multiple oppres-
sion“ oder „Intersektionalität“ hoch im Kurs stehen, kann der Anar-
chismus hier guten Gewissens eine Vorreiterrolle in Anspruch nehmen.

• Während die meisten klassischen Anarchist*innen – wie ihre marx-
istischen Gegenspieler – von der Notwendigkeit wissenschaftlichen
Fortschritts in der Errichtung einer befreiten Gesellschaft überzeugt
waren, wird der Anarchismus weder von einem deterministischen Ge-
schichtsverständnis noch von eurozentrischem Rationalismus geprägt.
Er warnte früh vor quasi-elitären wissenschaftlichen Klassen und be-
grüßte Utopien, anstatt sie als dumme Hirngespinste abzutun. Ange-
sichts eines heute stark angeschlagenen historischen Materialismus
sammelt der Anarchismus auch hier Pluspunkte.

• Zumindest einige prominente Anarchist*innen, unter ihnen Leo
Tolstoi oder Gustav Landauer, betonten die Notwendigkeit einer
„spirituellen Revolution“ – nicht als esoterischen Schabernack, sondern
um darauf hinzuweisen, dass sich die Welt nicht verändern wird, wenn
sich die Menschen nicht verändern. Eine spirituelle Dimension macht
linke Politik reicher, nicht ärmer.

• Die anarchistische Skepsis dem historischen Materialismus gegenüber
hat Anarchist*innen von marxistischer Seite oft den Vorwurf des
„Voluntarismus“ eingebracht, d.h., Anarchist*innen wurden angeklagt,
revolutionäre Prozesse vom Willen der Menschen (voluntas) abhängig
zu machen. Marxist*innen bestanden darauf, dass das individuelle Be-
wusstsein und damit das Vermögen zu politischer Aktion von den
ökonomischen Realitäten bestimmt wird. Es sind die Anarchist*innen,
die recht haben. Es kommt zu sozialer Veränderung, wenn Menschen
soziale Veränderung wollen.

• In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Vertrauen in die
Wunder der Technologie in der Arbeit einiger Anarchist*innen (zum
Beispiel jener Murray Bookchins, Paul Feyerabends oder der soge-
nannten – und mit vielerlei Problemen behafteten –
Anarcho-Primitivist*innen) in einer Weise in Frage
gestellt, wie wir sie bei marxistischen Theo-
retiker*innen nicht finden. In Zeiten, in denen
die brisante Rolle der Technologie in den
sozialen und ökologischen Krisen, die wir
erleben, immer offensichtlicher wird, ist
Anarchist*innen dies positiv anzu-
rechnen.

• Die Anarchist*in ist die permanente
Kritiker*in. Aufgrund ihrer starken Skep-
sis sowohl totalitären Ideologien als auch
Persönlichkeitskulten gegenüber sind Anar-
chist*innen seit jeher geschwind, wenn es um
die Entblößung von Ungereimtheiten in poli-
tischen Bewegungen geht. Auch wenn dies proble-
matische Dimensionen hat – vom schlichten Lästig-
Sein bis hin zum Verhindern kollektiver Organisierung –, ist es
ein ungemein wertvoller Mechanismus, um Machtverhältnisse vor Er-
starrung und Dogmatismus zu bewahren.

• Die „präfigurative“ Politik des Anarchismus verleiht ihm eine stark
praktische Dimension, die Änderungen in unserem Alltagsleben in
einer Weise motiviert, die andere politische Ideologien kaum erreichen.

• Der Fokus des Anarchismus auf Vielfältigkeit bedingt auch vielfältige
politische Ausdrucksformen. Was Kreativität und Innovation betrifft,
zeigt sich der Anarchismus um einiges cleverer als die marxistische
Linke.

Anarchismus und Revolution

Die größte Schwäche des Anarchismus ist das Fehlen eines über-
zeugenden Revolutionskonzepts, wenn wir Revolution als radikale Um-
verteilung von Macht und Reichtum verstehen. Angesichts der revolu-
tionären Ansprüche des Anarchismus ist dies bemerkenswert. Sich von
„reformistischen“, „liberalen“ oder „gemäßigten“ Kreisen zu distan-
zieren, ist ein wesentlicher Bestandteil anarchistischer Identität.

Keine anarchistische Gesellschaft nennenswerter Größe wurde je
außerhalb kriegerischer Umstände etabliert. Keine von ihnen hielt sich
länger als ein paar Jahre. Anarchist*innen geben dafür gerne der
Ruchlosigkeit kapitalistischer Lakaien und marxistischer Hinter-
hältigkeit die Schuld. Zwar sind diese Anklagen nicht aus der Luft
gegriffen, doch als Erklärung für das bescheidene revolutionäre Fazit
des Anarchismus reichen sie nicht aus. Ein wichtiger Faktor ist, dass
Anarchist*innen sich – aus guten und ehrenwerten Gründen – weigern,
eine Rolle einzunehmen, die die meisten Revolutionen verlangen. Die
oft zitierten Worte Friedrich Engels‘ treffen diesen Punkt: „Haben diese
Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß das
autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der
Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren,
Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln auf-
zwingt.“ Anarchist*innen haben auf dieses Dilemma keine hin-
reichenden Antworten. Versuche wurden gemacht, doch sind sie wenig
befriedigend. Die wichtigsten lassen sich wie folgt zusammenfassen:

a) Das Setzen auf einen „Ausstieg“, der seine stärkste theoretische
Fundierung in den Siedlungstheorien Gustav Landauers fand. Landauer
gemäß sollte eine anarchistische Gesellschaft mithilfe autonomer länd-
licher Gemeinschaften und Kooperativen von der Basis her aufgebaut
werden; mit Frontalangriffen ließe sich der Staat nicht beseitigen. Die
Idee ist wunderschön, doch radikale Kommunen sind in den letzten 150
Jahren gekommen und gegangen, ohne Staat und Kapital viel Kummer
zu bereiten. Sobald sie den Herrschenden lästig werden, werden sie zer-
stört oder in den kapitalistischen Markt integriert; die Kommer-
zialisierung „alternativer Kultur“ in den vergangenen Jahrzehnten ist
dafür nur ein schlagendes Beispiel.

b) Ein „radikaler Reformismus“, dessen Befürworter*innen von einer
„Revolution in Schritten“ sprechen oder von einer Revolution als
„Prozess“ im Gegensatz zu einer Revolution als „Bruch“. Was sich hinter
diesen Formeln verbirgt, ist selten mehr als klassischer Reformismus,
aufgepäppelt mit ein bisschen radikaler Rhetorik. Der Ansatz sollte uns
hier nicht weiter beschäftigen.

c) Eine Begeisterung für den „Aufstand“, die Revolution nicht in struk-
tureller Veränderung, sondern in Momenten unmittelbarer Ermäch-
tigung sieht. An Aufständen ist nichts falsch. Sie offenbaren soziale
Widersprüche, kehren Machtverhältnisse um (wenn auch nur tempo-
rär), inspirieren und tun vieles mehr. Aber sie ändern selten etwas an
den grundlegenden Machtstrukturen, und wenn sie dies tun und zum
Schaffen eines Machtvakuums beitragen, kann dieses leicht
von reaktionären Kräften ausgenutzt werden, wenn
emanzipatorische Gegenstrukturen fehlen.
Aufstände sind wichtige Teile von Revolu-
tionen, sie jedoch mit der Revolution
gleichzusetzen, bedeutet, aus einem
Bully ein ganzes Eishockeyspiel zu
machen.

d) Das Vertreten eines „Kollaps-
ismus“, der jeden Versuch, die gegen-
wärtige Ordnung zu verändern, als
sinnlos betrachtet, da nur katastrophische Ereignisse deren Ende
bringen können und werden. Anarchistischer Aktivismus besteht
demnach darin, sich auf die Katastrophe vorzubereiten, um die
kollabierenden Machtstrukturen (die „Zivilisation“) mit kleinen und
unabhängigen anarchistischen Gemeinschaften zu ersetzen. Das
Hauptproblem dieses Szenarios ist die Abwesenheit eines jeden
Mechanismus außer des Rechts des Stärkeren, um die in dieser
Zukunftsvision unvermeidlich auftretenden sozialen Konflikte zu
bewältigen. Kurz, aus Kollapsismus wird schnell Sozialdarwinismus.
Und selbst wenn dies nicht der Fall ist, bleibt die Annahme eines
Kollapses eine fragwürdige Basis für politischen Aktivismus.
Schließlich ist es – gelinde gesagt – waghalsig, Änderungen des
herrschenden Systems mit dem Verweis auf dessen ohnehin bevor-
stehenden Zusammenbruch für bedeutungslos zu erklären. Was, wenn
das herrschende System nicht zusammenbricht? Defätismus zu einer
Tugend zu verklären, hilft uns nicht.

Die Tatsache, dass der Anarchismus kein überzeugendes Revolutions-
konzept anzubieten hat, diskreditiert ihn nicht. Tatsächlich hat sich der
Anarchismus historisch als weit einflussreicher erwiesen, als es selbst
viele Anarchist*innen annehmen. Der Anarchismus war immer ein
wichtiger Motor sozialer Veränderung. Der Acht-Stunden-Tag, Mei-
nungs- und Pressefreiheit, Antimilitarismus, Abtreibungsrechte, Kritik
der Heteronormativität, antiautoritäre Pädagogik, Veganismus und
vieles mehr: Irgendwann einmal waren es – gemeinsam mit anderen
Außenseiter*innen und komischen Vögeln – vor allem Anarchist*innen,
die diese Kämpfe vorantrieben. Doch haben sie sich nicht als revolu-
tionär erwiesen, sondern wurden zum größten Teil in die Entwicklung
des kapitalistischen Nationalstaats integriert.

Anarchist*innen müssen ehrlich sein. Entweder geben sie zu, Refor-
mismus mit radikalem Touch zu betreiben (daran ist nicht unbedingt
etwas falsch, wenn es zugestanden wird), oder sie arbeiten daran, tat-
sächlich eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln. Radikales
Herumprotzen und das Aburteilen „reformistischer“/ „liberaler“/
„gemäßigter“ Politik ist peinlich, wenn die eigene Politik nicht
revolutionärer als die von NGOs,
Kirchengruppen oder
Wohlfahrtsorga-
nisationen ist.

[1] Wir wollten Fußnoten in diesem Text vermeiden, aber eine kurze Erklärung unserer 
Anwendung der Begriffe „Sozialdemokratie“, „Leninismus“
und „Marxismus“ schien unvermeidlich. Während der Anarchismus sich früh von marxistischen 
Strömungen abspaltete (der Ausschluss von Michail
Bakunin und James Guillaume vom Kongress der Ersten Internationalen in Den Haag 1872 gilt 
vielen als Schlüsselmoment), kam es erst mit der
Russischen Revolution 1917 zur Trennung zwischen reformistischen Sozialdemokrat*innen und 
revolutionären Leninist*innen. Beide Strömungen
wurden damals noch als marxistisch betrachtet und sahen sich selbst der Errichtung einer 
sozialistischen Gesellschaft verpflichtet. In der
sozialdemokratischen Bewegung verblasste diese Ausrichtung bald inmitten parlamentarischer 
Realitäten, und in den 1930er Jahren war sie aus
praktisch allen sozialdemokratischen Parteiprogrammen verschwunden. Die sich heute 
sozialdemokratisch nennenden Parteien haben fast
ausnahmslos den Kontakt mit den Ursprüngen der Bewegung verloren und verfolgen eine 
neoliberale Politik mit einem Hauch an
Wohlfahrtsstaatlichkeit. Wenn wir in diesem Text von „Sozialdemokratie“ sprechen, meinen 
wir nicht diese Parteien, sondern eine Tradition genuin-
marxistischer Politik im Rahmen des Parlamentarismus. Manche, wenn auch beileibe nicht 
alle, der heutigen Linksparteien setzen diese Tradition
fort


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