(de) FDA-IFA, Gai Dao N°68 - Gai Dao N°68 - BDS heißt Ein­Staaten­Endlösung Eine Antwort auf die Kritik zum Artikel „Antisemitismus boykottieren“ (Gaidao 5/2016) Von: Marcos Denegro (Anarchists against Antisemitism)

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Thu Sep 1 11:51:54 CEST 2016


Die Reaktion, die auf den Beitrag „Antisemitismus boykottieren“ umgehend folgte, zeigt, 
wie wichtig es ist, sich mit BDS und linkem Antisemitismus auseinanderzusetzen. Nicht 
zuletzt deshalb, da die Reaktion von Ben nahelegt, dass eine Auseinandersetzung mit BDS 
kaum stattfindet. Er hat sich vielmehr auf dessen Kritiker*innen eingeschossen und 
versucht, sie in die rechte Ecke zu schieben. Wenn etwa in Wien auch reaktionäre und 
rechte Gruppen und Parteien gegen BDS protestieren, ist das nicht nur ein Problem der 
BDS-Kritiker*innen, sondern vielmehr dem Unvermögen der Wiener antifaschistischen Linken 
geschuldet, die mit Abwesenheit glänzt. Statt Antifaschist*innen in die Pflicht zu nehmen, 
macht er sich daran, der Logik von die*der Feind*in meiner*meines Feind*in*Feindes ist 
mein*e Freund*in folgend, lieber mit Judenhasser*innen zu sympatisieren. Und genau das 
sind BDS.

Wer genau hinsieht, weiß, dass es nicht um Menschenrecht und Unter-
drückung geht. Der jüdische Staat und dessen Auslöschung ist das Ziel.
Bei BDS erscheint das auf den ersten Blick weniger drastisch. In dem
Drei-Punkte-Plan von BDS ist von einer Anerkennung der vertriebenen
Palästinenser*innen und deren Rückkehrrecht die Rede. Dazu sollte
man aber Folgendes wissen: Nach der Ausrufung des Staates Israel 1948
wurde der jüdische Staat Tags darauf von seinen arabischen Nach-
bar*innen angegriffen. Im Laufe dieses Krieges flohen ca. 800.000 – zum
Teil auf Anraten der arabischen Militärs - aus den Kampfgebieten oder
wurden vertrieben. Da der Flüchtlingsstatus vererbt wurde, sind aus
den weniger als eine Millionen im Laufe der Zeit etwa fünf Millionen
Flüchtlinge geworden. (Ein Umstand, den man sich verbitten würde,
wenn etwa die Enkel*innen der sudetendeutschen Nazi-Kollabora-
teur*innen sich ebenfalls noch als Vertriebene bezeichnen.) Eine Rück-
kehr nach Israel würde bedeuten, dass die jüdische Bevölkerung in der
Minderheit wäre, was somit dem Ende des jüdischen Staates gleich-
käme. Norman Finkelstein, selbst einer der schärfsten Kritiker Israels,
brachte es auf den Punkt: „Sie glauben, sie seien besonders clever. Sie
nennen es ihren dreistufigen Plan: wir wollen ein Ende der Besatzung,
das Recht auf Rückkehr und wir wollen dieselben Rechte für Araber in
Israel. Und sie meinen, sie seien besonders schlau, weil sie wissen, dass
die Umsetzung dieser drei Bedingungen was bedeutet, zu was führt? Sie
und ich wissen, was das Ergebnis ist: Es wird kein Israel mehr geben!“ 1

Was das für die in Israel lebenden Juden*Jüdinnen bedeuten würde, in
der Minderheit zu sein, kann man sich vorstellen, wenn man den Blick
auf die feiernden Menschen im Westjordanland richtet, die Feuerwerke
zünden und Süßigkeiten an Kinder verteilen, wenn in einem Restaurant
in Tel Aviv Juden*Jüdinnen erschossen werden. Juden*Jüdinnen lebten
Jahrhunderte lang in der Diaspora in der Minderheit und waren immer
dem „Wohlwollen“ der Mehrheit ausgeliefert. In Ghettos lebend, mit
beschnittenen Bürger*innenrechten oder als Dhimmis, die für ihren
Schutz bezahlen mussten. Das wäre Apartheit. Palästina wäre der erste
muslimische/arabische Staat, in dem Juden*Jüdinnen tatsächlich als
gleichwertige Bewohner*innen behandelt würden.

Es ist die Besonderheit Israels als jüdischer Staat, den es zu verteidigen
gilt. Ein Staat, der den Juden*Jüdinnen Schutz bietet vor anti-
semitischen Übergriffen und nicht den Launen der jeweils herr-
schenden Gesellschaft ausgeliefert sind. Ein Ort, an dem es möglich ist,
einen jüdischen Alltag zu leben, ohne angefeindet zu werden, eine Art
Safer Space.

Und genau das will BDS zerstören. Es geht nicht um einen palästinen-
sischen Staat neben Israel, es geht um die Ein-Staaten-Endlösung! As‘ad
Abu Khalil, BDS-Unterstützer, lässt daran keinen Zweifel: „Das wirk-
liche Ziel von BDS ist der Sturz des israelischen Staates [...] Das sollte
als ein unzweideutiges Ziel bezeichnet werden.“ 2 Und bei Omar
Barghouti, BDS Mitbegründer, klingt das ähnlich: „Die Zweistaaten-
lösung für den palästinensisch-israelischen Konflikt ist tot. Zum Glück
sind wir sie los!“ Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man sich
mit BDS solidarisieren möchte.

Nebenbei bemerkt: wenn es BDS so sehr um die Gleichberechtigung
geht, warum gibt es keine Boykott-Aufrufe gegen Syrien, Libanon, und
all die anderen arabischen Nachbarstaaten, in denen Palästinen-
ser*innen als staatenlose Menschen zweiter Klasse nach wie vor in
Flüchtlingslagern leben?

Es bleibt dabei: Das Ziel von BDS ist die Auslöschung Israels. Zudem ist
BDS nicht die gewaltfreie Bewegung, als die sie sich gerne präsentiert.
BDS schürt den Hass auf Israel und Juden*Jüdinnen, was aktuell der 1.
Mai in Berlin gezeigt hat. Ein kleines Israelfähnchen am Straßenrand
reichte als Provokation, um BDS-Kritiker*innen und Israel-Sympathi-
sant*innen begleitet von „Hamas“-Rufen anzugreifen, sie zu bespucken,
mit einer Fahnenstange auf sie einzuschlagen und Flaschen auf sie zu
werfen. 3 BDS hat kein Interesse an einer friedlichen Koexistenz von
Araber*innen und Juden*Jüdinnen in Israel und ruft auf ihrer Website
ausdrücklich dazu auf, den Dialog mit all jenen zu verweigern 4 , die
nicht auf BDS-Linie sind. Solange es jedoch Antisemitismus gibt, ist der
Staat Israel zu verteidigen und jene zu unterstützen, die sich für ein
friedliches und respektvolles Zusammenleben einsetzen. Erst wenn der
Hass gegen Juden*Jüdinnen überwunden ist, kann über eine herr-
schaftsfreie Gesellschaft nachgedacht werden. Der Grad der Emanzi-
pation einer Gesellschaft, lässt sich nunmal auch am Stand der in ihr
lebenden Juden*Jüdinnen ablesen. Mit Blick darauf, bleibt die Erkennt-
nis, dass eine emanzipierte Gesellschaft noch in weiter Ferne liegt.

Noch ein Wort zum 3-D-Test und der von Ben in der Mai-Ausgabe
geäußerten Kritik daran. Sharansky hat diesen Test auf der OSZE-Kon-
ferenz gegen Antisemitismus 2004 in Berlin vorgestellt, als eine Art
Werkzeug, um antisemitische Äußerungen und Kritik an Israel besser
voneinander trennen zu können. Kein Land dieser Erde ist so um-
fassend im Visier von sogenannter Kritik wie Israel. Grund hierfür ist
die Wandlung des (Post-Holocaust-)Antisemitismus, der zunehmend
Ausdruck in Angriffen gegen Israel als „kollektiven Juden*Jüdinnen“
findet. Daher ist es wichtig, zwischen Kritik und Antisemitismus unter-
scheiden zu lernen.

Es ist die alte Leier, die angestimmt wird, wenn man Sharansky vor-
wirft, sein Test wäre taktisches Kalkül und würde letztlich nur dazu
dienen, Kritiker*innen mundtot zu machen, indem man die Anti-
semitismuskeule schwingt. Grass und Augstein lassen grüßen. Wie
überheblich, wenn man Wissenschaftler*innen, Antisemitismus-
forscher*innen und Initiativen, die sich auf den 3-D-Test berufen und
damit arbeiten, somit unterstellt, die wahre Intention Sharanskys noch
nicht erkannt zu haben. Die (radikale) linke und anarchistische Be-
wegung täte gut daran, sich selbstkritisch mit israel-bezogenem
Antisemitismus zu beschäftigen, statt Verschwörungen zu konstruieren.

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[1] https://tapferimnirgendwo.com/2012/09/01/bds-selbst-fur-finkelstein-zu-heftig/

[2] Im englischen Original: 
http://english.al-akhbar.com/blogs/angry-corner/critique-norman-finkelstein-bds

[3] https://www.facebook.com/juedischesforum/posts/1207016566004988

[4] http://bds-kampagne.de/2012/04/01/bds-debatte-ueber-normalisierung-und-selektiven-boykott/


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