(de) FDA-IFA, Gai Dao N°68 - N°68 - „V ersuch eine politische Ewigkeit zu definieren“ - Intervie w mit den Kindern des Krieges Von: Karla Kolumna

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Fri Sep 2 18:50:42 CEST 2016


Monate sind ins Land gezogen, seitdem die letzte Veröffentlichung des 
Autor*innenkollektives erschienen ist. Karla Kolumna nat sich aufgemacht, um den Kindern 
des Krieges einen Besuch für ein Interview abzustatten. ---- Karla Kolumna: Wer seid ihr? 
---- Die Kinder des Krieges: Wir sind nur, weil wir nicht sind. Sobald wir sind, wären wir 
nicht mehr. Und auch sobald wir nur schon wären, wären wir schon nicht mehr. ---- Karla 
Kolumna: Genau das Negative ist also das Positive? ---- Die Kinder des Krieges: Schön 
wär's. Nein, nur in dieser Offensichtlichkeit – dem Verweigern, dem Nicht-Mitmachen von 
dem Leo Löwenthal einst sprach – das widerständige „Wir“ als die autonomen politischen 
Subjekte, die wir dereinst am Horizont der Geschichte aufgetaucht sind und mit dem 
kindischen Leichtsinn begannen Fragen zu stellen und Kritik zu üben. Und dann zuerst 
lernen mussten, uns zu verteidigen. Nein, nicht genau das Negative ist das
Positive. Weil doch genau das wirklich Positive nur noch das ist, was
überhaupt noch wirklich negieren kann: Der konstruktive Aufbau, die
Bereitschaft, den Krieg zu gewinnen, das anarchistische Leben als
unsere Liebe zur Autonomie.

Karla Kolumna: Was ist der Friedort?

Die Kinder des Krieges: Wir hätten weiter verschwinden können,
einfach nicht wiederkommen und für immer fortbleiben können. Wir
hätten sagen können, dass dort, wo alles da ist, um uns zu vernichten –
ES, diese grenzenlose Positivität der Zerstörung, die sich als Herrschaft
ohne Außen konstituiert hat – dass wir dort nur mehr aussteigen und
ins Exil fliehen hätten müssen. Wir haben diese Option gründlichst
geprüft, nur um festzustellen, dass sie keine ist. Uns schwante schnell,
dass wir das gelobte Außen im Innern des Empire nie hätten finden
können. Stattdessen haben wir also mit der Metapher des Friedortes
versucht, eine politische Ewigkeit zu definieren; ein anderes, positives
und inneres exilieren - jenes in den Widerstand - zu beschreiben und
die existenzialistische Konsequenz zu ziehen. Der Friedort beschreibt
die politische Ewigkeit einer Existenz, die sich in einer Gemeinschaft,
im Kollektiv, in der Kommune und den vielfältigen weltweiten
Bewegungen im Kampf um Befreiung konstituiert - als dieser milde
Hauch von Freiheit und Selbstbestimmung, wie er unter den
Verhältnissen der Zerstörung immer nur im Kampf gegen die
Zerstörung sein darf. Als ein Menschsein in Form dieses großen
existenzphilosophischen Dramas eines geschichtlichen Subjektes, das
als Teil des revolutionären Projektes, als Lebensbeitrag zur
Verwirklichung der Autonomen Option in eben dieser politischen
Ewigkeit die eigene Lebenszeit überdauert. Als eine politische
Ewigkeit, die von ihrem existenzialistischen Standpunkt aus betrachtet
eine relative Ewigkeit bleibt, als Gebundenheit der eigenen Existenz an
die Existenz der Menschheit, dem kollektiven Bewusstsein und der
materiellen Welt. Als die antagonistische Verworfenheit im Kriege. Aber
auch als die positive revolutionäre Existenz, die nichts als das pure
Glück und die Freude ist, Anarchist*In zu sein. Auf deren Schultern der
Alb der Erfahrung lastet, dass die Flucht nach vorne kein zurück mehr
kennt. Dass Lüge und Wahrheit zuerst mal soziale Konstruktionen sind.
Dass wir realisieren mussten, dass wir in einer Lüge gelebt haben bis
man uns die Wahrheit hat Eimer-weise schlucken lassen – um den Preis
in dieser neuen Wahrheit permanent darum zu kämpfen, nicht in einer
neuen, anderen Lebenslüge zu leben. Dass ein Teil der Autonomie in
uns starb (zumindest die idealistische Vorstellung davon), als wir
anfingen, sie zu verwirklichen, sie zu organisieren. Dass revolutionär-
werden in der ersten Person das große Thema ist, zuerst mal seine
Themen für sich selbst klar zu kriegen. Und nicht zuletzt: Der Friedort
ist ein Bild, das wir im Herzen tragen, ein Ort zu dem wir uns immer
dann aufmachen, wenn die Repression anfängt zu wirken, wenn die
Angst droht uns den Verstand zu rauben.

Karla Kolumna: Und ES?

Die Kinder des Krieges: ES ist das was IST, existenzphilosophisch

betrachtet, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Sartre's Ekel in
situationistischen Sequenzen. ES ist alles Scheiße. Das IST evident und
nicht bloß Erzählung.

Karla Kolumna: Zu eurer Erzählung: Ihr rekurriert auf...?

Die Kinder des Krieges: Zuerst auf die wirkliche Bewegung und
nicht zuletzt sicher aufWalter Benjamin.

Karla Kolumna: Genauer?

Die Kinder des Krieges: Als eben genau den Versuch eine
Gegenerzählung weiterzuschreiben, dieser kleine Ausblick auf diesem
ungeheuerlichen Schlachtfeld der Regierung der Wahrheit, das sich
Philosophiegeschichte nennt. Beizutragen dieses Narrativ zuerst noch
praktisch zu vollziehen. Diese Erzählung, die in der Geschichte der
sozialrevolutionären Bewegungen immer da war und sich praktisch
fortentwickelt hat. Dass der Kommunismus, die Autonome Option,
doch nur diese wirkliche Erzählung ist, die als anarchistisches Moment
in den Revolutionen der Geschichte zu sich selbst gekommen ist.

Karla Kolumna: Das riecht nach Fortsetzung. Weitere Projekte?

Die Kinder des Krieges: Wie alle anderen Freunde auch an
Autonomen Option arbeiten.


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