(de) fda-ifa: "Vor'm Sozialamt müsst ihr das machen!" - subjektiver Bericht und Gedanken zur "proletarian parade"

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Thu Oct 20 13:55:16 CEST 2016


Was soll das denn sein, eine Prolet_innen-Parade? Das haben sich sicher einige Leser_innen 
des Aufrufs zu unserer Demonstration am Freitag, dem 16.09. gefragt. Wir sind auch noch 
dabei, es herauszufinden ? ---- Jedenfalls haben wir keine Lust darauf, ‚Prolet‘ oder 
‚Proll‘ abwertend als Beleidigung aufzufassen oder in diesem Sinne zu benutzen. Denn was 
sind wir denn als Lohnabhängige? Wir sind diejenigen, die nichts haben außer uns selbst. 
Die also gezwungen sind, Körper und Geist zu verausgaben, zu ermüden, zu verschleißen; 
unsere Haut, unsere Muskeln, unser Hirn, unsere Nerven, unseren Schweiß, unser Lächeln zu 
Markte zu tragen - sofern wir etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf haben und mal ins 
Kino oder Theater gehen wollen. Wir sind keine Sklav_innen, sondern wir sind so frei, 
Verträge darüber abzuschließen, wie diese Verausgabung geregelt ist. Und wir können uns 
auch ganz selbstbestimmt für HartzIV entscheiden. Yeah! Oder wir sind aus Existenzgründen 
von Beziehungen zu anderen Menschen abhängig, von denen wir lieber unabhängig wären.

Eingeklemmtsein, Armut, Atemnot, Verachtung. Das Proletariat, eben Prolet_innen, Prolls, 
das sind wir. Wenn die Verhältnisse uns schon verächtlich machen, sollten wir selbst 
irgendetwas selbstbewusst-Kämpferisches mit dieser Bezeichnung tun. Es geht nicht um Stolz 
auf das Proletarisch-Sein, denn es bedeutet ja eine Armut, ein Nichtverfügenkönnen über 
die Mittel, die wir zum Leben brauchen. Wir wollen auch nicht so einen Quatsch wie eine 
‚Diktatur des Proletariats‘, sondern: Wir wollen eine Gesellschaft, in der niemand mehr 
als Proletarier_in ums Überleben kämpfen muss. Leben kann und soll so viel mehr sein... 
(und das Denken schweift ab)

Solche und ähnliche Gedanken führten zu der Namensgebung. Wir haben auch große Lust, über 
Dinge wie diese zu diskutieren ?

Der Untertitel der Parade lautete: "Anarchie ist machbar - in Schule, Betrieb und 
Nachbarschaft". Die meisten Menschen können sich ja gar nicht vorstellen, dass es 
überhaupt eine gesellschaftliche Alternative geben könnte, die weder kapitalistische 
Marktwirtschaft noch sozialischer Staatskapitalismus ist. Wir können uns das nicht nur 
vorstellen, sondern gehen direkt daran, Alternativen in die Tat um- bzw. ins Werk zu 
setzen. Eben zum Beispiel ausgehend von Schule oder Betrieb, oder in der Nachbarschaft. Im 
Laufe der vorausgegangenen Tage, nämlich der "Libertären Tage", hatten wir in Vorträgen 
vorgestellt, wie das bei uns praktisch aussieht. Außerdem war uns wichtig, zu zeigen, was 
unserer Ansicht nach alles möglich wäre, würden noch ein paar mehr Menschen dazukommen. 
Wer das verpasst hat, kann sich auf unserer Website informieren, oder sich an gleicher 
Stelle über kommende Veranstaltungen auf dem Laufenden halten (und ansprechen oder 
anschreiben kann mensch uns sowieso immer).

Wenn es nun aber um praktisches Erproben und Umsetzen von alternativen Formen des 
Zusammenlebens, des Wirtschaftens, des Entscheidens usw. geht, was soll dann eine 
Demonstration? Diese Frage werfe ich hier auf, weil sie sich uns natürlich selbst stellt. 
Wir sehen Demonstrationen als eines unserer Mittel an, wenn auch nicht als zentrales. Eine 
Demonstration ist oft eine eher symbolische oder repräsentative Maßnahme: Man kann etwas 
zeigen, auf etwas aufmerksam machen oder hinweisen, etwas laut werden lassen. Man ändert 
einen Umstand selbst erstmal noch nicht (es sei denn es geht z.B. genau um Unsichtbarkeit 
von etwas, oder um Demonstrationsrecht oder Meinungsäußerung). Wenn allerdings die 
Zustände so sind - und sie sind so - dass so gut wie alle (das zieht sich sogar quer durch 
die Linke hindurch) dem Glauben verfallen sind, es gäbe keine Alternative zum Bestehenden, 
dann ist es politisch schon ein wichtiger Akt, laut auf die Straße zu tragen: "Doch!". Das 
ist so etwas wie: Hallo! Es gibt sie immer noch und immer wieder, diese Leute, die meinen, 
es ginge doch anders!

Wir vertreten politische Ansichten, die im Rest des politischen Diskurses - den sich die 
meisten kaum mehr abseits von Parteien vorstellen können - nicht vorkommen. Und wir haben 
etwas zu sagen, das wir für richtig und sinnvoll halten, das auch Gehör finden und Schule 
machen soll. Da kann man doch schon mal eine Parade zelebrieren ? Es geht darum, nicht nur 
mit ähnlich denkenden Leuten zu tun zu haben, sondern sich zu zeigen - und ja, auch für 
die eigenen Ansichten zu werben. Nicht, weil wir Geld oder Wählerinnenstimmen wollen, 
sondern weil wir unseren Ansatz für richtig und sinnvoll halten. Ganz uneigennützig ist 
das auch nicht, denn umso mehr Menschen sich solidarisch organisieren und sich gegenseitig 
helfen, umso größer sind die Ressourcen-Berge, auf die ich zugreifen kann, auf umso mehr 
Menschen kann ich mich im Notfall verlassen, umso mehr lerne ich, umso vielschichtiger 
wird unsere (politische) Praxis. Also kommt alle und mischt mit ?

Zurück zur Parade. Wir kleines Häuflein ganz unterschiedlicher Prolet_innen - 
Handwerker_innen, Erwerbslose, Studierende, IT'ler_innen, usw. - paradierten also durch 
Löbtau, Friedrichstadt bis zum Bahnhof Mitte. Dass wir nicht so viele waren, war zwar 
schade, tat dem Anliegen aber im Grunde keinen Abbruch. Wir haben vielen Menschen Flyer in 
die Hand gegeben oder in den Briefkasten getan, vielleicht werden einige davon gelesen. Es 
gab Redebeiträge zum grundsätzlichen Anliegen der Demo, zu Ansätzen kollektiven 
Wirtschaftens, zum Arbeiten auf dem Bau und zu proletariscehm Selbstschutz gegen Nazis 
oder Sexist_innen (deutsch und teilw. englisch, nachzulesen s.u.). Einige Anwohner_innen 
schauten oder hörten von ihren Balkonen zu, mit unterschiedlichen Reaktionen von Ablehnung 
über Irritation zu Interesse oder freundlichem Winken. Manche, aber tatsächlich wenige, 
Passant_innen wollten mir (erfolglos) erklären, ‚die Flüchtlinge‘ seien 'schuld‘ an allen 
Übeln, die wir aufzählten. Hoffentlich denken diejenigen nochmal über die von uns 
gelieferten Argumente dagegen, und über die eigentlichen Ursachen ihres Ärgers nach. Ein_e 
Facebook-Nutzer_in stellte im Nachhinein entrüstet fest, dass wir ‚ja doch links‘ sind. Da 
wurde wohl das Ablehnen jeglicher (linker oder rechter oder sonstwelcher) Parteien als 
politische Neutralität missdeutet.
Das führt zu einer offenen Frage: Vielleicht hätten wir unseren Antifaschismus noch 
sichtbarer machen, optisch besser markieren sollen?! Einerseits ist es eine Stärke, nicht 
gleich in der ersten Sekunde in die entsprechende Schublade ‚Antifa‘ geordnet zu werden. 
Denn dann erlischt bei vielen Menschen gleich das Interesse, und das definitiv nicht nur, 
wenn sie politisch rechts oder konservativ sind. Ist dagegen nicht sofort klar ‚ah, da 
sind wieder mal Linke (die natürlich gegen Rechte demonstrieren, was sollten sie sonst 
tun)‘, dann hört man vielleicht, dass es da eigentlich um Alltag, Arbeit, Zeit, Leben 
geht. Und um ganz verschiedene Formen politischen Handelns, die meist gar nicht auf der 
Straße stattfinden.

Andererseits gab es auch Passant_innen of Color, die zunächst mal auf Distanz gingen, weil 
unklar war, ‚auf welcher Seite‘ wir stehen. Solche Vorsichtsmaßnahmen sind für von 
Rassismus Betroffene im Dresdner Demonstrationsgeschehen leider notwendig. Wie können wir 
das vermeiden, ohne die Vorteile des Nichtgleicheinordnenkönnens aufzugeben? Vielleicht 
ist die Lösung nicht die Antifa-Fahne, sondern die Diversität in den eigenen Reihen (wofür 
noch etwas mehr tun ist als Antirassismus ‚zu demonstrieren‘).

Eine Demonstration nachzuerzählen ist nicht so richtig möglich, ich will es also gar nicht 
weiter versuchen. Wer dabei war, konnte feststellen, ob es ihr_ihm eher Kraft genommen 
oder gegeben hat. Für mich war es eine gutgelaunte Manifestation realistisch-utopischen 
Willens, die dazu taugte, Demo-müden Dresdner_innen den Funken eines Fragezeichens aus den 
Augen springen zu lassen. Und das muss man erstmal hinkriegen.

Einer wollte direkt noch mehr und schrie zu uns herüber: "Nicht hier, vorm Sozialamt müsst 
ihr das machen!" Dann würde er auch kommen und alle seine Freunde mitbringen. Danke für 
den Tipp, vielleicht machen wir das auch tatsächlich mal. Das Sozialamt müsste natürlich 
auch mal was abkriegen. Aber wir sind ja keine Dienstleister_innen, die Demo-Aufträge 
entgegennehmen und abarbeiten ? Wenn euch etwas unter den Nägeln brennt, könnt ihr doch 
auch einfach selbst was unternehmen - wenn das inhaltlich zu uns passt, gern auch mit uns 
zusammen. Wenn es an Know-How fehlt, wie man z.b. eine Kundgebung anmeldet, dann können 
wir gern Erfahrungen weitergeben! Und dann kommen wir nämlich zu eurer Veranstaltung und 
bringen alle unsere Freund_innen mit ?

Dokumentation
* Aufruf (engl/dt): https://dresden.fau.org/2016/09/demo-aufruf-proletarian-parade/
* Redebeitrag Bau (persönliche Erfahrungen)
* Redebeitrag "Kollektiv auf allen Ebenen!" (Arbeiter_innenbörsen, Konsumtation, Bildung, 
Nachbarschaft, Pflege)
* Redebeitrag "Proletarischer Selbstschutz - für viele lebensnotwendig / Proletarian 
self-protection - life necessity for many" (engl/dt)
* Faltblatt (Link folgt)
* A-Radio-Beitrag zu den Libertären Tagen (Link folgt)
https://fda-ifa.org/vorm-sozialamt-muesst-ihr-das-machen-subjektiver-bericht-und-gedanken-zur-proletarian-parade-2/


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